Laufende Projekte 2011

des Instituts für Konfliktforschung



Antisemitismus und Finanzkrise: eine Untersuchung österreichischer Printmedien

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Frank Stern (Institut für Zeitgeschichte, Univ. Wien)
Durchführung: MMag.a Dr.in Karin Stögner
Mag.a Karin Bischof
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, Projekt Nr. 13549
Fertigstellung:    Juni 2011 

Im Herbst 2008 warnte die Anti Defamation League wiederholt vor einem neuen Aufkeimen des Antisemitismus im Zuge der globalen Finanzkrise und belegte ihre Sorge durch eine Vielzahl von Artikeln in US-amerikanischen, südamerikanischen und europäischen Printmedien und Internetforen, in denen in der Auseinandersetzung mit der Finanzkrise mehr oder weniger offene antisemitische Ressentiments artikuliert wurden. Diese reichten von traditionellen antisemitischen Stereotypen wie dem "gierigen Juden" bis hin zu Weltverschwörungstheorien, die auch durch eine spezifische Verknüpfung von Antisemitismus, Antiamerikanismus und Israelfeindschaft gekennzeichnet sind. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts soll herausgefunden werden, ob und in welcher Weise die entsprechenden Debatten in österreichischen Printmedien von antisemitischen Diskurssträngen gekennzeichnet sind.

Was sind die Kennzeichen von Antisemitismus in Perioden der Wirtschaftskrise? Sticht die gegenwärtige Situation hinsichtlich der Verbreitung antisemitischer Ressentiments aus dem Kontext vergangener Krisen des Kapitalismus heraus oder zeichnet sich eher eine Kontinuität ab? Diese Fragen sind ein wesentlicher Hintergrund dieses Forschungsprojekts. Es verbindet eine gesellschaftstheoretische und historische Überblicksstudie über die Verbindungslinien von Krisen des Kapitalismus und diese verkürzenden und ideologisch verzerrenden antisemitischen Deutungsmustern mit einer diskursanalytischen Untersuchung eines ausgewählten Medienkorpus zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise. In den verschieden gelagerten Textsorten (Berichte, Kommentare, Reportagen, LeserInnenbriefe, etc.) sollen manifeste und latente antisemitische Diskursstränge herausgestrichen und ihre Wirkungsmacht hinsichtlich der gesamten Diskursstrategie analysiert werden.

Die dafür zentralen Fragenkomplexe umfassen insbesondere die Art und Weise, wie ökonomische Strukturen der modernen Gesellschaft in den Texten reflektiert werden, ob etwa eine einseitige Betonung der Finanzsphäre vorgenommen wird, die nicht selten einer Apologie der Realwirtschaft das Wort redet. Damit verbunden sind häufig Essentialisierungen und Biologisierungen sozialer und ökonomischer Strukturen, welche nicht ohne die Personalisierung abstrakter und allgemeiner Herrschaftszusammenhänge auskommen. Zentralen Stellenwert nimmt schließlich die Untersuchung der Interferenzen von Antisemitismus, Antiamerikanismus und Antiisraelismus in den Debatten um die Finanzkrise ein.