Projekte

 
 
 
 

Ein sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut ist mit dem Widerspruch konfrontiert, dass sich zwar (fast) alle politischen Systeme der Welt und insbesondere Europas zur Demokratie bekennen, dass aber die Wirklichkeit dieser Systeme weit auseinander klafft. Demokratieforschung bedeutet, diesen Unterschieden nachzugehen – den Unterschieden im Demokratieverständnis wie auch der Diskrepanz zwischen Demokratieanspruch und –wirklichkeit.
Das Institut für Konfliktforschung beschäftigt sich schon seit langem mit Fragen der Demokratie – vor allem, aber nicht nur in Österreich. Die innenpolitischen Determinanten von Österreichs EU-Beitritt etwa war ein Projekt, dessen Ergebnisse ebenso in Buchform veröffentlicht wurden (Anton Pelinka, Christian Schaller, Paul Luif, "Ausweg EG? Innenpolitische Motive einer außenpolitischen Umorientierung", Wien 1994) wie die Forschungen Hubert Sickingers, die sich mit Fragen der Politik- und speziell der Parteienfinanzierung beschäftigten (Hubert Sickinger, "Politikfinanzierung in Österreich", Wien 2009), wie auch Sickingers Forschungen zur lokalen Politik (Hubert Sickinger, "Bezirkspolitik in Wien", Innsbruck 2006).

> Forschung zur Demokratieentwicklung in liberalen politischen (Sub-)Systemen
2011: Zeitlebens konsequent. Hermann Langbein (1912-1995). Eine politische Biographie.

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Univ.-Prof. Dr.in Erika Thurner
Durchführung:    Mag. Katharina Demel
Mag. Dr. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Zukunftsfonds der Republik Österreich
Nationalfonds der Republik Österreich
Fertigstellung:    Dezember 2011

Das Leben und Wirken Hermann Langbeins war auf das engste mit Auschwitz verbunden und wird es im kulturellen Gedächtnis auch bleiben. Zwei Jahre war Hermann Langbein im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau interniert; sein späteres Leben widmete er vorrangig der Erforschung dieses Schreckensortes. Und wann immer er seine Stimme zu anderen gesellschaftspolitischen Themen erhob, argumentierte er auf der Grundlage dessen, was er in Auschwitz erlebt und gesehen hatte.

Spätestens mit seinem Werk „Menschen in Auschwitz“ ordnete sich Hermann Langbein in die Reihe jener ein, die – wie er selbst Verfolgte des NS-Regimes – bis heute für eine wissenschaftliche Aufarbeitung oder literarische Reflexion der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik stehen: Margarete Buber-Neumann, Stéphane Hessel, Imre Kertész, Ruth Klüger, Eugen Kogon, Primo Levi, Hans Maršálek, Nico Rost, Germaine Tillion, Jorge Semprun, Elie Wiesel, Simon Wiesenthal – ehemalige Gefangene der Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Groß-Rosen, Mauthausen und Ravensbrück.

Aber Hermann Langbein wurde nicht allein durch Auschwitz geprägt. Der gebürtige Wiener war auch jahrelanger überzeugter Kommunist, er war einsatzfreudiger Spanienkämpfer, unerbittlicher Lehrmeister, nimmermüder Streiter für Demokratie, politischer Aufklärer, moralische Autorität und liebevoller Familienvater. All diese Facetten eines ungewöhnlichen Lebens kommen in der Biographie über Hermann Langbein zur Sprache.

Zentrale Quelle für die Biographie war neben zahlreichen Interviews der Nachlass Hermann Langbeins. Die umfangreiche Dokumentation seiner Arbeit, die im Österreichischen Staatsarchiv gelagert ist, umfasst über dreihundert Ordner bzw. Kartons und zeugt von seinem immensen Fleiß: In erster Linie handelt es sich um Korrespondenzen (129 Ordner), aber auch um persönliche Notizen, Druck- und Zeitschriften, Zeitzeugenberichte, Prozessunterlagen, Adresskarteien, Manuskripte, Korrekturfahnen und Materialsammlungen zu seinen Publikationen. Bereits diese Aufzählung verdeutlicht, dass eine rigorose Auswahl schon bei der Materialsichtung notwendig war.

Die intensive Beschäftigung mit Hermann Langbein zeigt, dass er in und für Österreich – und darüber hinaus – vielen ein Vorbild war. Er war eine moralische Instanz, die Österreichs Umgang mit der Vergangenheit wichtige Impulse verliehen und Maßstäbe gesetzt hat, die auch in ferner Zukunft noch gelten werden.

Die Biographie erscheint im April 2012 im Verlag Braumüller, Wien.

 

2010: International Civic and Civic Education Study (ICCS)

Durchführungs-
Konsortium:
SORA (Koordination)
Institut für Erziehungswissenschaften, Universität Innsbruck
Institut für Konfliktforschung
Mitarbeit am IKF: Mag. Walter J. Fend
Finanzierung:    Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
Fertigstellung:    Juni 2010

ICCS ist eine Studie der International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA), an welcher über dreißig Länder weltweit teilnehmen. Die Kernfrage der internationalen Studie ist, wie Jugendliche primär durch das Schulsystem auf ihre künftige Rolle als aktive BürgerInnen vorbereitet werden. Mittels repräsentativer empirischer Umfragen werden SchülerInnen der achten Schulstufe einerseits zu ihrem Wissen und konzeptuellen Verständnis, andererseits zu Einstellungen, Verhalten und Kompetenzen hinsichtlich demokratiepolitischer Themen befragt. Hierbei unterteilt sich die Studie in ein internationales, europäisches und nationales Modul. Im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes werden zudem sowohl LehrerInnen als auch Schulleitungen befragt. Nach einem Feldtest um die Jahreswende 2007/2008 wurden 2009 in der Hauptstudie 3.000 SchülerInnen an österreichischen Haupt- und Allgemeinbildenden Höheren Schulen (Unterstufe) getestet. Anfang 2010 wird unter Einbeziehung von Vertretern des Ministeriums ein Workshop stattfinden, um die Analyseergebnisse vorzustellen und zu diskutieren.

Zwecks Durchführung der österreichischen Studie hat sich ein Konsortium gebildet, bestehend aus SORA als koordinierendem Partner sowie dem IKF und dem Institut für Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck.

In Zusammenarbeit mit den Partnerinstituten entwickelte das IKF 2006 das österreichische (nationale) Modul für den internationalen Feldtest. Mittels des Models soll eruiert werden, welche politischen Themen in der Schule besprochen und mit wem Gespräche über solche Themen im sozialen Umfeld geführt werden. Des weiteren werden Fragen zur Schuldemokratie sowie zur Einschätzung von Politik und PolitikerInnen in Österreich gestellt. Abschließend werden die Kompetenzen (beispielsweise Konfliktlösung) der SchülerInnen und die Kontexte (beispielsweise Schule oder Freundeskreis) durchleuchtet.

Die zweite Aufgabe des IKF in der Primärphase der Studie bestand 2006 und 2009 darin, den sogenannten National Context Survey, einen Hintergrundbericht zum österreichischen Schulsystem unter Fokussierung auf die Politische Bildung, zu verfassen.

 

2009: Indikatoren für Demokratiequalität: Reformdiskussionen und Demokratiewahrnehmung der Bevölkerung

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr.in Karin Liebhart
DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Dr. Karl Renner-Institut
Fertigstellung:    Juni 2009

Das Projekt besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil werden, vor dem Hintergrund der fortschreitenden Europäisierung politischer Systeme, Trends zur multi-level-governance und der zunehmenden Nutzung digitaler neuer Medien (Web 2.0) für mehrere Staaten ausgewählte Traditionen politischer Diskurse nachgezeichnet, der Status Quo der Diskussion um Demokratiequalität und Demokratiereform exemplarisch skizziert und vergleichend analysiert. In die Untersuchung einbezogen wurden Österreich, Schweiz, die Niederlande, Schweden, Frankreich und Großbritannien. Übergreifende Fragestellungen richten sich dabei vor allem auf die Auswirkungen der genannten Entwicklungen auf die Demokratiequalität politischer Systeme sowie auf politisches Bewusstsein, Einstellungen und Handlungspotentiale der BürgerInnen. Gender und Minority-issues und die Instrumentalisierung von demokratiepolitischen Instrumenten durch (rechts-)populistische Parteien stellen weitere Themen dar.

Im zweiten Teil wird unter Berücksichtigung von international vergleichenden "political culture-" und Wertestudien ein Fragenprogramm entwickelt, mit dem künftig in Österreich die kurz- wie langfristige Entwicklung des "Demokratieklimas" gemessen werden kann.

 

2008: Politische Bildung: Umsetzung und Perspektiven

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr. Günther Sandner
MMag.a Kathrin Stainer-Hämmerle
DDr. Hubert Sickinger
Kooperation: Institut für Empirische Sozialforschung IFES (Durchführung der Repräsentativerhebung)
Finanzierung:    Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur
Fertigstellung:    Mai 2008

Die Studie umfasst vier Teile:

Erstens wurde gemeinsam mit dem Institut für Empirische Sozialforschung eine für alle Schultypen und Bundesländer repräsentative Befragung von Lehramtsstudierenden an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen im zweiten Abschnitt ihrer Ausbildung durchgeführt. Zentrale Fragestellungen bezogen sich auf die Bekanntheit der Inhalte und Ziele der politischen Bildung sowie deren Verankerung im österreichischen Schulwesen und den Status Quo der Ausbildung. Lehramtsstudierende kennen zwar mehrheitlich die zentralen Inhalte, die durch politische Bildung vermittelt werden sollten, sie reflektieren aber ein ausgesprochen negatives Bild, was den Stellenwert politischer Bildung in ihrem Studium betrifft. Nur ein sehr geringer Teil von ihnen gibt an, eine fächerübergreifende und systematische Ausbildung in politischer Bildung erhalten zu haben. Insbesondere die stärkere Verknüpfung von Theorie und Praxis sowie das Üben im Umgang mit kontroversen Themen werden als wesentlich zu verstärkende Elemente bzw. als Desiderate der Ausbildung benannt. Die Einschätzung der eigenen Kompetenz in politischer Bildung ist dementsprechend bescheiden. Nur die LehrerInnen so genannter Trägerfächer (also Geschichte, Deutsch, Geografie und Wirtschaftskunde) verbinden das Themenfeld politische Bildung mit ihrem Fach, und nur knapp die Hälfte der befragten Studierenden interessiert sich für politische Bildung in ihrer Ausbildung.

Darauf aufbauend wurde eine qualitative Befragung von LehrerInnen unterschiedlicher Unterrichtsfächer an ausgewählten Standorten und in unterschiedlichen Schultypen in Form von semi-strukturierten persönlichen Interviews durchgeführt. Inhalt der Interviews bildeten Fragen nach Art und Umfang der Umsetzung von politischer Bildung im Unterricht sowie die Einschätzung der eigenen Kompetenz, aber auch jener der Zielgruppe, nämlich der SchülerInnen. Weiters interessierte, welchen Anforderungen sich die Lehrenden ausgesetzt fühlen und welche Art der Aus- bzw. Weiterbildung sie als unbedingt erforderlich erachten bzw. welche anderen Hilfestellungen (z.B. Materialien, Unterrichtsformen) aus Sicht der Lehrenden die politische Bildung begünstigen.

Die beiden empirischen Studien zeigen insgesamt gravierende Defizite in den Lehramtsstudien bezüglich politischer Bildung. Trotz unterschiedlich motivierter Einwände wird dennoch eine insgesamt positive Haltung gegenüber einem eigenen Unterrichtsfach politische Bildung deutlich. Dies bedeutet aber nicht, dass sich Lehramtsstudierende und LehrerInnen selbst für politische Bildung verantwortlich fühlen.

Aus den beiden empirischen Studien wurden (im Austausch mit KollegInnen, die im selben Zeitraum an der Ausarbeitung eines Kompetenzmodells für SchülerInnen arbeiteten) die Eckpunkte eines Kompetenzmodells für LehrerInnen entworfen. Dieses sollte einerseits auf fachwissenschaftlicher und andererseits auf fachdidaktischer Kompetenz basieren. Die fachdidaktische Kompetenz kann in die Bereiche fachdidaktische Theorie, diagnostische Kompetenz und Vermittlungskompetenz unterteilt und diese jeweils in weitere Teilkompetenzen gegliedert werden. Ebenso unverzichtbar ist aber eine fachwissenschaftliche Kompetenz, die dem interdisziplinären Charakter politischer Bildung gerecht zu werden vermag. Diese Kompetenzen wären freilich nur mit einer grundlegenden Reform des Ausbildungssystems für LehrerInnen erreichbar.

Die Wahlaltersenkung auf 16 Jahre führt dazu, dass derzeit SchülerInnen politische Bildung größtenteils erst nach Erreichung des aktiven Wahlalters erfahren, was zu Überlegungen einer Verankerung bereits in der 8. Schulstufe geführt hat. Im abschließenden Teil werden daher mögliche Modelle und deren Vor- und Nachteile unter Berücksichtigung der österreichischen Gesetzeslage erarbeitet, wobei die Empfehlungen nicht auf die 8. Schulstufe eingegrenzt wurden.

 

2008: "Demokratie messen?"

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Renner-Institut
Fertigstellung:    Januar 2008

Die empirisch vergleichende Messung von Demokratie weist seit Anfang der 1990er Jahre in der vergleichenden Politikwissenschaft eine beachtliche Konjunktur auf. In diesem Projekt wird ein Überblick über die wichtigsten Ansätze geboten. Einerseits werden die bekanntesten Demokratieskalen (Polyarchie, Freedom House, Polity, Bertelsmann-Transformationsindex, der Index defekter Demokratien und der Vanhanen-Index) kurz beschrieben. Diese Indizes berücksichtigen neben Grundfunktionen einer "electoral democracy" und der Gewährleistung grundlegender Organisations- und Kommunikationsrechte in unterschiedlichem Ausmaß (und mit unterschiedlicher, auch politischer Intention) auch Fragen der Gewaltenteilung und individueller Grundrechte. Sie erscheinen zum weltweiten differenziertem Vergleich politischer Systeme hinsichtlich ihrer Annäherung an den Maßstab liberal-verfassungsstaatlicher, pluralistischer Demokratien gut geeignet, sind für die Messung von Qualitätsunterschieden der "westlichen" Demokratien (welche de facto den impliziten oder expliziten zugrunde liegenden Maßstab bilden) aber kaum geeignet.

Alternative Ansatzpunkte bieten vertiefte Länderstudien nach international etablierten Fragestellungen, wie sie vor allem der britische "democratic audit" und dessen Fortentwicklung durch International IDEA zur Verfügung stellen. Andere mögliche Anknüpfungspunkte für eine vergleichende Messung von Demokratiequalität bestehen in vergleichenden Bevölkerungsumfragen sowie der Berücksichtigung möglicher Indikatoren der Inklusivität des politischen/gesellschaftlichen Systems – Zugänglichkeit der politischen Elite für Frauen, aber auch Inklusivität/Universalität sozialer Mindestsicherung (etwa im Sinne eines Index "sozialer Demokratie"/T. Meyer). Letztlich gibt es nicht "den" Königsweg der Demokratiemessung, sondern die vorhandenen Messinstrumente (oder deren potentielle Adaptierungen) erscheinen je nach Fragestellung und zu untersuchenden Ländersamples unterschiedlich angemessen.

 

2006: "Zwischen Industrie und Politik" - 100. Geburtstag von Karl Waldbrunner

Projektleitung: Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr. Manfred Zollinger
Mag. Walter Fend
Finanzierung:    AIC Androsch International Management Consulting GmbH
Fertigstellung:    Dezember 2006

Die Tätigkeit im Berichtszeitraum stand im Zeichen der Herausgabe des Buches "Karl Waldbrunner - Pragmatischer Visionär für das neue Österreich". Die Veröffentlichung der Publikation war für den 22. November geplant; dieser Termin konnte eingehalten werden.

2005: "Das neue Österreich" - Die Ausstellung zum Staatsvertragsjubiläum 1955/2005

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Mag. Walter J. Fend
Dr.in Brigitte Halbmayr
ao. Univ.Prof. Dr. Walter Manoschek (Konsulent)
Finanzierung:    Österreichische Galerie Belvedere
Fertigstellung:    Mai 2005

Anlässlich des "Gedankenjahres" 2005 fand im Oberen Belvedere die Ausstellung zum Staatsvertragsjubiläum statt. Der zeitliche Bogen spannte sich vom Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie bis zur Aufnahme Österreichs in die Europäische Union. Das Zentrum der Ausstellung bildete der Marmorsaal als historischer Ort der Vertragsunterzeichnung des Jahres 1955. Zur Vermittlung der Inhalte waren drei Ebenen konzipiert, die sich durch den ganzen Ausstellungsbereich zogen. Zum einen waren dies die Originalexponate, welche die kognitive Wahrnehmung ansprechen sollten, zum anderen bildete ein rot-weiß-rotes Fahnenband den Träger für multimediale Gestaltungselemente, welche die sensorische Perzeption anregen sollten. Schlussendlich ergänzte die "Kunstschiene" die Konzeption: In allen Räumen wurden zur jeweiligen Epoche passende Werke gezeigt.

Das IKF wurde mit der wissenschaftlichen Gestaltung des Bereiches Zwischenkriegszeit betraut. Im Zentrum der Überlegungen hinsichtlich der Gestaltung der Räume standen einerseits die gesellschaftlichen Fragmentierungen sowie der wachsende politische Dissens jener Periode. Andererseits bestand trotz alledem auch Konsens zwischen den verfeindeten politischen Lagern. Gemeinsam war allen der Antisemitismus und das Deutschtum bzw. der Anschlussgedanke, ungeachtet der jeweiligen unterschiedlichen Ausformungen. Im deutschnationalen Lager war ein biologistischer, rassistischer Antisemitismus zentrale Programmatik; im katholisch-konservativen Lager war dieser Antisemitismus vor allem Teil der alltäglichen Rhetorik; im sozialdemokratischen Lager programmatisch nicht vorhanden, aber in Teilen der Basis sehr wohl präsent. Gerade anhand der Spezifika der Zwischenkriegszeit sollte auch versucht werden, die Unterschiede zum "neuen" Österreich nach 1945 verständlich zu machen. Selbiges wurde überdies durch einen Katalog unterstützt, welcher auf Deutsch und in den Sprachen der Signatarmächte erschien.

Zu den ausgestellten Schlüsseldokumenten der Zwischenkriegszeit zählten unter anderem der Staatsvertrag von Saint Germain von 1919, das Konkordat von 1933/34, aber auch die Protestnote Mexikos gegen den Anschluss Österreichs an das "Dritte Reich". Dem Plakat als einem sehr wichtigen Medium der Zwischenkriegszeit kam eine herausragende Rolle im Ausstellungsbereich zu. Zahlreiche Plakate zu den diversen Volksabstimmungen in den unmittelbaren Nachkriegsjahren - von Vorarlberg bis zum Burgenland - wurden ebenso gezeigt wie solche zur Thematik des Antisemitismus und zur Verfeindung der politischen Lager. Bücher, Bilder, Film- und Tonsequenzen dienten ebenso der Vermittlung wie die Originalgemälde au

 

2005: Soziale Gerechtigkeit

Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr. Günther Sandner
Finanzierung:    Renner Institut
Fertigstellung:    Juni 2005

Thema der Studie war es zu erheben, welche Vorstellungen bei österreichischen Expertinnen und Experten der Sozialpolitik hinsichtlich sozialer bzw. sozialstaatlicher Gerechtigkeit in Österreich bestehen. Um den Rahmen abzustecken, vor dem die Aussagen der ExpertInnen interpretiert werden sollten, wurden zunächst grundlegende, in der wissenschaftlichen bzw. sozialphilosophischen Literatur vertretene Konzepte von sozialer Gerechtigkeit identifiziert und deren Leitsätze herausgearbeitet. Als ExpertInnen wurden je vier WissenschafterInnen, PraktikerInnen und VertreterInnen von NGOs befragt und deren Aussagen überblicksartig ausgewertet.

Im abschließenden analytischen Teil wurden die Positionierungen der Expertinnen und Experten mit den idealtypischen theoretischen Modellen des Einleitungskapitels verglichen. Dabei ging es nur zum Teil um explizite Bezugnahmen auf bestimmte TheoretikerInnen, sondern vor allem um die mögliche Konvergenz mit oder zumindest Nähe zu den Leitsätzen und deren Hintergründen. Mehrheitlich fanden sich Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit, die durchaus dem in der österreichischen Tradition verankerten Sozial- und Wohlfahrtsstaat verbunden sind, aber - in geringerem Ausmaß - auch Ansätze der Kritik daran, wie sie seit den achtziger Jahren die internationale und auch europäische Diskussion zu prägen begannen. Der theoretische Diskurs zur sozialen Gerechtigkeit wurde jedoch insgesamt nur sehr bruchstückhaft erfasst. Soziale Gerechtigkeit erweist sich nicht als klarer Begriff oder operationalisierbares Konzept, sondern eher als Schlagwort, unter das eine ganze Reihe von Vorstellungen subsumiert werden kann. Darin spiegelt sich ohne Zweifel auch die politische Debatte wider, in der der Begriff stärker und häufiger von Teilen der Sozialdemokratie und insbesondere den Gewerkschaften verwendet, im Grunde genommen aber explizit von keinem politischen Akteur offensiv in Frage gestellt wird. Als politisches Konzept ist "soziale Gerechtigkeit" offensichtlich zu unklar oder anders gesagt: zu unbestimmt, um auf eine spezifische Deutung und Programmatik festgelegt zu werden, der Begriff hat vielfach Schlagwortcharakter. Damit besteht, wie sich in den Interviews gezeigt hat, zwar Raum für zum Teil sehr unterschiedliche Vorstellungen; offensichtlich aber kaum für ein Konzept, das Gleichgültigkeit oder kühle Ablehnung gegenüber sozialer Gerechtigkeit artikuliert, wie es für die (idealtypisch) neoliberale Position typisch ist.

 

2004: Bezirkspolitik in Wien

Projektleitung: Univ.Prof. DDr. Manfried Welan
Durchführung: DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 10163
Fertigstellung:    Oktober 2004

Der Projektbericht beschreibt auf Basis einer Interviewreihe mit allen amtierenden Wiener BezirksvorsteherInnen (BV) sowie einer ergänzenden, in vier Bezirken (7./Neubau, 12./Meidling, 19./Döbling, 21./Floridsdorf) durchgeführten zweiten Interviewserie aller BV, BV-StellvertreterInnen und Bezirks-Klubvorsitzenden zentrale Aspekte der Wiener Bezirkspolitik.

Der Bericht enthält erstens eine systematische Darstellung der BV als Teil der Wiener/österreichischen politischen Elite (innerparteiliche Stellung, Amtsverständnis, Politikstile), sowie der übrigen (auch ehrenamtlichen) Wiener BezirkspolitikerInnen. Zweitens wird die Bezirksebene als Teil des Wiener Parteiensystems analysiert. Drittens wird die "Verfassungswirklichkeit" der Organe der Wiener Bezirksautonomie (Bezirksvertretungen, Ausschüsse und Kommissionen) analysiert. Ein eigener Abschnitt gilt der Darstellung der typischen Themen und Problemstellungen der Wiener Bezirkspolitik. Den Abschluss bilden Fallstudien zur Politik in den vier Bezirken, welche die vertiefende empirische Basis für die Untersuchung bilden.

 

2004: Österreichische und jüdische Identität

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: DDr. Hubert Sickinger
MMag.a Karin Stögner
Univ.Prof. Dr. Robert S. Wistrich (Hebrew University of Jerusalem)
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 9934
Fertigstellung:    Januar 2004

Das Forschungsprojekt war Teil eines umfassenden Projektes, das von Prof. Robert S. Wistrich von der Hebrew University of Jerusalem - im Zusammenhang mit dem von ihm dort geleiteten "Center for Austrian Studies" - entwickelt worden ist. Das Projekt zielte auf eine umfassende Darstellung des Spannungsverhältnisses österreichischer Identität in Europa und jüdischer Identität in Österreich seit dem 19. Jahrhundert. Erkenntnisleitendes Inter­esse aller Teile des Projektberichts ist die Frage: In welchem Ausmaß reflektiert und beeinflusst der Wandel jüdischer Identität (v.a. in Österreich) den Wandel österreichischer Identität - und in welchem Ausmaß ist jüdische Identität in Österreich auch eine Folge österreichischer Identität?

Der Projektbericht besteht aus zwei Teilen zu unterschiedlichen historischen Perioden:

1.) Jüdische Identitäten in Österreich im Zeitraum von 1848 bis 1938: Ziel dieses von Robert Wistrich verfassten Projektteiles ist es, zusammenfassende Thesen der Beziehungen zwischen ÖsterreicherInnen und Juden/Jüdinnen in Verbindung mit der Frage nach nationaler Identität im 19. und 20. Jahrhundert aufzustellen. Die Darstellung kreist um eine (Neu-)Bewertung bestimmter Schlüsselthemen im Lichte der Frage nach der Konstruktion von Identitäten. Nach einem Abriss der Entwicklung des Status von Juden und Jüdinnen in der Habsburger Monarchie bis zum Ersten Weltkrieg wird die Zeit vom Fin de siècle bis 1938 in erster Linie anhand von exemplarischen Darstellungen nachgezeichnet, die etwa um Theodor Herzl, Karl Kraus und Sigmund Freud kreisen. Weiters wird die Entwicklung des Antisemitismus in Wien von Schönerer und Lueger bis Hitler dargestellt.

2.) Österreichische und jüdische Identitäten nach 1945: Auch hier erfolgte eine exemplarische Fokussierung auf bestimmte Aspekte bei ständiger Rückbesinnung auf die Shoah und ihre Auswirkungen auf die Bildung von Identität in Österreich. Als Aufhänger für eine derartige Beschäftigung mit dem Themenkomplex wurden Bruno Kreisky (bearbeitet von Karin Stögner) und Jörg Haider (bearbeitet von Hubert Sickinger) ausgewählt. Im Gegensatz zu einer rein biographischen Herangehensweise wurden diese beiden Fallgeschichten zum Anlass genommen, das Ineinanderwirken verschiedener Identitätskonzepte in Österreich nach 1945 zu reflektieren. Auf diesem Wege wird auch die Wechselwirkung zwischen Identität und dem österreichischen kollektiven Gedächtnis einbezogen.

 

2003: BezirksvorsteherInnen und Bezirkspolitik

Projektleitung u.
Durchführung:   
DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien
Fertigstellung:    Mai 2003
Materialien:    Projektbericht

Das Projekt baut auf den Ergebnissen des mittlerweile auch als Buch publizierten Projekts "Demokratie in der kleinen Einheit: Politische Graswurzeln am Beispiel des Ersten Wiener Gemeindebezirks" auf: Da die Innere Stadt in mehrfacher Hinsicht für einen Wiener Bezirk sehr untypisch ist, werden diese früher gesammelten Ergebnisse durch eine vergleichende Studie aller 23 Bezirke ergänzt.

Dabei wird die Perspektive der BezirksvorsteherInnen gewählt, weil diese die mit Abstand einflussreichsten und zugleich am Besten über die jeweiligen Bezirksprobleme informierten BezirkspolitikerInnen darstellen. Kernstück des Projekts bilden persönliche Interviews mit allen 23 BezirksvorsteherInnen, in denen Informationen zu folgenden Themenbereichen erhoben wurden:

  • Die Wiener BezirksvorsteherInnen als politische Elite: In diesem Zusammenhang interessierte einerseits deren politisches und berufliches Profil (bisherige und aktuelle Funktionen in der Partei, in Interessenvertretungen u.ä.). Andererseits wurde auch ihr Amtsverständnis und tatsächliches Tätigkeitsprofil erhoben.

  • Die Arbeit der Organe der Bezirksautonomie (Bezirksvertretung/Bezirksvorstehung, Ausschüsse und Kommissionen) und das Verhältnis der Parteien auf Bezirksebene.

  • Die wichtigsten sachpolitischen Themen/Probleme im Bezirk und der Umgang des Bezirks bzw. der Parteien im Bezirk mit diesen Problemstellungen.

 

2001: Der Konflikt Kreisky-Androsch: Zur Wahrnehmung und Gewichtung einer der zentralen Weichenstellungen der Zweiten Republik

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Barbara Liegl
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank Projekt Nr. 8431
Stadt Wien - MA 18
Fertigstellung:    Oktober 2001

Der 1980/81 seinen Höhepunkt erreichende Konflikt zwischen Bruno Kreisky, Bundeskanzler und Parteivorsitzender der SPÖ, und Hannes Androsch, Vizekanzler und stellvertretender Parteivorsitzender, zählt zu den dramatischsten innerparteilichen Auseinandersetzungen der Zweiten Republik. Er führte zur Verdrängung eines prominenten Sozialdemokraten aus der Regierung, wenn es auch nicht so wie im "Fall Olah" zu einem Bruch des aus der Regierung Ausscheidenden mit der Partei kam. Bisher veröffentlichte biografische Skizzen, Überblicksdarstellungen und Analysen lassen großteils sowohl einen zeitgeschichtlichen als auch einen politikwissenschaftlichen Zugang zu diesem Konflikt vermissen. Das erkenntnisleitende Interesse dieses Projektes umfasst daher die den Konflikt auslösenden Faktoren und die durch das Ausscheiden Androschs aus der Politik möglicherweise erfolgte Beeinflussung des weiteren Kurses der Regierung und der zukünftigen Orientierung der Sozialdemokratie. Neben der Sichtung und Auswertung der Literatur bzw. der vom Kreisky-Archiv und von Hannes Androsch zur Verfügung gestellten Materialien wurde eine bisher vernachlässigte Quelle genutzt: Interviews mit ZeitzeugInnen dieses Konflikts.

In der zweiten Hälfte des Jahres 2000 wurden etwa 70 mögliche Auskunftspersonen brieflich oder telefonisch kontaktiert, um sie zu einem Gespräch einzuladen. Das Spek-trum der InterviewpartnerInnen umfasste Regierungsmitglieder aus der Zeit zwischen 1970 und 1981, Mitarbeiter des Kabinetts Kreisky, des Finanzministers Androsch und anderer Regierungsmitglieder, Vertreter des ÖGB und der OeNB, Repräsentanten der damaligen Oppositionsparteien ÖVP und FPÖ, Medienvertreter, aber auch Familienmitglieder der Kontrahenten. Um der Internationalität dieser beiden Politiker Rechnung zu tragen, wurden auch Vertreter der SPD und CDU/CSU in unsere Erhebung miteinbezogen. Insgesamt wurden 40 ZeitzeugInnen zu diesem Konflikt befragt, eine Zugangsweise, die es uns erlaubte, verschiedene subjektive Wahrnehmungen der einzelnen Befragten zu einem komplexen Bild zu verdichten und andere Erklärungsansätze als bisher üblich anzubieten.

Diese Gespräche ebenso wie die Auswertung der anderen bereits erwähnten Quellen dienten der Nachzeichnung der Vorgeschichte des Konflikts, der Auslotung des Kräfteverhältnisses zwischen "pro-Kreisky" und "pro-Androsch" Strömungen in der SPÖ und der Wahrnehmung des Konflikts durch verschiedenste Seiten. Die durch die Befragten als konfliktauslösend bzw. als wesentlich bezeichneten Punkte unterschieden sich in ihrer Gewichtung abhängig von deren politischer Verortung, deren Allianzzugehörigkeiten und deren Zugang zur Politik. Eine Lagerbildung innerhalb der SPÖ wurde von einem Großteil der Befragten nicht festgestellt, beide Politiker hatten BefürworterInnen aus sehr unterschiedlichen politischen Richtungen, wodurch die Allianzen beider Seiten sehr heterogen waren. Das Ausscheiden Androschs aus der Politik bezeichneten nur sehr wenige Interviewte als folgenlos für die Politik der SPÖ und der Regierung. Einige wenige Stimmen werteten sein Ausscheiden als positiv, da dadurch die weitere Bindung von linken Wählerschichten an die SPÖ ermöglicht worden sei. Großteils waren sich die Befragten einig, dass der SPÖ mit Androsch ein großes politisches Talent verloren gegangen sei und dass durch den Abgang des "Kronprinzen" die Kanzlernachfolge nicht reibungslos verlaufen konnte. Die pro-Androsch Seite sah durch den Abschied des Finanzministers aus der Politik eine verpasste Chance, Androschs wirtschaftspolitische Zukunftsvisionen zu nutzen und umzusetzen.

 

2000: Sozialisation und Berufsbild von Richterinnen und Richtern

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
DDr. Nikolaus Dimmel (Universität Salzburg)
Finanzierung:    Bundesministerium für Justiz
Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Fertigstellung:    Jänner 2000

Da es in Österreich bislang keine breiter angelegten justizsoziologischen Untersuchungen über die Richterschaft gibt, sollten im Zuge dieses Forschungsprojektes möglichst viele Fragestellungen angesprochen werden. Der Bogen der Untersuchung spannt sich daher von der Primärsozialisation über Studium, Berufssozialisation und Berufsverständnis bis zu Einstellungen gegenüber rechtspolitischen Fragen und der Diskriminierung von Frauen im Justizdienst. Mittels qualitativer leitfadenorientierter Interviews wurden diese Themenbereiche in den beiden Oberlandesgerichtssprengeln Wien und Innsbruck untersucht.

In beiden OLG-Sprengeln wurden im Laufe des Jahres 1999, und zwar überwiegend im Frühsommer, jeweils zwanzig Interviews mit Richterinnen und Richtern geführt, die nach den Kriterien Alter, Geschlecht, Tätigkeit an Bezirksgerichten/Gerichtshöfen erster Instanz und Tätigkeit im Zivil- bzw. Strafbereich gestreut wurden. Auch wurden sowohl die erste Instanz als auch die Rechtsmittelinstanz einbezogen. Im OLG-Sprengel Wien konzentrierten wir uns aus forschungsökonomischen Gründen ausschließlich auf in Wien ansässige Gerichte, während im OLG-Sprengel Innsbruck auch auswärtige Gerichte in Tirol und Vorarlberg einbezogen wurden. Um zu gewährleisten, dass die Auswahl unserer InterviewpartnerInnen die Struktur der jeweiligen Untersuchungseinheit widerspiegelt, ersuchten wir die Justizverwaltung um eine Aufstellung sämtlicher dort tätiger RichterInnen.

Um möglichst deutlich zwischen der älteren und der jüngeren Generation innerhalb der Richterschaft unterscheiden zu können, verstanden wir als Jüngere die Geburtsjahrgänge 1964 bis 1968, bei den Älteren strebten wir für die Männer die Zugehörigkeit zu den Geburtsjahrgängen 1933 bis 1938 an, für die Frauen die Jahrgänge 1939 bis 1943. Gelegentlich mussten diese Altersgruppen etwas nach unten erweitert werden, da zum Beispiel an den Bezirksgerichten kaum RichterInnen aus diesen Geburtsjahrgängen tätig sind. Beim Kriterium Geschlecht berücksichtigten wir, dass in Wien die Zahl der Richterinnen deutlich höher ist als in Westösterreich.

Neben der Gruppe der RichterInnen wurden auch VertreterInnen der Justizverwaltung einerseits sowie der Richtervereinigung und der Gewerkschaft andererseits befragt. In Wien wurden zehn und in Innsbruck fünf solcher Interviews durchgeführt. In beiden OLG-Sprengeln wurden der Präsident und der Vizepräsident sowie ein/e weitere/r MitarbeiterIn des Oberlandesgerichtes befragt. Im Bundesministerium für Justiz konnten Gespräche mit den beiden für Personalfragen in den jeweiligen untersuchten Sprengeln zuständigen ReferentInnen geführt werden. Vier RichterInnen wurden als VertreterInnen der Richtervereinigung angesprochen, zwei als GewerkschaftsfunktionärInnen. Und schließlich erfolgte ein Interview mit der stellvertretenden Vorsitzenden der Arbeitsgruppe für Gleichbehandlungsfragen beim Bundesministerium für Justiz.

Die Richterschaft erwies sich bei dieser Untersuchung als überraschend uniform. Die erwähnten Variablen, die als mögliche Differenzierungskategorien eingeführt worden waren, ermöglichten kaum das Herausarbeiten von strukturellen Unterschieden innerhalb der Befragtengruppe. Im Bericht wurde ein Richter zitiert, der in Zusammenhang mit der sozialen Herkunft seiner BerufskollegInnen meinte, diesbezügliche Unterschiede kämen nicht zum Tragen, "das schleift sich ab, wenn die erst einmal Richter sind". Diese Aussage trifft tatsächlich zu, und zwar nicht nur hinsichtlich des Herkunftsmilieus, sondern sehr umfassend. Einzig das Kriterium der Generationszugehörigkeit spielte bei manchen Themenbereichen eine Rolle. Der Erwerb eines professionellen Habitus wird wesentlich durch Mechanismen der beruflichen und sozialen Konformität beeinflusst. Das mag im Sinne der Rechtssicherheit von großer Wichtigkeit sein, trotzdem war diese Uniformität innerhalb der Richterschaft überraschend, vor allem weil die InterviewpartnerInnen immer wieder betonten, dass Richterinnen und Richter ausgeprägte Individualisten wären.

 

2000: Politische Rahmenbedingungen für staatliches Eigentum

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Barbara Liegl
DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Gesellschaft des Bundes für industriepolitische Maßnahmen
Fertigstellung:    April 2000

Dieses Projekt untersucht aus politikwissenschaftlicher Perspektive die Voraussetzungen und Konsequenzen einer auf das Eigentum bezogenen Kooperation zwischen "privater" und "öffentlicher Hand". Zentrale Fragestellung ist: Welche spezifisch politischen Rahmenbedingungen lassen in der jüngeren Vergangenheit und in der Gegenwart auf eine Zusammenarbeit zwischen öffentlicher und privater Hand schließen, die auch die Eigentumsstruktur von industriellen Unternehmungen umfaßt? Unter welchen Voraussetzungen ist es (seit der Weltwirtschaftskrise 1929) zu staatlichen Eigentümerstrukturen gekommen, und unter welchen Rahmenbedingungen kamen solche nicht zustande (oder wurden wieder beseitigt)? Hat es dort, wo es zu keinen Verstaatlichungen kam, stattdessen funktionale Äquivalente gegeben?

Diese Fragestellungen werden in mehreren Fallstudien untersucht: New Deal (USA); Konzepte der Wirtschaftsdemokratie in Schweden (Meidner-Plan, etc.); nicht-liberale (faschistische) und liberale Korporatismus-Konzepte: Volkswagenwerk vor und nach 1945; Entwicklung der verstaatlichten Industrie und der verstaatlichten Banken in Österreich; Industriestrukturen in Frankreich und in Italien nach 1945; die partei- und wirtschaftspolitischen Kurswechsel in Großbritannien ab 1945 bzw. 1979. In allen Fallstudien werden vor allem folgende Einflussfaktoren berücksichtigt und in einem komparatistischen Teil systematisch ausgewertet:

  • Parteiensystem

  • Stärke der Gewerkschaften

  • Korporatismus-Muster

  • Dominanz bestimmter Traditionen (z. B. Christliche Demokratie, Sozialdemokratie)

  • Abhängigkeitsgrad vom jeweiligen Ausland ("Verflechtung").

Mitte Dezember wurde in einer Projektbesprechung mit dem Auftraggeber und Bearbeitern parallel laufender ökonomischer Teilprojekte ein mündlicher Zwischenbericht abgegeben.

 

2000: Evaluierung des Lehrganges der Bildungsarbeit 1999 und der Aufbaumodule Weiterbildung 1999

Projektleitung:    Dr. Birgitt Haller
Durchführung:    Mag. Barbara Liegl
Finanzierung:    BFI Burgenland
Fertigstellung:    Jänner 2000

Diese Studie diente der Evaluierung zweier Ausbildungslehrgänge für Erwachsene, die in der Erwachsenenbildung tätig sind. Diese Lehrgänge umfassen eine Basisausbildung "Grundlagen der Bildungsarbeit" und drei weiterführende Veranstaltungen zu den Themen "Didaktik", "Supervision" sowie "Individuum und Gruppe". Einerseits sollte die Zufriedenheit der TeilnehmerInnen mit den jeweiligen Kursen erfasst werden, andererseits sollten ihre Erfahrungen und Weiterbildungswünsche in die Planung weiterer Veranstaltungen Eingang finden.

Es wurden Interviews mit dem Lehrgangsleiter, einer Trainerin und der Organisatorin dieser Veranstaltungen durchgeführt, wobei die angesprochenen Themen die Organisation der Veranstaltung, den Aufbau und die Inhalte der Seminare, die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen und daraus resultierende gruppendynamische Aspekte, Verbesserungsvorschläge für die Kurse und Erwartungen an die Evaluation umfassten. Auf Grundlage dieser Interviews wurden zwei Fragebögen entwickelt, die sich in ihrem Aufbau stark ähneln, aber auf die Unterschiede der beiden Lehrgänge Rücksicht nehmen. Die Fragebögen beinhalten Bereiche wie das aktuelle Berufsfeld der TeilnehmerInnen, die Zufriedenheit mit der Organisation und dem Inhalt der Seminare, die Einschätzung der Qualifikation der TrainerInnen, die Verwertbarkeit des Erlernten im Beruf und weitere Ausbildungswünsche.

Die Fragebögen wurden statistisch ausgewertet, um einen Maßnahmenkatalog für die zukünftige Organisation und Gestaltung dieser Ausbildungslehrgänge formulieren zu können.

 

2000: Demokratie in der kleinen Einheit: Politische Graswurzeln am Beispiel des Ersten Wiener Gemeindebezirks

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Stadt Wien - MA 18
Fertigstellung:    Juni 2000

Das Projekt untersucht die politischen Gestaltungsmöglichkeiten lokaler Politik am Beispiel der Wiener Bezirkspolitik. Die Bezirksebene der Stadt Wien mit den direkt demokratisch bestellten Bezirksvertretungen und den indirekt demokratisch bestellten Bezirksvorstehern entsprechen der Vorstellung einer autonomen Demokratie in der kleinen Einheit. Allerdings sind die politisch-administrativen Entscheidungsrechte in Wien stark zentralisiert: Wien ist Land und Gemeinde zugleich, die Kompetenzen (der Landes-, der Gemeinde-, und auch in der mittelbaren Bundesverwaltung) sind beim Stadtmagistrat und letztlich beim Bürgermeister konzentriert. Die Aufgaben, die die Wiener Verfassung den Bezirksvertretungen einräumt, sind relativ eng definiert.

Das Projekt untersucht die politischen Gestaltungsmöglichkeiten lokaler Politik am Beispiel der Wiener Bezirkspolitik. Die Bezirksebene der Stadt Wien mit den direkt demokratisch bestellten Bezirksvertretungen und den indirekt demokratisch bestellten Bezirksvorstehern entspricht der Vorstellung einer autonomen Demokratie in der kleinen Einheit. Allerdings sind die politisch-administrativen Entscheidungsrechte in Wien stark zentralisiert: Wien ist Land und Gemeinde zugleich, die Kompetenzen (der Landes-, der Gemeinde-, und auch in der mittelbaren Bundesverwaltung) sind beim Stadtmagistrat und letztlich beim Bürgermeister konzentriert. Die Aufgaben, die die Wiener Verfassung den Bezirksvertretungen einräumt, sind relativ eng definiert.

Die Studie kontrastiert u.a. Verfassung und Verfassungswirklichkeit der Bezirke und verdeutlicht dabei die Eigendynamik der lokalen Politikebene. Tatsächlich erweist sich in der Praxis v.a. der Bezirksvorsteher als weitaus einflußreicher, als seine rechtliche Aufgabenszuschreibung nahelegen würde. Die Ebene der Bezirksvertretung erweist sich trotz geringer Kompetenzen als "parlamentarisches System en miniature" (mit eigenen Ausschüssen und Kommissionen), die Fraktionen der Bezirksräte als durchaus signifikanter Teil der Bezirksebene der Parteien. Besonders interessiert dabei der spezifische "Politikstil" der lokalen Politik: Wiener Bezirke sind überwiegend gut überschaubar und erlauben ein bestimmtes Agieren, das den jeweiligen Akteur von der vermittelnden Funktion der Medien relativ unabhängig macht. Dabei ist auch die Personalisierung lokaler Politik von besonderem Interesse.

Hauptsächlicher Untersuchungsgegenstand ist der 1. Bezirk. Dieser Bezirk hat aus historischen Gründen eine spezifische Identität mit einer spezifischen Kontinuität ("Innenstadt" bzw. "City"); seine kulturelle, wirtschaftliche und sonstige Zentrallage sichert ihm besondere mediale Aufmerksamkeit. Die soziale Struktur seiner BewohnerInnen gibt dem Bezirk eine politische Tradition des Gegengewichts zur sozialdemokratischen Hegemonie in Wien. Der Bezirk ist wegen seiner Kleinheit und relativen Geschlossenheit ein besonderes Beispiel eines klar definierten und überschaubaren Stadtteils. Aus diesen Gründen ist der 1. Bezirk einerseits ein spezieller Fall, der gerade auch wegen dieser Eigenart als Fallstudie ausgewählt wurde. Trotz dieser Besonderheiten lassen sich aber anhand zahlreicher Vergleiche Schlußfolgerungen für alle Wiener Bezirke ziehen.

Methodisch wird neben einer Auswertung vorhandener Sekundärliteratur und einer Analyse der medialen Rezeption der Tätigkeit des Bezirksvorstehers vor allem auf eine Kombination von Feldarbeit und Interviews zurückgegriffen:

  • Im Mai und Juni 1999 wurde über mehrere Wochen der politische Alltags des Bezirksvorstehers (und der Bezirkspolitik im allgemeinen, da in diesen Zeitraum auch eine Sitzung der Bezirksvertretung fiel) in Form einer teilnehmenden Beobachtung erhoben.

  • Ergänzend wurden ausführliche Interviews mit allen Klubobleuten und den Bezirksvorsteher-Stellvertretern im Ersten Bezirk durchgeführt.

2000: Zur Qualität der österreichischen Demokratie: Ausgewählte Analysen - Perspektiven für Demokratiereform

Projektleitung:    Univ.Prof. DDr. Manfried Welan
Durchführung:    Dr. Christian Schaller
Robert Beck M.B.A.
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Fertigstellung:    Dezember 2000

Im Rahmen dieses abgeschlossenen Forschungsprojekts wurde versucht, in systematischer Form eine aktuelle Bestandsaufnahme von ausgewählten Aspekten der österreichischen Demokratiequalität, möglicher Defizite und Ansätze für Demokratiereformen vorzunehmen. Dies erfolgte angeregt von und im Vergleich mit dem umfangreichen britischen Forschungsprogramm "The Democratic Audit of the UK", das sich bereits seit 1993 die Analyse und Bewertung der Demokratiequalität des Vereinigten Königreichs zum Ziel gesetzt hat. Das Forschungsteam konzentrierte sich auf eine Sekundäranalyse vornehmlich politikwissenschaftlicher Literatur, ergänzt um eigene Erhebungen.

Der Bericht gliedert sich in zwei Teilbände: Der erste Teilband stellt einleitend die Motivation für das Projekt und die Forschungskonzeption vor (Kap. 1 und 2). Nach einem Überblick über theoretische und international vergleichende Literatur zur Konzeption und "Messung" von Demokratiequalität (Kap. 3) sowie einer Analyse und Dokumentation wesentlicher Arbeiten im Kontext dieses "Democratic Audit" (Kap. 4) werden in Kap. 5 in neun Teilkapiteln folgende Bereiche des österreichischen politischen Systems nach einem demokratietheoretisch orientierten Fragenraster zur Operationalisierung von Demokratiequalität untersucht:

  • Das Verhältnis von Parlament und Regierung auf Bundesebene

  • Das Verhältnis von Parlament und Regierung auf subnationaler Ebene

  • Das Parteiensystem

  • Das Verbändesystem

  • Zivilgesellschaftliche Organisationen

  • Das Wahlsystem

  • Direkte Demokratie

  • Aspekte von Geschlechterdemokratie

  • Ein- und Ausschluss nicht-österreichischer StaatsbürgerInnen hinsichtlich bürgerlicher und politischer Rechte.

Dort, wo es sinnvoll ist, versucht der Bericht eine knappe vergleichende Bilanz der britischen und österreichischen Untersuchungsergebnisse zu ziehen (Kap. 6) und identifiziert schließlich offene Probleme und Fragestellungen, die sich im Zuge der Projektarbeiten ergeben haben (Kap. 7).

Aufgrund des Anliegens, die bis dato vorliegenden beiden zentralen Ergebnisbände des britischen Democratic Audit und andere wichtige Arbeiten genauer vorzustellen, entschloß sich das Projektteam, einen ausführlichen zweiten Teilband zu verfassen. Dieser dokumentiert v.a. erweiterte Zusammenfassungen der Kapitel von "The Three Pillars of Liberty. Political Rights and Freedoms in the United Kingdom" (Democratic Audit Volume 1) sowie von "Political Power and Democratic Control in Britain" (Democratic Audit Volume 2).

 

1998: Autonomie im Bereich des höheren Bildungswesens

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr
Fertigstellung:    Jänner 1998

Dieses Projekt dient der vergleichenden Darstellung und systematischen Analyse sowie Evaluierung der Situation von Universitäten und universitären Einrichtungen in Österreich und in den USA. Fragen der Unabhängigkeit, der "akademischen Freiheit", der inneren Gestaltungsmöglichkeit (einschließlich der finanziellen Entwicklung) werden einerseits am Beispiel der US-amerikanischen Universitäten (vor allem anhand der Fallbeispiele Stanford und Berkeley), andererseits anhand der Entwicklung österreichischer Universitäten behandelt.

Dabei kommt einerseits dem UOG 1993 und der damit verbundenen, signifikanten Ausweitung universitärer Autonomie ein hoher Stellenwert zu; andererseits werden die Fachhochschulen auf ihre Vergleichbarkeit mit Universitäten hin analysiert.

Dieses Projekt soll Optionen aufzeigen, die die wissenschaftliche und universitäre Entwicklung in Österreich vorfindet oder demnächst wahrscheinlich vorfinden wird. Die international vergleichende Seite ist dabei der entscheidende Parameter: In welchem Ausmaß, in welchem Umfang sind Entwicklungsdynamiken vorstellbar, die die autonome Gestaltung von Universitäten und universitären Einrichtungen in Zukunft anders als bisher ermöglichen.

Das Projekt steht in enger Verbindung mit einer rein verfassungsrechtlichen Studie, die von der Universität Salzburg (Univ. Prof. Dr. Berka) durchgeführt wird. Das Institut für Konfliktforschung war für den sozialwissenschaftlichen, insbesondere politikwissenschaftlichen Teil der Gesamtstudie zuständig.

 

1997: Demokratie- und Verfassungs(reform)-Diskussion in Österreich

Projektleitung:    Prorektor Univ.-Prof. Dr. Manfried Welan
Durchführung:    Dr. Christian Schaller
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 5584
Fertigstellung:    Juni 1997

Die "Österreich-"und "Zweite Republik-Jubiläen" 1995/96, aktuelle demokratiepolitische Auseinandersetzungen (wie etwa um eine "Dritte Republik" bzw. das Spannungsverhältnis zwischen präsidialer und parlamentarischer Demokratie) boten Anlaß dafür, praktisch-politische wie wissenschaftliche Auseinandersetzungen um "Demokratie- und Verfassungsreformen" in Österreich konzentriert auf einen Vergleich mehrerer Fallbeispiele zu untersuchen. Unter "Demokratiereform" wurde im Projekt ein Komplex von konzeptiver wie praktisch umgesetzter Kritik, von Reformen und Alternativen - jeweils in bezug auf den Status quo des demokratisch verfaßten politischen Systems bzw. einzelner seiner Komponenten und Verfahrensregeln - verstanden.

Das Forschungsprojekt behandelte fünf Fallbeispiele nach einem analog strukturierten Untersuchungsraster und unterzog diese abschließend einer zusammenfassenden vergleichenden Interpretation und Erklärung.

  1. Demokratie- und Verfassungs(reform)-Diskussionen in der Ersten Republik 1918 - 1929

  2. Demokratie- und Verfassungs(reform)-Diskussionen um "Formal- und Realverfassung" und den "Parteien- und Verbändestaat" zwischen 1955 und 1966

  3. Demokratie- und Verfassungs(reform)-Diskussionen 1966 - 1975 im Spannungsfeld von Demokratiereform und Demokratisierung

  4. Demokratiekritik und Demokratiereform-Vorschläge Neuer Sozialer Bewegungen und der Grünen (-Alternativen) 1975 - 1997

  5. Diskussionen um "Demokratie- und Verfassungsreform" und "Dritte Republik" unter Berücksichtigung der Präsidialismusdebatten 1985 - 1997.

Dabei wurden jeweils a) der gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Kontext sowie die Interessenlagen und Motive für Demokratie- und Verfassungsreform-Diskussionen, b) deren wesentliche Entwicklung, Themen und Akteure sowie schließlich c) die (möglichen) Ergebnisse einer praktisch-politischen Umsetzung der Demokratie- und Verfassungs(reform)-Diskurse im politischen System untersucht. Die zusammenfassende vergleichende Interpretation und Erklärung identifizierte jeweils a) dominierende Themen, Themenkonjunkturen sowie -brüche, b) Leitbilder von "Demokratie" bzw. demokratietheoretische Positionen/Konzepte in den Debatten, c) Erklärungsfaktoren für die Entwicklung bzw. schließlich d) die erfolgreiche oder gescheiterte Umsetzung und Konsequenzen von Demokratie- und Verfassungs(reform)-Diskussionen.

Aufgrund des Umfangs und der Komplexität des Forschungsprojektes konnte die offizielle Projektlaufzeit bis Ende November 1997 verlängert und der Bericht zu diesem Zeitpunkt abgegeben werden. Vier der fünf Fallstudien wurden bereits zuvor (mit gegenüber der Endfassung großteils identen Versionen) 1996/97 in der Schriftenreihe Forschungsberichte des Instituts für Wirtschaft, Politik und Recht der Universität für Bodenkultur veröffentlicht. Für 1998 ist eine Zeitschriftenpublikation auf Basis der zusammenfassenden vergleichenden Interpretation und Erklärung der analysierten Demokratie- und Verfassungs(reform)-Diskussion geplant.

 

1996: Der Nationalrat auf dem Weg zum Arbeitsparlament

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 5421
Fertigstellung:    Juli 1996

Die Leitfrage des Forschungsprojekts besteht darin, ob auf den österreichischen Nationalrat die Kategorisierung als "Arbeitsparlament" zutrifft bzw. ob es eine langfristige Entwicklung des österreichischen Parlamentarismus gibt, die sich als Entwicklung in Richtung Arbeitsparlament interpretieren läßt. Unter diesem Gesichtspunkt wird die Entwicklung des Nationalrats einem historischen Längsschnittvergleich (Beginn der 1970er Jahre bis Mitte 1996) unterzogen. Dabei wird primär eine funktionsorientierte Analyse der Arbeit des Nationalrats unter dem Schwerpunkt der tatsächlichen Rolle dieser Körperschaft im Gesetzgebungsprozeß bzw. der "nichtöffentlichen" Bereiche der parlamentarischen Arbeit (v.a. Ausschußverfahren, Arbeitsteilung in den Klubs etc.) vorgenommen. Auch die Infrastruktur des Nationalrats (parlamentarisch-wissenschaftliche Dienste, aber auch Klubfinanzierung, parlamentarische MitarbeiterInnen) wird genauer beschrieben. Daneben werden nicht unmittelbar als Charakteristika von Arbeitsparlamenten einzustufende zentrale Parlamentsfunktionen ("Tribünefunktion", parlamentarische Kontrolle) berücksichtigt.

Die quantitativen wie qualitativen Befunde ergeben, daß die Bedeutung des Nationalrats im österreichischen Regierungssystem im vergangenen Vierteljahrhundert deutlich zugenommen hat - nicht nur im Sinne einer Bühne des Konflikts zwischen Regierung und Opposition ("Redeparlament"), sondern v.a. auch in dem Sinne, daß zunehmend (führende bzw. spezialisierte) ParlamentarierInnen maßgeblich am Gesetzgebungsprozeß mitwirken. Generell steht heute der Nationalrat stärker im Zentrum des Regierungssystems als vor 25 Jahren.

 

1996: Graue Panther - Zur Wahrscheinlichkeit und Intensität der politischen Mobilisierung der älteren Generation in Österreich

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Dr. Ilse König
DSA Christina Radner
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Fertigstellung:    Dezember 1996

Seit Ende der 80er Jahre hat sich der Faktor "Alter" im Gegensatz zum Faktor "Jugend" in Österreich politisch verselbständigt. Alter wird ein das politische Verhalten zunehmend beeinflussender Faktor, Alter wird ebenso ein die politischen Inhalte zunehmend bestimmendes Thema.

Das Forschungsprojekt umfaßt zwei Untersuchungsebenen. Einmal die Ebene von "politics", also die Ebene politischer Interessen und deren Artikulierung - hier steht die Frage nach dem Wahlverhalten und dessen Auswirkungen auf das Parteien- und Verbändesystem im Vordergrund. Die Ebene von "policies" beschreibt und analysiert die Inhalte und Ergebnisse von Politik - mit dem Schwerpunkt auf den sozial- und gesundheitspolitischen Politikfeldern.

Für die Beschreibung und Analyse der beiden Ebenen wurden folgende Datenquellen herangezogen: Ergebnisse der Wahlforschung, ausgewertet nach dem Faktor "Alter"; Umfrageergebnisse zur Partizipation an Formen der direkten Demokratie; der Inhalt von Regierungserklärungen, Parteiprogrammen, Wahlpropaganda, Interviews mit VertreterInnen der Parlamentsparteien, Interessenvertretungen, Verwaltung, Seniorenorganisationen und Wissenschaft. Dem werden gesetzliche Entwicklungen ca. der letzten 15 Jahre gegenübergestellt. In die Ergebnisse einbezogen sind auch Vergleiche mit anderen westlichen Demokratien.

 

1996: Entwicklung eines Kursangebotes für Lehroffiziere in der Wehrpolitischen Ausbildung

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Walter Fend
Dr. Birgitt Haller
Finanzierung:    Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung
(Bundesministerium für Landesverteidigung)
Fertigstellung:    Dezember 1996

Die Im Rahmen eines Auftrages des Bundesministeriums für Landesverteidigung an das Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, Abteilung Politische Bildung, beteiligte sich das Institut für Konfliktforschung an der Erstellung eines Kursangebotes für Lehroffiziere in der Wehrpolitischen Ausbildung.

Zunächst wurde davon ausgegangen, daß das Simulationsspiel POL&IS, das von Zentrum für Innere Führung (BRD) entwickelt wurde, die Grundlage eines solchen Curriculums bilden könnte. Nach einer dreitägigen Spielleiterausbildung für POL&IS mit Teilnehmern von verschiedenen Militärakademien und -schulen im November 1995 wurde beschlossen, nicht auf diesem Planspiel aufzubauen, sondern ein eigenständiges Curriculum zu erstellen.

Das Ausbildungsprogramm wurde in drei Module gegliedert, die zwischen April und November 1996 jeweils mehrtägig durchgeführt wurden.

  • Modul 1: Pädagogik/Didaktik der Politischen Bildung

  • Modul 2: Politikwissenschaftliche Grundlagen der Politischen Bildung

  • Modul 3: Transfer.

Durch die Teilnahme an diesem Kurs sollen die Lehroffiziere befähigt werden, in ihrer beruflichen Praxis neue Zugänge und Themenstellungen im Bereich der Politischen Bildung zu erfahren und auszuprobieren.

 

1995: Zukunftsperspektiven der Arbeiterkammern

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Christian Schaller
DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Bundeskammer für Arbeiter und Angestellte, Wien
Fertigstellung:    August 1995

Die Seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre war die AK von einer rapide zunehmenden Legitimationskrise betroffen: Eine zwischen 1984 und 1994 halbierte Wahlbeteiligung und parallel zunehmende öffentliche Kritik an der Kammer-Pflichtmitgliedschaft stellten die Existenz der AK als Kammer in Frage.

Vor dem Hintergrund der im Koalitionsübereinkommen 1994 für alle Kammern vorgesehenen Mitgliederbefragung über die Pflichtmitgliedschaft untersuchte das Forschungsprojekt auf Basis qualitativer Interviews, Wahlanalysen und einer Sekundäranalyse von Umfrageergebnissen unterschiedliche Gruppen von AK-Zugehörigen. Zentrale Fragen waren dabei Wissensstand über bzw. etwaige emotionale Bindung an die AK sowie unterschiedliche thematische Präferenzen dieser unterschiedlichen Zielgruppen der Arbeit der AK. Ebenso wurden bisherige Erfahrungen mit Mitgliederbefragungen über die Pflichtmitgliedschaft evaluiert.

 

1995: Wahlkampfbeobachtung

Auftraggeber: Oesterreichische Nationalbank

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka

Mag. Brigitte Halbmayr, Susanne Höggerl, Dr. Christian Schaller, DDr. Hubert Sickinger, Mag. Andreas Vretscha

1995: Möglicheiten der Sozialpartnerschaft in Slowenien

Projektleitung:    Univ.Doz. Dr. Albert F. Reiterer
Durchführung:    Mag. Brigitte Halbmayr
Dr. Birgitt Haller
Dr. Igor Lukšic
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 4933
Fertigstellung:    Dezember 1995

Nach der Erhebung der "Möglichkeiten sozialpartnerschaftlicher Konfliktregelung in der Tschechischen und Slowakischen Republik" (1992/1993) wurden in einem weiteren östlichen Nachbarstaat Österreichs die Schwierigkeiten und Chancen der Institutionalisierung sozialpartnerschaftlicher Einrichtungen untersucht. Der Projektbericht wurde nach eineinhalbjähriger Forschungsarbeit im Mai 1995 abgeschlossen. Das Forschungsdesign wurde in österreichisch-slowenischer Zusammenarbeit entwickelt, in der Folge ergab sich eine Arbeitsteilung dahingehend, daß sich der slowenische Kollege vor allem auf die Datenerhebung und die Durchführung der Interviews konzentrierte, während es Aufgabe der österreichischen Wissenschafterinnen war, die Forschungsergebnisse zu formulieren und vor dem Hintergrund der österreichischen Literatur zur Sozialpartnerschaft zu analysieren und zusammenzufassen.

Slowenien hat eine lange korporatistische Tradition, deren Wurzeln zum einen in den Enzykliken Rerum Novarum (1891) und Quadragesimo Anno (1931) liegen, zum anderen im jugoslawischen Selbstverwaltungssystem. In der sozialistischen Republik Jugoslawien wurden Kammern auf allen staatlichen Ebenen geschaffen, die politische Repräsentation erfolgte über Berufsgruppen. In dieser Tradition ist die Einrichtung des Staatsrates durch die Verfassung der Republik Slowenien im Dezember 1991 als zweite parlamentarische Kammer, die sich nach berufsständischen und regionalen Kriterien zusammensetzt, zu sehen. Innerhalb des politischen Systems hat der Staatsrat nur sehr beschränkte Kompetenzen, er verfügt nur über ein suspensives Veto, aber er fungiert damit als eine Art Aufsichtsorgan. Das zweite tripartistische Organ ist der Wirtschafts- und Sozialrat, der im April 1994 auf Druck der Gewerkschaften eingerichtet wurde.

Der slowenische Wirtschafts- und Sozialrat ist mit ähnlichen Problemen wie seine Pendants in der Tschechischen und der Slowakischen Republik konfrontiert. Seine Entscheidungen sind zwar nach den Statuten verbindlich, de facto setzt sich die Regierung aber darüber hinweg. Der Rat ist damit kein eigenständiger politischer Machtfaktor, sondern eher ein Beratungsorgan für die Regierung. Obwohl es (teilweise intensive) Kooperationen zwischen Verbändevertretern und politischen Parteien gibt, wird eine institutionalisierte Verflechtung zwischen Verbänden und Parteien von allen Beteiligten abgelehnt. Wichtiger als die Zusammenarbeit mit Parteien ist diejenige mit Abgeordneten - das Lobbying nimmt breiten Raum ein. Auf der Arbeitnehmerseite gibt es keine dem österreichischen Kammersystem entsprechende Pflichtmitgliedschaft, nur auf der Arbeitgeberseite bestehen zwei Kammern. Auf der Gewerkschaftsseite besteht keine Monopolisierung der Verbandsinteressen, nur die größten Gewerkschaften sind in die Tripartität eingebunden, die Vielzahl von kleineren begehrt dagegen auf. Bei den Arbeitgebern ist der Konzentrationsgrad der Verbandsinteressen deutlich höher, wird aber dadurch beeinträchtigt, daß wegen der langsam voranschreitenden Privatisierung auch die Regierung noch häufig als Arbeitgeber fungiert.

Obwohl es in Slowenien eine lange korporatistische Tradition gibt, deren Grundgedanke sich etwa im berufsständisch besetzten Staatsrat oder in der Existenz von Kammern widerspiegelt, obwohl ein sozialpartnerschaftlich besetzter Wirtschafts- und Sozialrat eingerichtet wurde, neigt Slowenien im Spannungsfeld zwischen korporatistischem und lobbyistischem System doch eher dem Lobbysystem zu: Der zentrale Machtfaktor Regierung behindert die korporatistischen Institutionen.

 

1995: Städtische Autonomie in Mitteleuropa: Bratislava, Budapest, Prag, Wien

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Jozsef Bayer
Dr. Lubomir Faltan
Mag. Walter Fend
Dr. Michal Illner
Prof. Dr. Dov Ronen
Finanzierung:    Wiener Internationale Zukunftskonferenz
Fertigstellung:    September 1995

Im Zentrum der Untersuchung stand die Hypothese, daß in den kommenden Dekaden die Städte an politischer, ökonomischer und kultureller Autonomie gewinnen werden.

Als Resultat einer solchen Entwicklung kommt es überdies zu einer Verschiebung im Identitäts- und Loyalitätsmuster der urbanen Bevölkerung zugunsten der Stadt und auf Kosten des Staates. Die ökonomische Globalisierung, der verstärkte Einsatz neuer Technologien, vor allem im Kommunikationsbereich, und das Fortschreiten des Einigungsprozesses in Europa führen zu einer Verlagerung der Macht zu Akteuren jenseits des Staates, wodurch eine neue globale Ordnung entsteht.

Die Entwicklungen der Hauptstädte der Reformländer und jene Wiens hinsichtlich der städtischen Autonomie zeigen sowohl Parallelen als auch Unterschiede. Bratislava, Budapest und Prag ist gemeinsam, daß sie durch das zentralistische Erbe der kommunistischen Ära eine überaus dominante Position in ihren Staaten einnehmen. Dies gilt auch für die noch junge Hauptstadt der Slowakei. Zudem ist zu erwarten, daß die nationalen Regierungen gerade im ökonomischen Wettbewerb und im Streben nach einem EU-Beitritt auf die Potentiale ihrer Zentren setzen werden. Umgekehrt scheinen sich die rechtlichen Kompetenzen der Städte nur langsam zu entwickeln. Gerade in Hinblick auf die Fundierung interurbaner grenzüberschreitender Beziehungen zeigt sich im Unterschied zu Wien eine noch deutliche Abhängigkeit von den nationalen Regierungen.

Die Autonomie Wiens ihrerseits ist vom EU-Beitritt und dem wachsenden internationalen Wettbewerb zwischen den Städten betroffen. Um die Autonomie zu wahren, sind neue Strategien erforderlich. Im Rahmen der EU ist ein aktives Lobbying ebenso notwendig wie die Mitarbeit in interregionalen und interurbanen Dachorganisationen.

Die Autonomie bedarf aber auch einer "inneren" Stützung durch die Erweiterung der Informations- und Partizipationsmöglichkeiten der städtischen Bevölkerung. Denn dies garantiert die Loyalität der Bevölkerung zu den städtischen Repräsentanten, die, hierdurch gestärkt, die Interessen der Stadt gegenüber anderen Akteuren, wie dem Staat, wahren können.

Eines der wichtigsten Forschungsergebnisse ist es, daß dem verschärften Wettbewerb auch zwischen den Städten Strategien der Kooperation entgegenzuhalten sind, die Synergieeffekte und ein höheres Problemlösungspotential zum gemeinsamen Vorteil ermöglichen, sodaß in Summe die Autonomie der Städte gestärkt wird. Gerade das europäische Beispiel zeigt, daß die EU als supranationale Institution an einem eigenständigeren Agieren von subnationalen Einheiten, wie den Städten, interessiert ist, denn die Zusammenarbeit letzterer fördert zusätzlich die Integration, d.h. sie stärkt die EU als supranationale Entität.

 

1994: Grundfragen der Demokratie (Polen, Ukraine)

Auftraggeber: Oesterreichische Nationalbank

Dr. Christian Haerpfer, Dr. Ilse König

Mag. Walter Fend, Regina Haberfellner, Dr. Andrzey Ziolkowski

1994: BürgerInnen und ihre Vertretung

Auftraggeber: Österreichischer Rundfunk / Abteilung Politik und Zeitgeschichte

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Dr. Birgitt Haller

1993: Krieg und Wertewandel bei de-facto-Flüchtlingen aus Bosnien-Herzegowina

Auftraggeber: Oesterreichische Nationalbank

Dr. Hubert Christian Ehalt, Dr. Christian Haerpfer

Dr. Monika Wammerl, Mag. Rupert Weinzierl, Mag. Javorka Finzi-Pocrnja, Mag. Claudia Palt, Mag. Karin Augusta, Karni Weiz

1993: Möglichkeiten sozialpartnerschaftlicher Konfliktregelung in der Tschechischen und Slowakischen Republik

Auftraggeber: Oesterreichische Nationalbank

Univ.Prof. Dr. Zdenek Mlynar

Dr. Birgitt Haller, Dr. Christian Schaller, Dr. Lubomir Brokl, Dr. Zdenka Mansfeldova, Dr. Monika Cambalikova

1993: Neue Demokratien-Barometer 1992

Auftraggeber: Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung

Dr. Christian Haerpfer / Dr. Monika Wammerl

1990: Jugend und Politik

Auftraggeber: Zentralsparkasse der Gemeinde Wien

Dr. Sonja Puntscher Riekmann

> Forschung zur Demokratieentwicklung der EU
2009: Europa und das Andere - Konflikte um Geschlecht und Religion Tagung und Podiumsdiskussion (2009)

Durchführung: Mag.a Karin Bischof
MMag.a Dr.in Karin Stögner
Dr. Florian Oberhuber
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Stadt Wien, Magistratsabteilung 7, Kultur
Stadt Wien, Magistratsabteilung 17, Integrationsangelegenheiten
Stadt Wien, Magistratsabteilung 57, Frauenförderung
Fertigstellung:    März 2009

Das Institut für Konfliktforschung hat in Kooperation mit dem Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und dem Demokratiezentrum Wien die Tagung "Europa und das Andere" durchgeführt. Ziel der Veranstaltung war es, Forschungsergebnisse zu diesem Thema, das in medialen Debatten im Vordergrund steht, im wissenschaftlichen Bereich aber lediglich in Einzelprojekten erforscht wird, zusammenzuführen, mit internationalen ExpertInnen zu diskutieren und gleichzeitig auch interessierten PraktikerInnen nahe zu bringen. Insbesondere die Podiumsdiskusion im Anschluss an die Veranstaltung zielte auf ein breiteres, über die scientific community hinausgehendes Zielpublikum.

Folgende ExpertInnen referierten im Rahmen der Tagung: Sabine Strasser (METU Ankara), Valerie Amiraux (Université de Montreal), Nora Gresch, Sieglinde Rosenberger, Birgit Sauer (Universität Wien), Karin Bischof und Karin Stögner (Institut für Konfliktforschung), Lydia Potts (Universität Oldenburg), Barbara Toth (Journalistin Der Falter), Stefanie Mayer und Elisabeth Röhrlich (Demokratiezentrum Wien), Cengiz Günay (ÖIIP).

 

2004: Campaign Strategies in the European Elections 2004

Projektleitung: Univ. Prof. Dr. Jean Blondel, Dr. Federica Bicchi
Durchführung: Mag. Walter J. Fend
Finanzierung:    Robert Schuman Centre for Advanced Studies - European University Institute (Florenz )
Fertigstellung:    Juli 2004

Anlässlich der Wahlen zum Europäischen Parlament untersuchte ein Netzwerk von Forschungseinrichtungen im Auftrage des Europäischen Parlaments und der Europäischen Kommission unterschiedliche Aspekte rund um den Urnengang. In diesem Rahmen oblag dem European University Institute die wissenschaftliche Untersuchung der Wahlkampfstrategien in allen 25 Mitgliedsstaaten. Das IKF führte hierfür die empirischen Untersuchungen in Österreich durch.

Die zentrale Hypothese der Untersuchung war, dass die Qualität der Organisation des Wahlkampfes, ungeachtet der ideologischen Orientierung der Wahlwerber, einen merklichen Einfluss auf die Partizipation der Wahlberechtigten hätte.

Zu diesem Zwecke wurden im Zeitraum von cirka sechs Wochen drei Interviewrunden mit den für die Wahlkampforganisation Verantwortlichen aller vier im österreichischen Parlament vertretenen Parteien durchgeführt. Zwei Gesprächsrunden gab es vor und eine unmittelbar nach den Wahlen. Ihr methodischer Zweck war es, etwaige Änderungen in der Strategie im Verlauf des Wahlkampfes festzustellen, beziehungsweise im letzten Interview die Parteienvertreter reflektieren zu lassen, auch hinsichtlich möglicher Fehler oder Mängel in der Wahlkampfstrategie.

Für alle 25 Länderteams wurden einheitliche, standardisierte Fragebögen verwendet. Erkundet wurden die Größe und Struktur der Wahlkampfteams, die Vorbereitungen zur Wahlkampfstrategie, die Art und Weise der Identifikation der Zielgruppen, die Wahlkampfaktivitäten, das Interagieren mit den Medien, die Themen des Wahlkampfes sowie die organisatorische Internationalisierung des Wahlkampfes, etwa durch den Auftritt von PolitikerInnen aus den europäischen Schwesterparteien. Als Ergänzung wurden auch Daten zur Wahlkampffinanzierung eruiert. Ein Vergleich mit den Ausgaben für die letzten EU-Wahlen sowie die letzten Nationalratswahlen ermöglichte zudem Rückschlüsse hinsichtlich der Prioritätensetzung der Wahlwerber. Die Vergleichsstudie, welche die Resultate aus allen 25 Mitgliedsstaaten umfasst, wird seitens des EUI voraussichtlich im ersten Quartal 2005 der Öffentlichkeit zugänglich sein.

 

1998: Sozialer Dialog in Europa

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Univ. Prof. Dr. Ferdinand Karlhofer
Dr. Christian Schaller
DDr. Hubert Sickinger
Univ. Prof. Dr. Brigitte Unger
Finanzierung:    Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales
Fertigstellung:    September 1998

Die Studie umfaßt folgende Bereiche: Erstens erfolgt eine konzise Darstellung der Entwicklung und aktuellen Situation der österreichischen Sozialpartnerschaft. Einerseits werden ausführlich die politischen Strukturen des österreichischen Korporatismus beschrieben und der Frage nachgegangen, inwiefern sich hier durch den österreichischen EU-Beitritt Änderungen ergeben haben. Berücksichtigt wird in diesem Kontext wesentlich auch die Frage, inwiefern "Terrainverluste" durch österreichische Kompetenzabtretungen an die EU durch Mitwirkungsmöglichkeiten der Sozialpartner an der Politikformulierung der österreichischen Bundesregierung "in Brüssel" und durch die Mitwirkung in europäischen Verbänden kompensiert werden konnten. Andererseits wird die Rolle der österreichischen Sozialpartner konkret hinsichtlich ihrer wirtschafts- und sozialpolitischen Resultate und Funktionen untersucht.

Zweitens wird der Frage nachgegangen, hinsichtlich welcher Aspekte das österreichische Modell der Sozialpartnerschaft ein Vorbild für den sozialen Dialog auf EU-Ebene darstellen könnte. Die Studie des Instituts für Konfliktforschung war hinsichtlich dieses Gesichtspunkts in ein breites Forschungsvorhaben eingebunden, dessen komparatistischer Teil zum größeren Teil von einem britischen Forscherteam erarbeitet wurde. Vom IKF wurden der aktuelle Stand des Sozialen Dialogs zusammengefaßt und die Positionen österreichischer Sozialpartnerexperten zur Frage dieser potentiellen Übertragbarkeit erhoben. Ergänzend wurde - auch zur Kontrastierung spezifisch österreichischer Sichtweisen - kurz die Entwicklung in den ebenfalls neu beigetretenen Mitgliedstaaten Schweden und Finnland beschrieben.

 

1994: Die österreichische EG / EU-Diskussion in den Bundesländern

Auftraggeber: Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka

Dr. Christian Schaller, Mag. Christian Laireiter, DDr. Hubert Sickinger, Mag. Andreas Vretscha, Dr. Thomas Weninger, Mag. Walter Fend

1991: Die EG-Debatte in Österreich. Die innenpolitische EG-Diskussion in den 80er-Jahren

Auftraggeber: Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka, Univ.Prof. Dr. Hans Peter Neuhold / Dr. Christian Schaller, Dr. Paul Luif

 
 
> Forschung zu Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Sexismus

Innerhalb des Forschungsbereiches "Cleavages in Politik und Gesellschaft" nimmt der Schwerpunkt Rassismus (inklusive Antirassismus) breiten Raum ein. Er umfasst sowohl die Dokumentation von Rassismus und antirassistischen Initiativen im EU-Kontext und die Dokumentation des Forschungsstandes in Bezug auf Rassismus/Antirassismus als auch die praxisnahe Generierung von Empfehlungen für antirassistische, integrationsfördernde Maßnahmen im Rahmen von Evaluierungen. Insbesondere haben sich in den letzten Jahren MitarbeiterInnen des Instituts auch der theoretischen Auseinandersetzung mit Rassismus gewidmet, etwa im Kontext von Intersektionalität, im Kontext einer vergleichenden Perspektive auf andere Vorurteilsformen oder mit Fokus auf mediale Diskurse.
Auch der Erforschung des Antisemitismus kommt am IKF große Bedeutung zu. In den theoretischen und empirischen Projekten wird Antisemitismus weder als einheitliches noch als statisches Phänomen verstanden, sondern in seiner historischen und gesellschaftlichen Kontinuität und Diskontinuität analysiert und in gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und historischen Kontexten situiert. Dabei sind insbesondere auch die Veränderungen in den sprachlichen Äußerungen des Antisemitismus zu bedenken. Für eine Analyse der Funktionen und Strukturen des Antisemitismus ist es notwendig, Veränderungen in den Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen er auftritt.
In den letzten Jahren lag das Augenmerk der Forschungen in diesem Bereich insbesondere auf Vermittlungen von Antisemitismus und Sexismus. Dem analytischen Ansatz der Intersektionalität folgend wurden dabei auch die Verschlingungen mit Rassismus und Klassenvorurteilen berücksichtigt. Gegenwärtig werden von Institutsmitarbeiterinnen aktuelle Manifestationen des Antisemitismus im Bereich Nationalismus und im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise untersucht. Die Forschungsergebnisse werden regelmäßig auf internationalen Konferenzen präsentiert und publiziert.

2011: Antisemitismus und Finanzkrise: eine Untersuchung österreichischer Printmedien

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Frank Stern (Institut für Zeitgeschichte, Univ. Wien)
Durchführung: MMag.a Dr.in Karin Stögner
Mag.a Dr.in Karin Bischof
Mag.a Elke Rajal (AkademikerInnentrainee)
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, Projekt Nr. 13549
Fertigstellung:    Juli 2011

Das Forschungsprojekt fokussierte auf die Berichterstattung über die Wirtschafts- und Finanzkrise in österreichischen Printmedien in den Jahren 2008-2010 unter dem Aspekt eines dabei transportierten Antisemitismus. Methodisch war das Projekt diskursanalytisch ausgerichtet.

Als ein wesentliches Ergebnis der Untersuchung lässt sich zunächst eine weitgehende Vermeidung antisemitischer Stereotype in der Behandlung der Thematik Finanz- und Wirtschaftskrise festhalten. Dies gilt für fast alle der untersuchten Printmedien (Der Standard, Die Presse, Kurier, profil, Format und News). In Anlehnung an Martin Reisigl und Ruth Wodak kann man hier von einem wirksamen „Tabu“ sprechen. Eine Ausnahme stellt allerdings die Neue Kronen Zeitung dar, in der sich sehr wohl manifeste antisemitische Äußerungsformen finden.

Der Fokus der Untersuchung lag einerseits auf einer genaueren Analyse der aufgefundenen antisemitischen Diskursstränge und ihrer Verortung in historischen und aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus sowie der entsprechenden stereotypen Darstellungs- und Argumentationsmuster. Andererseits bezog sich das Erkenntnisinteresse aber auch auf jene Grauzonen, in denen die Wirksamkeit dieses „Tabus“ nachlässt bzw. schwindet.

Antisemitische Diskurselemente im Printmedienkorpus werden in einer Reihe von thematischen Konstellationen transportiert, welche traditionell mit dem Antisemitismus in Verbindung stehen, und sie finden sich vor allem innerhalb von Darstellungsformen der Finanz- und Wirtschaftskrise, welche die Krise als Konsequenz des Handelns bestimmter, teils kryptisch konstruierter Gruppen („Spekulanten“, „Hochfinanz“) bzw. als Konsequenz aus allgemeinem Moral- und Werteverlust sehen.

Vor allem dort, wo bestimmte Gruppen als Hauptschuldige ausgemacht („Hochfinanz“, „Kreise in Politik und Hochfinanz“, „Finanzhaie“, „Spekulanten“, „Zocker“) und im Rahmen von Bedrohungsszenarien einem homogen konstruierten Eigenen („Volk“) gegenübergestellt werden, wo deren Gier herausgestellt und zudem noch eine Schädigung des Eigenen durch dieses „(Volks)Fremde“ ausgemacht wird („Konzerne, Banken, Hochfinanz, schmarotzen an der Volkssubstanz“, Kronen Zeitung, 17.3.2010), manifestieren sich (alte) antisemitische Stereotype im Diskurs. Dabei gehen völkischer und nationalistischer Diskurs, eine dichotomisierende, stereotype Gegenüberstellung von Finanzsphäre und Produktionssphäre und Weltverschwörungsszenarien eine enge Verbindung ein. Mehrfach sind diese Gruppen auch jüdisch konnotiert und US-amerikanisch markiert (die „Federal Reserve ... unter Führung der beiden Großfinanzgruppen Rothschild und Rockefeller“, Kronen Zeitung, 17.5.2009), wodurch die Themenkonstellation noch häufig um antiamerikanische Ressentiments ergänzt wird. Nicht selten wird diesen dem Eigenen gegenübergestellten „Fremdgruppen“ Gewalt und Verbrechen unterstellt. Auch zentrale Elemente des Post-Holocaust-Diskurses, insbesondere Strategien der Schuldumkehr im Rahmen einer spezifischen Konstruktion von Schuld und Verantwortung für die Wirtschafts- und Finanzkrise, sind ein mehrfach wiederkehrendes Moment in den untersuchten Texten. Ein weiterer Themenblock, vor dessen Hintergrund antisemitische Diskursstränge dechiffriert wurden, ist der breite Bereich der Globalisierungskritik, wobei hier jedoch vergleichsweise wenig ausgeprägte Beispiele zu finden waren.

Was die Fokussierung der Grauzonen betrifft, in denen die Vermeidungsstrategien antisemitischer Stereotype brüchig werden und das „Tabu“ schwindet, so zeigte sich Folgendes: Das „Tabu“ fällt – wie die Analyse einer Forumsdiskussion exemplarisch zeigt – dort, wo ein Jude Österreich kritisiert. Im Zusammenhang mit dem Motiv der Nestbeschmutzung finden sich nahezu alle Stufen und Schattierungen antisemitischer Äußerungsformen bis hin zur offenen Beschimpfung. Als eine Grauzone stellte sich schließlich die Thematik um die Betrugsvorwürfe an der Bankerin Sonja Kohn heraus. Entlang dieses thematischen Anknüpfungspunktes wird – einzigartig im Sample – Judentum und Jüdischsein explizit thematisiert, antisemitische Stereotype finden hier besonders über sexistische Stereotype Eingang in den Diskurs.

 

2008: Evaluation der Gebietsbetreuung für den Bereich städtische Wohnhausanlagen

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr.in Helga Amesberger
Dr.in Evelyn Dawid
Finanzierung:    Amt der Wiener Landesregierung, MA 50
Fertigstellung:    Dezember 2008

Ziel der Evaluierungsstudie war es, die GB Städtische Wohnhausanlagen/GBwohn zu untersuchen, um Probleme, die sich möglicherweise aus der mit Jahresbeginn 2007 erfolgten Umstrukturierung ergeben (haben), rechtzeitig zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Die Untersuchung basiert auf Interviews, die in allen neun Einrichtungen mit Auftragnehmern für die GBwohn und deren MitarbeiterInnen sowie mit einzelnen VertreterInnen der Stadt Wien als Auftraggeber durchgeführt wurden. Thematisiert wurden die Strukturen und Aufgaben der GBwohn, in den Einrichtungen weiters Erfahrungen mit den Auftraggebern und verschiedenen Kooperationspartnern, Einschätzungen zu den einzelnen Tätigkeitsbereichen sowie die Arbeitssituation der MitarbeiterInnen in den GBwohn.

Die wesentlichen Veränderungen seit Jahresbeginn 2007 sind die Entflechtung der klassischen Gebietsbetreuung, jetzt GBstern, und der GBwohn, verbunden mit einer deutlichen Mittelaufstockung für die GBwohn, einer Reduktion und Anpassung der Betreuungsgebiete der Gebietsbetreuung an die Verwaltungsgebiete von Wiener Wohnen, und verschiedenen neuen Vorgaben auf der inhaltlichen und der organisatorischen Ebene. Die zu den Veränderungen befragten GesprächspartnerInnen (ausschließlich Personen, die Erfahrungen mit der GBneu hatten) bewerteten trotz einzelner Kritikpunkte die Umstrukturierung als Erfolg - eine größere Eigenständigkeit der GBwohn gehe Hand in Hand mit ihrer höheren Wertschätzung.

Kooperationspartner der GBwohn sind in erster Linie Wiener Wohnen, weiters die Bezirks­politik sowie vielfältige öffentliche und private Einrichtungen. Insbesondere zu Wiener Wohnen haben sich die Arbeitsbeziehungen im Vergleich zu 2004 deutlich verbessert, obwohl einzelne schon damals angesprochene Probleme weiterhin bestehen (ablehnende Haltung von Wiener Wohnen gegenüber einem Wohnungstausch, zu kurzfristige Information über Delogierungen). Die Tatsache, dass sich laut Jahresbericht 2007 45 Prozent aller allgemeinen Beratungen der GBwohn auf Wiener Wohnen beziehen, verweist allerdings nach wie vor auf Schwächen in der Informationspolitik dieser Einrichtung. BezirkspolitikerInnen werden in den GBwohn als wichtige PartnerInnen gesehen, allerdings sei deren Engagement sehr unterschiedlich und es bestehe immer die Gefahr der Vereinnahmung. Untereinander kooperieren die GBwohn kaum, die Vernetzung beschränkt sich weitgehend auf die (als wichtig empfundenen) Jours fixes; das Hauptargument dafür ist die fehlende Zeit. Eine Zusammenarbeit mit der Gebietsbetreuung Stadterneuerung erfolgt fast ausschließlich dann, wenn beide Einrichtungen in einem Auftragsgebiet denselben Träger haben - und in diesen Fällen werden die Synergieeffekte hoch bewertet.

Detailliert nachgefragt wurde zu den zentralen Tätigkeitsbereichen. Die Konfliktvermittlung betreffend sei oft schwierig festzustellen, ob der Auslöser eines Konflikts eine tatsächliche Lärmbelästigung (der häufigste Anlass für Beschwerden) sei, oder ob damit latenter Rassismus bemäntelt werde. Die GB könne aber immer nur den Lärm als Problem behandeln, auch wenn dieser nur ein Vorwand sei. Im Übrigen würden auch MitarbeiterInnen der Gebietsbetreuungen gelegentlich mit Rassismus konfrontiert. Der Gemeinwesenarbeit kommt aus Sicht vieler Befragter vor allem wegen Personalmangels ein zu geringer Stellenwert zu. Das sei nicht zuletzt deshalb ein Fehler, weil nur dieses Tätigkeitsfeld präventive und nachhaltige Wirkungen entfalte. Allerdings werden von den meisten Einrichtungen viele Projekte und Veranstaltungen durchgeführt, die als Gemeinwesenarbeit zu klassifizieren sind. Ein neuer Schwerpunkt schließlich, der seit 2007 forciert wird, ist die Arbeit mit den Mieterbeiräten: Die Kooperation mit ihnen bringe im Regelfall Vorteile für die GBwohn, weil die Beiräte etwa als Informationsvermittler, Beschwerdestelle für die MieterInnen und MultiplikatorInnen in verschiedene Richtungen fungierten.

 

2008: "Hot spots" sozialer Konflikte und Gebietsbetreuung in Wiener Wohnhausanlagen

Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr.in Evelyn Dawid
Mag.a Kerstin Lercher
Dr. Harry Schranz (TrendCom)
Mag. Wolfgang Tomaschitz (TrendCom)
Finanzierung:    MA 50
Fertigstellung:    Januar 2008
Materialien:    Projektbericht

Die dieser Studie zugrundegelegte Hypothese war, dass es in Wien "hot spots" sozialer Konflikte oder zumindest Konfliktpotentiale gibt, die zum einen auf bestimmte Stadtteile und zum anderen auf bestimmte Wohnformen eingrenzbar sind. Ziel der Untersuchung war es daher zu erheben, welche Faktoren als belastende Einschränkungen der Lebensqualität erfahren werden, und vor allem, ob sich diese Faktoren in bestimmten Regionen im Stadtgebiet auf eine Weise überschneiden, dass dabei Brennpunkte nachhaltig wirksamer Konfliktpotenziale und damit unter Umständen besonders gefährdete Zonen entstehen.

Als Untersuchungsregionen wurden im Einvernehmen mit der Leitung der Geschäftsstelle Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung Wohnanlagen in fünf Stadteilen ausgewählt, in welchen vermutet werden konnte, dass die Wohn- und Lebenssituation von mehreren ungünstigen Faktoren zugleich bestimmt wird: zwei Gemeindebauten im 10. und einer im 21. Wiener Gemeindebezirk, ein Gemeindebau und eine private Wohnanlage im 20. Bezirk sowie mehrere private Wohnanlagen im 16. Bezirk. Als Auswahlkriterien für die 25 InterviewpartnerInnen wurden die Zugehörigkeit zur autochthonen bzw. zur zugewanderten Bevölkerung, die Zugehörigkeit zu verschiedenen Altersgruppen und das Geschlecht berücksichtigt.

Schwerpunktthemen waren die Erwartungen an "gutes Wohnen" und die Wohnzufriedenheit – in der Wohnung ebenso wie im Wohnumfeld –, konflikthafte Erfahrungen in Zusammenhang mit Wohnen, aber auch das Sicherheitsgefühl der Befragten in der Wohnumgebung sowie besondere Deprivationserfahrungen und Zukunftsängste. Damit wurde versucht, einen Überblick über verschiedene relevante Faktoren, die als Einschränkung der Lebensqualität erlebt werden, zu erhalten.

In der Untersuchung konnten keine "hot spots" sozialer Konflikte im Wiener Stadtgebiet ausfindig gemacht wurden, die etwa mit der Pariser "banlieue" oder lokal identifizierbaren gefährdeten Zonen in anderen europäischen Großstädten vergleichbar sind. Es fanden sich zwar vielfach Konflikte, die nach dem Muster "Taten statt Worte" ausgetragen wurden, aber deutlich seltener bereits eskalierte Auseinandersetzungen. Konflikte, die so weit gehen, dass sie auf eine "Vernichtung des Feindes" zielen, waren nicht auszumachen. "Hot spots" sind Gebiete, die als gefährliche oder zumindest unsichere Orte empfunden werden, und als solche wurden die Interviewzonen durchgängig von niemandem wahrgenommen.

Sehr wohl aber wurden einerseits in fast allen Gesprächen Störungen beim "gutem Wohnen" konstatiert und andererseits fehlen Versuche zu deren kommunikativer Lösung weitgehend. Allerdings kann die Wohnpolitik nicht alleine die Voraussetzungen für ein "friedliches Zusammenleben" herstellen, sondern auch andere Politikbereiche sind davon berührt. Dies betrifft insbesondere den Status von MigrantInnen – von vielen InterviewpartnerInnen wurden "die Ausländer" als "das Problem" beim Zusammenwohnen gesehen. MigrantInnen bleiben "Fremde", denen alle Störungen zugeschrieben werden, und das ist ein Ausfluss dessen, dass sie, mit geringer Bildung und wenig Aufstiegschancen, sozial marginalisiert und deklassiert sind.

Die Zufriedenheit mit der Wohnung, also mit den eigenen vier Wänden, scheint nicht mit der Konfliktneigung zusammenzuhängen. Es gab unter den Befragten Personen, die mit ihrer Wohnung überaus zufrieden sind und keinesfalls ausziehen wollen, und doch regelmäßig an Konflikten beteiligt sind. Andererseits gab es auch InterviewpartnerInnen, die Kritik an der Wohnung äußerten, aber niemals einen Konflikt austragen. Die meisten Befragten bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen.

Eine ausgeprägtere Rolle spielt dagegen die Identifikation mit der Wohnanlage, konkret mit dem Gemeindebau. Wo der Wohnanlage individuell ein Wert zugemessen wird, scheint es – auch wenn diese einen "schlechten Ruf" hat – zu einer hohen Identifikation zu kommen. Der hohe Wert kann zu einer insgesamt guten Wohnzufriedenheit führen, aber auch zu verstärkter Kritik- und Konfliktbereitschaft, die darauf zielen, das Schöne und Gute zu erhalten. Dort, wo die Anlage nicht in diesem Maße als schön und wertvoll empfunden wird, scheinen Beeinträchtigungen – etwas durch Schmutz – eine vergleichsweise geringere Rolle zu spielen.

Vor allem ältere Menschen oder Menschen, die länger in einer Anlage wohnen, nehmen wahr, dass das Image des Gemeindebaus in letzter Zeit eher gelitten hat. Manche GesprächspartnerInnen sind stolz auf die ursprüngliche Idee des Wiener Gemeindebaus und bedauern dessen gewandeltes Image, das vor allem durch Medienberichte beeinflusst wird. Die Identifikation fällt immer schwerer, damit geht jedoch ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens verloren – Unzufriedenheit ist da noch eine eher schwache Reaktion.

Das Thema "Ausländer im Gemeindebau" spielt hier eine emotional stark besetzte Rolle. Ähnlich wie der Imageverlust für Stadtteile oder ganze Bezirke wird auch das sinkende Ansehen des Gemeindebaus mit dem Zuzug von "Ausländern" in Zusammenhang gebracht. Das Nebeneinander unterschiedlicher Lebensstile innerhalb ein und derselben Wohnanlage wird von manchen Menschen als sehr problematisch empfunden, gleichzeitig ist aber die eigentliche Konfliktlage dieser gemeinsamen Wohnsituation von gebürtigen ÖsterreicherInnen und Zugewanderten wenig konkret.

Insgesamt ist in den persönlich erlebten Konflikten und auch in denen, die als Zaungast beobachtet wurden, kaum etwas von systematischer Konfliktvermittlung zu bemerken. Auch das persönliche Eingreifen von Personen, die sich als Dritte mit der erkennbaren Absicht, in einem Streit zu vermitteln, einmischen, wird selten berichtet. Am häufigsten spielen oder spielten die HausmeisterInnen die Rolle dieses Dritten, allerdings nicht durchwegs im Sinne einer Lösung der anstehenden Konflikte, sondern oft auch als Konfliktauslöser – wobei allerdings die positiven Einschätzungen überwogen.

Besonders überraschend war, dass die Gebietsbetreuung kaum bekannt ist: Von den 18 in Gemeindebauten lebenden InterviewpartnerInnen haben sich nur drei, alle gebürtige ÖsterreicherInnen, bisher an die Gebietsbetreuung gewandt, die meisten hatten von dieser Einrichtung offenkundig noch nie gehört.

Die Analyse der in den Interviews sichtbar gewordenen Konfliktpotentiale, des Umgangs mit Konflikten und der Erwartungen der Befragten mündet in Empfehlungen an das Wohnbauressort der Stadt Wien, mit denen Voraussetzungen dafür geschaffen werden können, tatsächlichen und potenziellen sozialen Konflikten wirksamer zu begegnen. Angeregt wurden insbesondere eine Imagekampagne für den Gemeindebau, um die Idee des sozialen Wohnbaus medial positiv zu besetzen, und die Wiedereinführung einer Dienstleistung vom Typ des "Hausmeisters" – allerdings nicht den "Hausmeister alt", der mit Putzdienst und Ordnungsfunktionen betraut ist und je nach Charakter und Neigung kommunikative und soziale Aufgaben wahrgenommen hat, sondern den "Hausmeister neu", der auch weiterhin Ordnungsfunktionen übernimmt, zudem aber über sozialarbeiterische und mediatorische Fähigkeiten verfügt, die in einer eigens geschaffenen Ausbildung vermittelt werden.

 

2007: Antisemitismus und Antifeminismus: eine zeitdiagnostische Studie der Vermittlung von Vorurteilen

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Frank Stern (Institut für Zeitgeschichte, Univ. Wien)
Durchführung: MMag.a Karin Stögner
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, Projekt Nr. 11801
Fertigstellung:    Dezember 2007

Dieses Projekt stellte sich zur Aufgabe, die vielschichtigen Vermittlungen von Antisemitismus und Antifeminismus einer Analyse zuzuführen. Diese Annäherung an den Gegen-standsbereich fand aus der Perspektive politischer, ökonomischer und geistesgeschichtlicher Erklärungsansätze statt, die jeweils hinsichtlich der Eigenart, Korrespondenz und Differenz von Antisemitismus und Antifeminismus bearbeitet wurden. Ziel war eine bedingungsanalytische Rekonstruktion der subjektiven und objektiven Strukturen beider Vorurteile, um den konzeptionellen Nachvollzug ihrer Wirkungszusammenhänge zu ermöglichen. Dabei wurde auf die Unterschiede ebenso wie auf die Gemeinsamkeiten von Antisemitismus und Antifeminismus Bedacht genommen, indem die jeweils spezifischen Konstellationen, in denen sie stehen, durch diese Archäologie der Vermittlung beleuchtet wurden.

Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt vor allem auf zwei zusammenhängenden Momenten: dem gesellschaftlichen Umgang mit einem bestimmten Konstrukt von Natur und dem gesellschaftlichen Zwang zu Einheit und Eindeutigkeit. Beide erweisen sich sowohl hinsichtlich des Antisemitismus als auch des Antifeminismus als wesentlich, was sich nicht zuletzt darin ausdrückt, dass ab der monistischen Wende im neunzehnten Jahrhundert sowohl Frauen als auch Juden mit "Natur" identifiziert wurden – einem Konstrukt, das dem Bedürfnis der Gesellschaft nach eindeutigen Zuordnungen und Kategorisierungen entsprach. Natur ist dabei stets ambivalent gefasst, einerseits als überwältigende Allmacht, die an Gottes, aber auch der Idee der Wahrheit statt im Zeitalter der Säkularisierung vergötzt wird, andererseits als Konglomerat alles dessen, was in der zivilisierten Menschheit dem Verdikt des Unreinen und Schmutzigen, des Zurückgebliebenen und Ungeläuterten, des Schwachen und nicht ganz auf der Höhe Stehenden repräsentiert. Juden und Frauen werden paradox mit beiden identifiziert: mit dem Schwachen, das, weil es trotzdem lebt, dem Recht des Stärkeren zu widersprechen scheint, was in diesen gesellschaftlichen Konstellationen zu neuer Unterdrückung führt; aber auch mit dem Übermächtigen, den Furcht einflößenden Imaginationen einer zerstörerischen Macht, die weder durchschaut noch eingedämmt werden kann. Diese ambivalente Verquickung von völlig Gegensätzlichem verleiht den paranoiden Vorstellungen einer "jüdischen Weltverschwörung" oder einer "bösen und verschlingenden weiblichen Allmacht" und "Weiberherrschaft" erst ihr spezifisches Gepräge.

Die Überhöhung von Stärke und eine entsprechende Konstruktion von Männlichkeit, in der kalte Überlegenheit über jedes Sich-Anschmiegen an die umgebende Welt triumphiert, ist ebenso Bestandteil antisemitischer und antifeministischer Verfasstheit, wie eine tiefe, idiosynkratische Abneigung gegen Geist und Intellekt. Zusammengehalten werden diese das Vorurteil konstituierenden Stränge durch eine tiefe Feindschaft gegen den Körper, der stilisiert und erhöht, jedoch nicht geliebt wird. In diesen verzerrten Wahrnehmungshorizonten hat er lediglich als von Herrschaft zugerichtetes, an die Maschinerie angepasstes Ding einen Ort; seine Äußerungen werden derart auch nur unter einem funktionalistischen Gesichtspunkt erlebt. Die als fremd und anders wahrgenommenen "Juden" und "Frauen" ragen in dieses fest gefügte Universum herrschaftlich instrumentalisierter Zwecke als Nicht-Identisches, Uneindeutiges, Unzuordenbares herein, als das sie freilich diskursiv stets erzeugt werden. Die spezifisch gegenderten und "rassisierten" Imagines des Juden und der Frau, die zumal ab dem Fin de Siècle im öffentlichen frauenfeindlichen und antisemitischen Diskurs tonangebend waren, deren Spuren jedoch auch noch heute, über den Bruch von Auschwitz hinweg, in alltäglichen Stereotypen und Klischees überdauert haben, sind als performative Akte von Antisemitismus und Antifeminismus aufzufassen. Vor solchem analytischen Hintergrund wird deutlich, dass die juden- und frauenfeindlichen Bilder nicht bloß Bilder sind, die den diskriminierenden und unterdrückenden Diskurs einer Gesellschaft ausdrücken, sondern die Kraft besitzen, diese Unterdrückung und Diskriminierung zu produzieren und zu reproduzieren. Sie tragen damit zu einer kaum mehr durchdringbaren weil verselbständigten Institutionalisierung von Antisemitismus und Antifeminismus bei.

Wie sehr die antisemitische und antifeministische Bilderwelt Bestandteil des Warenfetischs ist, der den Spätkapitalismus nicht minder prägt als andere Stufen der kapitalistischen Gesellschaftsentwicklung, wird an den ökonomistischen Aufhängern von Antisemitismus und Antifeminismus gleichermaßen deutlich: den Stereotypen des "gierigen Juden" und des "verschwenderischen Weibes" etwa. Auch die politischen Vorurteile gegen Juden und Frauen als vom Status der Bürgerlichkeit Ausgeschlossene, sowie die Stereotypen hinsichtlich des jüdischen Volkes und der israelischen Nation zehren von diesen Zusammenhängen.

 

2007: Handbuch der Vorurteile

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Mag.a Karin Bischof
MMag.a Karin Stögner
Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung:    voestalpine AG über Sir Peter Ustinov Institut
Fertigstellung:    September 2007

Die redaktionellen Arbeiten am englischsprachigen "Handbook on Prejudice" wurden im Herbst 2007 abgeschlossen. Das Handbuch besteht aus zwei Hauptteilen: Im ersten Teil werden sechs gesellschaftlich relevante Vorurteile (Antisemitismus; Sexismus / Homophobie; Vorurteile gegen Alter, Krankheit, Behinderung; religiöse Vorurteile; Rassismus; Klassenvorurteile) ausführlichen Analysen zugeführt, in denen sowohl die historische Dimension der jeweiligen Vorurteile als auch "good practices" berücksichtigt werden. Der zweite Teil versammelt Artikel, die Vorurteile aus der Perspektive verschiedener Wissenschaftsdisziplinen behandeln (Geschichte und Kunstgeschichte; Sozial- und Wirtschaftswissenschaften; Psychologie und Pädagogik; Naturwissenschaften und Medizin; normative Wissenschaften, Religions- und Rechtswissenschaften; Sprach-, Literatur- und Kommunikationswissenschaften). Das Hauptaugenmerk in diesen Artikeln liegt auf der Verwendung des Begriffs "Vorurteil" in den jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen sowie auf den Ursachen und Wirkungen von Vorurteilen. Darüber hinaus wurde die gesellschaftliche Funktion von Vorurteilen aus der Sicht der jeweiligen Disziplin beschrieben.

Diese beiden Hauptteile sind gerahmt von zwei ausführlichen Einleitungsartikeln, die auf Hauptbegriffe und Problemfelder der Vorurteilsforschung allgemein eingehen, und einem abschließenden Résumé, in welchem die Theoriestränge und zentralen Themen der in diesem Handbuch versammelten Artikel strukturiert einander gegenübergestellt werden.

Beabsichtigt wird, das Handbuch, das als Sachbuch mit wissenschaftlicher Qualifikation gedacht ist, sowohl in englischer als auch in deutscher Sprache zu publizieren. Bei der Auswahl der international renommierten AutorInnen, die über den Einbezug von wissenschaftlichen "peers" getroffen wurde, wurde das IKF von einem Beirat unterstützt.

 

2007: RAXEN 7 (Racism and Xenophobia Network)

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Hannes Tretter
Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Univ.Prof. Dr.in Ruth Wodak
Durchführung: Mag.a Barbara Liegl
Mag.a Katharina Köhler (Institut für Sprachwissenschaft, Universität Wien)
Dr.in Marta Hodasz (BIM-Forschungsverein)
Finanzierung:    Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) über BIM-Forschungsverein
Fertigstellung:    Januar 2007

Die 1997 von der EU eingerichtete Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) ist für den Aufbau des europäischen Informationsnetzwerkes "RAXEN" (Racism and Xenophobia Network) verantwortlich. RAXEN vernetzt nichtstaatliche und staatliche Organisationen sowie Forschungseinrichtungen und hat die Aufgabe, Informationen und Daten über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu sammeln, zu verarbeiten und an das EUMC weiterzuleiten. Um diesen transnationalen Informationsaustausch zu erleichtern und die Vergleichbarkeit der in den jeweiligen Mitgliedstaaten erhobenen Daten auf EU-Ebene zu garantieren, wurden vom EUMC National Focal Points als innerstaatliche Koordinationsstellen eingesetzt. Sie koordinieren den Informationsfluss sowohl zwischen den auf einzelstaatlicher Ebene agierenden spezialisierten Institutionen, den sogenannten "key actors", als auch zwischen diesen HauptakteurInnen und der Europäischen Beobachtungsstelle. Das österreichische Team setzt sich aus VertreterInnen der folgenden drei Forschungseinrichtungen zusammen: dem Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte-Forschungsverein, dem Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien und dem Institut für Konfliktforschung.

Der National Focal Point für Österreich wurde im Jänner 2006 beauftragt, die siebente RAXEN-Phase durchzuführen. Dabei wurde die bereits in der Einstiegsphase 2000 begonnene Koordinierung und Institutionalisierung eines innerösterreichischen Informationsnetzwerkes bestehend aus wissenschaftlichen, staatlichen und nicht-staatlichen ebenso wie sozialpartnerschaftlichen Einrichtungen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus engagieren, fortgesetzt.

Darüber hinaus wurden die 2001 bzw. 2003 begonnenen Arbeiten in den fünf vom EUMC ausgewählten Schwerpunktbereichen - (1) Änderungen in der Gesetzgebung, die zugewanderte und autochthone Minderheiten betrafen, (2) rassistisch und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe, (3) Diskriminierung/Rassismus im Bildungsbereich ebenso wie (4) Diskriminierung/Rassismus im Arbeitsbereich, (5) Diskriminierung/Rassismus am Wohnungsmarkt - fortgesetzt bzw. vertieft. Zu diesen Themenbereichen wurden Statistiken, deskriptives ebenso wie analytisches Datenmaterial für den Zeitraum Jänner bis Oktober 2006 gesammelt, das Einblick in rassistische, fremdenfeindliche, antisemitische und islamfeindliche Einstellungen, Handlungen und Übergriffe in Österreich gibt. Die wichtigsten sich aus diesen quantitativen und qualitativen Daten ergebenden Trends für die fünf Bereiche wurden im "Nationalen Bericht über die Datensammlung zu Österreich" zusammengefasst.

Die in den Berichten erfassten Einrichtungen einschließlich der von ihnen herausgegebenen Publikationen und durchgeführten Projekte werden zusätzlich in einer Datenbank erfasst und können unter http://www.raxen.eumc.eu.int abgerufen werden.

Die 2006 vom EUMC zu einem spezifischen Thema in Auftrag gegebene Studie setzt sich mit Trends und Entwicklungen in den Jahren 2000 bis 2005 in den Bereichen Bekämpfung von ethnischer und rassistischer Diskriminierung und Förderung von Gleichstellung auseinander. In den bereits oben definierten fünf Schwerpunktbereichen wurden auf Basis von statistischem und qualitativem Datenmaterial Entwicklungen in der Datenerfassung, der Etablierung von neu eingerichteten gesetzlichen Institutionen zur Bekämpfung von Diskriminierung und der Umsetzung von good practice Beispielen nachgezeichnet. Die Studie beinhaltet auch ein Hintergrundkapitel zu politischen Entwicklungen im vorgegebenen Beobachtungszeitraum.

Weiters hat der National Focal Point die bereits im Jahr 2004 begonnene Aufgabe der Datenaufbereitung für die vom EUMC konzipierten Info Sheets fortgesetzt und aktuelle demographische Daten zur Bevölkerungsvielfalt in der EU, zu Migration und Asylwesen ebenso wie über die 2006 eingerichteten Gleichbehandlungseinrichtungen in den Bundesländern gesammelt und aufbereitet. Diese Daten sollen im Laufe des Jahres 2007 auf der Homepage des EUMC abrufbar sein.

Die aktuellsten Daten werden an das EUMC mittels zwei monatlich erstellter Bulletins weitergegeben. Diese beinhalten politische Schlagzeilen, neueste gesetzliche Entwicklungen und relevante Beispiele aus der Rechtssprechung, aktuelle wissenschaftliche Studien und statistische Daten ebenso wie Angaben zu rassistischen Übergriffen und Vorfällen. Diese Informationen finden teilweise Eingang in das EUMC-Bulletin (zu finden unter: http://eumc.europa.eu/).

 

2006: RAXEN 6 (Racism and Xenophobia Network)

Projektleitung: ao. Univ.Prof. Dr. Hannes Tretter
Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Univ.Prof. Dr.in Ruth Wodak
Durchführung: Mag.a Barbara Liegl
Mag.a Katharina Köhler (Institut für Sprachwissenschaft, Universität Wien)
Mag.a Birgit Weyss/Mag.a Marta Hodasz (BIM-Forschungsverein)
Finanzierung:    Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) über BIM-Forschungsverein
Fertigstellung:    Januar 2006

Die 1997 von der EU eingerichtete Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) ist für den Aufbau des europäischen Informationsnetzwerkes "RAXEN" (Racism and Xenophobia Network) verantwortlich. RAXEN vernetzt nichtstaatliche und staatliche Organisationen sowie Forschungseinrichtungen und hat die Aufgabe, Informationen und Daten über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu sammeln, zu verarbeiten und an das EUMC weiterzuleiten. Um diesen transnationalen Informationsaustausch zu erleichtern und die Vergleichbarkeit der in den jeweiligen Mitgliedstaaten erhobenen Daten auf EU-Ebene zu garantieren, wurden vom EUMC National Focal Points als innerstaatliche Koordinationsstellen eingesetzt. Sie koordinieren den Informationsfluss sowohl zwischen den auf einzelstaatlicher Ebene agierenden spezialisierten Institutionen, den sogenannten "key actors", als auch zwischen diesen HauptakteurInnen und der Europäischen Beobachtungsstelle. Das österreichische Team setzt sich aus VertreterInnen der folgenden drei Forschungseinrichtungen zusammen: dem Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte-Forschungsverein, dem Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien und dem Institut für Konfliktforschung.

Der National Focal Point für Österreich wurde im Jänner 2005 beauftragt, die sechste RAXEN-Phase durchzuführen. Dabei wurde die bereits in der Einstiegsphase 2000 begonnene Koordinierung und Institutionalisierung eines innerösterreichischen Informationsnetzwerkes bestehend aus wissenschaftlichen, staatlichen und nicht-staatlichen ebenso wie sozialpartnerschaftlichen Einrichtungen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus engagieren, fortgesetzt.

Darüber hinaus wurden die 2001 bzw. 2003 begonnenen Arbeiten in den fünf vom EUMC ausgewählten Schwerpunktbereichen - (1) Änderungen in der Gesetzgebung, die zugewanderte und autochthone Minderheiten betrafen, (2) rassistisch und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe, (3) Diskriminierung/Rassismus im Bildungsbereich ebenso wie (4) Diskriminierung/Rassismus im Arbeitsbereich, (5) Diskriminierung/Rassismus am Wohnungsmarkt - fortgesetzt bzw. vertieft. Zu diesen Themenbereichen wurden Statistiken, deskriptives ebenso wie analytisches Datenmaterial für den Zeitraum Januar bis Oktober 2005 gesammelt, das Einblick in rassistische, fremdenfeindliche, antisemitische und islamfeindliche Einstellungen, Handlungen, und Übergriffe in Österreich gibt. Die wichtigsten sich aus diesen quantitativen und qualitativen Daten ergebenden Trends für die fünf Bereiche wurden im "Nationalen Bericht für Österreich" zusammengefasst.

Die in den Berichten erfassten Einrichtungen einschließlich der von ihnen herausgegebenen Publikationen und durchgeführten Projekte werden zusätzlich in einer Datenbank erfasst und können unter http://www.raxen.eumc.eu.int abgerufen werden.

Die 2005 vom EUMC in Auftrag gegebene Studie zu einem spezifischen Themenbereich identifiziert gesetzlich festgelegte und auch nicht in Gesetzen verankerte Organisationen, die Opfer von rassistischer Diskriminierung unterstützen und deren Rechte geltend machen. Der erste Teil der Studie beschäftigt sich mit dem rechtlichen Status, dem Mandat, den Verfahrensregeln und den Formen der angebotenen Unterstützung der drei wichtigsten nationalen Einrichtungen - im Fall von Österreich die Gleichbehandlungsanwaltschaft, die Gleichbehandlungskommission und den Klagsverband zur Durchsetzung der Rechte von Diskriminierungsopfern. Im zweiten Teil wird detailliert ein good practice Beispiel einer erfahrenen, niederschwelligen und nachhaltigen Organisation dargestellt: Für Österreich wurden die Entstehungsgeschichte, die Tätigkeiten und die Kompetenzen der in Wien ansässigen NGO ZARA - Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit beschrieben.

Weiters hat der National Focal Point demographische Daten zur Bevölkerungsvielfalt in der EU, zu Migration und Asylwesen gesammelt und Kurzdarstellungen zur Gleichbehandlungs- und Antidiskriminierungsgesetzgebung ebenso wie zu den Gleichbehandlungseinrichtungen auf Bundes- und Länderebene nach Vorgabe des EUMC aufbereitet. Diese Daten werden im Laufe des Jahres 2006 auf der Homepage des EUMC in der Form von "Info-Sheets" abrufbar sein

 

2005: Antisemitisch-misogyne Stereotype und deren Auswirkungen auf die Identität jüdischer Frauen in Österreich

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr.in Christine Goldberg
Durchführung: MMag.a Karin Stögner
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 10671
Fertigstellung:    Juli 2005

Gegenstand dieses Projekts ist das Ineinanderwirken von antisemitischen und misogynen Stereotypen auf gesellschaftlicher Ebene. Wenngleich es um die Auffindung von Affinitäten von Antisemitismus und Antifeminismus zu tun ist, werden beide jedoch nicht als identische Phänomene behandelt. Die Frage ist, wie die Diskriminierung von Juden/Jüdinnen und so genannten "devianten" Frauen (Frauenrechtlerinnen, Feministinnen, emanzipierten und intellektuellen Frauen etc.) gesellschaftlich zusammenspielt, wie die diesbezüglichen Projektionen jeweils geartet sind, aus welchen unaufgearbeiteten psychischen, historischen und politisch-sozialen Reservoirs sie sich nähren und inwieweit sie funktional äquivalente Phänomene sind.

Das Ineinanderwirken von antisemitischen und misogynen Stereotypen wird vor allem um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert virulent und schlägt sich in spezifisch vergeschlechtlichten Repräsentationen des "Jüdischen" nieder - in Bildern, denen eine projizierte Überschreitung der Geschlechtergrenzen inhärent ist: die "maskulinisierte Jüdin" und der "effeminierte Jude". Der als abnormal imaginierte "jüdische Körper" wurde zum Ort der Inszenierung des "Anderen" schlechthin. Solche Projektionen der Zwischengeschlechtlichkeit treffen jedoch auch "deviante Frauen", denen das Stereotyp des "Mannweibs" und der verschlingend-gefährlichen weiblichen Sexualität aufgeprägt wurde. Die Vorstellungen von der "sexuellen Frau", die in der Männerwelt zugleich gehasst, gefürchtet und scheinbar unheimlich begehrt wird, wurde in den bildlichen und literarischen Darstellungen zumal im Fin de Siècle an alttestamentarischen Frauenfiguren festgemacht: an Judith, Salome und Dalila. Die weibliche Sexualität wurde angerufen, um sie gleichzeitig zu bannen.

Historisch-gesellschaftlicher Hintergrund dieser Repräsentationen ist vor allem die Gegnerschaft zur jüdischen und weiblichen Emanzipation. Dem Aufbrechen sozialer Ausschlussmechanismen, von denen Jüdinnen/Juden und Frauen auf je verschiedene Weise die gesamte zivilisatorische Entwicklung der europäischen Gesellschaften hindurch betroffen waren, wurde ab der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts von Seiten der männlich und nicht-jüdisch bestimmten Mehrheitsgesellschaft mit der Rückbindung von Jüdinnen/Juden und Frauen auf geschlechtsspezifische und rassistisch-antisemitische Konstruktionen geantwortet. Ihre durchdringende gesellschaftliche Wirkungsmacht erlangten diese neuen Ausschlussmechanismen durch ihre Verschmelzung zu widersprüchlichen Repräsentationen. Vorausgegangen war dem eine Entpersonalisierung sowohl von Jüdinnen/Juden als auch von Frauen, von deren je eigentümlichen individuellen Eigenheiten abstrahiert wurde. Die solcherart entstandenen Figuren des "Juden", der "Jüdin" und der "Frau" wurden zu RepräsentantInnen des "Anderen" schlechthin, zum absoluten Gegenprinzip des sich verhärtenden Kollektivs. Sie ließen sich je nach den Bedürfnissen der Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft nach Kompensation und Kanalisierung von Unlustgefühlen und verdrängten Triebregungen mit den widersprüchlichsten Gehalten füllen. Die Repräsentationen des "Jüdischen" und des "Weiblichen" sind denn auch nichts anderes als Produkte einer kollektiven Triebökonomie, deren pathische Züge unaufgearbeiteten Ängsten ebenso wie unbefriedigten Begierden geschuldet sind.

Auffallend ist, dass die nationalsozialistische Propaganda auf solche Jüdinnen-Bilder verzichtet. Die rassistische antisemitische Agitation richtete sich in der kollektiven Imagerie gegen den "männlichen Juden". Grund dafür ist die repressive Integration der "Weiblichkeit" in die geschlossenen Herrschaftszusammenhänge, die alle ergreifen mussten. Niemand durfte mehr draußen stehen. Wer nicht integriert war, fiel der Vernichtung anheim. Die traditionelle Aufspaltung des "Weiblichen" einerseits in die "gute", nährende, mütterliche, andererseits in die "böse", verführerische, sinnlich-sexuelle Seite war der Nutzbarmachung von Frauenkörpern für die Reproduktion des "Volkskörpers" hinderlich, weshalb das Frauenbild von allen Momenten, die sich der Integration widersetzten, gereinigt wurde. Was blieb, war die unsinnliche Frau als saubere Kameradin des gestählten "Ariers".

In der kollektiven Imagerie der deutschen und österreichischen Nachkriegsgesellschaften erfuhren die Jüdinnen-Bilder teilweise eine Wiederbelebung, wobei auch auf die Figuren des Fin de Siècle zurückgegriffen wurde. Der Bruch, den die Shoah in der kollektiven Bildproduktion darstellte, wurde zum Teil überbrückt. Jüdische Frauenfiguren wurden in den Dienst der seelischen Entlastung und der Schuldabwehr gestellt. Dass antisemitisch-misogyne Stereotype auch im sogenannten "Nachkriegsantisemitismus" zur Anwendung kommen, lässt darauf schließen, dass Antisemitismus und Misogynie gerade auch aus ihrem widersprüchlichen Ineinandergreifen gesellschaftliche Wirkungsmacht beziehen. Welch tiefgreifende Auswirkungen solche Anfeindungen auf die Selbstwahrnehmung jüdischer Frauen in Bezug auf ihr Jüdischsein und ihre Weiblichkeit haben, wird in einer Analyse narrativer Interviews erhellt.

 

2005: Verschiedene Herkunft - gemeinsame Zukunft. Strategien und Maßnahmen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" - Aktion 2 und 3

Projektleitung: Dr.in Brigitte Halbmayr
Durchführung: Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Katrin Auer
Mag.a Karin Bischof
Dr.in Brigitte Halbmayr
Dr. Gert Feistritzer (IFES)
Finanzierung:    Europäischer Sozialfonds
Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit
Fertigstellung:    August 2005

Projektdesign:

Dieses Projekt wurde im Rahmen der europäischen Gemeinschaftsinitiative EQUAL, welche die Bekämpfung von Ungleichheiten und Diskriminierung im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt zum Ziel hat, von mehreren Einrichtungen gemeinsam durchgeführt. Der finanziell verantwortliche Partner dieser "Entwicklungspartnerschaft" war die Landesakademie Niederösterreich, Bereich Verwaltung und Politik. Weitere Kernpartner waren die Abteilung Kindergärten (K5) der Landesregierung Niederösterreich, das Interkulturelle Zentrum (Wien) sowie der Verband Niederösterreichische Dorf- und Stadterneuerung.

Gesamtstrategie des EQUAL-Projekts "Verschiedene Herkunft - Gemeinsame Zukunft", das im Herbst 2002 begann und auf knapp drei Jahre angelegt war, war im weiteren und umfassenderen Sinn die Erarbeitung eines von möglichst vielen AkteurInnen gemeinsam entwickelten und getragenen Lösungsansatzes zur Durchbrechung gesellschaftlicher Diskriminierungsketten. Vier niederösterreichische Gemeinden, Guntramsdorf, Hainburg, Krems und Traismauer - alle davon mit einem im niederösterreichischen Bezugsrahmen überdurchschnittlich hohen Anteil von MigrantInnen - waren ausgewählt worden, um dort eine Entwicklung zur Modellgemeinde zu initiieren. Der Veränderungsprozess sollte von mehreren Ansatzpunkten, d. h. von möglichst vielen Ebenen und Schlüsselbereichen in den einzelnen Gemeinden gleichzeitig, aufeinander aufbauend und sich gegenseitig verstärkend, ausgehen, um schließlich vier Modellgemeinden mit regionaler Ausstrahlungskraft zu schaffen. Während Modul I des Projekts den Kindergartenbereich fokussierte und Modul II darauf aufbauend mit interkulturellen Lehrgängen für den gesamten pädagogischen Bereich sowie auch für Gemeindebedienstete bestimmte Gruppen sensibilisieren sollte, waren die Zielgruppen von Modul III - dem Gegenstand der vorliegenden Evaluierung (Modul IV) - alle Bevölkerungsgruppen der betreffenden Gemeinden. Gender Mainstreaming war als Querschnittsmaterie eingebaut, die alle Bereiche umfassen sollte und formell in Modul IV angesiedelt war.

Dem Modul III, auf das die wissenschaftliche Begleitforschung zentral abzielte, waren folgende strategische Ziele gesetzt:

  • die aktive Einbeziehung der zugewanderten und einheimischen Bevölkerung in den gesamten Prozess

  • die Aktivierung möglichst vieler AkteurInnen auf möglichst vielen Ebenen

  • die Förderung und Entwicklung von Beteiligungsformen

  • die Erarbeitung von Maßnahmen und Projekten.

Weiters fand im Rahmen des Projekts transnationale Vernetzung mit anderen EQUAL-Entwicklungspartnerschaften in Frankreich, Schweden und Tschechien statt. Das IKF-Team übernahm hier die Organisation des Themenbereiches Forschung. Ein weiterer Schwerpunkt lag im Bereich Öffentlichkeitsarbeit.

Das Modul IV, für welches das Institut für Konfliktforschung die Verantwortung trug und das inhaltlich eng an das Modul III gekoppelt war, bestand primär in der wissenschaftlichen Fundierung und Begleitung sowohl der Entwicklungsphase als auch der Umsetzungsphase des Leitbildes. Einerseits wurde daher eine Status quo-Erhebung mittels Datenanalyse und qualitativer Interviews in allen vier Gemeinden bzw. einer umfangreichen repräsentativen Befragung in zwei ausgewählten Gemeinden (Hainburg und Guntramsdorf) durch das IFES durchgeführt. Den Ausgangspunkt für die Entwicklung der genannten Erhebungsinstrumente bildeten dabei die vom IKF entwickelten Integrationsindikatoren (siehe Tätigkeitsbericht 2000, "Integrationsindikatoren. Zur Nachhaltigkeit der Wiener Integrationspolitik"). Das Ziel war, eine empirische Grundlage für die Entwicklung des Leitbildes zu schaffen und ein möglichst genaues Bild von den unterschiedlichen Problemlagen, Defiziten, aber auch Vorleistungen bezüglich des Handlungsfeldes Integration in den Gemeinden zu erhalten. Die Ergebnisse dienten wiederum u. a. als Basis bzw. Hilfe zur thematischen Schwerpunktsetzung in den Arbeits- und Steuerungsgruppen sowie zur Unterstützung im Prozess der Leitbilderstellung. Am Ende des Projektes wurden sowohl die Befragung der Bevölkerung durch das IFES als auch die ExpertInneninterviews wiederholt. Die Analyse der Befragungen in der Endphase und v. a. der Vergleich mit der ersten, schon abgeschlossenen Erhebungswelle sollte mögliche Änderungen und Entwicklungen aufzeigen und Aufschluss über den Erfolg der Maßnahmen geben.

Andererseits fand auch weiterhin eine Evaluierung des gesamten Prozesses der Leitbildentwicklung und damit verbunden auch eine Analyse von Bedingungen und ausschlaggebenden Faktoren für das Erreichen bzw. Nicht-Erreichen einzelner Ziele statt. Methodisch wurde diese mittels teilnehmender Beobachtung während der gesamten Projektlaufzeit in den agierenden Gruppen und Gremien der einzelnen Gemeinden (Steuerungsgruppen als zentrales Plenum, themenspezifisch eingerichtete Arbeitsgruppen, Gemeinderat als beschlussfassendes Gremium) umgesetzt. Analysiert wurden dabei auch Kommunikationsstrukturen, Themenverläufe bzw. insgesamt die Partizipationsmuster der Beteiligten nach unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Geschlecht.

Wesentliche Ergebnisse:

Hinsichtlich der Status-quo-Erhebungen in den Gemeinden haben sich im Gesamten gesehen insbesondere Defizite in der sozioökonomischen Dimension, also in den Bereichen Bildung, Arbeitswelt und Wohnen, aber - je nach Gemeinde in unterschiedlichem Ausmaß - auch in der kulturellen Dimension bzw. im Bereich sozialer Kontakte ergeben. Zwar wurde im Leitbilderstellungsprozess in einzelnen Gemeinden den Bereichen Bildung, Arbeitswelt und Wohnen ein adäquater Stellenwert eingeräumt, in der Maßnahmenumsetzung konzentrierten sich die Aktivitäten jedoch schwerpunktmäßig in allen Gemeinden auf den Bereich kulturelle Begegnung und kulturelle Veranstaltungen. Diese Tatsache ist nicht zuletzt auf die spezifischen Projektbedingungen zurückzuführen: Der Hauptteil der Projektarbeit in den Gemeinden wurde von ehrenamtlichen AkteurInnen (ein Großteil davon Frauen mit und ohne Migrationshintergrund) getragen, eine konstante Einbindung von KommunalpolitikerInnen aus themenrelevanten Bereichen gelang nicht in allen Gemeinden, die Unterstützung seitens der Lokalpolitik für das Projekt war im Vorfeld nicht in ausreichender Verbindlichkeit geregelt worden. Auch eine Einbeziehung lokaler und/oder überregionaler (z.B. arbeitsmarktpolitischer) AkteurInnen oder relevanter AkteurInnen auf Landesebene (z. B. für den Schulbereich) gelang kaum. Eine Ausnahme stellt der Bereich Kindergarten dar. Die zuständige Abteilung des Landes Niederösterreich war von Anfang an als Projektpartner eingebunden, das Training und der Einsatz der Interkulturellen MitarbeiterInnen in den Gemeinden war als fixer Projektbestandteil verankert. Als ein großer Erfolg des Projekts kann die Aufnahme aller im Projekt ausgebildeten Interkulturellen MitarbeiterInnen (IKMs) in den öffentlichen Dienst des Landes und somit die Verankerung interkultureller Arbeit in den Kindergärten der Gemeinden und darüber hinaus angesehen werden. Dass der Einsatz der IKMs in den niederösterreichischen Kindergärten, der auf über zehnjähriger Vorarbeit in diesem Feld beruht, deutliche Verbesserungen mit sich brachte, lässt sich auch anhand einer anderen Erhebung zur Einschätzung der Integrationsbedingungen in Niederösterreich (siehe in diesem Tätigkeitsbericht: "Stimmungsbild" ablesen.

Weitere Eckpunkte erfolgreicher Maßnahmenumsetzung - abgesehen von den vielen Aktivitäten im kulturellen Bereich - sind: die Etablierung einer (bislang halben) Fachstelle für Integration in Krems, die, unterstützt von der ehrenamtlichen Integrationsplattform, in Hinkunft für die Vernetzung und Koordinierung in Integrationsangelegenheiten und für die Organisation zuständig ist; die Nominierung einer Frau mit Migrationshintergrund an wählbarer Stelle auf der Wahlliste der Gemeinderatswahlen und deren Wahl zur Gemeinderätin in Guntramsdorf; die Organisation einer außerschulischen Lernhilfe für Schulkinder mit Migrationshintergrund in Traismauer und Guntramsdorf.

In Hinblick auf die Analyse der Bedingungen für das Erreichen der oben genannten strategischen Ziele wurden anhand der zentralen Prozessaspekte folgende wesentliche Faktoren herausgearbeitet:

  • Initiative und Engagement verschiedener AkteurInnen in der Gemeinde

  • Mindestmaß an Interesse am Themenfeld seitens der dominanten politischen Partei

  • Konstruktive parteipolitische Konkurrenz im Themenfeld

  • Erwartungshaltung von Parteien (oder zumindest maßgeblicher Funktionäre in diesen Parteien), vom Projekt zu profitieren (WählerInnenstimmen, Imagegewinn)

  • Offenheit der maßgeblichen parteipolitischen Beteiligten gegenüber AkteurInnen aus anderen Bereichen (Institutionen, Vereine/NGOs) und deren Einbeziehung

  • Kooperationsbereitschaft der Administration

  • Willensbildung und daraus folgende Unterstützungsbereitschaft seitens der zuständigen übergeordneten politischen Ebene (Landesebene)

  • Vorarbeit/ vorangehende Sensibilisierung in der Gemeinde

  • Kein konfliktives, polarisiertes Klima in der Gemeinde, wenig Fremdenfeindlichkeit

  • Keine ausgeprägten Konfliktlinien zwischen unterschiedlichen Gruppen von MigrantInnen

  • Zeit

  • Verbindliche Bereitstellung finanzieller Ressourcen.

Eine Beurteilung, inwieweit in Modul III die Verwirklichung der Gesamtstrategie des Projekts - nämlich die Durchbrechung gesellschaftlicher Diskriminierungsketten - verwirklicht wurde, war im Rahmen der vorliegenden Evaluierung nicht möglich. Es wäre dafür zu einem späteren Zeitpunkt eine genauere Untersuchung der Wirkung von Maßnahmen in den einzelnen Bereichen notwendig. Beträchtliche Teile der Leitbilder waren zum Zeitpunkt des Projektabschlusses noch nicht umgesetzt und die Wirkung von bereits implementierten Maßnahmen ließ sich häufig noch nicht ermessen.

Einige Grundannahmen und Hinweise dazu lassen sich jedoch aus den Ergebnissen der Analyse von Kommunikationsstrukturen und Beteiligungsverhalten ableiten. Ausschlaggebend dafür, ob die Aktivitäten geeignete antirassistische Strategien darstellen, sind sicherlich die Qualität der Maßnahmen und auch die unterschiedlichen Motivationslagen in der einheimischen Bevölkerung. Ist beispielsweise der Leitbildprozess von einer starken Assimilationserwartung der beteiligten Personen ohne Migrationshintergrund geprägt und wird die Integrationsleistung hauptsächlich von den MigrantInnen gefordert, so können die entwickelten Maßnahmen kaum eine antirassistische Stoßrichtung aufweisen. Eine solche hängt vom tatsächlichen Integrationsverständnis aller am Projekt beteiligten AkteurInnen ab. Die Durchführung eines Leitbildprozesses muss daher nicht per se eine geeignete antirassistische Strategie darstellen.

 

2005: Das Privileg der Unsichtbarkeit

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr.in Helga Amesberger
Dr.in Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 11160
Fertigstellung:    Dezember 2005

Ausgangspunkt der Studie ist das multidisziplinäre Forschungsfeld der Critical-Whiteness-Studies (CWS) in den USA und im deutschsprachigen Raum. Die Besonderheit/Novität der CWS, welche in der Rassismusforschung verankert sind, besteht in der systematischen Berücksichtigung und Reflexion von whiteness/Weiß-Sein als ein System der Privilegierung und Dominanz und im Perspektivenwechsel von den rassistisch Diskriminierten hin zu den Diskriminierenden. Vor dem Hintergrund der bereits stattfindenden Rezeption des primär US-amerikanischen wissenschaftlichen Diskurses wird der Frage nachgegangen, welche Relevanz die Ansätze der CWS für die Rassismusforschung im deutschsprachigen Kontext haben können. Weiters stellen wir die Frage, ob nicht der ähnlich gelagerte, im deutschen Kontext von Birgit Rommelspacher (1995) entwickelte Dominanzkultur-Ansatz, welcher aber bislang kaum rezipiert wurde, adäquater für die Analyse von gesellschaftlicher Ungleichheit wäre. In der inhaltskritischen Analyse der primär sozialwissenschaftlichen Texte fokussieren wir auf die grundlegenden Begriffe der CWS, auf Intersectionality, Macht und den Perspektivenwechsel.

Die an den Beginn gestellte Diskussion der grundlegenden Begriffe der CWS - race und whiteness - hat zum Ziel, die epistemologischen Grundlagen und Bedeutungen im Hinblick auf deren Übertragbarkeit in den deutschsprachigen Kontext herauszuarbeiten, aber auch der Frage nachzugehen, ob Begriffe wie race/"Rasse" und whiteness/Weiß-Sein das "Rassedenken" erneuern und perpetuieren.

Mit der Studie erfolgt eine, bislang weder in den USA noch im deutschsprachigen Raum geschehene, umfassende und systematische Rekonstruktion und Dekonstruktion der Debatte zu whiteness. Die Konzepte der CWS stellen wir schließlich dem Dominanzkultur-Ansatz gegenüber, der Rassismus ebenfalls als zentrales Unterdrückungssystem begreift, dieses jedoch mit anderen Dimensionen asymmetrischer Machtverhältnisse, wie etwa Sexismus, Nationalismus, Behindertenfeindlichkeit, Homophobie etc. in Beziehung setzt. Die Omnipräsenz und Multidimensionaltiät von Machtverhältnissen und deren relative Unsichtbarkeit sind Grundelemente in der Entwicklung und Persistenz von Dominanz, welche für sich die Definitionsmacht und Überlegenheit beansprucht.

Die zentralen Potentiale beider Ansätze, nämlich der konsequente Fokuswechsel auf die dominanten Gesellschaftsgruppen und Strukturen, die Sichtbarmachung der dominanten Normen, Institutionen und Repräsentationen, die die Hegemonie der Mehrheitsgesellschaft stärken, sowie der Blick auf Privilegierung der dominanten Gruppen könnten der österreichischen Rassismusforschung wichtige Impulse geben.

 

2005: RAXEN 5 (Racism and Xenophobia Network)

Projektleitung: ao. Univ.Prof. Dr. Hannes Tretter
Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Univ.Prof. Dr. Ruth Wodak
Durchführung: Mag.a Barbara Liegl
Mag.a Katharina Köhler (Institut für Sprachwissenschaft, Univ. Wien)
Mag.a Birgit Weyss (BIM-Forschungsverein)
Finanzierung:    Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) über BIM-Forschungsverein
Fertigstellung:    Januar 2005

Die 1997 von der EU eingerichtete Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) ist für den Aufbau des europäischen Informationsnetzwerkes "RAXEN" (Racism and Xenophobia Network) verantwortlich. RAXEN vernetzt nichtstaatliche und staatliche Organisationen sowie Forschungseinrichtungen und hat die Aufgabe, Informationen und Daten über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu sammeln, zu verarbeiten und an das EUMC weiterzuleiten . Um diesen transnationalen Informationsaustausch zu erleichtern und die Vergleichbarkeit der in den jeweiligen Mitgliedstaaten erhobenen Daten auf EU-Ebene zu garantieren, wurden vom EUMC National Focal Points als innerstaatliche Koordinationsstellen eingesetzt. Sie koordinieren den Informationsfluss sowohl zwischen den auf einzelstaatlicher Ebene agierenden spezialisierten Institutionen, den sogenannten "key actors", als auch zwischen diesen HauptakteurInnen und der Europäischen Beobachtungsstelle. Das österreichische Team setzt sich aus VertreterInnen der folgenden drei Forschungseinrichtungen zusammen: dem Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte-Forschungsverein, dem Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien und dem Institut für Konfliktforschung.

Der National Focal Point für Österreich wurde im April 2004 beauftragt, die fünfte RAXEN-Phase durchzuführen. Dabei wurde die bereits in der Einstiegsphase 2000 begonnene Koordinierung und Institutionalisierung eines innerösterreichischen Informationsnetzwerkes bestehend aus wissenschaftlichen, staatlichen und nicht-staatlichen ebenso wie sozialpartnerschaftlichen Einrichtungen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus engagieren, fortgesetzt.

Darüber hinaus wurden die 2001 bzw. 2003 begonnenen Arbeiten in den fünf vom EUMC ausgewählten Schwerpunktbereichen - (1) Änderungen in der Gesetzgebung, die zugewanderte und autochthone Minderheiten betrafen, (2) rassistisch und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe, (3) Diskriminierung/Rassismus im Bildungsbereich ebenso wie (4) Diskriminierung/Rassismus im Arbeitsbereich, (5) Diskriminierung/Rassismus am Wohnungsmarkt - fortgesetzt bzw. vertieft. Zu diesen Themenbereichen wurden Statistiken, deskriptives ebenso wie analytisches Datenmaterial im Zeitraum 2003 bis 2004 gesammelt, das Einblick in rassistische, fremdenfeindliche, antisemitische und islamfeindliche Einstellungen, Handlungen und Übergriffe in Österreich gibt. Die wichtigsten sich aus diesen quantitativen und qualitativen Daten ergebenden Trends für die fünf Bereiche wurden im "Nationalen Jahresbericht für Österreich" zusammengefasst.

Die in den Berichten erfassten Einrichtungen einschließlich der von ihnen herausgegebenen Publikationen und durchgeführten Projekte werden zusätzlich in einer Datenbank erfasst und können unter http://www.raxen.eumc.eu.int abgerufen werden.

Weiters hat der National Focal Point demographische Daten zur Bevölkerungsvielfalt in der EU, zu Migration und Asylwesen gesammelt und nach Vorgabe des EUMC aufbereitet. Diese Daten werden im Laufe des Jahres 2005 auf der Homepage des EUMC in der Form von "Info-Sheets" abrufbar sein.

 

2003: RAXEN 4 (Racism and Xenophobia Network)

Projektleitung:    Ass.Prof. Dr. Hannes Tretter
Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Univ.Prof. Dr. Ruth Wodak
Durchführung:    Mag.a Barbara Liegl
Mag.a Katharina Köhler
(Institut für Sprachwissenschaft, Universität Wien)
Mag.a Birgit Weyss (BIM-Forschungsverein)
Finanzierung:    Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und
Fremdenfeindlichkeit (EUMC) über BIM-Forschungsverein
Fertigstellung:    November 2003

Die 1997 von der EU eingerichtete Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) ist für den Aufbau des europäischen Informationsnetzwerkes "RAXEN" (Racism and Xenophobia Network) verantwortlich. RAXEN vernetzt nichtstaatliche und staatliche Organisationen sowie Forschungseinrichtungen und hat die Aufgabe, Informationen und Daten über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu sammeln, zu verarbeiten und an das EUMC weiterzuleiten. Um diesen transnationalen Informationsaustausch zu erleichtern und die Vergleichbarkeit der in den jeweiligen Mitgliedstaaten erhobenen Daten auf EU-Ebene zu garantieren, wurden vom EUMC National Focal Points als innerstaatliche Koordinationsstellen eingesetzt. Sie koordinieren den Informationsfluss sowohl zwischen den auf einzelstaatlicher Ebene agierenden spezialisierten Institutionen, den sogenannten "key actors", als auch zwischen diesen HauptakteurInnen und der Europäischen Beobachtungsstelle. Das österreichische Team setzt sich aus VertreterInnen der folgenden drei Forschungseinrichtungen zusammen: dem Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte-Forschungsverein, dem Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien und dem Institut für Konfliktforschung.

Der National Focal Point für Österreich wurde im März 2003 beauftragt, die vierte RAXEN-Phase durchzuführen. Dabei wurde die bereits in der Einstiegsphase 2000 begonnene Koordinierung und Institutionalisierung eines innerösterreichischen Informationsnetzwerkes bestehend aus wissenschaftlichen, staatlichen und nicht-staatlichen ebenso wie sozialpartnerschaftlichen Einrichtungen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus engagieren, fortgesetzt.

Außerdem wurden die 2001 begonnenen Arbeiten in den vier vom EUMC ausgewählten Schwerpunktbereichen - (1) Änderungen in der Gesetzgebung, die zugewanderte und autochthone Minderheiten betrafen, (2) rassistisch und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe, (3) Diskriminierung/Rassismus im Bildungsbereich ebenso wie (4) Diskriminierung/Rassismus im Arbeitsbereich - fortgesetzt bzw. vertieft und ein neues Analysefeld - Diskriminierung/Rassismus am Wohnungsmarkt - bearbeitet. Zu diesen Themenbereichen wurden Statistiken, deskriptives ebenso wie analytisches Datenmaterial im Zeitraum 2002 bis 2003 gesammelt und beschrieben. Ziel war es, die wichtigsten quantitativen und qualitativen Daten für diese fünf Bereiche zu erfassen, etwaige Nichtübereinstimmungen von statistischem Material aufzuzeigen, auf Schwächen in den von staatlichen und nicht-staatlichen Einrichtungen gesammelten Daten hinzuweisen und einen Überblick über Strukturen und AkteurInnen zu geben. Darüber hinaus wurden in fünf analytischen Studien jeder der Schwerpunktbereiche in einen politischen Kontext eingebettet und Gründe für die jeweilige Datenlage aufgezeigt. Am Ende jeder Studie wurden Empfehlungen an staatliche und nichtstaatliche AkteurInnen verfasst, um die Datenlage in den einzelnen Bereichen zu verbessern und erste Schritte in Richtung eines Monitoring in Hinblick auf Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu setzen. Die in den Berichten erfassten Einrichtungen einschließlich der von ihnen herausgegebenen Publikationen und durchgeführten Projekte werden zusätzlich in einer Datenbank erfasst und können unter http://www.raxen.eumc.eu.int abgerufen werden.

 

2002: Verschiedene Herkunft - gemeinsame Zukunft. Strategien und Maßnahmen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit - Aktion 1

Projektleitung:    Mag. Brigitte Halbmayr
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Europäischer Sozialfonds;
Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit
Fertigstellung:    Mai 2002

Dieses Projekt wird im Rahmen der europäischen Gemeinschaftsinitiative EQUAL, welche die Bekämpfung von Ungleichheiten und Diskriminierung im Zusammenhang mit dem Arbeitsmarkt zum Ziel hat, von mehreren Einrichtungen gemeinsam durchgeführt. Der finanziell verantwortliche Partner dieser sog. Entwicklungspartnerschaft ist die Landesakademie Niederösterreich, Bereich Verwaltung und Politik. Die weiteren Kernpartner sind die Abteilung Kindergärten (K5) der Landesregierung Niederösterreich, das Interkulturelle Zentrum (Wien) sowie der Verband Niederösterreichische Dorf- und Stadterneuerung.

 

2002: RAXEN 3 (Racism and Xenophobia Network)

Projektleitung:    Ass.Prof. Dr. Hannes Tretter
Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Univ.Prof. Dr. Ruth Wodak
Durchführung:    Mag. Barbara Liegl
Mag. Martin Reisigl/Mag. Katharina Köhler
(Institut für Sprachwissenschaft, Universität Wien)
Mag. Dieter Schindlauer (BIM-Forschungsverein)
Finanzierung:    Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und
Fremdenfeindlichkeit (EUMC) über BIM-Forschungsverein
Fertigstellung:    Dezember 2002

Die 1997 von der EU eingerichtete Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) ist für den Aufbau des europäischen Informationsnetzwerkes "RAXEN" (Racism and Xenophobia) verantwortlich. RAXEN vernetzt nichtstaatliche und staatliche Organisationen sowie Forschungseinrichtungen und hat die Aufgabe, Informationen und Daten über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu sammeln, zu verarbeiten und an das EUMC weiterzuleiten. Um diesen transnationalen Informationsaustausch zu erleichtern und die Vergleichbarkeit der in den jeweiligen Mitgliedstaaten erhobenen Daten auf EU-Ebene zu garantieren, wurden vom EUMC National Focal Points als innerstaatliche Koordinationsstellen eingesetzt. Sie koordinieren den Informationsfluss sowohl zwischen den auf einzelstaatlicher Ebene agierenden spezialisierten Institutionen, den sogenannten "key actors", als auch zwischen diesen HauptakteurInnen und der Europäischen Beobachtungsstelle. Das österreichische Team setzt sich aus VertreterInnen der folgenden drei Forschungseinrichtungen zusammen: dem Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte-Forschungsverein, dem Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien und dem Institut für Konfliktforschung.

Der National Focal Point für Österreich wurde im April 2002 beauftragt, die dritte RAXEN-Phase durchzuführen. Dabei wurde die bereits in der Einstiegsphase 2000 begonnene Koordinierung und Institutionalisierung eines innerösterreichischen Informationsnetzwerkes bestehend aus wissenschaftlichen, staatlichen und nicht-staatlichen ebenso wie sozialpartnerschaftlichen Einrichtungen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus engagieren, fortgesetzt. Es wurden fast 40 Organisationen bzw. Einzelpersonen zusätzlich in dieses innerösterreichische Netzwerk aufgenommen. Die so erfassten Einrichtungen einschließlich der von ihnen herausgegebenen Publikationen und durchgeführten Projekte können unter http://raxen.eumc.eu.int abgerufen werden.

Außerdem wurden die 2001 begonnenen Arbeiten in den vier vom EUMC ausgewählten Schwerpunktbereichen - (1) Änderungen in der Gesetzgebung, die zugewanderte und autochthone Minderheiten betrafen, (2) rassistisch und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe, (3) Diskriminierung/Rassismus im Bildungsbereich ebenso wie (4) Diskriminierung/Rassismus im Arbeitsbereich - fortgesetzt und vertieft. Zu diesen Themenbereichen wurden Statistiken, deskriptives und analytisches Datenmaterial ebenso wie Informationen über die fünf wichtigsten Kampagnen und Konferenzen im Zeitraum 2001 bis 2002 gesammelt und beschrieben. Ziel war es, die wichtigsten quantitativen und qualitativen Daten für diese vier Bereiche zu erfassen, etwaige Nichtübereinstimmungen von statistischem Material aufzuzeigen, auf Schwächen in den von staatlichen und nicht-staatlichen Einrichtungen gesammelten Daten hinzuweisen und einen Überblick über Strukturen und AkteurInnen zu geben. Darüber hinaus wurden in vier analytischen Studien jeder der Schwerpunktbereiche in einen politischen Kontext eingebettet und Gründe für die jeweilige Datenlage aufgezeigt. Am Ende jeder Studie wurden Empfehlungen an staatliche und nichtstaatliche AkteurInnen verfasst, um die Datenlage in den einzelnen Bereichen zu verbessern und erste Schritte in Richtung eines Monitoring in Hinblick auf Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu setzen.

 

2001: Forschungsdokumentation "Fremdenfeindlichkeit in Österreich"/2

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Katrin Auer
Mag. Brigitte Halbmayr
Mag. Barbara Liegl
Finanzierung:    Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Fertigstellung:    September 2001

Bereits 1996 gab das damalige Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr dem Institut für Konfliktforschung den Auftrag, im Rahmen seines Forschungsschwerpunkts "Fremdenfeindlichkeit - Erforschung, Erklärung und Gegenstrategien" eine Übersicht über die in Österreich zu diesem Thema bereits vorliegenden Forschungsarbeiten zu erstellen und qualitativ aufzubereiten. Die im März 1997 abgeschlossene Dokumentation (siehe Projektberichte 1997) umfasste rund 500 Forschungsberichte und Hochschulschriften. Für die vorliegende Aktualisierung wurden weitere 200 Datensätze (Arbeiten aus den Jahren 1997-2001) gesammelt, sodass nun über 700 Forschungsarbeiten (Diplomarbeiten, Dissertationen sowie Forschungsprojekte an universitären und außeruniversitären Instituten) zum Thema "Fremdenfeindlichkeit in Österreich" zur Verfügung stehen. Den InteressentInnen soll die Datenbank ein rasches Auffinden der gesuchten Studien ermöglichen und darüber hinaus auch eine Vielzahl von Informationen inhaltlicher und formaler Art bieten.

Spezifikum der vorliegenden Dokumentation ist die qualitative Aufbereitung der gesammelten Daten. Das heißt, dass die in die Datenbank bzw. Dokumentation aufgenommenen Projekte nach Themenbereichen gegliedert und nach Relevanz für den Themenkomplex Fremdenfeindlichkeit systematisiert sind. Die relevanten Arbeiten werden ganzseitig mit einem möglichst aussagekräftigen Abstract dargestellt.

Die in der Datenbank gesammelten Forschungsarbeiten sind den Themenbereichen Phänomenologie, Migration, Politik/Wirtschaft, Medien, Sozialstruktur und Kulturkonflikt/Transkulturalität zugeordnet. Diese Themenbereiche sind wiederum in Unterbereiche gegliedert. Jeder Datensatz ist einem Hauptbereich und meist mehreren Unterbereichen zugeordnet. Diese Zuteilung wird jeweils ausgewiesen, es kann somit auch nach den Themenbereichen und Unterbereichen gesucht werden. Die Trefferquoten geben über die thematische Treffsicherheit und zeitliche Aktualität einer Forschungsarbeit Auskunft. Die Vergabe von Trefferquoten wurde zum einen durch den inhaltlich sehr breit gefassten Begriff Fremdenfeindlichkeit, wie er bereits von der ExpertInnengruppe des Forschungsschwerpunkts verwendet wurde, zum anderen durch den weiten zeitlichen Bezugsrahmen der Studien notwendig. Die Trefferquoten reichen von 1 bis 10 (9 wurde nicht belegt), wobei 10 als höchster Wert bedeutet, dass in hohem Ausmaß thematische Treffsicherheit und zeitliche Aktualität bzgl. Fremdenfeindlichkeit gegeben sind. Für viele Arbeiten, die Fremdenfeindlichkeit nicht direkt zum Gegenstand haben, jedoch thematisch damit verbunden sind (wie etwa "Wirtschaftliche Auswirkungen der Beschäftigung von AusländerInnen am österreichischen Arbeitsmarkt"), kommt innerhalb der Trefferquoten zusätzlich eine thematische Gliederung zum Tragen.

Den BenützerInnen dieser Datenbank sollen zu jedem Datensatz möglichst umfangreiche Informationen zur Verfügung stehen. Dies gilt insbesondere für die "best matches" (eine Kombination aus thematischer Treffsicherheit und zeitlicher Aktualität der Arbeiten), die für diese Datenbank neu recherchiert wurden. Ein "Datenblatt" gibt somit Auskunft über die thematische Zuordnung (Bereiche und Unterbereiche) und die inhaltliche Nähe einer Arbeit zum Begriff Fremdenfeindlichkeit (Trefferquoten). Zusätzlich zu den in jeder Forschungsdatenbank üblichen Rubriken wie Titel, Untertitel, AutorInnen, Schlagwörter, Ort, Jahr, etc. werden hier auch genannt: der/die wissenschaftliche LeiterIn, die Institution, in deren Rahmen die Studie verfasst wurde, die Financiers von Forschungsprojekten, der Forschungstyp, die Zuordnung zu einer oder mehreren akademischen Disziplinen, die Zugänglichkeit der Arbeit und schließlich, welche Publikationen daraus hervorgegangen sind. Spezielles Augenmerk wurde zudem auf die methodische Herangehensweise in den Forschungsarbeiten und Hochschulschriften gelegt. Daher finden sich auch Angaben zu gewählten Methoden, spezifiziert in Erhebungs- und Analyseverfahren. Die Abstracts geben einen Überblick über Aufbau und Inhalt der Arbeiten, erläutern die Fragestellungen und angewandten Methoden näher und gehen kurz auf die wichtigsten Ergebnisse ein. Die Dokumentation wird mit einer Adressenliste aller erfassten Financiers und Forschungsinstitutionen abgerundet.

Die Dokumentation wurde als gezipte Access-Datei bzw. als Loseblattsammlung erstellt und ist via Internet über die Homepages IKF (http://datenbank.ikf.ac.at/) zugänglich.

 

2001: National Focal Point for Austria

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Univ.Prof. Dr. Hannes Tretter
Univ.Prof. Ruth Wodak
Durchführung:    Mag. Barbara Liegl
Mag. Martin Reisigl (ÖAW)
Mag. Dieter Schindlauer (BIM)
Finanzierung:    Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) über ÖAW
Fertigstellung:    Dezember 2001

Die 1997 von der EU eingerichtete Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) ist für den Aufbau des europäischen Informationsnetzwerkes "RAXEN" (Racism and Xenophobia) verantwortlich. RAXEN vernetzt nichtstaatliche und staatliche Organisationen sowie Forschungseinrichtungen und hat die Aufgabe, Informationen und Daten über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu sammeln, zu verarbeiten und an das EUMC weiterzuleiten. Um diesen transnationalen Informationsaustausch zu erleichtern und die Vergleichbarkeit der in den jeweiligen Mitgliedstaaten erhobenen Daten auf EU-Ebene zu garantieren, wurden vom EUMC National Focal Points als innerstaatliche Koordinationsstellen eingesetzt. Sie koordinieren den Informationsfluss sowohl zwischen den auf einzelstaatlicher Ebene agierenden spezialisierten Institutionen, den sogenannten "key actors", als auch zwischen diesen HauptakteurInnen und der Europäischen Beobachtungsstelle.

Zum National Focal Point für Österreich wurde im Dezember 2000 ein interdisziplinäres Team aus drei Forschungseinrichtungen bestellt: dem Forschungsschwerpunkt "Diskurs, Politik, Identität" der österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte und dem Institut für Konfliktforschung. Im Rahmen einer zweimonatigen Projekteinstiegsphase (RAXEN 1) wurden Vorarbeiten für die Koordinierung und Institutionalisierung eines innerösterreichischen Informationsnetzwerkes geleistet. Um die österreichischen HauptakteurInnen, die sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus engagieren, zu identifizieren, wurden im Rahmen einer "mapping exercise" etwa 280 wissenschaftliche, staatliche und nicht-staatliche ebenso wie sozialpartnerschaftliche Organisationen und Institutionen kontaktiert. Sie wurden mittels eines EU-weit abgestimmten Fragebogens in die Erhebung eingebunden und letztendlich konnten 109 Organisationen bzw. Einzelpersonen (dies entspricht einer Rücklaufquote von fast 40 Prozent) in die Dokumentation von Forschungsarbeiten, Datenbanken und "best practice" Beispielen aufgenommen werden. Diese Pilotphase wurde im März 2001 abgeschlossen und die Ergebnisse der "mapping exercise" können unter http://www.eumc.eu.int/projects/raxen/outcome/use-results.htm abgerufen werden.

Im Juli 2001 konnte der österreichische Focal Point seine Tätigkeit im Rahmen der Phase RAXEN 2 wieder aufnehmen. Für diese Phase wurden vom EUMC vier Themenbereiche ausgewählt, zu denen Statistiken, deskriptives und analytisches Datenmaterial ebenso wie Informationen über die fünf wichtigsten Kampagnen und Konferenzen für den Zeitraum 2000 bis 2001 gesammelt wurden. Die vier Bereiche umfassten (1) Änderungen in der Gesetzgebung, die zugewanderte und autochthone Minderheiten betrafen, (2) rassistisch und fremdenfeindlich motivierte Übergriffe, (3) Diskriminierung/Rassismus im Bildungsbereich ebenso wie (4) Diskriminierung/Rassismus im Arbeitsbereich. Ziel war es, die wichtigsten quantitativen und qualitativen Daten für diese vier Bereiche zu erfassen, etwaige Nichtübereinstimmungen von statistischem Material aufzuzeigen, auf Schwächen in den von staatlichen und nicht-staatlichen Einrichtungen gesammelten Daten hinzuweisen und einen Überblick über die Strukturen und AkteurInnen in den jeweiligen Bereichen zu geben.

 

1999: Machbarkeitsstudie für ein 'Haus der Toleranz'

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Dr. Sabine Juffinger
Univ. Prof. Dr. Ekkehard Kappler
Univ. Prof. Dr. Stephan Laske
Dipl. Ök. Claudia Meister-Scheytt
Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr
Fertigstellung:    Mai 1999

Ausgehend von einer Idee Leon Zelmans sollte dieses interdisziplinäre (politik- und wirtschaftswissenschaftliche) Projekt verschiedene Optionen für ein "Haus der Toleranz" (dieser Begriff wurde, auch als Ergebnis internationaler Erhebungen, dann vom Projektteam ausdrücklich zurückgenommen) in Wien erarbeiten. Dabei wurden - auf der Basis direkter Erhebungen - die Erfahrungen von Einrichtungen in den USA (z.B. Holocaust-Memorial, Museum of Tolerance), Israel (z.B. Yad Vashem), Deutschland (z.B. Synagoge in Essen) und in den Niederlanden (z.B. Anne-Frank-Stiftung) als Grundlage herangezogen.

Dieses Haus soll mehrere Funktionen erfüllen - v.a. auch die einer Holocaust-Gedenkstätte, die einerseits nicht das repliziert, was anderswo (Jerusalem, Washington) ohnehin schon existiert, andererseits aber die spezifisch österreichischen und mitteleuropäischen Rahmenbedingungen, Formen und Folgewirkungen des Holocaust in den Mittelpunkt rückt. Der Holocaust ist freilich nur ein (wenn auch zentrales) Thema, das aufzeigen soll, wie bestimmte Feindbilder entstehen, welche Prozesse davon ausgelöst werden und wie damit umgegangen werden kann. Andere Formen von gewaltbereiten Freund-Feind-Konstellationen (z.B. Ethno-Nationalismus) sind ebenso berücksichtigt.

Die Studie schlägt ein "Haus" vor, in dem drei Bereiche vertreten sind:

  • ein Ausstellungszentrum, bestehend aus einer permanenten Ausstellung und variabel zu gestaltenden Räumen, das insbesondere - auch in Form altersspezifischer Gestaltungsvariationen - zu interaktivem Verhalten einladet;

  • ein Bildungszentrum, das sich sowohl an MultiplikatorInnen (z.B. LehrerInnen, JournalistInnen), als auch an nicht näher qualifizierte ("normale") AdressatInnen wendet;

  • ein Forschungszentrum, das - interdisziplinär und international - mit bestehenden Forschungseinrichtungen im Raum Wien vernetzt werden soll und in Form von "post graduate"-Angeboten auch der wissenschaftlichen Bildung dient.

Diese inhaltliche Aufbereitung wird durch mehrere finanzielle Überlegungen ergänzt, die sich vor allem auf dem Grundgedanken eines "finanziellen Mix" gründen - dem Nebeneinander von öffentlicher Finanzierung (v.a. für die Startphase) und privater (im Sinne von nicht staatlicher österreichischer) Finanzierung (v.a. für die weiteren Phasen).

 

1998: "Crossing Borders" Evaluierung des Nahost Jugendfriedensforums des Bruno Kreisky Forums für Internationalen Dialog

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Dr. Wolfgang Knopf (IFF)
Kooperation:    Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF)
Finanzierung:    Bruno Kreisky Forum für Internationalen Dialog
Fertigstellung:    Jänner 1998

Das Bruno Kreisky Forum für Internationalen Dialog führt seit 1994 das Nahost Jugendfriedensforum durch, das auf eine österreichische Initiative vom Jahresende 1992 zurückgeht. Insgesamt wurden bis jetzt drei große internationale Treffen abgehalten: 1994 und 1995 in Österreich, 1996 im Nahen Osten. Die Leitidee des Nahost Jugendfriedensforums besteht im Versuch, den Konflikt im Nahen Osten mit Jugendlichen aus Israel, den besetzten Gebieten, Jordanien, Ägypten und Österreich bearbeitbar zu machen und dabei eine Form von Konfliktbewältigung für jetzt und für die Zukunft zu entwickeln. Voraussetzung dafür ist, die vorhandene psychologische Kluft zu überbrücken und gegenseitiges Verständnis zu fördern. Gemeinsame Aktivitäten der Jugendlichen in der Region, die in Form von Projekten durchgeführt werden, sollen die Kontakte vertiefen und die Kontinuität des Projektes über die gemeinsamen Treffen hinaus gewährleisten.

Seit 1995 wird die Möglichkeit einer Erweiterung des Nahost Jugendfriedensforums um TeilnehmerInnen aus anderen Mittelmeerländern diskutiert. Vor allem diese Überlegung führte dazu, die bisherige Tätigkeit des Friedensforums evaluieren zu lassen.

Ziel der Evaluation war es zu untersuchen,

  • welche Ergebnisse, Erkenntnisse aus der Sicht der beteiligten Personen in und durch die Tätigkeiten in den Friedensforen in welcher Form erarbeitet wurden;

  • ob diese Ergebnisse mit den gesteckten Zielen übereinstimmen;

  • ob das zentrale Anliegen, ein Forum für Konfliktregelungen zu sein, erreicht worden ist und

  • ob das Konzept des Nahost Jugendfriedensforums Modellcharakter besitzt und damit auch für einen Einsatz in anderen Konfliktregionen geeignet ist.

Für die Evaluation wurde ein dreiphasiges Design von Dokumentation, Erhebung und Auswertung entwickelt. Dokumentation und Auswertung erfolgten in Wien, die Erhebungsphase, die Einzel-/Gruppeninterviews wie die teilnehmende Beobachtung des Seminars zur Jugendleiterausbildung umfaßt, wurde in Österreich, Israel und Jordanien durchgeführt.

 

1998: Nationalsozialistische Tendenzen in Österreich in den 90er Jahren Eine soziodemographische Analyse von Tatverdächtigen in Zusammenhang mit NS-Wiederbetätigung, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus.

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Dr. Birgitt Haller
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie
Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauenangelegenheiten und Verbraucherschutz
Fertigstellung:    Jänner 1998

Ziel dieses Forschungsprojektes war es, ein TäterInnenprofil in Zusammenhang mit rechtsextremen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Delikten in Österreich für den Zeitraum 1992 bis 1996 zu erstellen, um auf dieser Grundlage Erkenntnisse über soziodemografische Merkmale der Täterschaft und über "Karrieren" von TäterInnen zu gewinnen. Besonderes Augenmerk sollte dabei zum einen jugendlichen und zum anderen weiblichen Tatverdächtigen zukommen - Jugendlichen, weil sie einen großen Teil der Tatverdächtigen bilden, Frauen, weil ihre Rolle im Kontext dieser Straftaten immer noch relativ wenig erforscht ist.

Im Rahmen dieser Untersuchung wurden Sozialdaten der Tatverdächtigen (Alter, Geschlecht, Nationalität, Familienstand, Einkommen, Vorstrafen, amtsbekannte Zugehörigkeit zu Subkulturen) erhoben sowie die Tatumstände (Ort und Zeitpunkt der Tat, Einzel-/Gruppentäterschaft, Alkoholisierung zum Zeitpunkt der Tat) und die strafrechtliche/verwaltungsrechtliche Erledigung. Die aufgenommenen Daten wurden in ein Computerprogramm eingegeben und quantitativ ausgewertet, teilweise wurden für bestimmte Fragestellungen qualitative Auswertungen vorgenommen.

Grundlage der Erhebung sind Anzeigen nach dem Verbotsgesetz, nach § 283 StGB, nach dem Abzeichengesetz und nach Art. IX Abs.1 Z.4 (bzw. Z.7) EGVG; insgesamt konnten wir Anzeigen gegen 1.359 Tatverdächtige einbeziehen. Im vorliegenden Forschungsbericht werden zunächst die Ergebnisse für das gesamte Bundesgebiet präsentiert, denen Auswertungen für die einzelnen Bundesländer folgen. Daran anschließend werden Auffälligkeiten in den Bundesländern herausgehoben und mit den österreichweiten Durchschnittswerten in Beziehung gesetzt. Den Abschluß bilden zwei Sonderauswertungen bezüglich WiederholungstäterInnen und rechtskräftig verurteilten StraftäterInnen.

Wie der Titel dieses Berichtes nahelegt, wurde der Großteil der von uns recherchierten Anzeigen wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung erstattet. Insgesamt erfolgten 85 Prozent aller Anzeigen wegen Wiederbetätigung, 9,6 Prozent in Zusammenhang mit fremdenfeindlichen und 5,4 Prozent in Zusammenhang mit antisemitischen Tathandlungen.

Auffallend ist der ausnehmend hohe Anteil von Jugendlichen an den Tatverdächtigen. Viele Straftaten werden gerade von Jugendlichen aus Imponiergehabe, aus Lust an der Provokation, aus Nichtwissen und Dummheit heraus getätigt. Aber ein Hakenkreuz kann sowohl Ausdruck zielgerichteten politischen Verhaltens sein als auch der Ausdruck von Protest. Daher darf der Anteil derer, die tatsächlich selbst - freiwillig und überlegt - rechtes Gedankengut verbreiten, Friedhöfe schänden, sich aggressiv fremdenfeindlich äußern, etc. nicht unterschätzt werden. Insbesondere die in der Bevölkerung weit verbreitete und offen eingestandene Ausländerfeindlichkeit ist ein günstiger Anknüpfungspunkt für rechtsextreme Propaganda. Auch hinsichtlich des niedrigen Bildungsniveaus und des sehr jugendlichen Alters mancher Tatverdächtiger ist das "Verführungspotential" besonders hoch.

Frauen sind - wie inzwischen bereits zahlreiche Untersuchungen belegen - nicht gegen rechtsextremes Gedankengut und rechte Ideologien immun, wenn auch ihr zahlenmäßiger Anteil an den Tatverdächtigen (und vor allem an den Verurteilten) sehr gering ist. Denkbar wäre aber auch, daß Frauen als "rechte" Täterinnen weniger wahrgenommen werden als Männer, daß ihnen ein solches Verhalten weniger zugetraut wird, und daß diesbezüglich auch Sicherheitsbeamte möglicherweise einen "blinden Fleck" haben. So war auffallend, daß in Vorarlberg zahlreiche Skinheads nach den hier untersuchten Tatbeständen angezeigt wurden, daß es in dieser Gruppierung auch einige weibliche Mitglieder gibt, gegen die aber keine Anzeigen erstattet wurden. Solchen weiterführenden Fragestellungen kann aber nur mit qualitativ ausgerichteten Untersuchungen nachgegangen werden, die wir damit nachdrücklich anregen möchten.

 

1997: Forschungsdokumentation zum Thema Fremdenfeindlichkeit in Österreich

Projektleitung:    Dr. Ilse König
Durchführung:    Mag. Katharina Demel
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr
Fertigstellung:    Februar 1997

Ziel des Projektes war es, eine umfassende und qualitativ aufbereitete Dokumentation österreichischer Forschungsarbeiten der letzten 30 Jahre zum Thema "Fremdenfeindlichkeit" zu erstellen, mit besonderer Berücksichtigung der neueren Forschung, also der 90er Jahre. Ergebnis ist eine Sammlung von 509 Forschungsprojekten und Hochschulschriften (Diplomarbeiten, Dissertationen und Habilitationen), also großteils graue Literatur, die oft weniger bekannt und schwerer zugänglich als andere Literatur ist.

Die Forschungsdokumentation genügt mehreren Zielsetzungen: Erstmalig werden die bisherigen Beiträge österreichischer WissenschafterInnen zur Erforschung des Themenbereichs "Fremdenfeindlichkeit" gesammelt und der aktuelle Forschungsstand in Österreich dokumentiert. Damit können bisherige Themenschwerpunkte, aber auch Forschungslücken aufgezeigt werden. Weiters soll ein Überblick der Institutionen (und Personen), die in diesem Schwerpunkt arbeiten, Forschungskooperationen erleichtern.

Spezifikum der Dokumentation ist die qualitative Aufbereitung der gesammelten Daten. Das heißt, daß die in der Datenbank bzw. Dokumentation enthaltenen Projekte nach Themenbereichen gegliedert und nach Relevanz für den Themenkomplex Fremdenfeindlichkeit systematisiert sind, und die relevanten Arbeiten zudem eine ganzseitige Darstellung mit einem möglichst aussagekräftigen Abstract erhalten haben. Zusätzlich beinhaltet der Endbericht eine statistische Auswertung der gesammelten Arbeiten (nach: Forschungstyp, Themenbereich, forschende Institution, beauftragende/finanzierende Stellen, Disziplin, Methode und Technik, etc.)

Die Dokumentation ist als Loseblattsammlung, als ACCESS-Datenbank sowie über Internet (über die Homepage des BMWV (http://www.bmwf.gv.at/4fte/fremd/index.htm) benützbar.

 

1996: Rassismen & Feminismen. Ausgewählte Analysen afrikanisch-amerikanischer Wissenschafterinnen und ihre Bedeutung für Österreich

Projektleitung:    Dr. Ilse König
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst
Fertigstellung:    August 1996

Im Forschungsbericht werden zu Beginn umstrittene Begriffe wie "Rasse" und "rassisch", die, anders als im europäischen Kontext, im amerikanischen Diskurs nahezu unproblematisiert verwendet werden, diskutiert. Theoretische Konzeptionen von Rassismus, dessen Funktion und Wirkungsweise sowie neue Erscheinungsformen von Rassismus bilden einen weiteren Schwerpunkt in der Begriffsklärung, die für die weiteren Ausführungen grundlegend ist.

Kapitel zwei und drei widmen sich den Analyseansätzen Afrikanisch-amerikanischer Wissenschafterinnen und Feministinnen. Aufbauend auf der Kritik an der Weißen Frauenbewegung, deren Betonung der "Global Sisterhood" und des Patriarchats als das Unterdrückungssystem schlechthin, haben Schwarze Feministinnen einen neuen Zugang und eine neue Analyseform von ausbeutenden und diskriminierenden Systemen entwickelt. In ihrer Konzeptualisierung der Simultanität und Multiplität von Unterdrückungsformen zeigen sie auf, wie Rassismus, Sexismus, Klassismus, etc. ineinander eingeschrieben, miteinander verwoben sind. In ihren Ansätzen betonen sie auch die Machtverhältnisse zwischen Frauen und die strukturell ungleichen Beziehungen zwischen Frauen. Die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Frauen führen zu unterschiedlichen Betroffenheiten durch Unterdrückungssysteme und unterschiedliche Beteiligung an Ausbeutung und Diskriminierung, auch von Frauen.

Die Sichtung europäischer Literatur zum Themenfeld Rassismus ergibt, daß manche WissenschafterInnen bereits weitere Unterdrückungsformen wie etwa Sexismus und Klassenunterdrückung, insbesondere jedoch Nationalismus in die Rassismus-Diskussion einbeziehen, eine Verknüpfung in den Analysen jedoch großteils noch nicht stattfindet. Auch innerhalb der Weißen feministischen Theorie und Praxis widerspiegeln sich nationalistische rassistische Denkweisen.

Die Relevanz dieser theoretischen Ansätze für die gesellschaftspolitische Forschung in Österreich zeigt sich in mehrfacher Weise. So ist neben den zahlreichen Anregungen, welche die im Projekt diskutierten Ansätze für die Beschäftigung mit Rassismus, Sexismus, Nationalismus etc. liefern, vor allem das Erkennen der Verwobenheit verschiedener Unterdrückungssysteme hervorzuheben. Die spezifischen Ausformungen der Interdependenzen müssen zwar für den österreichischen Kontext entsprechend der historischen und gesellschaftspolitischen Konstellation empirisch herausgearbeitet und gefaßt werden, das Konzept der Simultanität und Multiplitität ist aber dennoch als theoretischer Bezugsrahmen von größter Bedeutung. Für die Weißen und österreichischen Frauenbewegungen macht die Kritik deutlich, daß es nicht nur um das Hinzufügen einiger Aspekte von anderen Lebensrealitäten gehen kann, sondern um das Überdenken und die Veränderung diverser Konzeptionen und Prämissen. Die Auseinandersetzung mit dem Theoriengebäude Afrikanisch-amerikanischer Feministinnen verdeutlicht weiters, daß für die feministische Allianzenbildung die Thematisierung von Rassismus und Klassenherrschaft unbedingte Voraussetzung ist.

 

1994: Schindlers Liste. Eine Evaluation der Filmaktion in den Schulen von Wien und Oberösterreich

Auftraggeber: Bundesministerium für Unterricht und Kunst

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Mag. Helga Amesberger, Mag. Brigitte Halbmayr, Dr. Priska Juen, Mag. Andreas Riesenfelder

1994: Reducing Ethnic Conflicts in Central Europe / Ethnische Konflikte in Zentraleuropa

Auftraggeber: Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Prof. Dr. Dov Ronen, Univ.Doz. Dr. Albert F. Reiterer

> Genderforschung
2012: Die Effekte von Prostitutionspolitik – eine internationale Vergleichsstudie

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Hendrik Wagenaar (Universität Leiden)
Durchführung: Univ.-Prof. Dr. Hendrik Wagenaar und Dr.in Sietske Altink (Niederlande)
Mag.a Dr.in Helga Amesberger (Österreich)
Dr.in Susanne Dodillet und Dr.in Petra Östergren (Schweden)
Finanzierung:    Städte Den Haag, Utrecht, Rotterdam
NICIS (Institute for Urban Research and Practice)
Universität Leiden
MA 57 (Frauenbüro der Stadt Wien)
Fertigstellung:    Dezember 2012
Download:    Studie (PDF)

Das Konzept für diese internationale Vergleichsstudie entstand in enger Zusammenarbeit von Hendrik Wagenaar und den Städten Rotterdam, Utrecht und Den Haag, die neben NICIS auch zu den Hauptfinanziers der Studie gehören. Das Ziel der Studie ist, die vielfach von einem moralischen Impetus getragenen Maßnahmen im Bereich der Prostitutionspolitik in den Niederlanden, Österreich und Schweden miteinander zu vergleichen und ihre Effekte auf die Arbeits- und Lebensbedingungen von SexarbeiterInnen zu analysieren. Dabei gingen wir von der Annahme aus, dass zwischen Politikformulierung und deren faktischer Implementierung beträchtliche Differenzen bestehen.

Ausgangspunkt der Studie war, dass bislang die Effekte von Prostitutionspolitik – intendierte wie unintendierte – nicht auf internationaler Ebene untersucht wurden. Es gibt weder Wissen darüber, welchen Wirkungsgrad bestimmte Maßnahmen haben, noch wissen wir von der Beziehung zwischen Politikinstrument/ Maßnahme, wie etwa die Kriminalisierung von Kunden oder die Lizenzierung von Bordellen, und ihren Effekten. Zur Frage stand auch, ob ähnliche politische Maßnahmen in den verschiedenen Ländern gleichermaßen wirken.

Die Studie zeigt, dass das Politikfeld Prostitution gegenüber politischen Maßnahmen sehr resistent ist – und dies unabhängig vom jeweiligen auf nationaler Ebene präferierten "Prostitutionsregime". Prostitution ist ein Bereich, der zudem wesentlich von externen Einflüssen wie Arbeitsmigration oder der Entwicklung der Kommunikationstechnologien determiniert ist. Veränderungen geschehen daher mitunter in einem Tempo, mit dem Politik und Verwaltung nicht mithalten und vielfach nur reaktiv handeln können. Ein weiterer Faktor für die geringe und langsame Wirksamkeit gesetzlicher Maßnahmen ist, dass Bordelle, Kunden und SexarbeiterInnen nach wie vor – aus unterschiedlichen Gründen – bei gleichzeitiger hoher Sichtbarkeit weitgehend im Schattenbereich der Wirtschaft agieren (müssen oder wollen). Informationen über das Milieu sind daher auch schwer zu generieren. Dies zeigt sich etwa an der Qualität der vorhandenen Daten (in allen drei Untersuchungsländern): Die Datenerhebungen in Österreich bei Gesundheitsämtern, Landeskriminalämtern und dem Bundeskriminalamt ergab, dass selbst rudimentäre Daten wie die Anzahl der Betriebe und der Sexarbeiterinnen nicht sehr zuverlässig sind. In manchen Bundesländern liegen nur Schätzungen vor, es werden je nach Bundesland unterschiedliche Quellen herangezogen, in allen Fällen beziehen sich die Zahlen auf einen Stichtag (30. Dezember). Das heißt, diese Statistiken geben weder Auskunft über das Alter der SexarbeiterInnen (Ausnahme Wien), noch darüber, wie viele Frauen durchschnittlich pro Tag der Sexarbeit nachgehen, auch nicht über die durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten etc. Dies ist insofern problematisch, als Zahlen oftmals als strategisches Vehikel benutzt werden, um eine bestimmte Ausrichtung der Politik zu forcieren. Verlässliche Statistiken sind aber wesentlich für Politikgestaltung und für wirksame politische Maßnahmen und sie könnten ein Gegengewicht zur moralisierenden Diskussion über Prostitution darstellen. Bislang gab es in Österreich noch keine Studie zu Sexarbeit, in der SexarbeiterInnen in einem derart großen Umfang befragt wurden. Mithilfe von 85 Interviews mit Sexarbeiterinnen – zum überwiegenden Teil durchgeführt von LEFÖ und maiz – konnte das Informationsmanko zumindest teilweise behoben werden. Diese Interviews geben Aufschluss über Migrationsprozesse, die Wege in die Sexarbeit (Entscheidung, Motivation, UnterstützerInnen), die Arbeitsbedingungen (Arbeitszeiten, Verdienste, Arbeitsklima, verpflichtende Gesundheitsuntersuchungen usw.), die (Gründe für) Mobilität und ähnliches mehr.

Politikgestaltung im Bereich Prostitution ist zudem zum einen wegen deren Hetero-genität und Komplexität, und zum anderen durch deren hochgradig emotionelle Aufladung ein schwieriges Unterfangen, was wiederum zu sehr unterschiedlichen Problemdefinitionen und Maßnahmen führt. Egal, welcher Weg verfolgt wird, effektive Prostitutionspolitik bleibt daher notwendigerweise eine Politik der kleinen Schritte. Die Interviews mit "informierten Außenstehenden" (aus den Bereichen Politik, Exekutive, Verwaltung, Gesundheitsämtern und NGOs) belegen dies auf eindrucksvolle Weise.

Dennoch haben politische Maßnahmen einen wesentlichen Einfluss auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen von SexarbeiterInnen, insbesondere den zugewanderten. In den niederländischen wie den österreichischen Interviews mit SexarbeiterInnen (insgesamt 129) wurde sichtbar, dass die vielfach konstatierte und als negativ eingestufte Mobilität von SexarbeiterInnen unter anderem, aber nicht in geringem Maße, von gesetzlichen Maßnahmen bzw. der Umsetzung solcher verursacht ist.

Die genaue Analyse der Umsetzung der Gesetze in den Niederlanden und Österreich (Wien und Oberösterreich) hat verdeutlicht, dass die Prostitutionspolitik in beiden Ländern in großen Teilen sehr ähnlich ist. Beide Länder verfolgen u.E. ein regulatives Prostitutionsregime. Es hat sich des Weiteren gezeigt, dass die Wirkung der Gesetze und Regelungen maßgeblich von der Implementierung auf der lokalen Ebene abhängig ist und diesem Prozess der Umsetzung und der sorgfältigen Auswahl von Politikinstrumenten noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird (dies gilt in stärkerem Maße für Österreich als für die Niederlande).

Dies sind nur einige wenige Ergebnisse. Der Forschungsbericht beschäftigt sich, neben einer ausführlichen Darstellung von Sexarbeit in den Niederlanden und in Österreich sowie der jeweiligen nationalen wie lokalen Prostitutionspolitik, eingehend mit dem Spannungsfeld Prostitution – Migration – Ausbeutung und Prostitutionspolitik als moralische Politik.

 

2010: Feasibility Study: National legislation on gender violence and violence against children

Länderbericht: Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung: Europäische Kommission, Daphne III
Fertigstellung: Juni 2010
Materialien:    Projektbericht

 

2009: Evaluierung des 3. Mentoringprogramms für Nachwuchswissenschafterinnen an der Universität Wien (muv3)

Projektleitung: Mag.a Karin Bischof
Finanzierung:    Referat für Frauenförderung und Gleichstellung der Universität Wien
Fertigstellung:    Juni 2009

Das Mentoringprogramm muv der Universität Wien wurde zunächst 2000 bis 2003 mit Drittmitteln finanziert als Maßnahme zur Förderung von Nachwuchswissenschafterinnen erfolgreich durchgeführt, seit 2007 wird es von der Universität Wien finanziell getragen. Ziel der Evaluierung war es, aufbauend auf der Evaluierung des 2. Mentoringprogramms Erfolg und Verbesserungsmöglichkeiten zu dokumentieren und zu analysieren sowie die Wirksamkeit der Modifikationen, die sich aus den Empfehlungen der vorangegangenen Evaluierung ergeben hatten, zu überprüfen.

Auch im dritten Durchgang nahmen wieder vierzig Nachwuchswissenschafterinnen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen und Fakultäten der Universität Wien teil. Die Mentoringbeziehungen bestanden formal für drei Semester und beinhalteten Treffen im Ausmaß von mindestens zehn Stunden pro Semester. Die zehn aus den vierzig Mentees gebildeten Kleingruppen wurden von jeweils einer/einem MentorIn, allesamt ProfessorInnen der Universität Wien, unterstützt. Im Rahmen einer repräsentativen Erhebung via online-Fragebogen wurden insbesondere Akzeptanz und Zufriedenheit der teilnehmenden Mentees mit dem Programm, konkrete Veränderungen, die sich im Verlauf des MP für die Mentees ergeben haben, sowie persönlicher Nutzen bzw. mittel- und längerfristige Effekte des MP auf die wissenschaftliche Laufbahn überprüft. Mithilfe eines Clustering wurden weiters hemmende und fördernde Faktoren in den Mentoring-Beziehungen und im Setting des Projekts identifiziert und Problemfelder sowie auch gelungene Aspekte analysiert. Schließlich wurden auch diesmal wieder Empfehlungen formuliert.

Einschätzung wie positive Effekte des dritten Mentoringprogramms haben sich gegenüber dem zweiten Programmdurchgang noch weiter verbessert, die auf den Empfehlungen der vorangegangenen Evaluierung aufbauenden Modifikationen haben in wesentlichen Punkten gegriffen.

 

2006: Evaluierung des zweiten Mentoring-Programms der Universität Wien

Projektleitung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Durchführung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Karin Bischof
Finanzierung:    Universität Wien, Referat Frauenförderung und Gleichstellung
Fertigstellung:    Oktober 2006

Das Mentoringprogramm muv der Universität Wien wurde erstmals 2000 bis 2003 als Maßnahme zur Förderung von Nachwuchswissenschafterinnen erfolgreich durchgeführt. Vierzig Nachwuchswissenschafterinnen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen und Fakultäten nahmen am letzten Mentoringprogramm (Oktober 2004 bis Dezember 2006) teil. Die Mentoringbeziehungen bestanden formal für drei Semester und beinhalteten Treffen im Ausmaß von mindestens zehn Stunden pro Semester. Die zehn aus den 40 Mentees gebildeten Kleingruppen wurden von jeweils einer/einem MentorIn, allesamt ProfessorInnen der Universität Wien, unterstützt.

In der vorliegenden Evaluierung gegen Ende des zweiten Durchgangs fand zum einen erstmals eine repräsentative Überprüfung der Effekte statt und zum anderen wurde auch Problemstellen analytisch nachgegangen. In Hinblick auf das Gesamtziel der Dokumentation und Analyse von Erfolg und Verbesserungsmöglichkeiten der Mentoring-Beziehungen verfolgte die Evaluierung folgende Teilziele, wobei ein Methodenmix von quantitativer Fragebogenerhebung unter den Mentees und halbstandardisierten Leitfandeninterviews mit Mentees und MentorInnen zur Anwendung kam:

  • die repräsentative Erhebung von Akzeptanz und Zufriedenheit der teilnehmenden Mentees mit dem Programm,
  • die repräsentative Erhebung von konkreten Veränderungen, die sich im Verlauf des MP für die Mentees ergeben haben, von ursprünglichen Erwartungen und deren Erfüllung sowie von persönlichem Nutzen bzw. mittel- und längerfristigen Effekten des MP auf die wissenschaftliche Laufbahn,
  • die Identifikation von hemmenden und fördernden Faktoren in den Mentoring-Beziehungen sowie im Setting des Projekts,
  • die Analyse der Problemfelder bzw. der besonders gelungenen Aspekte,
  • das Herausarbeiten von Verbesserungsmöglichkeiten bzw. Empfehlungen in Hinblick auf den nächsten Programmdurchlauf.

Insgesamt wurde das Mentoringprogramm von den Befragten sehr positiv beurteilt und die Evaluierung ergab, dass die gesteckten Ziele weitgehend erreicht wurden.

 

2006: Die Situation von Lesben, Schwulen und transgender/transsexuellen Personen am Arbeitsplatz

Projektleitung: Dr. Birgitt Haller
Durchführung: Mag.a Katrin Auer
Finanzierung:    Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien - MA 8
MA 57 / Frauenbüro der Stadt Wien
Fertigstellung:    Juni 2004
Materialien:    Projektbericht

Diese explorative Studie beleuchtet die Situation von Lesben, Schwulen und transgender/transsexuellen Personen am Arbeitsplatz. Es wird gezeigt, in welcher Weise direkte und strukturelle Benachteiligungen bestehen, von wem diskriminierendes Verhalten an den Tag gelegt wird und wie die Umgangsstrategien von Lesben, Schwulen und Transsexuellen damit sind. Die Fragestellung fokussiert auf mehrere Ebenen: Auf heterosexistische Strukturen und die homophobe Umwelt, auf genderspezifische Unterschiede im diskriminierenden Verhalten von Männern und Frauen sowie auf Unterschiede zwischen der Situation von Homo- und Transsexuellen. D.h. das Augenmerk liegt sowohl auf den Umgangsstrategien der Betroffenen als auch auf den Faktoren, die homophobe Strukturen und Verhältnisse ausmachen. Es wurde eine Literatur- und Internetrecherche vorgenommen. Weiters wurden im Frühjahr 2004 problemzentrierte Interviews mit ExpertInnen und "Betroffenen" geführt, wobei die Auswahl der ExpertInnen nach zwei Kriterien erfolgte: VertreterIn einer lesbischwulen bzw. transgender/transsexuellen Interessenvertretung oder MitarbeiterInnen von ArbeitnehmerInnen-Vertretungen zu sein.

Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass in der Arbeitswelt zwei Bereiche für die Situation von Lesben, Schwulen und transgender/transsexuellen Personen wesentlich sind: der rechtliche und der zwischenmenschliche Bereich. Durch die in nationales Recht übernommene EU-Antidiskriminierungsrichtlinie 2000/78/EG ist jegliche Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung in Beschäftigung und Beruf verboten. Das Diskriminierungsverbot umfasst direkte und indirekte Diskriminierung sowie Mobbing. Zwar ist damit der Schutz vor Diskriminierung u.a. aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung gewährleistet, doch besteht keine Antidiskriminierungsbestimmung für Geschlechtsperformance, wie sie für transgender Personen notwendig wäre, die nicht in ihrem Geburtsgeschlecht leben. Der zwischenmenschliche Bereich ist meist von latenter oder manifester Homophobie und der heterosexistischen Vorannahme geprägt. Eine in jedem Sinne tolerante und gleichberechtigte Atmosphäre würde jene Bedingungen bieten, die für ein Coming Out und offenes Leben am Arbeitsplatz notwendig wären. In den ExpertInnen- und Betroffeninterviews überwogen Schilderungen von latenten und verbalen Diskriminierungen. Die Fälle von direkter physischer Gewalt dürften selten sein, doch sind nach Meinung der befragten PsychotherapeutInnen die Folgen und Implikationen der psychischen Gewalt und Belastungen nicht zu unterschätzen. In diesen Umständen verbirgt sich auch die potentielle Gefahr, das Ziel von Mobbing zu werden, denn konkurrenzreiche und latent konfliktvolle Umgebungen sind geradezu für Mobbingfälle prädestiniert und es trifft meist jene, die "anders" sind als die Mehrheit. Die Situation von Lesben und Schwulen weist Parallelen und Unterschiede auf. Lesben sind von der strukturellen Benachteiligung von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft betroffen. Doch werden frauenfeindliche Stereotype auch auf schwule Männer projiziert. Im diskriminierenden Verhalten von Männern und Frauen erkennen die ExpertInnen graduelle Unterschiede. Männer würden offener und direkter, Frauen subtiler diskriminieren. Wesentliche Unterschiede bestehen zwischen der Situation von Homosexuellen und Transsexuellen. Ein deutliches Ergebnis ist außerdem, dass von Seiten der ArbeitnehmerInnen-Vertretungen ein großer Handlungsbedarf besteht, sich für lesbischwule und transgender/transsexuelle Belange einzusetzen und sowohl Antidiskriminierung als auch Gleichbehandlung in der Arbeitswelt und damit auch gesamtgesellschaftlich voranzutreiben.

 

2005: Gender-Evaluierung im antirassistischen Arbeitsfeld anhand ausgewählter Teile des Projekts "Verschiedene Herkunft - gemeinsame Zukunft. Strategien und Maßnahmen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit"

Projektleitung: Mag.a Marietta Schneider (GM-Beauftragte des EQUAL-Projekts)
Durchführung: Mag.a Katrin Auer
Mag.a Karin Bischof
Mag.a Marietta Schneider
Finanzierung:    Finanzierung: Europäischer Sozialfonds;
Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit
Fertigstellung:    August 2005

Ziel der im EQUAL-Projekt "Verschiedene Herkunft - gemeinsame Zukunft" angesiedelten Evaluierung war es, Projektstrukturen anhand eines ausgewählten Arbeitsbereichs vertiefend aus der Gender-Perspektive zu beleuchten. Analysiert und bewertet wurde primär der vielschichtige Modellgemeinden-Entwicklungsprozess in Modul 3, da hier sämtliche Module ineinander liefen und sich die Strukturen des Gesamtprojekts am deutlichsten herauskristallisierten. Die expliziten strategischen Ziele dieses Moduls umfassten die Aktivierung möglichst breiter Bevölkerungsschichten, die Förderung von Beteiligungsformen in der Entwicklung eines Gemeinde-Integrationsleitbildes und in der Folge die Schaffung von interkulturellen Modellgemeinden mit überregionaler Ausstrahlungskraft. Am Beispiel zweier Modellgemeinden - einerseits Krems als städtische und andererseits Traismauer als ländliche Gemeinde - wurden sowohl die unterschiedlichen Ebenen im Partizipationsprozess (Repräsentanz, Kommunikationsstruktur und Themenfindung, Entscheidungsfindung und Umsetzung) vor dem Hintergrund des lokalpolitischen/landespolitischen Kontextes differenziert betrachtet, als auch Effekte "lenkender Eingriffe" bzw. Aktionen seitens des Projektteams untersucht. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der spezifischen Verflechtung von Gender-Kontext und antirassistischem Kontext, wobei auch die Kategorien sozialer Status und Bildungshintergrund wesentlich berücksichtigt wurden. Gefragt wurde konkret, welche Gruppen/Teilgruppen sich in welcher Weise und mit welchen Effekten am Prozess beteiligt bzw. eingeschaltet haben, welche Bedingungen dafür ausschlaggebend waren und inwiefern dadurch gleichberechtigte oder hierarchische Strukturen geschaffen bzw. reproduziert wurden.

Methodisch knüpfte die Gender-Evaluierung an die parallel am Institut für Konfliktforschung laufende wissenschaftliche Projektbegleitung an. Untersuchungsgrundlage war größtenteils bereits erhobenes Datenmaterial wie die Feldprotokolle aus der teilnehmenden Beobachtung, ExpertInneninterviews, Notizen aus der Teilnahme an Modularbeitsgruppen und Dokumentationsmaterial aus dem Projektprozess.

Sowohl in den im Rahmen der Gender-Analyse fokussierten Gemeinden als auch in den beiden anderen Projektgemeinden war die zahlenmäßige Frauendominanz im Projektprozess augenfällig. In Krems lag der Anteil der beteiligten Frauen im Schnitt (über den gesamten Projektverlauf hindurch gerechnet) bei 80 Prozent, in Traismauer bei 70 Prozent. Dabei wurde teilweise eine Tendenz sichtbar, die sich als "männliche Flucht aus dem weiblichen Themenfeld" charakterisieren lässt. Es war eine höhere Fluktuation bei der Anwesenheit der Männer (mit und ohne Migrationshintergrund) feststellbar. Der "Kern" der über alle drei Jahre hinweg kontinuierlich am Projekt Beteiligten war beinahe ausschließlich weiblich, wobei ein Großteil der ehrenamtlich engagierten Frauen einen beruflichen Hintergrund im pädagogischen oder sozialarbeiterischen Feld aufwiesen. Der Anteil der im Projektprozess beteiligten MigrantInnen lag etwa bei einem Drittel.

Der (sich im Projektverlauf verdeutlichende) gender-gap in der Projektbeteiligung deutet darauf hin, dass der Politikbereich Integration, der in den meisten Gemeinden im Rahmen des Projekts entstand, als sogenannter "weicher" Politikbereich identifiziert und mit den weiblich konnotierten Eigenschaften des Helfens und der Unterstützung Schwächerer identifiziert wird. Gleichzeitig bestätigen sich hier Erkenntnisse der feministischen Partizipationsforschung, denen zufolge der Abbau sozialer Ungerechtigkeit, der Einsatz für Schwächere sowie die Gemeinschaft als Motiv für politische Partizipation bei Frauen stärker ausgeprägt ist als bei Männern.

In Bezug auf die Kommunikationsstrukturen ließen sich unterschiedliche Muster feststellen. Dort, wo die Beteiligung von NGOs ausgeprägter war und die involvierten MigrantInnen vorwiegend Mittelschichthintergrund aufwiesen, entwickelte sich eine eher gleichberechtigte, kooperative und konsensuale Kommunikationsstruktur, in der auch die Position der MigrantInnen (hier hauptsächlich der Frauen) im Projektverlauf deutlich gestärkt wurde. Im anderen Fall, wo hauptsächlich türkische migrantische ArbeiterInnen in die Steuerungsgruppe involviert waren, waren häufig auch konfliktive Kommunikationsmuster prägend. Analog dazu stellten sich auch in Bezug auf den Entscheidungsfindungsprozess im ersten Fall bottom-up-Elemente als dominant heraus (hier waren MigrantInnen in organisatorische und strategische Entscheidungen eingebunden), im anderen Fall eher (top-down-Elemente (hier waren MigrantInnen wenig in die Entscheidungsfindung eingebunden). Im Gemeindenvergleich lässt sich vorsichtig eine Tendenz andeuten, der zufolge ein höherer Stellenwert des Projekts für die Gemeindepolitik eher top-down-Entscheidungsstrukturen und eine im Vergleich ausgeprägtere männliche Beteiligung bedingte.

Während in der Beteiligung und in der Entscheidungsfindung auch Männer involviert waren, erfolgte die (fast ausschließlich ehrenamtliche) Umsetzung der Maßnahmen, d. h. die Übernahme konkreter Arbeitsaufgaben beinahe zur Gänze von Frauen. Auf dieser Ebene waren Migrantinnen in Relation zu ihrem Anteil an der übrigen Beteiligung überproportional eingebunden.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass durch das Projekt in den Projektgemeinden ein neues Politikfeld "Integration" entstanden ist, das in der Hauptsache weiblich besetzt ist und dem gleichzeitig im kommunalen Kontext ein (in unterschiedlichem Ausmaß) geringerer Stellenwert beigemessen wird. Hier bestätigt sich eine wesentliche Aussage der feministischen Partizipationsforschung, der zufolge der Anteil von Frauen im zivilgesellschaftlichen Engagement hoch ist und in den letzten Jahrzehnten - nicht zuletzt auch im Zuge der Auslagerung vormals staatlicher Aufgabenbereiche - gestiegen ist. Zivilgesellschaftliches Engagement stellt, speziell wenn es um die Übernahme ehrenamtlicher Aufgaben geht, auch eine (von der Mehrheitsgesellschaft oft durchaus erwünschte) Partizipationsmöglichkeit für MigrantInnen dar.

 

2004: Prävention Postpartaler Depression

Projektleitung: Mag.a Helga Amesberger
Durchführung: Mag.a Helga Amesberger
Mag.a Katrin Auer
Mag.a Brigitte Halbmayr
Mag.a Barbara Liegl
Univ.Prof. Dr. Peter Bauer
(Institut für medizinische Statistik der Universität Wien)
Finanzierung:    Magistrat der Stadt Wien – Wiener Frauengesundheitsbeauftragte
(jetzt: Fonds Soziales Wien)
Fertigstellung:    Februar 2004

Die in Österreich vergleichsweise hohe Inzidenz von postpartaler, nicht psychotischer Depression (PPD) von 21,3 Prozent im Vergleich zur internationalen Prävalenz von 10-15 Prozent (nach Herz et al., 1997) veranlasste die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte, ein Pilotprojekt in drei Wiener Krankenhäusern (Semmelweis Frauenklinik, Kaiser Franz Josef Spital und SMZO-Donauspital) durchzuführen. In diesem Projekt wurden Frauen mit einem erhöhten Risiko zur PPD durch spezifische Interventionsmaßnahmen in ein interdisziplinäres Betreuungsnetz (ÄrztInnen, Hebammen, PsychologInnen, PsychotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen) eingebunden. Ziel des Projektes war, durch primäre und sekundäre Präventionsmaßnahmen die PPD-Rate deutlich - zumindest auf den internationalen Durchschnitt - zu senken. Um die jeweiligen medizinischen und psychosozialen Interventionsmaßnahmen auf ihre präventive Wirksamkeit zu prüfen, wurde dieses Projekt einer begleitenden Evaluierung unterzogen, die vom IKF durchgeführt wurde. Diese sollte auf der Analyse der Rahmenbedingungen des Pilotprojektes im Allgemeinen und der bereits angesprochenen präventiven Interventionsmaßnahmen im Besonderen basieren.

Kernstück der Evaluierung war die Überprüfung der Wirksamkeit der gesetzten Maßnahmen zur Senkung der PPD-Rate. Die Unterteilung der Schwangeren/Mütter in zwei Gruppen - Frauen mit niedrigem und Frauen mit hohem PPD-Risiko - sowie die Differenzierung der Gruppe mit einem hohen PPD-Risiko in eine "Interventionsgruppe", welche zusätzlich zu der Standardbetreuung ein spezifisches Betreuungsangebot in Anspruch nehmen konnte, und eine "Kontrollgruppe" - sollte die Wirkung der gesetzten Maßnahmen analysieren helfen. Zu diesem Zweck und um Entwicklungen abzulesen, wurde in vier Erhebungswellen eine Reihe von Befragungen (EPDS, gekürzter IHS-Gesundheitssurvey) unter den Schwangeren/Müttern durchgeführt. Zugleich wurde die Zufriedenheit der Schwangeren/Mütter aus der "Projektgruppe" mit den gesetzten Maßnahmen mittels eines Kurzfragebogens eruiert.

Wenngleich die Ergebnisse der Interventionen die Ausgangshypothese, dass durch primäre und sekundäre Präventionsmaßnahmen das Risiko an postpartalen Depressionen zu erkranken, gesenkt werden kann, statistisch nicht eindeutig bestätigt werden konnte, zeitigte die Pilotstudie doch eine Reihe positiver Effekte in den Pilotkrankenhäusern, welche primär auf den Einsatz der sog. Projekthebammen zurückzuführen sind, wie etwa die Beschleunigung und Verbesserung des Arbeitsablaufes im Krankenhaus, die Qualitätsverbesserung bei der Anamnese, die Effizienzsteigerung und Ressourcenersparnis durch adäquate Zuweisung, die Verbesserung der krankenhausinternen Vernetzung, die beobachtete Zunahme der Zufriedenheit unter den Klientinnen und die verstärkte Sensibilisierung sowohl des Krankenhauspersonals als auch der Schwangeren, sprechen für eine Implementierung des Pilotprojektes in den Regelbetrieb, ebenso die hohe Akzeptanz und positive Beurteilung durch die befragten Frauen.

 

2000: Rechtsextreme Parteien - eine mögliche Heimat für Frauen?

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Fertigstellung:    Februar 2000

Die Studie widmet sich dem Phänomen des Rechtsextremismus unter besonderer Berücksichtigung des Frauenaspekts. Dabei wird eine "Außensicht" anhand der Aufarbeitung von Veröffentlichungen rechtsextremer Parteien mit der selten erhobenen, aber in der sozialwissenschaftlichen Forschung immer mehr eingeforderten "Innensicht", also der Befragung rechtsextremer Aktivistinnen, kombiniert. Die Konzentration auf rechtsextreme Parteien gründet in der Überlegung, dass diese als wahlwerbende Organisationen durch bewusste Öffentlichkeitsarbeit und Medienpräsenz einen entsprechenden Bekanntheitsgrad (insbesondere bei zunehmendem Wahlerfolg) aufweisen und gleichzeitig ihre Ideen, Programme und ihre Ideologien an breite Bevölkerungsschichten herantragen können. Der Umstand, dass Frauen nach wie vor signifikant weniger als Männer, jedoch ebenfalls in steigendem Ausmaß rechtsextreme Parteien wählen und auch in ihnen mitarbeiten, lässt nach den "Angeboten" dieser Parteien für Frauen sowie nach den Gründen der Frauen fragen, welche individuellen Lebensumstände und Lebenserfahrungen die Konzepte der Rechtsextremen für sie attraktiv erscheinen lassen.

Die Studie gliedert sich im wesentlichen in vier Hauptteile:

  • Im ersten Teil befassen wir uns mit den wichtigsten sozialwissenschaftlichen Theorien/Erklärungsansätzen und empirischen Forschungsergebnissen zu Rechtsextremismus bzw. rechtsextremen Parteien unter dem "gender"-Aspekt.
  • Der zweite Teil, ebenfalls international konzipiert, umfasst die sekundäranalytische Auswertung, Analyse und Interpretation von Parteiprogrammen, -reden und Publikationen (Parteizeitungen, Veröffentlichungen von Parteiführern) ausgewählter rechtsextremer europäischer Parteien unter dem "gender"-Aspekt, d.h. im Hinblick auf deren Frauenbild und deren Angebote für Frauen, des (rechtsextremen) Wahlverhaltens von Frauen im Längsschnitt (ab 1990), und der Partizipation von Frauen in rechtsextremen Parteien.

Folgende fünf Länder und Parteien wurden einbezogen:

 

Österreich:

Freiheitliche Partei Österreich (FPÖ)
 

Italien:

Alleanza Nazionale (AN)
 

Frankreich:

Front National (FN)
 

Tschechische Republik:

Vereinigung für die Republik - Republikanische Partei der Tschechoslowakei (SPR-RSC)
 

Slowakische Republik:

Slowakische Nationalpartei (SNS).

Die sogenannten "Länderberichte" wurden jeweils von Expertinnen vor Ort, von Sandra Riccio (Italien), Mariette Sineau und Nonna Mayer (Frankreich), Hana Havelková (Tschechien) und Olga Gyárfásová (Slowakei) verfasst.

  • Für den dritten, österreichbezogenen empirischen Teil wurden problemzentrierte Interviews mit FPÖ-Funktionärinnen (neun Bezirksrätinnen in Wien und Oberösterreich) durchgeführt und interpretiert. Thematische Schwerpunkte waren geschlechtsspezifische Lebenserfahrungen und deren mögliche Einflüsse auf die politische Orientierung sowie die entscheidenden Motive für eine aktive Beteiligung in der Partei.
  • Im vierten Teil werden Ableitungen und notwendige Konsequenzen für eine (Frauen)Politik beschrieben und diskutiert, sowie ein Maßnahmenkatalog als Grundlage für eine politische Gegensteuerung gegen eine Ausweitung von rechtsradikalen Denkmustern und Handlungen erarbeitet.
1999: Handbuch betriebliche Frauenförderung - betriebliche Gleichstellung

In Kooperation mit:    GenderLink (Projektleitung)
Forschungszentrum W.A.S. (Projektleitung)
FORBA
Solution
Komunariko
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Finanzierung:    W.A.S. (Stadt Wien - MA 57)
Fertigstellung:    Dezember 1999

Ziel des Projektes war es, ein Handbuch zur betrieblichen Frauenförderung für UnternehmensvertreterInnen, BetriebsrätInnen, GewerkschaftsvertreterInnen und ArbeitsmarktberaterInnen zu entwickeln. Es soll eine sachlich fundierte Argumentationshilfe für Diskussionen zum Thema Chancengleichheit im Betrieb bieten und konkrete Handlungsanleitungen für die Umsetzung von gleichheitsfördernden Maßnahmen liefern. Anhand von sieben Modulen wurden mögliche Maßnahmen und einzelne konkrete Schritte zur Umsetzung dargestellt. Thematisch behandeln diese Module die Planung von Gleichstellungsmaßnahmen, die Betriebsdiagnose, Maßnahmen im Rahmen der Personalplanung, -suche und -auswahl, der Personalentwicklung, Weiterbildung und Karriereförderung, der Vereinbarkeit von Beruf und Familie/Privatleben. Weiters wird auf die Bedeutung der Organisationskultur und auf die Implementierung von Gleichstellungsmaßnahmen eingegangen. Jedes Modul umreißt die Problemlage und mögliche Handlungsfelder, wobei bei letzteren zusätzlich noch konkret auf die verschiedenen Zielgruppen eingegangen wird. Illustriert werden diverse Maßnahmen durch ausführliche Good Practice Beispiele. Im Handbuch finden sich auch die relevanten rechtlichen Regelungen (EU und Österreich) sowie Informationen zu Gleichstellungsaktivitäten in Österreich.

 

1999: Bedarfserhebung - Maßnahmen für weibliche Prostituierte in Wien

Projektleitung:    Mag. Helga Amesberger
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Mag. Barbara Liegl
Finanzierung:    Stadt Wien - MA 57
Fertigstellung:    Dezember 1999

Die Studie behandelt im wesentlichen das Gesundheitsbewusstsein, die Gesundheitsvorsorge und den Zugang zu Gesundheitseinrichtungen von weiblichen Prostituierten in Wien. Ausgangspunkt war der Rückgang der im Sicherheitsbüro der BPD Wien registrierten und mit Kontrollkarten vom STD-Ambulatorium ausgestatteten Sexarbeiterinnen und die (vermutete) Zunahme der nicht registrierten Prostituierten. Unter letzteren finden sich viele zugewanderte Sexarbeiterinnen, die meist - zusätzlich zur allgemeinen gesellschaftlichen Diskriminierung von Prostituierten - auch mit aufenthaltsrechtlichen Problemen zu kämpfen haben und daher in mehrfacher Hinsicht illegalisiert leben; diesen Frauen ist der Zugang zum österreichischen Gesundheitssystem und zur Gesundheitsvorsorge besonders erschwert. Gefragt sind Maßnahmen, die beiden Gruppen den Einstieg in regelmäßige Kontroll- und Präventionsuntersuchungen erleichtern würden und gleichzeitig auch die Lebensbedingungen verbessern sowie den Ausstieg aus diesem Milieu ermöglichen könnten.
Die vier wichtigsten Fragestellungen des Projekts lauten daher:

  • Welche Maßnahmen sind aus der Sicht der Sexarbeiterinnen dazu geeignet, ihnen den Zugang zum Gesundheitssystem zu erleichtern, bzw. woran scheitert dieser derzeit? Worauf führen sie den Rückgang bei den Kontrolluntersuchungen zurück, bzw. was macht diese für sie besonders unangenehm?

  • Welche Maßnahmen sind aus der Sicht der Prostituierten dazu geeignet, die Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern und ihnen den Ausstieg aus dem Milieu zu ermöglichen, bzw. woran scheitert der Ausstieg? Was konkret würden sie für einen Ausstieg brauchen?

  • Welche Arten von niederschwelligen Einrichtungen mit welchem Angebot würden ihnen dies erleichtern (arbeitsrechtliche Maßnahmen, aufenthaltsrechtliche Maßnahmen, psycho-soziale Betreuung zusätzlich zur medizinischen)?

  • Welche Arten/Konzepte von niederschwelligen Einrichtungen gibt es in diesem Bereich bereits in den anderen österreichischen Bundesländern und in der Bundesrepublik Deutschland? Inwiefern unterscheiden sie sich bzw. gibt es so etwas wie eine Mindestanforderung an eine niederschwellige Einrichtung für Sexarbeiterinnen?

Um solche Maßnahmen sinnvoll und effektiv gestalten zu können, muss die Perspektive der Prostituierten selbst in den Vordergrund gerückt werden. Die methodische Vorgehensweise bestand daher in einer Fragebogenerhebung (Vollerhebung) unter den Prostituierten, die sich regelmäßig einer Untersuchung auf sexuell übertragbare Krankheiten (sexually transmitted diseases - STD) im STD-Ambulatorium der Stadt Wien unterziehen (müssen), und 30 qualitative, leitfadenorientierte Interviews mit Sexarbeiterinnen, wovon neun mit migrierten Sexarbeiterinnen geführt wurden. Zusätzlich wurden sieben Expertinneninterviews (mit Frauen von österreichischen Beratungsstellen, (ehemaligen) Streetworkerinnen, Mitarbeiterinnen der STD-Ambulanzen in Wien und Hamburg) geführt. In den Vergleich der Angebote und Arbeitsweisen niederschwelliger Beratungsstellen wurden 23 Beratungsstellen aufgenommen (davon vier in Österreich, zwei in der Schweiz und 17 in Deutschland). Schließlich wurden noch die drei in Österreich bereits entwickelten Konzepte (zwei in Wien, eines in Graz) für eine niederschwellige Einrichtung diskutiert. Die Ergebnisse der dargestellten Erhebungsschritte, insbesondere die Bedarfserhebung unter den Prostituierten selbst, bildeten die Grundlage für die abschließenden Empfehlungen des Projektteams hinsichtlich einer niederschwelligen Einrichtung für weibliche Prostituierte in Wien.

 

1998: Reaktionen von Männern in Organisationen auf Gleichstellunginitiativen

Projektleitung:    Prof. Dr. Alberto Godenzi (Universität Fribourg)
Dr. Ilse König
Durchführung:    Dr. Regina Dackweiler (Universität Fribourg)
Mag. Karin Eitel
Finanzierung:    Universität Fribourg
Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauenangelegenheiten und Verbraucherschutz
Fertigstellung:    Dezember 1998

Das Forschungsprojekt nimmt einen Perspektivenwechsel vor, der bislang in der Sozialforschung wie in der Sozialpolitik vernachlässigt wurde: Es befaßt sich nicht mit den Forderungen von Frauen zum Thema Gleichstellung, sondern mit den Reaktionen von Männer auf diese Forderungen. Gleichstellungspolitik, ihre Ziele und Effekte, werden nicht im Lichte der "Frauenfrage" interpretiert, sondern als "Männerfrage" untersucht. Einstellungen und Handlungspläne von Männern als Individuen wie Gruppen und deren Umsetzung im Sinn von Reaktionen auf Initiativen geschlechtlicher Parität werden rekonstruiert und analysiert. Hierbei richtet sich das Erkenntnisinteresse darauf, welche Variablen die individuelle bzw. kollektive Bevorzugung jeweiliger Handlungsphasen - so etwa von "passiv-blockierend" bis "solidarisch" - beeinflussen, und von welchen Konstellationen Phasenübergänge - hin zu einem dem Ziel von Geschlechterparität verbundenem Handeln - abhängig sind.

Als konkrete Vorgangsweise wurde die Gegenüberstellung von drei Organisationstypen (bürokratische, marktökonomische und Non-profit-Organisationen) gewählt, von denen jeweils ein "gleichstellungsgünstiges" und ein "gleichstellungsungünstiges" Soziotop ausgesucht wurde. Methodisch wurde an diese sechs Organisationen auf mehreren Ebnenen herangegangen: 1. Sekundäranalyse vorhandener Personalstatistikdaten; 2. Erhebung und (quantitative und qualitative) Auswertung verschriftlichter Materialien; 3. Durchführung von Experimenten (Gleichstellungsseminare); 4. ExpertInnengespräche.

 

1998: Managing E-Quality. Pilot project for Equality Oriented Management

Projektleitung:    Dr. Ilse König
Durchführung:    Mag. Karin Eitel
Dr. Birgitt Haller
Kooperation:    GenderLink, Salzburg
Interface Europe, Gueret/Frankreich
Frankfurter Institut für Frauenforschung e.V., Frankfurt/Main
Finanzierung:    Europäische Kommission, Generaldirektion V
Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauengelegenheiten und Verbraucherschutz
Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales
Arbeitsmarktservice Österreich
MA 57/Frauenbüro der Stadt Wien
Fertigstellung:    September 1998

"Managing E-Quality" ist ein Projekt im Rahmen des 4. Mittelfristigen Aktionsprogramms Chancengleichheit für Frauen und Männer der Europäischen Kommission. Das Projekt wurde transnational durchführt, Partnerstaaten waren Frankreich und Deutschland.

Zentrales Anliegen dieses Pilotprojektes war es, neben grundlegenden Maßnahmen zur betrieblichen Gleichstellung ein neues Verständnis von Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Staaten der Europäischen Union zu implementieren. Sein wichtigstes Charakteristikum bestand darin, die primäre Zielgruppe des Projekts - ressourcenstarke und mit Personalkompetenzen ausgestattete Führungskräfte in öffentlichen und privaten Organisationen - mittels Führungskräfteschulungen sowohl in bezug auf die Sensibilisierung für Fragen der Vereinbarkeit als auch hinsichtlich innerbetrieblich zu entwickelnder Vereinbarkeitsmaßnahmen zu motivieren. Die Sensibilisierung der betrieblichen Schlüsselfiguren soll "top-down"- Veränderungen ermöglichen bzw. initiieren. Für die Realisierung dieses umfassend angelegten Gleichstellungs- und Vereinbarkeitsverständnisses sind demnach Unternehmenskulturen und Arbeitsorganisation ebenso wichtige Ansatzpunkte wie Fragen des Managementstils, der Unternehmensstrategie und der Personalentwicklung. Aber auch das Initiieren neuer kultureller Verhaltens- und Kommunikationsmuster zwischen Führung und MitarbeiterInnen einerseits und zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern andererseits stehen hier zur Disposition.

Mit dieser Vorgangsweise wird den zwei Zielen des 4. Aktionsprogrammes der Gemeinschaft für die Chancengleichheit unmittelbar entsprochen. Im Sinn des Ansatzes "Mainstreaming", der die Gleichstellung der Geschlechter nicht als "Frauenfrage", also als Randerscheinung, sondern als eine Frage begreift, die alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft, werden die Aktivitäten auf eine andere Ebene gelegt, nämlich auf die Ebene der Arbeits- und Geschlechterorganisation im Unternehmen und der im Unternehmen dafür verantwortlichen Personen. Ein zweites Ziel des Aktionsprogramms betrifft "Beschäftigung und Berufsleben", das folgendermaßen tangiert wird: Durch Veränderungen in der Organisations- und Arbeitskultur im Betrieb, z.B. durch Einführung von neuen Arbeitszeitmodellen (wie etwa Teilzeit für Führungskräfte oder die Inanspruchnahme von Karenzzeiten durch berufstätige Väter), können Frauen bei ihren familiären Zuständigkeiten in zeitlicher und arbeitsmäßiger Hinsicht entlastet werden, dies erleichtert ihnen in Folge die Ausübung der Erwerbstätigkeit und erhöht ihre Chancen am Arbeitsmarkt.

Zu Projektbeginn fand im Herbst 1997 ein das transnationale Projektteam konstituierender Workshop in Wien statt. Bei diesem Workshop wurden die länderspezifischen Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede (etwa in bezug auf den jeweiligen Stand der Gleichstellungspolitik oder auf das kulturelle Klima bezüglich Vereinbarkeitsmaßnahmen) zwischen den einzelnen Staaten, sowie die Implementierungsschritte hinsichtlich der Pilotseminare geklärt. In der Folge wurden das Seminarcurriculum und aktivierende Arbeitsmaterialien für die Führungskräfteschulungen zur betrieblichen Implementierung von Gleichstellungs- und Vereinbarkeitsmaßnahmen entwickelt. Dieses Curriculum wurde überwiegend vom interdisziplinär zusammengesetzten Projektteam (Sozialwissenschaftlerinnen, Unternehmensberaterinnen, Trainerinnen) aus Österreich und Deutschland erarbeitet; das französische Team brachte Ergänzungen zur Situation in Frankreich ein.

Parallel dazu fand die Akquisition von Unternehmen/Organisationen für die Teilnahme an den Pilotseminaren statt. Geplant war, Unternehmen mit unterschiedlichen Standards hinsichtlich Gleichstellungs- und Vereinbarkeitsmaßnahmen für die Teilnahme zu gewinnen. So sollten einerseits "vorsensibilisierte" Unternehmen/Institutionen einbezogen werden, die bereits diverse Maßnahmen zur Frauen- oder Familienförderung entwickelt haben oder sich in diesem Entwicklungsprozeß befinden. Der zweite Typus sollten jene Unternehmen/Institutionen sein, in denen bislang noch keine diesbezüglichen Maßnahmen vorhanden sind bzw. auch "familienfreundliche" Personalführung noch kein Bestandteil der Unternehmenskultur ist. Die interessierten Partnerunternehmen sollten ein ausgewähltes Führungskräfteteam - bestehend aus sechs bis zwölf Personen - zusammenstellen, wobei die Teilnahme von Männern von ausdrücklichem Interesse war. Schließlich konnten im Frühling 1998 in allen drei Staaten insgesamt vier Pilotseminare von vier verschiedenen TrainerInnenpaaren durchgeführt werden.

Nach Abschluß der Seminare wurde das Manual zu "Managing E-Quality - Führungskräfteschulung für ein gleichstellungsorientiertes Management" als ein zentrales Ergebnis des Pilotprojekts erarbeitet. Das Manual liegt in gedruckter Fassung in deutscher und in englischer Sprache vor. Es versteht sich als Orientierungshilfe für die Durchführung von MEQ-Führungskräfteseminaren und kann von Beratungsorganisationen, Betriebsräten, Verwaltungsakademien und anderen Schulungseinrichtungen sowie interessierten Schlüsselpersonen in öffentlichen und privaten Organisationen genutzt werden.

Das MEQ-Konzept ist innovativ. Es bietet die Möglichkeit, Gleichstellung und Vereinbarkeit für Frauen und Männer im Betrieb zu fördern, ohne die geschlechtsspezifische Rollenteilung zu verfestigen. Das Durchlaufen eines MEQ-Prozesses kommt für jeden Betrieb, unabhängig vom Diskussions- und Erfahrungsstand hinsichtlich Gleichstellung und Vereinbarkeit, von Größe und Standort, in Frage. Unternehmen können - ohne äußerlichen Zwang - dafür gewonnen werden, ein MEQ-Seminar durchzuführen, wenn sie davon überzeugt werden können, daß die Ermöglichung von Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch für Männer umsatz- und gewinnfördernd ist. Hierbei kann das Wissen über Erfahrungen von Modellunternehmen in der gleichen Region oder einer ähnlichen Branche ausschlaggebend sein.

Das "top-down" Konzept ermöglicht es, Unternehmen und Institutionen auch innerhalb ihres Betriebes rasch Vorbilder zu schaffen. Allgemeine Flexibilisierungsmaßnahmen, Teilzeit für Führungskräfte, "job sharing" und Telearbeit etc. erlauben erwerbstätigen Vätern - bei entsprechender Ermutigung seitens ihrer Arbeitgeber - zusätzliche Verantwortung für Haus-, Familien- und Betreuungsarbeit zu übernehmen. Somit können beide Elternteile ihr Engagement im Beruf und im häuslichen Bereich auf einander abstimmen; vorausgesetzt, daß dies für Frau und Mann ein Ziel darstellt.

 

1997: Karenzurlaub

Projektleitung:    Dr. Birgitt Haller
Durchführung:    Dr. Traude Horvath
Mag. Katharina Demel
DSA Christina Radner
Finanzierung:    Österr. Akademie der Wissenschaften/
Institut für Demographie
Fertigstellung:    Dezember 1997

Das Forschungsprojekt "Karenzurlaub" umfaßt eine quantitative Erhebung, die vom Institut für Demographie abgedeckt wurde, und eine qualitative Untersuchung, die am IKF durchgeführt wurde. Der quantitative Teil wurde durch eine Befragung von 471 Personen (405 Frauen und 66 Männer) mittels standardisiertem Fragebogen abgedeckt. Dabei wurde auch danach gefragt, ob diese Personen für ein weiteres, ausführlicheres Interview zum selben Themenbereich zur Verfügung stünden.

Für diese qualitativen Interviews wurden 20 Frauen und zehn Männer aus der Ostregion Österreichs nach den Kriterien Geschlecht, Beruf, Familienstand, Kinderzahl und Wohnort ausgewählt. Die Leitfäden für Frauen wie Männer konzentrierten sich auf die Arbeitssituation vor der letzten Karenzierung, Beziehung/Partnerschaft vor der Karenzierung, die Vorbereitung auf die Karenz, die Zeit der Karenzierung und den Wiedereinstieg.

Der Schwerpunkt des Forschungsprojektes lag auf der Frage, wie sich Kinder und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren lassen. Aus der Perspektive von Müttern und Vätern wurden die Entscheidung für eine Karenzierung, für die Wahl der Form der Karenzierung und die Auswirkungen der Karenzzeit auf die weitere Erwerbstätigkeit dargestellt, sowie die Mechanismen transparent gemacht, die Mütter und Väter dazu bringen, in Karenz zu gehen bzw. die Verantwortung für das Kind, den gesetzlichen Rahmenbedingungen entsprechend, zu teilen.

 

1996: Wiedereinsteigerinnen in Wien: Potential - Perspektiven - Maßnahmen

in Zusammenarbeit mit L&R Sozialforschung und Institut für Demographie / ÖAW

Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit und Soziales; Landesarbeitsamt Wien

Dr. Ilse König / DSA Christina Radner

1996: "Nebenjob Vater und Hausmann?" Wie betriebliche Strukturen innerfamiliäres Engagement von Männern behindern

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Katharina Demel
Dr. Ilse König
DSA Christina Radner
Finanzierung:    Bundesministerium für Jugend und Familie
Bundesministerin für Frauenangelegenheiten
Fertigstellung:    Dezember 1996
Materialien:    Projektbericht (Kurzfassung)

Ausgangspunkt der Studie ist, daß es neben einem fehlenden Bewußtsein seitens der Männer eine Reihe struktureller Faktoren gibt, die eine aktive Mitarbeit im Haushalt und in der Familie behindern. Einen solchen strukturellen Faktor stellen sicherlich die arbeitsorganisatorischen Rahmenbedingungen der Berufswelt dar. Diese - bislang in bezug auf Männer kaum beachtet und untersucht - stehen im Mittelpunkt des Forschungsprojektes. Ausgehend von der Annahme, daß bei einem "Normalarbeitsverhalten" aufgrund von Arbeitszeitverteilung, Überstunden, Weiterbildung außerhalb der Arbeitszeit etc. auch für Männer Beruf und Familie nur schwer zu vereinbaren sind, ergeben sich insbesondere zwei thematische Schwerpunkte:

  • Erfassung bestehender betrieblicher Strukturen und deren Überprüfung in Hinblick auf ihre Vereinbarkeit mit Familienarbeit sowie das Problembewußtsein seitens des Personalmanagements, der Personalvertretung und der männlichen Beschäftigten.

  • Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen der männlichen Beschäftigten in bezug auf die Arbeitszeitorganisation.

    Als methodischen Zugang wählten wir einen Methodenmix:

  • Erhebung firmenspezifischer Daten (z.B. Anzahl der männlichen und weiblichen Beschäftigten, Karenzierungen nach Geschlecht, Angaben zur Arbeitszeit). 15 Wiener Firmen aus verschiedensten Branchen (elf aus dem Dienstleistungsbereich und vier Gewerbebetriebe) konnten für die Mitarbeit an der Studie gewonnen werden.

  • Quantitative Erhebung. Es wurde eine standardisierte Fragebogenerhebung unter männlichen Beschäftigten mit Kindern zwischen 0 und 15 Jahren durchgeführt; 603 Fragebögen wurden verteilt und 140 bis zum Stichtag beantwortet.

  • Qualitative Erhebung. Insgesamt führten wir 41 Interviews mit VertreterInnen des Personalmanagements und der Personalvertretung sowie mit männlichen Beschäftigten der untersuchten Betriebe.

  • ExpertInnenworkshop. Geladen zu diesem Arbeitskreis waren ExpertInnen aus verschiedenen Ministerien, diverser Interessensvertretungen, aus dem Wissenschaftsbereich und den Betrieben. 15 ExpertInnen nahmen daran teil.

Viele ArbeitgeberInnen glauben, daß die Beschäftigten ihrer Unternehmen keine allzu großen Schwierigkeiten haben, Berufs- und Familienarbeit miteinander zu vereinbaren. Aber ca. drei Viertel der befragten Arbeitnehmer geben an, manchmal oder häufig Schwierigkeiten damit zu haben. Als ein wesentlicher Faktor für die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienarbeit stellt sich das Vorhandensein von Gestaltungsmöglichkeiten bei der Arbeitszeit heraus. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß flexible Arbeitszeitregelungen, wie wir sie in den untersuchten Firmen vorgefunden haben, tendenziell eher die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen als der Wechsel- oder Schichtdienst. Jedoch gibt es auch bei einer relativ freien Gestaltungsmöglichkeit der Arbeitszeit einige intervenierende Variablen, die Vereinbarungsleistungen erschweren bzw. behindern. Eine solche ist die, in manchen Firmen anzutreffende, Erwartung der jederzeitigen Verfügbarkeit der ArbeitnehmerInnen oder die Erwartung, daß die Beschäftigten die Arbeitszeit primär nach den Bedürfnissen des Betriebes einteilen. Eine Personalpolitik, die mit der geringstmöglichen Anzahl von Beschäftigten zu arbeiten versucht, spielt dabei ebenfalls eine wesentliche Rolle, daß Familie und Beruf schwer miteinander zu vereinbaren sind. Außerdem trägt das starre Rollenverhalten der Männer dazu bei, daß sie Freiräume in der Arbeitszeitgestaltung nicht wahrnehmen.

 

1995: Eurofemmes

Projektleitung:    Dr. Ilse König
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Finanzierung:    Centro de Estudios Territoriais, Lissabon (CET)
Fertigstellung:    Dezember 1995

Die Europäische Kommission/Abteilung für Gleichbehandlung läßt derzeit vom CET eine Feasibility-Studie über die Einrichtung eines "Centre of Resources, Women and Citizenship" in allen Mitgliedsstaaten sowie eines länderübergreifenden Forums erstellen. In jedem Land wurde eine Expertin damit beauftragt, länderspezifische Erhebungen mit Fragebögen und Interviews mit Schlüsselpersonen durchzuführen, um die Erfordernisse und Möglichkeiten einer Implementierung einer solchen Einrichtung zu erheben. Die Ergebnissse in Form einer Expertise werden in den Gesamtbericht des CET an die EU-Kommission eingearbeitet.

 

1995: Organisation und Administration der Umsetzung der vom Österreichischen Nationalkomitee zur Vorbereitung der UNO-Weltfrauenkonferenz 1995 bzw. ihrer regionalen Vorbereitungsgruppen entwickelten Ideen und Vorschläge

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Maria Reiter
Finanzierung:    Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauenangelegenheiten
Fertigstellung:    September 1995


Das Institut für Konfliktforschung übernahm im Auftrag der Bundesministerin für Frauenangelegenheiten die Organisation und Administration zur Umsetzung der Ideen und Vorschläge des Österreichischen Nationalkomitees zur Vorbereitung der UNO-Weltfrauenkonferenz 1995.

 

1995: Koordination der österreichischen Vorbereitungen zur Weltfrauenkonferenz in Peking 1995

Projektleitung:    Dr. Ilse König
Durchführung:    DSA Christina Radner
Finanzierung:    Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauenangelegenheiten
Fertigstellung:    November 1995

In Österreich hat sich am 29. September 1993 ein Nationalkomitee unter dem Vorsitz der Bundesministerin für Frauenangelegenheiten konstituiert, das zwei Jahre lang nationale Aktivitäten in Vorbereitung der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking inhaltliche erarbeitete und koordinierte. Im Nationalkomitee waren rund 150 Frauen aus allen gesellschaftspolitischen Bereichen, Frauen aus öffentlichen und privaten Institutionen und Organisationen ebenso vertreten wie Frauen aus Initiativen oder ExpertInnen und inter­essierte Frauen, die nicht in Institutionen eingebunden sind.

In der zweijährigen Tätigkeit des Nationalkomitees wurde auf mehreren Ebenen gearbeitet: In regelmäßigen regionalen und österreichweiten Sitzungen, in thematischen Arbeitsgruppen, und in 14 öffentlichen Veranstaltungen in Form von Fachtagungen, Ausstellun­gen, Filmprogrammen. Darüber hinaus wurden Materialien zur Informations- und Bil­dungsarbeit für verschiedene Altersgruppen als "Frauenrucksack" hergestellt.

Den vorläufigen Abschluß der Arbeit bildete die Teilnahme von Vertreterinnen des Nationalkomitees an der Weltfrauenkonferenz in Peking im September 1995, teilweise als Mitglied der Regierungsdelegation (u.a. auch die Koordinatorin), teilweise beim NGO-Forum, sowie der Bericht über die Ergebnisse der Konferenz an das Nationalkomitee.

Die Arbeit des Nationalkomitees wurde in einer deutsch- und englischsprachigen Dokumentation publiziert, ebenso die Ergebnisse einiger Fachtagungen. Erschienen ist auch ein Katalog der im Rahmen des Nationalkomitees entstandenen, in Hangzhou/China und in Wien und Graz gezeigten Ausstellung "Spaces", einer gemeinsamen Arbeit österreichischer und chinesischer Künstlerinnen.

 

1995: Beyond Beijing

Projektleitung:    Dr. Ilse König
Durchführung:    Mag. Katharina Demel
Mag. Regina Haberfellner
Dr. Birgitt Haller
DSA Christina Radner
Finanzierung:    Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauenangelegenheiten
Fertigstellung:    Dezember 1995

Die internationale Tagung "Beyond Beijing" am 6. und 7. Dezember 1995 war der Beginn der Umsetzungsphase der Ergebnisse der 4. UN-Weltfrauenkonferenz, die im September 1995 in Peking abgehalten wurde. Sie sollte verdeutlichen, welche Intentionen und Ergebnisse der Weltfrauenkonferenz für die Frauenpolitik weltweit, insbesondere aber aus dem Blickwinkel einzelner Länder und Regionen von besonderer Bedeutung waren und welche Umsetzungsstrategien in den verschiedenen Ländern und Regionen eingeschlagen wurden. Anhand einiger Kernbereiche der in Peking beschlossenen Aktionsplattform wurden konkrete Vorstellungen für Programme und Aktionen entwickelt, die auch in Österreich im Sinne der Weltfrauenkonferenz verwirklicht werden sollten. Die Themenbereiche waren: Frauenrechte - Menschenrechte, Gewalt gegen Frauen, Umverteilung (bezahlte-unbezahlte Arbeit), Entwicklungspolitik, sexuelle Rechte von Frauen.

Als Referentinnen wurden zehn Expertinnen aus staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen aus acht Ländern (USA, Tansania, Bangladesh, Irland, Niederlande, Norwegen, Bulgarien, Slowenien) sowie von der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf (ILO) eingeladen, die mit den KonferenzteilnehmerInnen einerseits Vorhaben in ihren Ländern bzw. Organisationen und andererseits die Möglichkeiten grenzüberschreitender Kooperationen erörterten.

Die Konferenz richtete sich an alle frauenpolitisch interessierten Frauen und Männer aus öffentlichen Einrichtungen, nichtstaatlichen Organisationen, Parteien, Initiativen und Einzelpersonen aus allen Bundesländern Österreichs sowie aus dem benachbarten Ausland.

 

1994: Generation - Geschlecht. Zur Gegenläufigkeit von Konflikten

Auftraggeber: Wiener Internationale Zukunftskonferenz

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Dr. Birgitt Haller

1994: Wiedereinsteigerinnen in Wien

Auftraggeber: Landesarbeitsamt Wien

Dr. Ilse König / Mag. Helga Amesberger, Mag. Brigitte Halbmayr, DSA Christina Radner

1993: Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen

Auftraggeber: Bundeskanzleramt - Bundesministerin für Frauenfragen

Dr. Ilse König, Mag. Halina Bendkowski, Dr. Agnes Büchele, Dipl.Dolm. Erica Fischer / Mag. Andrea Höglinger, DSA Christina Radner

> Migrations-/Integrationsforschung

Europa im 21. Jahrhundert ist geprägt von sozialen und kulturellen Bruchlinien, die unter den Vorzeichen ethnischer Pluralisierung durch Migration wahrgenommen und über weite Strecken unter dem Begriff Integration öffentlich diskutiert und problematisiert werden.
Vielfach lässt sich eine Ungleichzeitigkeit feststellen: Länder wie Österreich oder Deutschland wurden entgegen ihrem Selbstverständnis zu de facto Einwanderungsländern, während die strukturellen Bedingungen nur zögerlich auf die veränderten Bedingungen hin ausgerichtet werden; das Thema Integration wird politisch instrumentalisiert, zugleich wird "Integration" von allen Seiten gefordert und als Gebot der Stunde festgestellt.
In diesem thematischen Spannungsfeld führt das IKF seit Jahren verschiedene Projekte durch, die sowohl aktuelle Entwicklungen erforschen als auch beratend Expertise an politische und zivilgesellschaftliche AkteurInnen weitergeben. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Landesebene und insbesondere der kommunalen Ebene, die lange Zeit ein "blinder Fleck" im Forschungs- und Praxisfeld Integration war, und wo Spannungsfelder und Konfliktlinien unmittelbar virulent werden.

2011: Integrationsimpulse Schwarzatal

Projektleitung und Durchführung: Mag. Franjo Steiner (Interkulturelles Zentrum, Wien)
ProjektpartnerInnen: „ARGE Integrationsberatung“, bestehend aus:
Leo Baumfeld (ÖAR-Regionalberatung GmbH, Wien)
Mag.a Dr.in Karin Bischof (Institut für Konfliktforschung)
Mag. Franjo Steiner (Interkulturelles Zentrum, Wien) )
Finanzierung:    Gemeinden Ternitz, Wimpassing und Neunkirchen
Landesregierung Niederösterreich
Fertigstellung:    November 2011

Ziel des Projektes „Integrationsimpulse Schwarzatal“, an dem sich insgesamt acht Gemeinden aus dem Schwarzatal beteiligten, war es, möglichst konkrete regionale Ansatzpunkte für Integrationsmaßnahmen zu finden, die

  1. sich im Rahmen der Gemeindegespräche („Sozialraumbegehung“) als besonders virulent erwiesen;
  2. gemeinsame Problemlagen und Herausforderungen mehrerer Gemeinden, wie sie aus den Gemeindegesprächen und den Erhebungen hervorgehen, behandeln;
  3. an vorhandene Ressourcen, Handlungsspielräume, Erfahrungen und vorhandene Bereitschaft zum Engagement anknüpfen, wie sie (u.a.) aus den Gemeindegesprächen und den Ergebnissen der Erhebungen hervorgehen;
  4. Synergieeffekte in der Region nutzen.

Datenerhebungen in den Gemeinden sowie ein „Selbstcheck“ bildeten die Basis für eine erste Sondierung und Identifizierung von neuralgischen Punkten. Eine genauere Erfassung sinnvoller und konkreter Anknüpfungspunkte für zukünftige Maßnahmen nach Maßgabe der oben genannten Punkte fand erst im Rahmen der Gemeindegespräche vor Ort statt, unter Einbeziehung möglichst vieler Perspektiven von Personen, die im Praxisfeld angesiedelt waren.
Im Laufe dieses Prozesses wurde – unter maßgeblicher Beteiligung der damit befassten AkteurInnen - für die Handlungsfelder Wohnen, Jugend, Soziales und Bildung jeweils eine konkrete Maßnahme detailliert entwickelt und in mittel- und längerfristiger Perspektive ausgearbeitet. Die Maßnahmen umfassen z. B. ein von drei Gemeinden entwickeltes Konzept für ein Jugendzentrum (inklusive Schaffung eines Arbeitsplatzes ebendort – „Arbeitgeberzusammenschluss“ dreier Gemeinden), eine regionale Informations- und Imagekampagne zu Bedeutung und Vorteilen von Mehrsprachigkeit und Sprachförderung, die Einrichtung eines regionalen Wohnforums und den Aufbau eines regionalen „Integrations-Kompetenz-Systems“.

 

2011: Communities in Dialogue: How to bring People at the Margins into Policy Making

Projektleitung und Durchführung: Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Finanzierung: Open Society Foundations London
Fertigstellung:    Dezember 2011

Im 2010 durchgeführten Projekt „Integration and Diversity in Education in Europe”, kurz IDEE, kooperierten NGOs aus fünf europäischen Ländern (Großbritannien, Österreich, Deutschland, Slowakei, Rumänien). In einem Austauschprozess zwischen marginalisierten Jugendlichen auf der einen Seite und ExpertInnen, Schul- und lokalen Verwaltungsautoritäten sowie PolitikerInnen auf der anderen Seite ging es darum, über die Lebensverhältnisse der Jugendlichen gemeinsam zu reflektieren und mögliche Verbesserungsmaßnahmen zu überle-gen. Kernstück des Projekts waren sogenannte „BürgerInnenforen“, die allerdings – entspre-chend der spezifischen Zielgruppe und der Themenstellung – als Methode einige wesentliche Adaptionen erfuhren. Für “Communities in Dialogue: How to bring People at the Margins into Policy Making” galt es, die Erfahrungen aus dem IDEE-Projekt – vom IKF wissenschaftlich aufbereitet und in einem Abschlussbericht formuliert – abermals zu reflektieren und zu prüfen, inwieweit das dort angewandte Instrument politischer Partizipation auch auf mögliche andere Themen und Zielgruppen anzuwenden sei. Es werden die Charakteristika von CiD erläutert sowie mögliche Implementierungsformen und weitere Anwendungsgebiete vorgestellt. Wesentlich für das CiD-Format ist ein dreistufiger Prozess: Bewusstseinsbildung bei der Zielgruppe über ihre spezifische Situation und Potenziale (Ziel: Selbstreflexion); andere Personen, die direkt oder indirekt ihre Lebensbedingungen beeinflussen, zu motivieren (Ziel: Austausch); gemeinsam Verbesserungsvorschläge zu entwickeln (Ziel: Änderung). CiD ist für die Arbeit mit unter-schiedlichen Zielgruppen (definiert nach Geschlecht, Ethnizität, Profession etc.) und für ver-schiedene Themenstellungen (Diskriminierung, Erziehung, Wohnverhältnisse, Gesundheits-vorsorge, Mehrgenerationenkonflikte etc.) anwendbar.

 

2010: "Integration and Diversity in Education in Europe" - International Overview

Durchführung: Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Open Society Foundation London
Fertigstellung:    Dezember 2010

Im Projekt "Integration and Diversity in Education in Europe", kurz IDEE, kooperierten NGOs aus fünf europäischen Ländern: Integrated Education Fund (IEF) und Northern Ireland Council for Integrated Education (NICIE) in Belfast (Großbritannien), das Interkulturelle Zentrum (IZ) in Wien (Österreich), LIFE e.V. in Berlin (Deutschland), Nadácia Škola dokorán (Wide Open School Foundation) in Žiar nad Hronom (Slowakei) sowie die Reading and Writing for Critical Thinking Association (RWCT) in Cluj-Naboca (Rumänien). Diese Organisationen sind seit vielen Jahren im Bildungsbereich tätig und engagieren sich u.a. in der Förderung von Jugendlichen, die marginalisierten Minderheiten (hier insbesondere Roma-Jugendliche in der Slowakei und Rumänien) bzw. zugewanderten Bevölkerungsgruppen (insb. Drittstaatenangehörige in den anderen europäischen Ländern) angehören.

In dem vom OSF London und der EACEA (Education, Audiovisiual & Culture Executive Agency) kofinanzierten Projekt im Rahmen des "Europa für Bürgerinnen und Bürger" Förderprogramms der EU ging es darum, die angesprochenen Jugendlichen zu einem Reflexionsprozess über ihre Lebens- und v.a. Bildungssituation zu motivieren. In einem Austauschprozess zwischen Jugendlichen auf der einen Seite und ExpertInnen, Schul- und lokalen Verwaltungsautoritäten sowie PolitikerInnen auf der anderen Seite wurden Formen der politischen Beteiligung erprobt. Dafür wurden sog. "BürgerInnenforen" eingesetzt, die allerdings - entsprechend der spezifischen Zielgruppe und der Themenstellung - als Methode einige wesentliche Adaptationen erfuhren. Ziel war es, das BürgerInnenforum als Instrument direkter partizipativer Demokratie und als empowerment-Aktivität bestmöglich zu nutzen. In der Umsetzung auf lokaler Ebene wurde, soweit möglich, die regionale und europäische Dimension einbezogen.

Dem Institut für Konfliktforschung oblag es, diese methodischen Anpassungen zu erarbeiten, die Durchführungs- und Dokumentationsvorlagen zu erstellen und auf Grundlage der schriftlichen Unterlagen der Partnerinnen einen internationalen und komparativen Überblick zu Vorbereitung, Ablauf, Zielsetzungen und lokale Besonderheiten der BürgerInnenforen zu verfassen. Dabei zeigte sich, dass sowohl die Jugendlichen als auch die Stakeholder diese Form des Austauschs als sehr inspirierend und fruchtbringend für das gegenseitige Verständnis einschätzten. Vielfach wurde der Wunsch nach einer Weiterführung dieser Begegnungen geäußert. Gerade die Jugendlichen betonten die vielfach neue Erfahrung, hinsichtlich ihrer eigenen Lebenssituation als ‚Experte’ bzw. ‚Expertin’ befragt zu werden und Wünsche und Ideen zur Verbesserung ihrer Lage einbringen zu können. Auf der Agenda der BürgerInnenforen standen v.a. die Themen Segregation in Schulen bzw. Forderung nach inklusiver Bildung, Sprachprobleme bzw. der Wunsch nach mehr Sprachförderung, Diskriminierungserfahrungen und die Notwendigkeit von Anti-Diskriminierungsmaßnahmen auch in Schulen, die Bedeutung von interkultureller Kompetenz des Lehrpersonals, (Self-)Empowerment und Mentoring, Kooperation mit Medien und Netzwerkbildung. Die Ergebnisse wurden in der Projekt-Abschlusskonferenz in Brüssel im November 2010 der KollegInnenschaft und einem interessierten Fachpublikum präsentiert.

 

2010: Integrationspartnerschaft Steiermark - Leitbild- und Strategieentwicklung

Projektleitung: Mag. Franjo Steiner (Interkulturelles Zentrum, Wien)
Durchführung: "ARGE Integrationsberatung", bestehend aus: 
Mag.a Marelli Asamer-Handler (ÖAR-Regionalberatung GmbH, Graz) 
Mag.a Sabine Aydt (Donau-Universität Krems) 
Mag.a Karin Bischof (Institut für Konfliktforschung) 
Leo Baumfeld (ÖAR-Regionalberatung GmbH, Wien) 
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr (Institut für Konfliktforschung)
Mag. Franjo Steiner (Interkulturelles Zentrum, Wien)
Finanzierung:    Landesregierung Steiermark
Fertigstellung:    März 2010

Die Steiermark verfügt seit 2007 mit der Steirischen Integrationsplattform - ein Zusammenschluss von 16 VertreterInnen von NGOs und 15 Mitgliedern aus Verwaltung und Politik - über ein Beratungsgremium für die Steirische Landesregierung in Integrations- und Migrationsfragen. Der Leitbild- und Strategieentwicklungsprozess erfolgte im Auftrag dieser Integrationsplattform. Aufbauend auf deren Forderungen, wie sie in der sog. "Eröffnungsbilanz" der Plattform formuliert wurden, waren für die Integrationspolitik in der Steiermark Strategien und Handlungsanleitungen zu erarbeiten. Ziel war die Etablierung von Integrationspartnerschaften, welche im Sinne von Governance Arrangements konkrete Umsetzungsvereinbarungen enthalten und damit über den herkömmlichen Leitbildgedanken einen Schritt hinausgehen.

Die "ARGE Integrationsberatung" hat für diese Entwicklungsarbeit eine Prozessstruktur erstellt, welche unter Einbindung aller wesentlichen integrationspolitischen AkteurInnen in der Steiermark eine effiziente Arbeitsweise ermöglichte. Zudem hat sie entsprechende Arbeitsinstrumente geschaffen und Unterlagen zur Verfügung gestellt, welche die Umsetzung der Vorhaben in den einzelnen Arbeitsschritten und -gremien unterstützte: eine Strukturdatenerhebung im Land Steiermark als Grundlage für den gesamten Arbeitsprozess, ExpertInneninterviews zu einzelnen Schwerpunktthemen, Feedback zu den Ergebnissen der Arbeitsgruppen, Prozessevaluierung, die Gestaltungsmatrix (graphische Darstellung der integrationspolitischen Handlungsfelder und deren Interdependenzen, AkteurInnen und ProfiteurInnen), laufenden inhaltlichen und organisatorischen Support etc. Wesentlicher Bestandteil der Beratungsleistung war die Koordination des gesamten Arbeitsprozesses in der Steiermark.

Der Kernprozess der Leitbildarbeit geschah in den Themenfeldgruppen, welche zu den Bereichen Arbeit & Wirtschaft, Bildung & Erziehung, Gesundheit & Soziales, Wohnen & Siedlungsentwicklung sowie Antidiskriminierung, Antirassismus und Gewaltprävention gebildet wurden. ExpertInnen zum Thema (aus NGOs, Politik und Verwaltung, Interessenvertretungen etc.) analysierten den aktuellen Status quo, die notwendigen Maßnahmen zur Veränderung und die Umsetzungsmöglichkeiten. In insgesamt fünf Regionaltagungen wurden die Ergebnisse einem breiteren InteressentInnenkreis präsentiert und dieser zu Feedback und Bedarfsanmeldungen bzw. weiteren Maßnahmenvorschlägen aus Sicht der Regionen eingeladen. In Planungswerkstätten, welche gegen Projektende stattfanden, wurden zu den einzelnen Themenfeldgruppen mit weiteren verantwortlichen Personen aus den Verwaltungsstellen der einzelnen Politikfelder die Umsetzungspläne konkretisiert und die angestrebten Partnerschaften vorbereitet.

Das Schlussdokument zum Leitbild- und Strategieentwicklungsprozess beinhaltet neben einer Darlegung der Grundlinien für eine zukünftige Integrationspolitik in der Steiermark und der für die Umsetzung zuständigen (teilweise noch zu schaffenden) Stellen bzw. Richtlinien umfangreiche kurz- oder langfristige Maßnahmenempfehlungen hinsichtlich der oben genannten Themenfelder. Eine Evaluierung des Prozessverlaufs sowie ein Monitoringkonzept für die Umsetzungsphase rundeten die Projektarbeiten der "ARGE Integrationsberatung" ab.

 

2009: (Szenario:i) Ein Beratungsangebot zur Szenarioentwicklung in der kommunalen Integrationspolitik

Projektleitung und Durchführung: Mag.a Karin Bischof
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
ProjektpartnerInnen: Mag. Franjo Steiner (Interkulturelles Zentrum Wien)
Mag.a Sabine Aydt (Donauuniversität Krems)
Leo Baumfeld (ÖAR-Regionalberatung)
Finanzierung:    Europäischer Integrationsfonds (EIF)
Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    Dezember 2009

Das Projekt, das im EIF-Schwerpunkt Integration auf kommunaler Ebene gefördert wurde, setzt in erster Linie auf der Ebene der EntscheidungsträgerInnen in der Gemeinde an, um konkrete integrationspolitische Ziele zu erarbeiten, die integrationspolitischen Aktivitäten längerfristig und strategisch zu planen, möglichst detailliert vorzubereiten und gleichzeitig eine Sensibilisierung dieser Personengruppe zu erreichen.

Mithilfe methodischer Tools aus der Organisationsberatung (Szenario-Methode, Einflussmatrix etc.), den Ergebnissen einer Status quo-Erhebung und der Aufbereitung anderer wissenschaftlicher Materialien wurden im Rahmen von fünf Workshops in je drei österreichischen Gemeinden (Wr. Neustadt, Kapfenberg, Bruck/ Mur) Schritt für Schritt die wichtigsten Herausforderungen für die Gemeinden erarbeitet, das Handlungsfeld, seine wichtigsten AkteurInnen und vorhandene Handlungsspielräume analysiert, zentrale Einflussfaktoren ermittelt und unter Einbeziehung der wesentlichen AkteurInnen (im Bereich Wohnen etwa Genossenschaften u.Ä.) konkrete Maßnahmen in Form von "Integrationspartnerschaften" ausgearbeitet, die nach Projektende im Gemeinderat der drei Gemeinden beschlossen werden.

Parallel dazu wurde ein "Integrations-Selbstcheck" für Gemeinden entwickelt, der eine Selbsteinschätzung der kommunalen Integrationspolitik ermöglichte und für die teilnehmenden Gemeinden darüber hinaus in einer österreichweiten Konferenz Grundlage für einen Erfahrungsaustausch sowie längerfristige Vernetzung zum Thema kommunale Integrationspolitik war.

 

2007: Integrationsleitbild Niederösterreich – Evaluierung und Grundlagenerhebung

Projektleitung: Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Durchführung: Mag.a Karin Bischof
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Soziallandesrätin der NÖ Landesregierung
Fertigstellung:    Oktober 2007

In Zusammenarbeit mit dem Interkulturellen Zentrum, der Donau-Universität Krems und der ÖAR Regionalberatung wurde im Rahmen dieses Projekts die Entwicklung eines Integrationsleitbildes für das Land Niederösterreich beratend begleitet.

Der Beitrag des IKF bestand zum einen in einer Aufbereitung von vorwiegend statistischen Daten, um den Status quo in Bezug auf Integration in Schlüsselbereichen darzustellen und mithilfe dieser Ergebnisse eine Grundlage für die Erarbeitung von Integrationsmaßnahmen in verschiedenen Projektarbeitsgruppen zu schaffen. Der Fokus in der Aufbereitung dieser Daten lag auf den Bereichen Arbeitsmarkt (inklusive öffentlicher Dienst), Bildung und Wohnen für die Landes- und soweit möglich auch für die Bezirksebene.

Zum anderen wurde eine Evaluierung der Leitbildentwicklung durchgeführt. Diese konzentrierte sich vorwiegend auf ergebnisorientierte Aspekte, insbesondere die Erreichung der Projektziele. Soweit das aber auf Basis des erhobenen Datenmaterials, wie etwa standardisierten Protokollen verschiedener Sitzungen aus allen Projektmodulen und Arbeitsphasen, Memos, Diskussionsergebnissen etc. möglich war, wurden auch prozessorientierte Komponenten wie etwa die Beteiligungsstruktur oder erkennbare, für den Projektverlauf hemmende und fördernde Faktoren berücksichtigt.

 

2006: Integration als kommunales Politikfeld

Projektleitung: Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Durchführung: Mag.a Karin Bischof
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Kerstin Lercher
Mag.a Barbara Liegl
Finanzierung:    Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Fertigstellung:    Dezember 2006

Ausgangspunkt für die Forschungsarbeit zu Integration als kommunales Politikfeld war eine Fragebogenerhebung in sämtlichen niederösterreichischen Gemeinden (nach Möglichkeit bei BürgermeisterInnen) in Bezug auf Problem- und Bedürfnislagen hinsichtlich der Integration von Zugewanderten. Diese Erhebung (mit einer Rücklaufquote von 43 Prozent) wurde im Zuge des EQUAL-Projekts „Verschiedene Herkunft - gemeinsame Zukunft“ durchgeführt, das insgesamt einen kommunalpolitischen Schwerpunkt aufwies (Ziel dieses Projekts war die Leitbildentwicklung zur Integration von Zugewanderten in den vier niederösterreichischen Modellgemeinden Guntramsdorf, Hainburg, Krems und Traismauer). Die statistische Auswertung der Umfrage in allen Gemeinden konzentrierte sich auf Unterschiede im Integrationsverständnis, Problemsicht, Konflikthäufigkeit, Problemursachen und konkreten Unterstützungsbedarf von Seiten des Landes Niederösterreich.

In einem zweiten Schritt wurden die Ergebnisse dieser Erhebung an konkrete Bedingungen in den einzelnen Gemeinden rückgebunden, wie etwa die politischen Verhältnisse im Gemeinderat, den AusländerInnenanteil in der Gemeinde (deren Größe und nationale Zusammensetzung), soziodemographische Daten der GemeindebewohnerInnen, Wirtschaftsstruktur der Gemeinde, Erwerbsquote der AusländerInnen, Religionszugehörigkeit etc.

Die Ergebnisse der Auswertung wurden schließlich mit den Erfahrungen des EQUAL-Leitbildentwicklungsprozesses in den Gemeinden in Beziehung gesetzt und in dem Artikel „Integration als kommunales Politikfeld - Notwendigkeiten, Problemlagen und Modelle“ analysiert.

Der Artikel versucht, Integration als kommunales Politikfeld näher zu beleuchten und dessen mögliche zukünftige Bedeutung zu skizzieren. Ausgehend von einem Verständnis von Integration als zweiseitigem Prozess wird vor allem auf Leistungen der Aufnahmegesellschaft fokussiert, welche als notwendige Voraussetzung für die (aktive) Integration der Zugewanderten gesehen werden. Daher wird gefragt, wie Kommunen gestalterisch tätig werden, um den Zielen Chancengleichheit, rechtliche Gleichstellung und einem ressourcenbetonten Verständnis von Vielfalt/ Diversität näher zu kommen. Auch die Wahrnehmung von Zugewanderten durch die GemeinderepräsentantInnen ist Gegenstand des Artikels. Hier bitte noch ein Satz zu Schlussfolgerungen des Artikels! Basierend auf diesen Daten und den Erfahrungen aus der Leitbildentwicklung kommen die Autorinnen zur Einschätzung , dass Integration als neues und wesentliches Politikfeld auf kommunaler Ebene bei der Überwindung von Ausgrenzung und Diskriminierung von Zugewanderten zunehmend an Bedeutung gewinnen wird.

 

2006: Affirmative Action für MigrantInnen? Am Beispiel Österreich.

Durchführung: Dr. Radostin Kaloianov
Finanzierung:    Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
(Post-doc Fellowship GSK)
Fertigstellung:    Oktober 2006

Unter den Bedingungen zunehmender Drittländerimmigration nach Österreich, der damit verbundenen demographischen und normativen Diversifizierung der Gesellschaft, der Virulenz der politischen Instrumentalisierbarkeit der "Ausländerfrage" in Wahlkampfzeiten sowie den vereinzelten Versuchen von Einrichtungen der öffentlichen Verwaltung wie der Stadt Wien, affirmativ-integrative Angebote an die migrantische Bevölkerung zu richten, geht die Forschungsarbeit der Beantwortung von drei Fragen nach: Was ist Affirmative Action-Politik? Welche normativen Notwendigkeiten sprechen für den Einsatz von Affirmative Action-Politik? Welche praktischen Gestaltungsmöglichkeiten haben solche politischen Maßnahmen?

Im ersten Teil der Arbeit werden Affirmative Action-Politiken als zeitlich limitierte Politiken der aufwertungsorientierten Berichtigung von diskriminierungsmotivierten Benachteiligungen von Personen und Gruppen vorgestellt, die sich einer zweifach paradoxen Aufgabe stellen müssen: eine Revolutionierung der Diskriminierungs- und Benachteiligungsverhältnisse einer Gesellschaft vorzunehmen, die (1) ohne Revolutionen auskommen muss und Revoltenprävention bezweckt und die (2) die Machtstellung derjenigen Akteure unterminiert, die erst dank ihrer Machtstellung Affirmative Action-Politiken für diskriminierte und benachteiligte soziale Gruppen in die Wege leiten.

Im zweiten Teil werden die drei distinkten Begründungswege von Affirmative Action-Politik vorgestellt und die Frage beantwortet, mit welchen normativen Mitteln solche Maßnahmen geltend gemacht werden können. In diesem Zusammenhang erweist sich jener Begründungsweg, der sich auf die normative Idee sozialer Diversität stützt, als besonders aussichtsreich zur Einforderung von Affirmative Action-Politik. Dennoch sollen Affirmative Action-Politiken, die in Hinblick auf die Tatsache der Abwertung und Unterdrückung von soziokultureller Diversität und ausgehend vom anerkennungsmoralischen Verständnis von sozialer Diversität als Diversitätspolitiken zustande kommen, den aufwertungspraktischen Kern von Affirmative Action-Politik nicht aus den Augen verlieren und nicht zu reinen Verwertungsmaßnahmen verkommen, die nur mehr die Interessen der Aufnahmegesellschaft bedienen und das Empowerment der Betroffenen durch Diskriminierung und Benachteiligung zur Nebensache verkommen lassen.

Im dritten Teil wird die praktische Möglichkeit von Affirmative Action-Politik untersucht und anhand von zwei zusammenhängenden Praktikabilitätsproblemen - die Identifikation der Problemlagen und der Betroffenen - die Frage behandelt, ob Affirmative Action-Politiken, wenn sie als normativ notwendig erkannt und argumentiert werden können, dann doch nicht an der Unmöglichkeit ihrer praktischen Umsetzung scheitern.

 

2005: Stimmungsbild - Erhebung von Problem- und Bedürfnislagen der niederösterreichischen Gemeinden in Bezug auf Integration

Projektleitung: Dr.in Brigitte Halbmayr
Durchführung: Mag. a Karin Bischof
Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Barbara Liegl
Finanzierung:    Landesakademie Niederösterreich
Fertigstellung:    Februar 2005

Zentrale Aufgabenstellung des Projekts war die Einschätzung der aktuellen Situation in Niederösterreich in Bezug auf integrationsspezifische Bedürfnis- und Problemlagen und die Ortung von Handlungsbedarf seitens der Gemeinden sowie deren Unterstützungswünsche an die Landesregierung. Mittels eines Fragebogens wurden die diesbezüglichen Angaben der niederösterreichischen Gemeinden erhoben. Der Fragebogen wurde an die BürgermeisterInnen aller 573 Gemeinden übermittelt, der Rücklauf betrug 43 Prozent, wobei die Angaben größtenteils von BürgermeisterInnen, VizebürgermeisterInnen, StadträtInnen oder leitenden GemeindebeamtInnen stammen.

Die Hauptergebnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Die Bewertung des Status quo in Bezug auf die Integration von Zugewanderten durch die RespondentInnen aus den Gemeinden fällt je nach Bereich relativ unterschiedlich aus. Am besten schneidet dabei der Kindergartenbereich ab. Am schlechtesten wird hingegen der Bereich "kulturelles Leben in der Gemeinde" beurteilt, gefolgt von Arbeitsmarkt, Jugend und Wohnen. Eine positive Beurteilung der Integration geht dennoch oftmals mit dem Wunsch einher, Verbesserungsmaßnahmen zu ergreifen. Insgesamt sehen 60 Prozent der Befragten (das sind 150 Gemeinden) Handlungsbedarf in mindestens einem und bis zu fünf Bereichen. Am häufigsten wird der Wunsch nach Verbesserung für die Bereiche Sprache und Arbeitsmarkt gesehen, gefolgt von Schule/Jugend/Kindergarten.

Auch Konflikte treten - analog zur Feststellung von Handlungsbedarf - laut den Angaben der RespondentInnen häufiger in Gemeinden mit höherem ausländischen Bevölkerungsanteil auf, speziell dann, wenn eine mit der islamischen Religion in Verbindung gebrachte migrantische Minderheit die größte Gruppe bildet. Gruppen, für die sich die Integration schwieriger darstellt als für andere, werden am ehesten nach nationalen, religiösen und geschlechtsspezifischen Kriterien sowie nach Sprachkenntnissen und Qualifikation definiert. Unterstützungsbedarf wird am häufigsten für Kinder/Jugendliche und Frauen bzw. nach der Herkunft aus einem klassischen Ursprungsland für Immigration nach Österreich definiert.

Die Erhebung spiegelt auch die Unterschiede im Integrationsverständnis der einzelnen Befragten wider. Ein Großteil von ihnen vertritt ein konfliktvermeidendes (35 Prozent) oder assimilatorisches (29 Prozent) Integrationsverständnis und erachtet für eine gelungene Integration als besonders wichtig, "dass sich Zugewanderte an die hier vorherrschenden Sitten und Gebräuche anpassen" bzw. "dass es keine Konflikte und Auseinandersetzungen zwischen Zugewanderten und Einheimischen gibt".

Die Ursachen für Probleme und Konflikte im Zusammenleben zwischen Zugewanderten und Einheimischen werden am häufigsten in ungenügenden Voraussetzungen bzw. einem Fehlverhalten seitens der MigrantInnen gesehen (die Hälfte der Nennungen bezieht sich darauf), gefolgt von "Anderssein" und strukturellen Faktoren. Daraus lässt sich folgern, dass die Verantwortung für Probleme und Konflikte primär bei den MigrantInnen gesehen wird.

Gleichzeitig werden aber als Interventionen hauptsächlich solche im strukturellen Bereich bzw. interkulturelle Aktivitäten befürwortet. 30 Prozent der befragten Gemeinden äußern mindestens einen Wunsch nach konkreter Unterstützung und Hilfe durch das Land Niederösterreich. Ebenso viele geben an, dass es in der Vergangenheit oder aktuell bereits Versuche gegeben hat/gibt, die Integration von MigrantInnen zu verbessern. Dabei beziehen sich die Unterstützungswünsche vorwiegend auf den Bereich der Sprachkenntnisse.

Die Integration am Arbeitsmarkt wird in allen Interpretationsfeldern als Problem gesehen. Beim geäußerten Handlungsbedarf liegt der Bereich Arbeitsmarkt an zweiter Stelle, auch wird die Arbeitssuche als dritthäufigstes Konfliktfeld genannt. Um so bemerkenswerter ist es daher, dass hier keine direkte Unterstützung von Seiten des Landes gefordert bzw. erwartet wird. Eine mögliche Interpretation dazu ist, dass das Land hier nicht als kompetente Anlaufstelle gesehen wird.

 

2003: Verschuldung von MigrantInnen in Wien. Ursachen, Ausmaß und Folgen

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
MMag.a Karin Stögner
Finanzierung:    Wiener Integrationsfonds
Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien
MA 57
Fertigstellung:    September 2003

Mit der vorliegenden Untersuchung wurde versucht die Ver- bzw. Überschuldungssituation von MigrantInnen in Wien zu erfassen, wobei sowohl quantitative als auch qualitative Erhebungen durchgeführt wurden. Im Rahmen der quantitativen Erhebung erfolgte eine Auswertung der (anonymisierten) Datenbankeneintragungen aus dem zweiten Halbjahr 2002 bei der Schuldnerberatung der Stadt Wien und der KWH. Dabei konnten einige Unterschiede zwischen migrierten und "österreichischen" KlientInnen herausgearbeitet werden. Ein Manko besteht darin, dass aufgrund der Struktur der Datenbanken in Österreich geborene eingebürgerte MigrantInnen, also Angehörige der zweiten Generation, nicht erfasst werden konnten. Als MigrantInnen wurden hier Personen definiert, die entweder (unabhängig von ihrem Geburtsort) über eine fremde Staatsbürgerschaft verfügen oder die im Ausland geboren sind (unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft). Ergänzend zu den Datenbankauswertungen erfolgte zwei Wochen lang eine Fragebogenerhebung bei migrierten KlientInnen der beiden Schuldnerberatungseinrichtungen. Damit konnten genauere Informationen über ihre Verschuldungssituation bei 102 Personen mit nicht-deutscher Muttersprache (also auch bei Angehörigen der 2. Generation) eingeholt werden. Der qualitative Zugang zum Untersuchungsthema erfolgte durch Interviews mit verschuldeten MigrantInnen (Männer, Frauen und Jugendliche) sowie mit VertreterInnen der Gläubigerseite und mit Mitarbeitern der beiden Schuldnerberatungsstellen.

Von den KlientInnen der beiden Wiener Schuldenberatungsstellen sind rund ein Fünftel AusländerInnen/im Ausland geborene KlientInnen und rund die Hälfte Personen mit nicht-deutscher Muttersprache, also MigrantInnen. Das heißt, dass AusländerInnen und im Ausland Geborene in Relation zu ihrem Bevölkerungsanteil unter den KlientInnen annähernd adäquat repräsentiert sind, in Österreich geborene eingebürgerte MigrantInnen sind aber stark überrepräsentiert.

Einige Merkmale der migrierten KlientInnen der Beratungsstellen fallen auf: Die Altersgruppe der 41- bis 50-Jährigen ist bei ihnen deutlich stärker vertreten als bei den ÖsterreicherInnen, und unter den Migrantinnen finden sich überproportional viele geschiedene Frauen (und Alleinerzieherinnen). Das hängt mit der Arbeits- und Einkommenssituation von MigrantInnen zusammen. Einerseits sind ältere ArbeitnehmerInnen stärker armutsgefährdet, weil sie in erhöhtem Ausmaß von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Zum anderen haben gerade Frauen sehr niedrige Einkommen, die im Falle einer Scheidung - und insbesondere dann, wenn Kreditbelastungen etwa durch Bürgschaften bestehen - kaum für die Existenzsicherung ausreichen.

Die beiden Verschuldungsursachen Arbeitslosigkeit und zu geringes Einkommen zusammengenommen standen hinter einem Viertel aller Überschuldungen. Außerdem ergab die Datenbankauswertung, dass Wohnen von jedem/jeder achten MigrantIn, aber nur von jedem/jeder zwölften ÖsterreicherIn genannt wurde. Es ist also bei MigrantInnen vor allem die Befriedigung von Grundbedürfnissen schwierig und oft mit dem Schritt in die Armutsfalle verbunden. Im Übrigen verschulden sich deutlich weniger MigrantInnen als ÖsterreicherInnen durch eine Tätigkeit als Selbstständige.

Auffallend ist, dass vor allem Frauen in Folge einer Scheidung oder Trennung überschuldet sind. Das hängt u.a. damit zusammen, dass Migrantinnen wesentlich häufiger als Österreicherinnen Bürgschaften für den Partner übernommen haben (vor allem in Zusammenhang mit dessen selbstständiger Tätigkeit) und als Zahlerin herangezogen werden. Hier spielt nicht nur der Druck von Banken zur Bürgschaftsübernahme eine Rolle (der laut Aussagen von BankenvertreterInnen in den letzten Jahren schwächer geworden ist), sondern auch, dass viele Migrantinnen sehr schlecht oder kaum Deutsch sprechen und verstehen und in vielen Fällen nicht wissen, wozu sie sich verpflichten, bzw. von ihren Partnern zur Unterschrift gezwungen werden.

Überraschend war, dass MigrantInnen unter den AntragstellerInnen auf einen Privatkonkurs sehr stark vertreten waren. Dieses Ergebnis der Datenbankauswertung korrespondiert mit der Einschätzung eines Gesprächspartners vom Kreditschutzverband von 1870. Da MigrantInnen grundsätzlich aufgrund ihrer schlechteren Arbeits- und Einkommensverhältnisse schlechtere Chancen auf einen Privatkonkurs haben, dürfte die Einschätzung eines Schuldnerberaters zutreffen, dass gerade MigrantInnen besonders stark motiviert sind, einen Privatkonkurs durchzuziehen.

Es konnten 23 Interviews mit verschuldeten Männern, Frauen und Jugendlichen durchgeführt werden. Ein Manko der Untersuchung besteht darin, dass keine erwachsenen GesprächspartnerInnen aus dem ehemaligen Jugoslawien gefunden werden konnten. Während es zunächst generell sehr schwierig war, InterviewpartnerInnen zu finden, gelang uns dies über die Vermittlung von verschiedenen Beratungseinrichtungen schließlich doch. Diese Einrichtungen arbeiten aber in erster Linie mit TürkInnen bzw. scheinen TürkInnen über engere Netzwerke zu verfügen als Personen aus dem früheren Jugoslawien, so dass letztlich TürkInnen leichter zu einem Gespräch motivierbar waren. Die Schwierigkeiten beim Zugang zu InterviewpartnerInnen verdeutlichen, wie sehr Ver-/Überschuldung ein Tabuthema ist. Unseren InterviewpartnerInnen ging es nicht nur psychisch sehr schlecht, sie schämten sich auch ihrer Situation. Die meisten waren nur aufgrund des Vertrauensverhältnisses zu ihren BetreuerInnen, die ihnen die Wichtigkeit des Forschungsprojektes nahe brachten, zu einem Gespräch bereit.

Aus unserer Sicht liegen die Gründe für das überproportionale Verschuldungsrisiko von MigrantInnen in erster Linie in deren Lebenssituation. Verglichen mit den ÖsterreicherInnen und EU-AusländerInnen sind ihre Einkommen niedriger und sie sind mit höherer Arbeitslosigkeit konfrontiert. Ein großes Problem liegt darin, dass auch die zweite Generation am Arbeitsmarkt über keine deutlich besseren Chancen verfügt, viele Jugendliche haben keine weiterführende Schulbildung und auch sie arbeiten vornehmlich in Niedriglohnbranchen. Dazu kommt bei den meisten MigrantInnen die Notwendigkeit von hohen finanziellen Aufwendungen für das Grundbedürfnis Wohnen. Eine nachhaltige Reduzierung des Verschuldungsrisikos von MigrantInnen müsste bei diesen gesellschaftlichen Bereichen ansetzen

 

2002: Handbuch "Bericht über Migration und Integration in Österreich" Kapitel 8: Gesundheit und medizinische Versorgung von MigrantInnen

Projektleitung :    Mag. Helga Amesberger
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Mag. Barbara Liegl
Finanzierung:    International Centre for Migration Policy Development (ICMPD)
Fertigstellung:    Juni 2002

Wie diverse Studien zeigen, haben ImmigrantInnen nicht andere Ansprüche an das Gesundheitssystem als Nicht-Immigrierte, sondern bei ihnen werden Mängel des Gesundheitssystems deutlicher sichtbar. Im Zentrum des Berichts steht die gesundheitliche Situation und medizinische Versorgung von Zugewanderten in Österreich, wobei hier insbesondere dem Gesundheitszustand, dem Gesundheitsverhalten und der Gesundheitsversorgung nachgegangen wird und spezifisch die Situation für Frauen und ältere ImmigrantInnen analysiert wird. Die Basis für die Analyse bilden vorwiegend das Sonderprogramm des Mikrozensus 3/1999 zur Gesundheit und qualitative wie quantitative empirische Studien. Zum Abschluss des Berichts werden Empfehlungen zur Verbesserung der gesundheitlichen Si-tuation von Zugewanderten formuliert.

 

2001: Zugewanderte PatientInnen im Wiener Gesundheitssystem

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Katrin Auer
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Stadt Wien - MA-L
Wiener Krankenanstaltenverbund
Fertigstellung:    Jänner 2001

In der Ottawa-Charta (WHO 1986) wird der Begriff Gesundheitsförderung folgendermaßen definiert: "Gesundheitsförderung ist auf Chancengleichheit auf dem Gebiet der Gesundheit gerichtet. Gesundheitsförderndes Handeln bemüht sich darum, bestehende soziale Unterschiede des Gesundheitszustandes zu verringern sowie gleiche Möglichkeiten und Voraussetzungen zu schaffen, damit alle Menschen befähigt werden, ihr größtmögliches Gesundheitspotential zu verwirklichen."

Die gesundheitliche Situation und Versorgung von ImmigrantInnen ist von komplexen Wechselwirkungen kulturspezifischer, migrationsbedingter sowie sozialökologischer Faktoren beeinflusst, ebenso von Schichtzugehörigkeit und gesellschaftlichem Status. Gesundheitliche Risiken, Krankheit und Lebenserwartung sind in allen Gesellschaften sozial ungleich verteilt, aber auch von persönlichen und sozialen Ressourcen determiniert. In der Literatur werden in Zusammenhang mit Immigration Sprachbarrieren, das kulturell unterschiedliche Verständnis von Gesundheit, Körper und Krankheit sowie der schlechte Informationsstand über Gesundheitsangebote bzw. das Gesundheitssystem als die größten Herausforderungen für das Gesundheitssystem angesehen. Doch auch aufenthaltsrechtliche Bedingungen und/oder ein fremdenfeindliches gesellschaftliches Klima um nur einige migrationsspezifische Determinanten zu nennen können bei Gesundheitsstörungen und Krankheitsverläufen von ImmigrantInnen eine wesentliche Rolle spielen.

Die möglichen Folgen von Versorgungsschwächen aufgrund von Zugangsbarrieren für Menschen ausländischer Herkunft können ebenfalls zahlreich sein: Vergabe von Medikamenten aus Hilflosigkeit, Fehldiagnosen, Chronifizierungen, Endlosdiagnostik, verspätet einsetzende Therapie, verlängerte Verweildauer in Krankenhäusern, etc. Letztendlich können diese Faktoren enorme Mehrkosten verursachen.

Die Studie beleuchtet die Thematik von mehreren Seiten. Die Repräsentativumfrage unter der Wiener Bevölkerung (durchgeführt von IFES) erhob u.a. die Akzeptanz von zugewanderten PatientInnen bei Arztkonsultationen, negative Erfahrungen mit ÄrztInnen im niedergelassenen und im Spitalsbereich sowie die Kriterien für eine Arztwahl. Weiters wurden rund 40 Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind, mittels eines halbstandardisierten Interviewleitfadens befragt, wovon die Hälfte der Befragten (ÄrztInnen und Ordinationshilfen) in Arztpraxen, die andere Hälfte in Krankhäusern bzw. Pflegeheimen (ÄrztInnen und Pflegepersonal) tätig ist. Diese Befunde werden durch explorative Interviews mit Expertinnen ergänzt, die mit den Thematiken Gesundheit und/oder Migration beschäftigt sind. Im Mittelpunkt der beiden letztgenannten Erhebungen standen die Wahrnehmung von ImmigrantInnen als Klientel mit spezifischen Bedürfnissen, Diskriminierung von und Vorurteile gegenüber zugewanderten PatientInnen und medizinischem Personal durch die verschiedenen AkteurInnen im Gesundheitswesen (einschließlich PatientInnen) sowie Folgewirkungen von Zuwanderung auf die Arbeit im Gesundheitswesen. Einen Schwerpunkt in den Befragungen bildeten auch Maßnahmen und Empfehlungen zur Verbesserung der Situation von zugewanderten PatientInnen und der Arbeit im Gesundheitssystem.

 

2001: Türkische Imame in Wien

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Susanne Heine
Durchführung:    Mag.Sabine Kroißenbrunner
Mag.Barbara Liegl
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 7798
Fertigstellung:    Mai 2001

Das Forschungsprojekt hat die Darstellung und Analyse der Situation und Tätigkeiten türkischer Imame in Wien zum Ziel. Der Hintergrund des Forschungsinteresses ist in der mangelnden Aufarbeitung des Zusammenhangs zwischen Migration und Religion in Europa, v.a. aber in Österreich zu finden. Die Forschungsergebnisse sollen die Untersuchungen über sozio-politische Netzwerke, Organisationen und Vereine von türkischen MigrantInnen ergänzen bzw. um eine Reihe von Fragestellungen vertiefen. Eine zentrale Fragestellung im Kontext von Migration und Religion ist jene der religiösen Betreuung und der religiösen Führung nach Europa zugewanderter MuslimInnen. Im Islam sind im Kontext der Migration für seine Verkündigung, die Unterweisung in religiösen Angelegenheiten, die Führung im Gebet (um nur einige zentrale Bereiche zu nennen) v.a. die Imame, die sog. "Vorbeter" berufen. Die Untersuchung beschränkt sich aus zwei Gründen auf die türkischen Imame in Wien (die Zahlen schwanken dzt. zwischen 20-25): Erstens stellen die türkischen MuslimInnen noch immer die größte herkunftshomogene Gruppe der MuslimInnen in Österreich und Wien, zweitens ist eine Analyse von Imamen, die einen sehr ähnlichen Herkunfts- und Bildungshintergrund haben (Türkei) bzw. sich um dasselbe Klientel kümmern müssen, aussagekräftiger. Zehn Imame wurden in Einzel- und Gruppengesprächen anhand qualitativer Interviewleitfäden befragt.

Projektinhalt ist die Darstellung der Situation, Aufgaben und Tätigkeiten der Imame in Wien. Diese erfolgt vor dem Hintergrund der Beschreibung der religionsrechtlichen Lage in Österreich und ausgewählten europäischen Staaten, einer Debatte über die Bedeutung der Imame für die Kategorie "Muslim Leadership" und die Entwicklung eines "europäischen Islam", über die Entwicklung und Aufgaben der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich sowie ihre Bedeutung im Kontext der sozio-politischen Netzwerke türkischer MigrantInnen in Wien. Ziel ist es, Empfehlungen zur verbesserten Integration der Imame durch muslimische und österreichische Institutionen zu formulieren.

In der Europäischen Union sind die gesetzlichen und formalen Rahmenbedingungen der Tätigkeit türkischer Imame in Österreich - mit der Ausnahme der staatlichen Anerkennung des Islam auch in Belgien - einzigartig. Dies trifft auf die gesetzliche Anerkennung des Islam zu, die bereits im 19. Jahrhundert bzw. schließlich mit dem Islamgesetz 1912 erfolgte, d.h. in Österreich nicht Ergebnis der Arbeitsmigration von MuslimInnen seit den 1960er Jahren nach Europa ist. Die Institutionalisierung des Islam in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft, hingegen ist einerseits Ausfluss dieser gesetzlichen Anerkennung, andererseits aber in Entstehung, Entwicklung und heutiger Situation von eben dieser Migration von MuslimInnen unterschiedlicher Herkunft und Auffassungsrichtungen innerhalb des Islam sowie ihrer Entsendestaaten (Türkei et al.) geprägt.

Tätigkeitsprofil und Erfolg der Aufgabenerfüllung durch die Imame hängen maßgeblich von diesen Grundlagen (rechtliche Anerkennung, Institutionalisierung des Islam) und ihrer Ausgestaltung ab. In Österreich werden diese maßgeblich von der IGGiÖ, der Vertretung des türkischen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) in Österreich (ATIB) sowie den sozio-politischen Netzwerken und Moschee-Vereinen bestimmt. All diese Institutionen sind vor allem, neben den sozialen und politischen Bedingungen der Einwanderungsgesellschaft, für das Spannungsfeld, in dem sich die Imame bewegen und ihre Aufgaben erfüllen müssen, verantwortlich. Die Studie argumentiert, dass diese Konflikte und ihre Konsequenzen für die Imame und ihre Integration bisher zu sehr vernachlässigt wurden. Weder muslimische noch österreichische Institutionen haben die für die Vermittlung in diesen Spannungen nötige Sensibilität gezeigt noch zielführende Anstrengungen unternommen.

Die türkischen Imame stellen eine wichtige Kategorie in der Vielzahl von Formen der religiösen Repräsentanz des Islam dar. Aufgrund mangelnder Ausbildungsinstitutionen für Imame in Europa bzw. der oftmals schwierigen Prozesse, die die Entstehung solcher Einrichtungen - etwa in Österreich - begleiten, und des fehlenden Konsensus innerhalb der islamischen Gemeinschaft(en) ist die Rolle der Imame zu wenig sichtbar, sind Denkstrukturen oder Forderungen für bzw. gegen Integration zu wenig deutlich wahrnehmbar. Die persönliche Situation der Imame (soziale und berufliche Infrastruktur, Einkommen, Familiennachzug, Wohnungssituation, Sprach- und Landeskenntnisse etc.), ihre Vertrags- und Arbeitsbedingungen sind nach wie vor uneinheitlich, intransparent und unzufriedenstellend geregelt. Ihre eigentliche Aufgabenbeschreibung, die Erwartungen an sie und die tatsächlichen Möglichkeiten, diese zu erfüllen, stellen die Imame vor zahlreiche Probleme. Die bestehenden muslimischen Organisationen haben sich noch nicht ausreichend dieser Situation angenommen, und österreichische Institutionen haben diese Situation größtenteils bisher negiert.

Anhand der Kategorie von "Muslim Space" beschreibt und analysiert die Studie Aufgaben, Funktionen und Bewältigungsstrategien der Imame in ihrer eigenen Gemeinde, ihren Moschee-Vereinen und in der österreichischen Gesellschaft. Der in der Heimat vorgefundene "Muslim Space" (Gemeinde, Moschee etc.) ist hier völlig anders gestaltet. Die Imame, so eine Schlussfolgerung der Studie, sind in der Migration in ihrem Aktivitätsradius erheblich "limitiert", obwohl die Anforderungen an sie - im Gegensatz zur Situation in der Heimat - zunehmen.

Schließlich befasst sich die Studie mit dem "Dialog" zwischen den Religionen, wobei dieser Begriff sehr weit gefasst wird und die Auseinandersetzung der Imame und ihre Strategien im Umgang mit der österreichischen Gesellschaft als Individuen bzw. im Rahmen ihrer Institutionen inkludiert. "Dialog" bedeutet hier auch den Umgang mit Problemen, die aus der Situation der Diaspora für Mitglieder ihrer Gemeinde entstehen (in Ehe, Familie, Beruf, Schule etc.). Die Studie gibt zu den oben erwähnten Kategorien Empfehlungen für eine aktivere und direkte Einbeziehung der Imame in den gesellschaftlichen und inter-religiösen Dialog. Die entsprechenden Institutionen werden aufgefordert, gemäß ihren Schwerpunkten die Imame als Partner direkt anzusprechen.

 

2000: Evaluierung des Fonds zur Integration von Flüchtlingen

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Mag. Barbara Liegl
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    Februar 2000

Im Rahmen dieses Forschungsprojektes wurde der im BMI angesiedelte Fonds zur Integration von Flüchtlingen hinsichtlich der Effizienz seiner Leistungen, aber auch ihrer Angemessenheit aus der Sicht der Betroffenen evaluiert. Der Fonds gewährt sowohl Konventionsflüchtlingen als auch bosnischen Kriegsflüchtlingen Starthilfe in Form von Zuschüssen und Krediten für Wohnraumbeschaffung, -instandsetzung und -ausstattung und durch die Übernahme von Kosten für Deutschkurse und Maßnahmen im Arbeitsmarktbereich. Der methodische Zugang lag in einer quantitativen und qualitativen Befragung jener Flüchtlinge, die zum ersten Mal im Jahr 1996 einen Antrag auf Unterstützung beim Fonds gestellt hatten, sowie in Interviews mit VertreterInnen von NGOs und ExpertInnen im Bereich Integration bzw. einer Gruppendiskussion mit MitarbeiterInnen des Fonds.

Mittels eines Fragebogens wurden Angaben der Flüchtlinge zu den erhaltenen Maßnahmen und der Qualität der Betreuung durch den Fonds, ebenso wie zu unterschiedlichen Integrationsbereichen (Arbeit, Wohnen, Schullaufbahn der Kinder, Freizeit) erhoben. Die Daten wurden statistisch ausgewertet und bildeten die Grundlage für die Auswahl der InterviewpartnerInnen unter den Betroffenen. Im Anschluss daran wurden in vier Bundesländern qualitative Interviews geführt, in denen Themen wie die Flüchtlingsbiographie, der Zugang zum und Erfahrungen mit dem Fonds, Arbeitssuche und Berufserfahrungen, die Wohnungssuche und Wohnzufriedenheit, die Schulkarriere der Kinder, die Freizeitgestaltung, aber auch der Integrationsbegriff der Betroffenen angesprochen wurden. Darüber hinaus wurden VertreterInnen von NGOs über deren Zusammenarbeit mit dem Fonds sowie ExpertInnen zum Integrationsbegriff, -verlauf und speziellen Problemen in diesem Bereich befragt.

Auf Grundlage des ausgewerteten Datenmaterials und der Interviews wurden in der Schlussphase des Projektes Interviews mit dem Geschäftsführer des Fonds und mit FondsmitarbeiterInnen durchgeführt, um ihr ExpertInnenwissen zu nützen. Von den MitarbeiterInnen angesprochene Schwierigkeiten, ebenso wie die Erfahrungen aus der Befragung der Flüchtlinge, wurden in die Formulierung eines Maßnahmenkataloges einbezogen.

 

2000: Integrationsindikatoren. Zur Nachhaltigkeit der Wiener Integrationspolitik

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Wiener Integrationsfonds
Stadt Wien - MA 18 und MA 57
Fertigstellung:    Dezember 2000
Materialien:    Kurzfassung

Gesamtbericht

Die Integration von ImmigrantInnen in die Gesellschaft des Immigrationslandes wird in der wissenschaftlichen Forschung wie auch in der Politik als wesentliche Voraussetzung für ein möglichst konfliktfreies Miteinander-Leben verstanden und ist ein Anspruch, der sich sowohl an die Mehrheitsgesellschaft als auch an die ImmigrantInnen richtet. Aufgabe dieses Projekts war es, Integrationsindikatoren zu erstellen, welche Möglichkeiten und Notwendigkeiten, aber auch Hindernisse oder Verweigerung von Integration fassbar machen dies nicht nur für eine einmalige Bestandsaufnahme, sondern als Instrumentarium für weitere Untersuchungen und als Orientierungshilfe für die zukünftige Integrationspolitik der Stadt Wien (Zeitreihen). Die Indikatorenerstellung muss zum einen die Bedingungen für Integration, wie sie von der Mehrheitsgesellschaft vorgegeben werden (rechtliche, sozioökonomische, kulturelle und soziale Rahmenbedingungen) erheben und deren integrationsfördernde bzw. hemmende Auswirkungen berücksichtigen; zum anderen sind die beeinflussenden Faktoren auf Seite der ImmigrantInnen/AusländerInnen, die Integration erleichtern bzw. erschweren (wie etwa Unterschiede aufgrund des Geschlechts, des Alters, der Generationszugehörigkeit, der Aufenthaltsdauer, des Bildungsstands, etc.), miteinzubeziehen.

Kernstück der Arbeit ist die Auflistung und Diskussion von 67 Integrationsindikatoren. Der Großteil von ihnen sind Indikatoren in der sozioökonomische Dimension, die auf die Bereiche Familienstruktur, Aufenthalt Einbürgerung, Bevölkerungsbewegung, (Aus)Bildung, Beschäftigung, Einkommen, Armut Armutsgefährdung Wohlstand, Wohnen und Gesundheit entfallen. Partizipationsindikatoren im Bereich Sozialkontakte und politische Partizipation werden ergänzt durch Indikatoren der kulturellen Dimension, hier unterteilt in die Bereiche Bewusstseinsbildung, sprachliche Rechte, Medien, Kunst und Kultur sowie Religion. Für die rechtliche Dimension wurden der Vollständigkeit halber rezente Forschungsarbeiten zusammengefasst.

Die Präsentation der Indikatoren folgt einem einheitlichen Schema, welches folgende Rubriken umfasst: These (welchen Integrationsbereich benennt der Indikator, Diskussion der These, Messleistung, von wem ist Integrationsleistung zu erbringen (von Mehrheitsgesellschaft und/oder ImmigrantInnen), auf welche Personengruppe ist der Indikator anzuwenden), Differenzierung der Personengruppe, Vergleichsgruppe und schließlich die Datenlage zu diesem Indikator, wobei zwischen vorhandenen Daten und zu erhebenden Daten unterschieden wird. Der Datenlage wird zusätzlich ein Kapitel gewidmet, in dem die Daten sämtlicher relevanter Quellen (Volkszählungsdaten, Mikrozensus, ECHP, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, Fremdeninformationssystem, etc.) detailliert beschrieben und nach ihrer Aussagekraft bzgl. der Situation von Zugewanderten überprüft werden. Zur leichteren Handhabung wurde der Bericht farblich gestaltet, wobei jeder Integrationsbereich mit einer Übersicht über die Indikatoren und einem Raster, der bereits die wesentlichen Informationen enthält, beginnt.

Ergebnis ist eine übersichtlich gestaltete Zusammenfassung zu Integrationsbereichen und Möglichkeiten der Messung von Integration, welches einem Nachschlagwerk gleichkommt. Die Diskussion der Indikatoren gibt Auskunft über die Aussagekraft der Indikatoren hinsichtlich Integration wie auch über Ein- und Ausschlussmechanismen in einer Gesellschaft und damit auch Auskunft über den politischen Handlungsbedarf. Da in die Diskussion aktuelle Daten einbezogen wurden, stellt der Bericht auch einen Überblick über die derzeitige Situation von Zugewanderten in Wien dar. Die Vielzahl der Indikatoren macht zudem die Multidimensionalität von Integration sichtbar. Die Indikatoren zeigen auch deutlich Interdependenzen bzw. verschiedene Kausalitäten auf (z.B. niedriges Einkommen hat Auswirkungen auf Wohnsituation, Gesundheit, Bildung, etc.). Schließlich verdeutlicht der Bericht, wie es um die Datenlage bestellt ist und in welchen Bereichen zusätzlicher Forschungs- und Erhebungsbedarf gegeben ist.

 

1999: Managing Diversities

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Prof. Dr. Dov Ronen
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr
UNESCO, Division for Social Sciences, Research and Policy, Paris
Fertigstellung:    Mai 1999

Das Projekt ist eine Pilotstudie, die den Umgang mit ethnischen Konflikten in Zentraleuropa am Beispiel der Slowakei untersuchte. Das erkenntnisleitende Interesse des Projektes war, die angesichts der ethnischen Diversität in den Reformstaaten Mittel- und Osteuropas in dieser Region selbst erprobten bzw. diskutierten politischen Muster des Umganges mit ethnischen Konflikten zu erheben und in einen Kontext mit allgemeinen Erfahrungen des Umganges mit solchen Konflikten zu bringen. Der methodische Grundgedanke dabei war, in zwei Stufen die Einstellungen zunächst verschiedener Meinungsführer und dann, in einem feedback-Verfahren, die Einstellungen wissenschaftlicher ExpertInnen zu erheben. Prof. Ronen führte - diesem methodischen Muster entsprechend - in zwei "Wellen" qualitative Interviews in der Slowakei durch.

Hinter dieser Studie stand die Erwartung, bestimmte (politische, soziale) Techniken des Umganges mit ethnischer Vielfalt und ethnischen Konflikten in Erfahrung zu bringen. Dies entspricht einem bottom up-Zugang, der betroffenen Staaten keine normativen Muster vorschreiben will, sondern die in diesen Staaten vorhandenen Erfahrungen analysieren und so allgemein nutzbar machen will.

Das Projekt wurde im Rahmen des MOST-Programmes der UNESCO durchgeführt. Dem Charakter einer Pilotstudie entsprechend besteht die Möglichkeit, die Ergebnisse dieser Studie als Grundlage für weiterführende, auch andere bzw. alle Staaten der Region umfassende Erhebungen zu machen. Diese Möglichkeit einer - indirekten - Folgestudie wird derzeit verfolgt.

 

1998: Wien-Identität

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Susanne Breuss
Mag. Karin Liebhart
Finanzierung:    Magistrat der Stadt Wien - MA 18
Fertigstellung:    Jänner 1998

Auf Basis einer Literaturrecherche, die sowohl wissenschaftliche Literatur als auch Belletristik umfaßt, wird einigen zentralen Fragestellungen nachgegangen: Gibt es "die" Wien-Identität schlechthin? Wenn ja: Was macht sie aus, wodurch wird sie bestimmt? Dabei können verschiedene Merkmale der Stadt eine bestimmende Rolle spielen: Wien als Bundeshauptstadt, Wien als kulturelles Zentrum, Wien als Wirtschaftsstandort, das imperiale Wien, "Wien modern". Wenn man Wien als länderübergreifende Region faßt, stellt sich die Frage, inwieweit die Wien-Identität in das zu Niederösterreich gehörende Umfeld hineinspielt.

Ein weiterer Aspekt der Wien-Identität ist die Frage nach der Außensicht, nach dem Fremdbild. Die Konstruktion von Identität bedeutet das Herstellen einer Relation zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung; die Stabilität von Identität hängt u.a. davon ab, wie und ob diese beiden Ebenen miteinander in Einklang gebracht werden können.

Diese Studie geht auf drei Ebenen vor: der Erhebung der vorliegenden aktuellen wissenschaftlichen Literatur, der Sekundäranalyse vorhandener empirischer Untersuchungen und der Analyse von Wien-Bildern in der Belletristik. Dabei wurden die Ergebnisse partiell auch mit Untersuchungen über die nationale österreichische Identität in Beziehung gesetzt.

 

1997: Umsetzung des Wiener Modells einer kommunalen Interessenvertretung für ZuwanderInnen - Internationale Erfahrungen

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Walter Fend
Dr. Birgitt Haller
Finanzierung:    SPÖ-Landesorganisation Wien
Fertigstellung:    März 1997

Ziel der Studie war es, verschiedene europäische Modelle der kommunalen Interessenvertretung für Zuwanderlnnen zu erheben und anhand dieser Fallbeispiele zu analysieren, welche Vor- und Nachteile mit den einzelnen Vertretungsformen verbunden sind. Die Studie konzentriert sich auf die Situation in der Schweiz und in den Benelux-Staaten, darüber hinaus wurden einzelne Fallbeispiele aus dem skandinavischen Raum skizziert.

Die Untersuchung ergab, daß sich die Modelle der kommunalen Interessenvertretung für MigrantInnen in den einzelnen Staaten, aber auch mitunter innerhalb dieser, wie insbesondere das Beispiel der Schweiz zeigt, deutlich unterscheiden. Divergenzen bestehen insbesondere in folgenden Bereichen:

  • Definition der angesprochenen Gruppe: Hier gibt es einerseits eine enge Definition, welche die Staatsbürgerschaft zum alleinigen Kriterium macht, und eine weite, welche "Neoinländerinnen" miteinschließt;

  • Rekrutierung der Beiratsmitglieder: Z.B. direkte Wahl durch alle ansässigen MigrantInnen versus Nominierung durch die zur Entsendung berechtigten Organisationen;

  • Zusammensetzung der Beiräte: Z.B. nur MigrantInnen oder auch inländische VertreterInnen, etwa der Sozialpartner, städtischer Behörden oder kommunaler Sozialdienste;

  • Kompetenzen der Beiräte: Zwar ist allen Modellen der rein konsultative Beiratscharakter gemein, doch bestehen erhebliche Unterschiede hinsichtlich des Aktionsradius. Dies betrifft die finanzielle Autonomie, Anhörungs-, Vorschlags- und Kontrollrechte sowie die Repräsentanz von Beiratsmitgliedern in kommunalen Organen (Ausschüsse etc.).

  • Für die Ausprägung der jeweiligen Vertretungsmodelle sind im wesentlichen zwei Momente mitverantwortlich, nämlich die Art der staatlichen Integrationspolitik und das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein des kommunalen Wahlrechts für AusländerInnen. Dabei zeigte sich in der Untersuchung, daß zwischen dem letzteren und der Institutionalisierung von MigrantInnenbeiräten kein unmittelbarer Zusammenhang besteht: Kommunales AusländerInnenwahlrecht und Beiräte können nebeneinander bestehen. In diesem Falle, wie etwa in den Niederlanden, entwickeln sich die Interessenvertretungen meist zu spezialisierten Fachorganen.

Wissenschaftliche Literatur zum Thema kommunale Interessenvertretung für MigrantInnen liegt in den von uns untersuchten Staaten kaum vor, so daß wir die relevanten Informationen vor allem bei den Stadtverwaltungen, bei VertreterInnen dieser Konsultativorgane und bei nationalen Einrichtungen, die mit Migrationsproblemen befaßt sind, recherchierten. Der Beitrag der vorliegenden Studie ist somit ein doppelter: Einerseits eröffnet sie der Politik europäische Erfahrungswerte und mögliche Anregungen für ein "Wiener Modell", andererseits erschließt die Untersuchung durch ihren komparativen Charakter Forschungsneuland.

 

1997: Gesellschaftliche Dynamik im Grenzraum Österreich-Slowakei

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Walter Fend
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Bundeskanzleramt/
Abteilung IV/4 Raumplanung und Regionalpolitik
Fertigstellung:    Dezember 1997
Materialien:    Kurzbericht deutsch

Kurzbericht slowakisch

Kurzbericht englisch

Grenzregionen zählten jahrelang zu den benachteiligten Gebieten. Durch die "Ostöffnung" und die Europäische Integration haben sich für die Grenzgebiete neue Perspektiven und Probleme ergeben. In diesem Zusammenhang wird von PolitikerInnen, WirtschaftsexpertInnen u.v.a. eine grenzüberschreitende Kooperation in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Kultur etc. gefordert, um der Region neue Entwicklungsimpulse zu geben und anstehende Probleme gemeinsam zu bewältigen. Teile der Bevölkerung und auch diverse Interessenvertretungen sehen jedoch der verstärkten Einbindung der östlichen Nachbarstaaten - insbesondere im wirtschaftlichen Bereich - eher mit Sorge entgegen. Diese beiden Problembereiche - Schwierigkeiten der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und Vorbehalte der Bevölkerung gegenüber einer verstärkten Einbeziehung der Nachbarländer - stellen daher die Schwerpunkte der Studie dar.

Für die Datenerhebung kreierten wir eine kontextnahe Untersuchungsanordnung. Das heißt, Untersuchung"gegenstand" ist nicht der einzelne, isolierte Mensch, sondern der Mensch in seinem bedeutungsrelevanten sozialen Kontext. Wir führten in je fünf österreichischen und slowakischen Grenzgemeinden Befragungen mittels eines halbstandardisierten Leitfadens durch. Weiters diskutierten wir mit Schulklassen (Volks- und Hauptschule) über die Wahrnehmung der "neuen" Nachbarn und organisierten in jeder Gemeinde einen Diskussionsabend zum Thema. Erfahrungen in Zusammenhang mit grenzüberschreitenden Kooperationen standen bei den ExpertInneninterviews im Vordergrund. Befragt wurden ExpertInnen (insgesamt 41) aus den Bereichen Arbeitsmarktverwaltung, Interessenvertretungen, Regionalentwicklung, soziale und öffentliche Sicherheit, Wirtschaft, Kultur und Ökologie.

Der Forschungsbericht umfaßt neben einer Einführung zum Thema "Grenze - Bedeutungen, Funktionen und Reichweiten", einer umfassenden Erläuterung der Erhebungsmethoden und einer kurzen Beschreibung der in die Untersuchung einbezogenen österreichischen und slowakischen Gemeinden, folgende Themenschwerpunkte:

  • Veränderungen seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. In diesem Zusammenhang interessierte uns, welche positiven und negativen Veränderungen von der Bevölkerung in den Grenzlandgemeinden sowohl hinsichtlich struktureller Gegebenheiten als auch persönlicher Beziehungen wahrgenommen werden.

  • Einstellungen zu und Erfahrungen mit den Nachbarn. Fragen der Charakterisierung, der Art und Häufigkeit der Kontakte, der Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden standen hier im Mittelpunkt.

  • Notwendigkeit und Bedeutung grenzüberschreitender Kontakte bzw. Zusammenarbeit. In diesem Themenschwerpunkt gingen wir v.a. der Frage nach, ob von der Bevölkerung bzw. den ExpertInnen die Notwendigkeit grenzüberschreitender Zusammenarbeit gesehen wird und auf welche Art diese gestaltet sein soll bzw. in welchen Bereichen sie sinnvoll wäre.

  • Kooperationserschwernisse und Voraussetzungen für die Zusammenarbeit. Hier geht es v.a. um das Herausschälen von Strukturen, die eine effektive Zusammenarbeit erschweren oder unmöglich machen. Gleichzeitig fragten wir nach den Voraussetzungen für eine gute Kooperation.

Den Abschluß bilden Maßnahmenempfehlungen zur Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen in der Grenzregion und der grenzüberschreitenden Kooperation.

 

1996: Soziopolitische Netzwerke türkischer MigrantInnen in Wien

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Sabine Kroißenbrunner
Finanzierung:    Wiener Integrationsfonds
Magistrat der Stadt Wien, Kulturamt
Fertigstellung:    September 1996

Mangels empirischer und qualitativer Untersuchungen über Organisationen türkischer ArbeitsmigrantInnen in Österreich im allgemeinen und in Wien im besonderen, mußten als Informationsquellen vor allem Interviews und - falls überhaupt erhältlich - Materialien (Broschüren, Flugblätter, etc.) der Vereine verwendet werden. Aus der Vielzahl an Vereinen und Organisationen wurden fünf ausgewählt: Milli Görüs (Vereinigung der Nationalen Weltsicht), IKM (Union Islamischer Kulturzentren in Österreich), ATIGF (Föderation der Arbeiter und Jugendlichen aus der Türkei), Verein für Österreichisch-Türkische Freundschaft, Dachorganisation Türkische Kultur- und Sportgemeinschaft ("Graue Wölfe"). Diese Vereine sind (bis auf die IKM) mit einer türkischen Partei ideologisch und/oder institutionell verbunden.

Kapitel 1 der Studie kritisiert die Konzentration österreichischer Sozialwissenschaften im Bereich Migration (mit wenigen Ausnahmen) auf den Aspekt der Integration ausländischer ArbeitnehmerInnen in den Sozialstaat (und allenfalls auf die dafür notwendigen politischen bzw. Bürgerrechte). Der Frage nach der sozialen und politischen Organisation von türkischen ZuwanderInnen wurde bisher noch keine Beachtung geschenkt. Damit wurde auch die Interessenspolitik der MigrantInnen, ZuwanderInnen als politische Akteure mit Forderungen, völlig ausgeklammert. Weiters argumentiert die Studie, daß nicht nur ein Zusammenhang zwischen "Integration" und der politischen Organisation von EinwanderInnen angenommen werden kann, sondern noch viel mehr einer zwischen Integration und jenen Institutionen des Aufnahmelandes, Kommunikations- und Konsultationsmechanismen gewährleisten sollten. Mit der Weigerung, ImmigrantInnenorganisationen als Ansprechpartner anzuerkennen, sondern statt dessen im Rahmen einer Politik der Ethnisierung die "Organisation kultureller Unterschiede" voranzutreiben, hat die österreichische Politik selbst einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, daß die erwähnten Vereine selbst kaum bis gar keine Ansätze in Richtung einer Entwicklung hin zu überparteilichen Interessensorganisationen zeigen. Kapitel 2 stellt die Funktionalität dieser Vereine der politischen Sozialisation in der Türkei gegenüber. Die ZuwanderInnen sind ja nicht nur als Arbeitskräfte gekommen; sie hatten und haben auch eine politische Identität, die in der Migration ein Kontinuum erfährt, sich dabei gleichzeitig verändert. Kapitel 3 schließlich untersucht aufgrund von Interviews, Vereinsmaterialien, internationaler und türkischsprachiger Literatur die Entstehung und Entwicklung, Ziele und Aktivitäten, Bündnispolitik, Organisationsstruktur und Mitglieder der fünf Vereine. Insgesamt wurden 23 Interviews mit Vereinsvorsitzenden, dort engagierten Personen, Imamen und Mitgliedern durchgeführt.

Die Studie, eine Pilotstudie auf diesem Gebiet, kommt zu einigen interessanten Schlußfolgerungen. Erstens hat eine ideologische Entpolarisierung unter den Vereinen stattgefunden, die Gefahr läuft durch die "Politik der Ethnisierung" wieder - allerdings zu den Fragen "Kultur" und "Identität" - entfacht zu werden. Die eigentlichen Auseinandersetzungen werden um das Thema "welche Art von Opposition und Agitation verbessert die Lage der türkischen ZuwanderInnen in Österreich" bzw. unterschiedliche Lebensstile geführt - und nicht mehr um Konflikte in der Türkei. Zweitens wird der Schwerpunkt "Jugendarbeit" von allen Vereinen als eher wenig erfolgreich betrachtet. Während, drittens, die linken Vereine eher eine Professionalisierung ihrer Betreuungstätigkeit oder politischen Forderungen anstreben, versuchen die islamistischen Vereine den Anspruch an umfassende Hilfe- und Solidaritätsleistung aufrechtzuerhalten. Ihnen geht es jedoch eher um die Errichtung einer "Parallel- oder Gegengesellschaft", die zwar in die österreichische Gesellschaft integriert, dennoch mit allen Institutionen ausgestattet ist. Viertens gibt es kaum Bündnisse oder Zusammenarbeit unter den untersuchten Vereinen; auch die Zusammenarbeit mit österreichischen Institutionen ist nur sehr schwach vorhanden.

Die Studie soll schließlich aufzeigen, daß Struktur, Ziele und Umsetzung dieser Vereine entscheidend von der politischen Kultur und den Möglichkeiten der Einwanderungsgesellschaft geprägt sind, und weniger maßgeblich vom Heimatland. Gerade der Versuch des "empowerments" von türkischen MigrantInnen seitens dieser Vereine bietet, so das abschließende Argument, vielfältige Anknüpfungspunkte für Dialog, Kooperation und Auseinandersetzung.

 

1995: Polnische MigrantInnen in Wien

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Sabine Kroißenbrunner
Finanzierung:    Magistrat der Stadt Wien, Kulturamt
Fertigstellung:    April 1995

Ziel dieses dreimonatigen Projektes war eine empirische Bestandsaufnahme des verfügbaren Datenmaterials zur Zuwanderung und der Situation von polnischen MigrantInnen nach und in Wien. Dem dritten Teil, welcher anhand der drei wesentlichsten statistischen Quellen - ÖSTAT, MA 62/Bevölkerungsevidenz und Fremdenpolizei - die Struktur der polnischen Wohnbevölkerung Wiens zu erfassen sucht, gehen Teil I "Problemstellungen" sowie Teil II zum Thema "Wanderung aus Polen" voraus. Der Präsentation und Dokumentation der Datenlage in Teil III anhand der Kategorien "Umfang, Struktur und Entwicklung", "Soziale Lage" und "Kulturelles und politisches Leben", die darüberhinausgehend einen gruppenspezifischen Einblick gegebenermaßen verwehrt, wurde damit in den ersten beiden Abschnitten die Frage nach Funktion und Bedeutung von (polnischer) Migration für den nationalen und urbanen Kontext vorangestellt.

Zentrale These des ersten Teils ist, daß die Herausforderung Österreichs, u.v.a. Wiens, weniger in der Quantität osteuropäischer Daueremigration bzw. Einwanderung, sondern in einem speziellen Typus der Migration, nämlich der Pendelwanderung liegt. Anhand der Untersuchungen der beiden polnischen SozialwissenschaftlerInnen Marek Okólski und Mirjana Morokvasic (beide in Morokvasic, M./ Rudolph, H. (Hg): Wanderungsraum Europa: Menschen und Grenzen in Bewegung, Berlin 1994) wird ein spezifisches Wanderungsphänomen erläutert, welches sich nur bedingt in die Rotations- oder Integrationsmodelle mittel- und westeuropäischer Migrationspolitik(en) einfügt. Pendelwanderung ist eher durch Arbeitslosigkeit und Mangelwirtschaft als durch die soziopolitische Situation im Heimatland motiviert. Charakteristisch ist auch die Tatsache, daß die zeitliche befristete Mobilität von einem Teil der Bevölkerung als wichtigste, ja oft sogar einzige Ressource angesehen wird, die sie auf den (Arbeits)Märkten konkurrenzfähig erscheinen läßt.

Teil II stellt einen empirischen Überblick über "Polen als Quelle von Wanderung und Reisen" dar, der sich v.a. auf die Studie des polnischen Demographen Marek Kupiszewski (in: Atlas Ost - und Südosteuropa, Nr. 2.6. - PL 3, Wien 1993) stützt.

Die Formen und Charakterisierung polnischer Wanderung (durch polnischen Behörden und DemographInnen) werden mit den politischen und sozioökonomischen Veränderungen in Polen zwischen 1981 und 1994 in Zusammenhang gebracht, sowie nach den Zielen der Ausreisenden, nach der geographischen, demographischen und der Ausbildungs- und Beschäftigungsstruktur statistisch aufgeschlüsselt.

Teil III beschäftigt sich mit Umfang, Struktur und Entwicklung der polnischen Wohnbevölkerung in Wien zwischen 1980/81 und 1994. 19.537 PolInnen lebten 1994 in Wien. Das sind etwa dreimal soviel wie 1980 (6.045) und entspricht etwa dem Stand von 1934 (21.324).

Als bestätigend für die These der verstärkten Pendelwanderung in den 1990er Jahren werden u.a. folgende Charakteristika polnischer MigrantInnen in Wien angenommen: a)   die Relation der polnischen männlichen "Reisenden" (66%) zum Anteil der in Wien ansässigen polnischen Männer (54%). Die Differenz wird als Pendelwanderung angenommen; b) die Altersstruktur polnischer ZuwanderInnen entspricht jener, die üblicherweise der "Frühphase der Zuwanderung " zugeschrieben wird und wird v.a. über Neuzuwanderung verstärkt. Damit ist die Alters- und Geschlechterstruktur der PolInnen in Wien gleich jener, welche in Polen als "temporäre" Auswanderer gelten.

 

1995: Situation der ersten Generation türkischer, serbischer und bosnischer Arbeitsmigranten in Wien - unter Berücksichtigung der Akkulturation der zweiten Generation

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Marcus-Constantin Beiwl
Mag. Regina Haberfellner
DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Wiener Internationale Zukunftskonferenz
Fertigstellung:    September 1995

Die Studie erhebt zum einen die konkrete Situation von Migrantinnen und Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der Türkei in Wien - Entscheidungsschritte, die dem Migrationsentscheid vorausgegangen sind, werden dargestellt -, zum anderen wird die politische Situation von Migrantinnen und Migranten in Österreich mit dem Schwerpunkt Wien analysiert.

Einzelne Abschnitte behandeln die Situation von Migrantinnen und Migranten in ihren Ursprungsstaaten, die Vorstellungen, die die Befragten von "Europa" hatten, die Motive hinsichtlich der Migration nach Österreich - es war zum Beispiel verblüffend, wie wenig die Interviewten über Österreich wußten -, das Zustandekommen des Wanderungsentscheids und die die Wanderung unterstützenden sozialen Netzwerke.

Ausführliche Teile sind der ersten Phase des Aufenthalts in Wien, den anfänglichen Schwierigkeiten, den Problemen mit Arbeit und Wohnung und Aspekten der Isolation gewidmet. Das Themenspektrum umfaßt zudem Fragen zur Akkulturation, zum Stellenwert von Bräuchen und Sitten des Herkunftslandes, zur Wahrnehmung der spezifischen Situation als Migrantin oder Migrant, zu Fremdenfeindlichkeit, zur Zufriedenheit mit der beruflichen Tätigkeit, zu Freizeitaktivitäten, zu Rückkehrabsichten und zum politischen Interesse.

Untersucht wird, in welcher Art Migrantinnen und Migranten spezifische Strukturen einer ethnic community in Wien ausbilden (Wohnviertel, spezifische Kommunikationsstrukturen, Cafés, Wochenendgestaltung), welche sozialen Kontakte innerhalb der Migrantenpopulation bestehen und in welchem Ausmaß Kontakte mit der Wiener Bevölkerung existieren.

Der Studie liegen zwei Ziele zugrunde, zum einen die Beschreibung der Situation von Arbeitsmigrantinnen und migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der Türkei in Wien aus deren Sicht, zum anderen eine Analyse der Politik, die zur Zeit in diesem Politikfeld verfolgt wird, um aus dieser Perspektive problemadäquat und anwendungsorientiert Maßnahmen und Problemlösungsstrategien auszuarbeiten.

Ausländerpolitik wird unter dem Aspekt des Zuzugs und des Aufenthalts diskutiert, der Schwerpunkt liegt auf den Möglichkeiten zur Integration ausländischer Staatsbürger. Diesbezüglich werden Spezifika dieses Politikfeldes erläutert, die politischen Entwicklungen in diesem Bereich dargestellt, Positionsverschiebungen der österreichischen Parlamentsparteien rekonstruiert, demoskopische Umfrageergebnisse herangezogen, Optionen einer möglichen Integrationspolitik analysiert und ein Maßnahmenkatalog erarbeitet.

Das Ziel der Studie liegt in der De-Eskalation eines entlang der Konfliktlinie Ethnizität angelegten Konfliktpotentials und in einer Entschärfung der entlang dieser Bruchlinie auftretenden Spannungen zwischen "Inländern" und "Ausländern".

 

1995: Grenzüberschreitung Wien - Bratislava. Zur politischen Dynamik einer urbanen Zusammenarbeit

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Walter Fend
Mag. Brigitte Halbmayr
Univ.-Doz. Dr. Albert F. Reiterer
Finanzierung:    Wiener Internationale Zukunftskonferenz
Fertigstellung:    Dezember 1995

Ausgehend von der europaweit einzigartigen Nähe zweier Hauptstädte (Entfernung: gut 50 km) beschäftigt sich das Projekt mit den Kooperationsmöglichkeiten zwischen den beiden Städten Wien und Bratislava, die sich seit dem Ende des Kalten Krieges wieder zueinander wenden. Da eine Entwicklung zum Großraum Wien - Bratislava als sehr wahrscheinlich gilt, wird die grenzüberschreitende Zusammenarbeit für die Zukunft dieses Raums von großer Bedeutung sein.

Die zentrale Fragestellung des Projekts lautet daher: Wie ist grenzüberschreitende Kooperation unter den Bedingungen extremer, v.a. ökonomischer Ungleichheit, wie sie zwischen Österreich und der Slowakei vorzufinden ist, möglich? Im Vordergrund steht dabei das Wie der Kooperation, d.h. von Interesse ist die Frage, wie bestehende Abhängigkeitsverhältnisse reduziert und neue möglichst vermieden werden können. Angestrebt wird also eine möglichst partnerschaftliche Zusammenarbeit.

Arbeitsschwerpunkte waren Tiefeninterviews mit österreichischen und slowakischen ExpertInnen aus den Bereichen (Außen)Politik, kommunale Verwaltung, Wissenschaft und interregionale Zusammenarbeit; die Analyse internationaler Beispiele grenzüberschreitender Zusammenarbeit (hier insbesondere die Kooperationen von US-Bundesstaaten mit den angrenzenden Regionen Mexikos bzw. Kanadas sowie im europäischen Kontext die Kooperationen deutscher Regionen mit den niederländischen bzw. tschechischen und polnischen Nachbarn); sowie eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Kooperationen zwischen Wien und Bratislava.

Die Erkenntnisse aus den oben genannten Arbeitsschritten münden in einen Maßnahmenkatalog zur Verbesserung der Beziehungen im (Grenz)Raum Wien - Bratislava, wie etwa: Ausarbeitung von Leitbildern für die Region, die Einrichtung eines "außenpolitischen" Planungs- und Koordinationsstabs innerhalb des Wiener Magistrats, ein Auslandsbüro Wien in Bratislava, einen "Gipfel der Gemeinden", Weiterbildung der BeamtInnen, "BürgerInnenforum", Information für die breite Bevölkerung mit Hilfe eines Medienpakets, Ostsprachen als Wahlpflichtfach an österreichischen Schulen.

Die Ergebnisse der Studie waren zudem Thema bei "Grenzüberschreitungen. Ein Diskussionsforum zur urbanen Zusammenarbeit zwischen Wien und Bratislava" im Rahmen der Veranstaltung "Zukunft kommt" der Wiener Internationalen Zukunftskonferenz, 17. - 20. Oktober 1995.

 

1994: Festung Wien? Zur Integrationsfähigkeit einer Stadt

Auftraggeber: Wiener Internationale Zukunftskonferenz

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Mag. Marcus Constantin Beiwl

1993: Krieg und Wertewandel bei de-facto-Flüchtlingen aus Bosnien-Herzegowina

Auftraggeber: Oesterreichische Nationalbank

Dr. Hubert Christian Ehalt, Dr. Christian Haerpfer /

Dr. Monika Wammerl, Mag. Rupert Weinzierl, Mag. Javorka Finzi-Pocrnja, Mag. Claudia Palt, Mag. Karin Augusta, Karni Weiz

> Säkularisierungsforschung

In den letzten Jahren ist die Virulenz des Spannungsfeldes zwischen säkularer Gesellschaft und Religion offenkundig geworden, und religiös gedeutete gesellschaftliche Bruchlinien stehen vermehrt im Vordergrund des öffentlichen Diskurses. Dabei werden diese Cleavages auffallend häufig an Fragen der Geschlechterverhältnisse festgemacht, wie etwa die emotional geführten Diskussionen zu Kopftuch, Zwangsverheiratung und ähnlichen Problematiken zeigen.
Die Erforschung solcher Verschränkungen stehen im Brennpunkt des Forschungsschwerpunktes Säkularität und Gender, insbesondere in Bezug auf die von anhaltenden Migrationsprozessen geprägten europäischen Gesellschaften.
Im Rahmen dieses Schwerpunktes sind verschiedene Projekte und Aktivitäten des Instituts für Konfliktforschung angesiedelt: Von 2006 bis 2008 wurde ein internationales Projekt mit französischen Partnerinstituten durchgeführt, das die genannte Fragestellung anhand des Mediendiskurses um den EU-Beitritt der Türkei in den Blick nahm. Zudem werden laufend Aktivitäten zur Vernetzung von Institutionen und ForscherInnen in Form von Veranstaltungsorganisation und Konferenzteilnahmen initiiert. Ferner wird eine Forschungsdokumentation über internationale Projekte in diesem Forschungsfeld vorbereitet.

2009: Europa und das Andere - Konflikte um Geschlecht und Religion - Tagung und Podiumsdiskussion

Durchführung: Mag.a Karin Bischof
MMag.a Dr.in Karin Stögner
Dr. Florian Oberhuber
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Stadt Wien, Magistratsabteilung 7, Kultur
Stadt Wien, Magistratsabteilung 17, Integrationsangelegenheiten
Stadt Wien, Magistratsabteilung 57, Frauenförderung
Fertigstellung:    März 2009

Das Institut für Konfliktforschung hat in Kooperation mit dem Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und dem Demokratiezentrum Wien die Tagung "Europa und das Andere" durchgeführt. Ziel der Veranstaltung war es, Forschungsergebnisse zu diesem Thema, das in medialen Debatten im Vordergrund steht, im wissenschaftlichen Bereich aber lediglich in Einzelprojekten erforscht wird, zusammenzuführen, mit internationalen ExpertInnen zu diskutieren und gleichzeitig auch interessierten PraktikerInnen nahe zu bringen. Insbesondere die Podiumsdiskusion im Anschluss an die Veranstaltung zielte auf ein breiteres, über die scientific community hinausgehendes Zielpublikum.

Folgende ExpertInnen referierten im Rahmen der Tagung: Sabine Strasser (METU Ankara), Valerie Amiraux (Université de Montreal), Nora Gresch, Sieglinde Rosenberger, Birgit Sauer (Universität Wien), Karin Bischof und Karin Stögner (Institut für Konfliktforschung), Lydia Potts (Universität Oldenburg), Barbara Toth (Journalistin Der Falter), Stefanie Mayer und Elisabeth Röhrlich (Demokratiezentrum Wien), Cengiz Günay (ÖIIP)

 

2008: Säkularisierung und geschlechtsspezifische Konstruktion der "anderen" Religion

Projektleitung: Univ. Prof. Dr.in Erika Thurner
Durchführung: Mag.a Karin Bischof
MMag.a Dr. in Karin Stögner
ProjektpartnerInnen: Dr. Irène Bellier (CNRS, Paris)
Dr. Nacira Guénif-Souilamas (Université Paris 13 - Villetaneuse)
Doz. Dr. Friedhelm Kröll (Universität Wien, Institut für Soziologie)
Dr. Florian Oberhuber (Forschungszentrum "Diskurs, Politik, Identität")
Finanzierung: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Fertigstellung: Dezember 2008
Materialien:    Kurzzusammenfassung
 
 
 
 

Im Bereich der Sicherheitsforschung wurden in den 1990er Jahren neben Untersuchungen zu familiärer Gewalt und zum österreichischen Gewaltschutzgesetz auch Studien im Bereich der Exekutive (Sicherheit im Rechtsstaat) durchgeführt.
In jüngerer Zeit befassen sich die am Institut durchgeführten Projekte einerseits vor allem mit (Partner-)Gewalt gegen Frauen (siehe Unterbereich "Gewaltforschung"). Zweitens wurden seit 1999 mehrere Forschungsprojekte zu Fragen der Korruptionsprävention und der Verbreitung von Korruption in Österreich sowie zum Bereich Parteienfinanzierung und politische Korruption durchgeführt (siehe Unterbereich "Korruptionsforschung").
Weitere aktuelle Projekte im Bereich der Sicherheitsforschung (im Rechts- bzw. Sozialstaat) betrafen Evaluationsstudien der Prozessbegleitung und der Gebietsbetreuung; aber auch Untersuchungen zu Alleinerzieherinnen, bestimmte Projekte zu Migration und Integration können ebenfalls - auch - zu diesem Schwerpunkt gezählt werden.

> Sicherheit im Rechtsstaat
2011: „High-Risk Victims“ Tötungsdelikte in Beziehungen: Verurteilungen 2008-2010

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung:    Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst
Fertigstellung:    Dezember 2011
Materialien:    Studie (PDF)

Bei der Studie handelt sich um eine Totalerhebung der Verurteilungen aus den Jahren 2008 bis 2010, bei denen der Täter/die Täterin wegen (versuchten) Mordes oder Totschlags als Beziehungsdelikt angezeigt oder angeklagt worden war. Analysiert wurden 39 Strafverfahren gegen männliche Täter und acht Verfahren gegen Frauen.
21 Männer wurden wegen (versuchten) Mordes und sieben aufgrund (versuchten) Totschlags verurteilt. In sieben weiteren Fällen attestierte das psychiatrische Gutachten dem Täter eine „geistige oder seelische Abartigkeit höheren Grades“, was eine Anstaltsunterbringung zur Folge hatte. Drei Täter wurden wegen weniger schwerwiegender Delikte verurteilt und ein junger Mann beging vor Abschluss des Verfahrens Selbstmord.
Was sind Spezifika der vollendeten oder versuchten Tötungsdelikte? Das Risiko für eine Frau, Opfer eines Beziehungsmordes zu werden, ist besonders hoch

  • in einer Partnerschaft mit Gewaltvorgeschichte
  • wenn sich die Frau trennen möchte
  • wenn der Partner eifersüchtig ist
  • für Migrantinnen bzw. Frauen in binationalen Beziehungen
  • und für Frauen, deren Partner arbeitslos (bzw., wenn auch in geringerem Ausmaß,

(früh-)pensioniert) ist, insbesondere, wenn sie selbst berufstätig sind.
Eine Gewaltvorgeschichte war in mehr als der Hälfte der Verfahren aktenkundig, und es handelte sich dabei überwiegend um verfestigte Gewalt, die sich teilweise bereits über Jahrzehnte erstreckt hatte. Einschlägige Vorstrafen wegen Körperverletzung wiesen nur fünf Täter auf. Acht Frauen waren vor dem gegenständlichen Verbrechen in Kontakt mit einem Gewaltschutzzentrum bzw. einer Interventionsstelle gewesen – das ist nur ein gutes Drittel (36,4 Prozent) derjenigen, die vor dem (versuchten) Mord oder Totschlag Gewalt erlebt hatten. Die geringe Zahl von Polizeiinterventionen und Einstweiligen Verfügungen im Vorfeld der Tat verweist darauf, dass „high-risk victims“ das Instrumentarium des Gewaltschutzgesetzes nicht oder kaum nützen. Wenn es doch zu Einschreitungen der Polizei kam, versuchten die Frauen immer wieder Gewalt zu bagatellisieren und ihren Partner zu schützen. Diese Strategien sind gerade bei Frauen, die in Gewaltbeziehungen leben, bekannt, und es liegt insbesondere an der Exekutive, mit diesem Wissen im Hintergrund sorgfältig einzuschreiten.
Der große Anteil von Beziehungen, die sich auf Initiative der Frauen zum Tatzeitpunkt entweder bereits faktisch in einer Phase der Auflösung befanden oder in denen die Frau zumindest ihren Trennungswunsch ausgesprochen hatte, bestätigt, was aus Forschungen zu Partnergewalt bereits seit langem bekannt ist: In Trennungsphasen besteht ein sehr hohes Risiko massiver Gewaltanwendung: Mehr als zwei Drittel der recherchierten Delikte stehen in Zusammenhang mit dem konkreten oder phantasierten Ende der Beziehung, verbunden mit Eifersucht und Besitzdenken.
Abgesehen von den genannten Risikofaktoren scheinen zwei weitere Auffälligkeiten erwähnenswert: Zum einen wurde fast einem Fünftel (18 Prozent) der Täter eine „geistige oder seelische Abartigkeit von höherem Grad“ (§ 21 StGB) attestiert, was im Regelfall zur Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher führt. Zum anderen hatten vier von 39 Tätern Selbstmorddrohungen, sei es gegenüber der Partnerin, sei es gegenüber anderen Personen, geäußert; dabei ist zu berücksichtigen, dass sogenannte erweiterte Suizide in dieser Studie aus methodischen Gründen (kein Strafverfahren) nicht einbezogen werden konnten, es insgesamt also vermutlich deutlich mehr Männer gibt, die ihren Suizid angekündigt und dann erweiterten Selbstmord begangen haben.
Durch die von Männern begangenen Taten wurden 18 Frauen getötet, 21 überlebten.
Von den wegen Mordes bzw. Mordversuchs angezeigten und/oder angeklagten acht Frauen wurde eine wegen Mordes verurteilt und eine andere wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen. Bei fünf weiteren Täterinnen lautete das Urteil auf (absichtlich) schwere Körperverletzung, drei von ihnen erhielten (teil-)bedingte Strafen. Bei einer Täterin schließlich erging, weil sie zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig gewesen war, kein Urteil, sondern das Gericht ordnete ihre Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher an.
Die Gewalttaten von Frauen erfolgten weitgehend in deutlich anderen Kontexten als die von Männern. So fällt etwa (bei aller Vorsicht wegen des kleinen Samples) auf, dass in denjenigen Beziehungen, in denen es bereits zu früheren Gewalthandlungen gekommen war, in jedem Fall der Partner auch gewalttätig gewesen war – was umgekehrt sehr selten vorkam. Eifersucht der Angreiferin oder der Trennungswunsch des Partners spielten keine Rolle als Streitauslöser. Anders als bei den männlichen Tätern, bei denen eine Alkoholisierung entgegen den Erwartungen eine relativ geringe Rolle spielte, waren fast zwei Drittel der Täterinnen zum Tatzeitpunkt alkoholisiert.
Will man versuchen, auf Basis dieser acht Fälle den typischen Fall einer Beziehungstat von Frauen zu skizzieren, dann handelte es sich bei der Täterin um eine Frau, die in einer Partnerschaft lebt, in der beide bereits gewalttätig wurden. Das Paar hält sich in der gemeinsamen Wohnung auf, beide sind betrunken, das aggressive Verhalten des Mannes führt zu einem Streit, in dessen Verlauf er die Wohnung verlassen will. Die Frau verletzt den Partner in einem Wutanfall mit einem Küchenmesser und alarmiert daraufhin die Polizei oder die Rettung, weil sie über die Folgen ihrer Gewalthandlung, die sie offenkundig nicht bedacht hat, erschrickt.
Der größte Unterschied zwischen den Gewalthandlungen der Frauen und der Männer liegt aber in der Massivität der Tat: Zwei der acht Opfer von Frauen wurden getötet, nicht wie bei den Männern fast jedes zweite.

 

2010: Begleitforschung zur Qualitätssicherung in der Prozessbegleitung

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr.in Evelyn Dawid
Finanzierung:    Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend über
Bundeskoordinatorin für Prozessbegleitung
Fertigstellung:    Januar 2010

Im Rahmen der Begleitforschung wurden zum einen die seit 2005 bestehenden Dokumentationen der Prozessbegleitung der im Kinder- und Jugendbereich tätigen Einrichtungen ausgewertet und im Zeitverlauf (2005 bis 2008) analysiert.

Zum anderen erfolgte eine qualitative Untersuchung zu Erfahrungen der KlientInnen im Strafverfahren, konkret zur Frage, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, damit OpferzeugInnen ihre Erfahrungen bei Gericht gut verarbeiten können und so auch die Prozessbegleitung positiv abgeschlossen werden kann. 16 von ProzessbegleiterInnen zur Verfügung gestellte Fallbeispiele wurden dahingehend analysiert, was bei Gericht gut bzw. schlecht gelaufen war, welche Faktoren als unterstützend bzw. als belastend oder ängstigend erlebt wurden. Viele der dabei angesprochenen Themenfelder werden seit Jahren immer wieder von PraktikerInnen aufgegriffen: die Bedeutung der schonenden Einvernahme, das Abschirmen und Beschützen der OpferzeugInnen vor einem Zusammentreffen mit dem Täter/ Tatverdächtigen, sehr lange Zeiträume zwischen Anzeige und kontradiktorischer Einvernahme / Anklageschrift / Hauptverhandlungstermin oder der Ausgang des Strafverfahrens gegen den Täter/ Tatverdächtigen. Die neuerliche Bestätigung der Bedeutung dieser Probleme sollte im Bereich der Strafjustiz als Impuls genutzt werden, entsprechende Maßnahmen zu setzen.

 

2008: Opferhilfe für Seniorinnen in Favoriten

Projektleitung und Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung:    Stadt Wien / MA 57 über den Weißen Ring
Fertigstellung:    Januar 2008

 

Ziel des vom Weißen Ring konzipierten und zwischen Mitte November und Mitte Dezember 2007 im 10. Wiener Gemeindebezirk durchgeführten Opferhilfeprojekts war es, Seniorinnen ab 60 Jahren nach einer erlittenen Straftat möglichst rasch zu stabilisieren und sie bei der Wiedergewinnung ihrer emotionalen und äußeren Sicherheit zu unterstützen. Dadurch sollte insbesondere ihre Selbstständigkeit wiederhergestellt werden, um zu verhindern, dass die Angst vor neuerlichen Übergriffen zu sozialer Isolation bzw. schweren psychischen Beeinträchtigungen oder Krankheiten führt. Den Verbrechensopfern wurde auf ihren Wunsch hin von der Polizei psychosoziale Soforthilfe und eine Weiterbetreuung durch eine Psychologin vermittelt.

Die Evaluierung verfolgte zwei Zugänge: die Befragung der vom psychologischen Team betreuten Verbrechensopfer mittels eines Fragebogens und einer telefonischen Abschlussbefragung, sowie die Durchführung von Interviews mit den Betreuerinnen und den PolizeibeamtInnen vor Ort.

Obwohl nur neun Verbrechensopfer betreut werden konnten, wurde deutlich, dass die angestrebte Stabilisierung der Klientinnen erreicht wurde. Die betreuten Seniorinnen gaben bei der Beantwortung des Fragebogens und auch gegenüber ihren Betreuerinnen an, mit jemandem über ihre Kriminalitätserfahrung reden zu können sei ihnen wichtig gewesen und der Zuspruch habe ihnen gut getan. Allerdings meinten im Zuge der Nachfrage durch die Evaluatorin, rund drei bis vier Wochen nach dem Erstkontakt mit der Betreuerin, zwei von fünf Frauen, dass ihnen die Intervention "eigentlich nichts gebracht" habe bzw. dass man ihnen nicht helfen könne. Die Diskrepanz zwischen den zunächst durchgängig positiven Reaktionen, die in der Folge teilweise revidiert wurden, verweist möglicherweise auf die Notwendigkeit einer deutlich längerfristigen Betreuung. Diese Vermutung deckt sich mit Beobachtungen sowohl der Betreuerinnen als auch der befragten Exekutivbeamten: Die Klientinnen bzw. Verbrechensopfer generell würden zunächst unter Schock stehen, die Auswirkungen eines Übergriffs zeigten sich erst zeitverzögert.

Trotz der Konzeption des Unterstützungsangebots des Weißen Rings als Soforthilfe sah es erforderlichenfalls eine Folgebetreuung vor, die die Klientinnen auch in Anspruch nahmen. Dies ist schon deshalb notwendig, weil die Annahme eines umfassenden Betreuungsangebots eine persönliche Beziehung voraussetzt, deren Aufbau Zeit erfordert. Die Vermittlung zu psychologischer Betreuung etwa oder Gespräche über einen offenkundig notwendigen Heimaufenthalt sind nur auf der Basis eines Vertrauensverhältnisses möglich. Aus der auf ein Monat limitierten Laufzeit des Interventionsprojekts ergab sich aber eine entsprechende Einschränkung des Zeitraums für die Folgebetreuung, die vermutlich zu kurz ist, um bei allen Betroffenen eine ausreichende und nachhaltige Stärkung zu erreichen und ihr Sicherheitsgefühl wiederherzustellen.

Die zwei bei der Nachbefragung dem Angebot gegenüber skeptischen Frauen waren beide nicht Opfer von schwerer Gewalt: Der einen wurde die Handtasche geraubt, der anderen die Geldtasche gestohlen, beide trugen aber durch den Übergriff keine Verletzungen davon. Beide haben familiäre Ressourcen und wurden von Enkeln unterstützt. Die Klientin dagegen, die nach einem Überfall elf Tage im Krankenhaus verbringen musste, war optimistisch und über das Interventionsprojekt richtiggehend begeistert. Vermutlich ist eine Unterstützung umso wichtiger, je massiver der Übergriff war bzw. erlebt wurde – wenn auch möglicherweise Persönlichkeitsunterschiede bei der Bewertung der Betreuung eine Rolle spielen.

Die Projekterfahrungen verweisen auf die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit einer Betreuung von Verbrechensopfern, die sich allerdings in vielen Fällen wohl über einen längeren Zeitraum erstrecken müsste. Die Exekutive würde den Aussagen der Gesprächspartner zufolge eine solche Initiative begrüßen und unterstützen – müsste aber auch mit mehr Nachdruck über das Unterstützungsangebot informiert werden.

 

2007: Prozessbegleitung

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Mag.a Veronika Hofinger (Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie)
Mag.a Maria Pohn-Weidinger
Finanzierung:    Bundesministerium für Justiz
Fertigstellung:    Mai 2007
Materialien:    Projektbericht

Seit 1. Januar 2006 besteht in Österreich ein gesetzlicher Anspruch auf Prozessbegleitung für Personen, die einer vorsätzlich begangenen Gewalttat oder einer gefährlichen Drohung ausgesetzt bzw. in ihrer sexuellen Integrität verletzt worden sein könnten, sowie für nahe Angehörige von Personen, deren Tod durch eine Straftat herbeigeführt worden sein könnte, und für andere Angehörige, die ZeugInnen der Tat waren. Prozessbegleitung umfasst die Unterstützung, Beratung und Begleitung dieser Personen in allen Phasen des Strafverfahrens. Das österreichische Modell der Prozessbegleitung sieht grundsätzlich eine zweifache Betreuung („duale Prozessbegleitung“) vor: einerseits die psychosoziale Unterstützung vor, während und nach polizeilichen und gerichtlichen Vernehmungen, andererseits die juristische Prozessbegleitung, also die rechtliche Beratung und Vertretung vor Gericht durch RechtsanwältInnen. Diese Leistungen werden bundesweit von Opferschutzeinrichtungen angeboten, die vom Bundesministerium für Justiz beauftragt und finanziert werden.

Der Hauptteil der Evaluierung basiert auf 79 zwischen April 2006 und März 2007 durchgeführten qualitativen Interviews. Befragt wurden Akteure aus allen Bereichen der Prozessbegleitung: psychosoziale und juristische ProzessbegleiterInnen, Leiterinnen und MitarbeiterInnen von Opferschutzeinrichtungen, VertreterInnen von Polizei, Justiz und Justizverwaltung sowie von Kinder- und Jugendanwaltschaften. Ergänzend konnten Interviews mit 13 erwachsenen Personen, die Prozessbegleitung in Anspruch genommen hatten, geführt werden. Diese Gespräche ermöglichten wichtige Einblicke in die Ängste und Schwierigkeiten, denen OpferzeugInnen im Rahmen eines Strafprozesses ausgesetzt sind, und verdeutlichten den hohen Stellenwert der Prozessbegleitung für Gewaltopfer.

Die Prozessbegleitung wurde in Österreich binnen kurzer Zeit erfolgreich implementiert und ist bei allen eingebundenen Berufsgruppen grundsätzlich akzeptiert. Im Zuge der Evaluierung wurden allerdings einige Problembereiche herausgearbeitet.

Der Zugang zur Prozessbegleitung ist nicht für alle gleichermaßen gewährleistet. Die lokale Konzentration der Opferschutzeinrichtungen in den größeren Städten bedeutet zum einen, dass am Land lebende KlientInnen nicht mit derselben Intensität betreut werden können, aber auch, dass das Angebot der Prozessbegleitung in ländlichen Regionen wohl weniger bekannt ist und entsprechend weniger nachgefragt wird. Darüber hinaus werden die einzelnen Opfergruppen unterschiedlich gut erreicht. Die am besten betreute Gruppe sind Opfer von Sexualstraftaten – und zwar sowohl Opfer im Kindes- und Jugendalter als auch Erwachsene. Im Fall von familiärer Gewalt wird als Effekt des aktiven Zugehens der Interventionsstellen auf die Klientinnen Prozessbegleitung ebenfalls häufig in Anspruch genommen. Aber bei allen anderen Straftaten, bei denen Opfer einen Anspruch auf Prozessbegleitung haben, stellt diese eine große Ausnahme dar. Schließlich fehlen für Personen mit besonderen Bedürfnissen teilweise spezifische Betreuungsangebote: etwa für MigrantInnen, aber auch für Personen mit körperlichen Behinderungen und psychischen Erkrankungen.

Die Information von Gewaltopfern über Prozessbegleitung erfolgt im Regelfall im Zuge der Anzeigeerstattung durch die Polizei. Da sich KlientInnen häufig erst sehr spät an Opferschutzeinrichtungen wenden, ist zu vermuten, dass die Polizei zu wenig über Aufgaben und Nutzen der Prozessbegleitung aufklärt. Darüber hinaus stellt die Exekutive – wie auch manche RichterInnen und StaatsanwältInnen – mitunter den Zweck der Strafverfolgung über die Opferschonung. Sowohl bei der Polizei als auch bei der Justiz muss durch intensive Fortbildungsmaßnahmen die Bedeutung des Opferschutzes stärker vermittelt werden.

Derzeit besteht ein Rechtsanspruch auf Prozessbegleitung ausschließlich im Strafverfahren, was einige ProzessbegleiterInnen kritisierten und ihre Ausdehnung auf zivilrechtliche Verfahren zur Durchsetzung der Schadenersatzansprüche von OpferzeugInnen forderten: Eine umfassende rechtliche Vertretung könne sich nicht auf die bloße Zuerkennung eines Anspruchs beschränken, der erfahrungsgemäß in den meisten Fällen exekutiert werden müsse. Das Bundesministerium für Justiz plant die Umsetzung dieser Forderung.

Eine essentielle Voraussetzung für eine funktionierende Prozessbegleitung, die auch tatsächlich den Opferschutz erhöht, ist schließlich die Vernetzung. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen institutionellen Akteuren ist aus Sicht der ProzessbegleiterInnen nicht nur auf der Einzelfallebene notwendig, sondern es bedürfe darüber hinaus eines kontinuierlichen fallunabhängigen Austauschs, um einerseits einen stärkeren Ausbau von Opferrechten zu forcieren, andererseits aber auch ein besseres Verständnis der Arbeitsanforderungen und Ansprüche der jeweils anderen beteiligten Akteure zu erreichen. Obwohl auf Bundes- wie auf Länderebene zahlreiche Initiativen zur Vernetzung bestehen, empfanden Opferhilfeeinrichtungen die Etablierung von Kooperationen insbesondere im Bereich der Justiz häufig als schwierig. Auch auf diesen Kritikpunkt hat die Justizverwaltung bereits reagiert und die Durchführung von Vernetzungstreffen angekündigt.

 

2003: Wissenschaftliche Betreuung bei der Entwicklung eines Kernlehrplans für die Grenzpolizei im europäischen Raum

Projektleitung u.
Durchführung:
Dr. Birgitt Haller
Finanzierung:    Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie /
Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    März 2003

Gegenstand dieses Auftrages war es, eine Projektgruppe des Bundesministeriums für Inneres bei der Erstellung eines Kernlehrplanes für die Grenzpolizei im europäischen Raum wissenschaftlich zu betreuen. Abschließend wurde im März 2003 bei einem internationalen Workshop von VertreterInnen der Exekutive ein Referat über die wissenschaftliche Vorgangsweise bei der Erstellung des Kernlehrplans gehalten.

 

2001: Wie ist die Haltung der Exekutive zu Fremden in Österreich und wie geht sie mit ihnen um?

Projektleitung und Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
unter Mitarbeit von: Dr. Gert Feistritzer, IFES
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    Jänner 2001

Die Fragestellung dieses Forschungsprojektes lautete, ob eine Voreingenommenheit der Exekutive gegenüber Fremden besteht, was gegebenenfalls die Ursachen dafür sind und wie sich eine solche Voreingenommenheit auf die Berufsausübung auswirkt. Außerdem sollte eine allenfalls bestehende Fremdenfeindlichkeit in der Exekutive mit einer solchen Einstellung innerhalb der österreichischen Bevölkerung in einen größenmäßigen Bezug gesetzt werden. Um die letztgenannte Themenstellung abzudecken, wurde dem Meinungsforschungsinstitut IFES (Projektleitung: Dr. Gert Feistritzer) der Auftrag erteilt, unter teilweiser Verwendung eines Fragenprogramms, mit dem 1998 Fremdenfeindlichkeit innerhalb der österreichischen Bevölkerung erhoben worden war, eine repräsentative österreichweite Umfrage innerhalb der Exekutive durchzuführen. Nach einer Zufallsauswahl wurden 456 ExekutivbeamtInnen, gestreut nach Wachkörperzugehörigkeit, Dienstort, Schulbildung, Alter, Geschlecht und Tätigkeitsbereich, befragt. Neben Einstellungen der Befragten gegenüber (bestimmten Gruppen von) Fremden wurden auch ihre berufliche Situation und ihre Arbeitszufriedenheit erhoben, weil sich grundsätzlich eine hohe Arbeitszufriedenheit tendenziell positiv auf die konkrete Berufsausübung auswirkt. Der zweite methodische Zugang zum Thema erfolgte über die Durchführung von rund 50 leitfaden-orientierten Interviews, mit denen zum überwiegenden Teil die Sicht von VertreterInnen der Exekutive, aber auch von einigen VertreterInnen einer "Außensicht" auf die Tätigkeit von Polizei und Gendarmerie erhoben wurde. Das Ergebnis der Untersuchung kurz gefasst: In der österreichischen Exekutive finden sich fremdenfeindliche Einstellungen, wenn auch in etwas geringerem Ausmaß als im Bevölkerungsdurchschnitt. Diese Einstellungen äußern sich auch in diskriminierenden Handlungen, und zwar insbesondere in Unhöflichkeit und Unduldsamkeit; Hinweise auf massivere Vorfälle fanden sich kaum.

Anhand der unterschiedlichen Einschätzungen von Exekutive und Bevölkerung hinsichtlich der Einhaltung von Gesetzen durch bestimmte Personengruppen lässt sich aufzeigen, wie sehr Einstellungen bei BeamtInnen durch negative berufliche Einzelerfahrungen beeinflusst sind, die in der Folge generalisiert werden. So vermuten BeamtInnen wesentlich stärker als die österreichische Bevölkerung, dass TürkInnen und AsiatInnen gesetzestreu seien, schreiben ein solches Verhalten aber in deutlich geringerem Ausmaß als die Vergleichsgruppe PolInnen zu. Kriminalitätserfahrungen mit PolInnen (die auch in den Interviews immer wieder angesprochen wurden) führen dazu, dass diese Gruppe generell als weniger gesetzestreu eingeschätzt wird. Hinsichtlich der Gruppe der SchwarzafrikanerInnen liegen keine Vergleichsdaten aus der Bevölkerung vor, aber hier sind Unterschiede zwischen Polizei und Gendarmerie augenfällig: Bei der Polizei nehmen nur fünf Prozent an, dass sich SchwarzafrikanerInnen bemühen würden, Gesetze einzuhalten, bei der Gendarmerie dagegen 15 Prozent. Hier spiegeln sich unterschiedliche Erfahrungszusammenhänge in beiden Wachkörpern wider: In Österreich ansässige SchwarzafrikanerInnen leben überwiegend in Städten, also im Polizeigebiet.

Will man Fremdenfeindlichkeit nicht nur konstatieren, sondern auch ihren Ursachen entgegenwirken, ist es wichtig zu klären, wodurch Einstellungen gegenüber Fremden beeinflusst werden. Dabei ist grundsätzlich zwischen einer eher vagen, allgemeinen negativen Fremdwahrnehmung / Ausländerablehnung und einer klaren rassistischen bzw. antisemitischen Einstellung zu unterscheiden. Zunächst beeinflusst die Zugehörigkeit zum Wachkörper die generelle Haltung gegenüber Fremden: Bei der Gendarmerie werden Fremde stärker abgelehnt als bei der Polizei, wobei das relevante Unterscheidungsmerkmal in diesem Zusammenhang die Tätigkeit in der Stadt bzw. am Land ist. Auch in der österreichischen Bevölkerung ist die Fremdenfeindlichkeit am Land stärker ausgeprägt als in der Stadt. Weiters kommt dem Bildungsniveau eine wichtige Rolle zu, und zwar dahingehend, dass Personen ab Maturaniveau Fremden gegenüber generell weniger ablehnend eingestellt sind als Personen ohne Matura. Alter und Geschlecht spielen dagegen in Hinblick auf eine allgemeine negative Grundhaltung gegenüber Fremden keine eindeutige Rolle, haben aber bestimmenden Einfluss auf rassistische und antisemitische Vorurteile. Rassistische und antisemitische Orientierungen finden sich vor allem bei Älteren, und Antisemitismus gab es fast ausschließlich bei Männern. Alle diese Tendenzen gelten nicht nur für die Exekutive, sondern ebenso für die Gesamtbevölkerung.

BeamtInnen, die an ihrer Dienststelle ein schlechtes Betriebsklima konstatieren, lehnen AusländerInnen stärker ab als diejenigen KollegInnen, die das Arbeitsklima als gut oder sehr gut bezeichnen. Die zu Beginn formulierte These, dass sich eine hohe Arbeitszufriedenheit tendenziell positiv auf die konkrete Berufsausübung auswirkt, findet hier ihre Bestätigung. Schließlich ist noch auf den signifikanten Einfluss der Mediennutzung zu verweisen. LeserInnen, die der politischen Berichterstattung der Kronenzeitung vertrauen, sind deutlich stärker ausländerfeindlich als solche, die andere Zeitungen bevorzugen.

Die GesprächspartnerInnen für die im Anschluss an die Repräsentativerhebung durchgeführten Interviews waren vor allem im Bundesministerium für Inneres, im Ausbildungs-/Schulbereich, bei der Fremdenpolizei, im Grenzdienst bzw. in Wachzimmern oder auf Gendarmerieposten tätig, wobei sowohl leitende als auch dienstführende und eingeteilte BeamtInnen befragt wurden. Zusätzlich zur Innensicht wurde die Außensicht miteinbezogen, und zwar v.a. durch Gespräche mit VertreterInnen von NGOs, die in der Aus- und Fortbildung eingebunden sind, mit RechtsanwältInnen, dem Wiener Integrationsfonds und dem Menschenrechtsbeirat. Die Einschätzung der InterviewpartnerInnen ging mehrheitlich dahin, dass in der Exekutive Fremdenfeindlichkeit genau so verbreitet sei wie in der Gesamtbevölkerung - mit dem Argument, dass die Exekutive sich ja aus der Bevölkerung rekrutiere und daher ein Spiegelbild der Bevölkerung darstelle. Einige schränkten diese Aussage dahingehend ein, dass man das Verhalten von ExekutivbeamtInnen allerdings an anderen Standards messen müsse als das der DurchschnittsösterreicherInnen. Die meisten InterviewpartnerInnen waren der Ansicht, dass sich fremdenfeindliche Einstellungen bei den ExekutivbeamtInnen im beruflichen Alltag entweder gar nicht oder "nur" in diskriminierenden Umgangsformen Fremden gegenüber äußern würden, wogegen Amtshandlungen aber grundsätzlich korrekt durchgeführt würden.

Um "gelebte" Fremdenfeindlichkeit in der Exekutive möglichst gering zu halten, wurde es einhellig für wichtig erachtet, Seminare anzubieten, die sich mit persönlichen Vorurteilen auseinandersetzen. Neben der Aus- und Fortbildung komme das stärkste Gewicht für eine erfolgreiche Immunisierung gegenüber xenophoben Tendenzen den unmittelbaren Vorgesetzten als "Vorbildern" zu. Insgesamt scheint der Gedanke des Generaldirektors für die öffentliche Sicherheit, dass die Exekutive die größte Menschenrechtsorganisation sei, da sie zur Einhaltung und Aufrechterhaltung der Menschenrechte verpflichtet sei (Öffentliche Sicherheit 5/00, 13), in der Beamtenschaft noch zu wenig verankert: Er wurde zwar von den meisten GesprächspartnerInnen akzeptiert, aber eher als Phrase wiedergegeben und kaum mit Inhalten gefüllt.

 

2001: Politische Rahmenbedingungen und Konsequenzen der Liberalisierung vorgelagerter Sektoren für die Industrie

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Barbara Liegl
DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Gesellschaft des Bundes für industriepolitische Maßnahmen Ges.m.b.H.
Fertigstellung:    September 2001

Das Forschungsprojekt arbeitet Konsequenzen der Liberalisierung und Privatisierung von Versorgungs- und Infrastruktureinrichtungen anhand der Beispiele Stromversorgung, Abfallwirtschaft, Eisenbahnen und Telekommunikation auf Basis eines internationalen Vergleichs heraus. Hauptsächliche Fragestellungen sind die politischen Entscheidungsprozesse vor der jeweiligen Reform, die Inhalte der Reformstrategie selbst, die Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen dem politischen System und diesen privatisierten bzw. ausgegliederten Unternehmen und die Änderungen, die sich dadurch für schon zuvor privatwirtschaftlich tätige Industrieunternehmen ergeben haben.

Auswahlkriterium für die genannten Sektoren war neben ihrer Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit des industriellen Sektor auch der Gesichtspunkt, die Komplexität politischer Mehrebenensysteme zu berücksichtigen, weil diese Sektoren auf unterschiedlichen politischen Ebenen - auf kommunaler wie auch auf nationalstaatlicher (oder sogar internationaler - EU) Ebene, im Falle föderalistischer Systeme auch auf Ebene der Bundesstaaten - reguliert werden. Dies wird in Länderfallstudien zu den USA (mit Kalifornien als spezieller Fallstudie), Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Schweden, der Schweiz und Österreich herausgearbeitet. Die Ergebnisse der Fallstudien werden in einem international vergleichenden Teil zusammengefasst.

 

2000: Sicherheit im öffentlichen Raum

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Mag. Barbara Liegl
unter Mitarbeit von DI Lilli Licka
Finanzierung:    Stadt Wien - Magistratsdirektion
Fertigstellung:    Juni 2000

95 Prozent der 500 PassantInnen, die für diese Erhebung zwischen Januar und April 2000 an sieben verschiedenen U-Bahnstationen persönlich befragt wurden, fühlen sich in Wien sehr oder eher sicher, wobei erstere Einschätzung überwog. Das Sicherheitsgefühl an den einzelnen U-Bahnstationen divergierte zwar jeweils deutlich, unterschied sich insgesamt aber kaum von der Einschätzung das Stadtgebiet betreffend: 93 Prozent der PassantInnen gaben auch bei dieser Frage an, sich sehr bis eher sicher zu fühlen. Etwas unter diesen Werten liegt das Sicherheitsgefühl einer Kontrollgruppe von 70 Personen, die an "neutralen" Orten mittels eines Fragebogens befragt wurde. Zwar fühlten sich auch unter ihnen 94 Prozent in der Stadt und 83 Prozent in den U-Bahnen sehr bis eher sicher, aber in dieser Stichprobe überwiegt die Gruppe der "eher Sicheren" gegenüber derjenigen der "sehr Sicheren". Als signifikanter Einflussfaktor für das Sicherheitsempfinden erwies sich die Geschlechtszugehörigkeit, ausschließlich Frauen fühlten sich im Stadtgebiet bzw. in den U-Bahnen sehr unsicher. Es waren auch vornehmlich weibliche Befragte, die angaben, manche Stationen nachts oder teilweise am Abend zu meiden. Das Alter spielte eine untergeordnete Rolle für das Sicherheitsgefühl, aber insbesondere die 60- bis 69-Jährigen fühlten sich relativ häufig unsicherer. Positiv auf das Sicherheitsempfinden wirkte sich die häufige bzw. regelmäßige Nutzung einer Passage aus. Ebenso fühlten sich die PassantInnen in den Passagen selbst ein wenig unsicherer als auf den Bahnsteigen.

Deutlich wurde, dass die zentrale Ursache für Unsicherheitsgefühle nicht bei Kriminalitätsängsten oder erfahrungen liegt, sondern in der als störend empfundenen Präsenz von Randgruppen wie insbesondere Alkohol- und Drogenabhängigen, aber auch Obdachlosen, Jugendlichen oder "Ausländern". Negative Gefühle werden bereits durch deren "Sichtbarkeit" erzeugt, seltener auch dadurch, daß man angepöbelt oder angebettelt wird. Diese Personengruppen werden als unangenehm wahrgenommen, weil durch sie die von der Gesellschaft postulierten Verhaltensregeln im (halb)öffentlichen Raum verletzt werden bzw. die PassantInnen mit einer Realität konfrontiert werden, mit der sie sich nicht auseinandersetzen wollen und die ihnen ein Gefühl von Hilflosigkeit vermittelt. Gerade dieser Aspekt des Sicherheitsempfindens scheint von Faktoren wie Bildung, Status und persönlichen Einstellungen beeinflusst zu sein.

Darüber hinaus kommt den baulichen und gestalterischen Rahmenbedingungen sowie der Pflege und Instandhaltung der U-Bahnpassagen große Bedeutung für das Sicherheitsgefühl zu. Überschaubarkeit/Einsehbarkeit, ausreichende Orientierungsmöglichkeiten, Belebtheit und gute Beleuchtung ermöglichen persönliche und soziale Kontrolle, die das Sicherheitsgefühl verstärken und gleichzeitig die Gelegenheiten für potentielle TäterInnen minimieren.

Maßnahmen der Stadtverwaltung zur Verbesserung des Sicherheitsgefühls im Bereich der U-Bahnen sollten an zwei Punkten ansetzen: einmal bei der Öffentlichkeitsarbeit, mit dem Ziel, das Image der U-Bahnen zu heben, und zum anderen auf der baulichen/gestalterischen Ebene. Mit einer Imagekampagne sollte betont werden, wie sicher die Wiener U-Bahnen in Hinblick auf ihre Kriminalitätsbelastung sind. Parallel dazu müsste um mehr Verständnis für Randgruppen geworben werden, um sie damit weniger bedrohlich erscheinen zu lassen. Auf der zweiten Ebene, der baulich/gestalterischen, wären die Möglichkeiten des Ausbaus einer bestehenden Station zu einer "Vorzeigestation" zu prüfen, mit der durch entsprechende PR-Maßnahmen auch wiederum das Thema "sichere Stadt" ins Bewusstsein gerückt werden könnte.

 

2001: Arbeitsgruppe Wehrpolitische Ausbildung

Projektleitung und Durchführung: Dr. Wolfgang Knopf
Dr. Birgitt Haller
Kooperation mit: Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF),
Politische Bildung
Finanzierung:    Bundesministerium für Landesverteidigung
Fertigstellung:    Dezember 2001

Der 1996 begonnene Ausbildungslehrgang "Politische Bildung für Lehroffiziere im Rahmen der Wehrpolitischen Ausbildung", an dem die drei Akademien sowie mehrere Waffen- und Fachschulen teilnahmen, wurde mit Jahresende 2001 abgeschlossen.

Der ursprüngliche Auftrag an das IFF / Programmbereich "Politische Bildung" (Wolfgang Knopf), das dabei mit dem IKF zusammenarbeitete, sah vor, dass ein Kursangebot für Lehroffiziere unter Einbeziehung eines von der Deutschen Bundeswehr konzipierten Planspiels entwickelt werden sollte. Auf Grund von verschiedenen Schwachstellen dieses Planspiels, das im Rahmen eines Workshops durchgeführt wurde, beschlossen die Workshopteilnehmer gemeinsam mit dem Leitungsteam, in der wehrpolitischen Ausbildung für Lehroffiziere nicht weiter damit zu arbeiten. Das Projektstaff schlug daher als Alternative zur Fortsetzung des Projekts ein aus Modulen bestehendes Modell vor.

Modul 1 sollte als pädagogisch-didaktischer Veranstaltungsblock stattfinden. Als Teilnehmer wurde die bestehende bzw. eventuell um einige Personen erweiterte "Kerngruppe" vorgesehen, die sich beim Workshop konstituiert hatte. Anhand eines vorgegebenen Themas - nämlich "Vorurteil" - sollte exemplarisch eine Palette von affektiven Zugangsweisen vorgestellt und durchgearbeitet werden. Dieses Thema wurde ausgewählt, da es für die Politische Bildung zentral ist und sich aufgrund seiner emotionalen Vielschichtigkeit und seines fächerübergreifenden Charakters gut eignet, um ein breites Spektrum von Methoden zu erarbeiten. Im Anschluss daran wurde als Modul 2 ein politikwissenschaftlicher Block vorgesehen, bei dem Elemente aus Modul 1 ein- und umgesetzt werden sollten. Schließlich sollten alle Teilnehmer an ihren Akademien bzw. Schulen Projekte zu Inhalten der Politischen Bildung durchführen, wobei das Projektstaff Unterstützung bei deren Planung, Durchführung und Reflexion leisten sollte.

Mit dem Modul 3 wurde zum einen die Möglichkeit der Reflexion des Erarbeiteten und zum anderen des Transfers in den jeweiligen Unterrichtsbetrieb an den Akademien und Schulen angeboten.

Nach diesem Modell erfolgten jährlich vier Treffen: zwei Arbeitsgruppentreffen, die der Koordinierung und dem Informationsaustausch dienten, sowie je ein methodisch-didaktischer und ein politikwissenschaftlicher Workshop. Durch die Teilnahme an diesem Ausbildungslehrgang sollten die Absolventen befähigt werden, ihren Unterricht im Bereich der (Wehr-)Politischen Bildung unter Einbeziehung politikwissenschaftlicher Grundlagen und aktueller wehrpolitischer Anlässe didaktisch zeitgemäß zu vermitteln.

 

1998: Durchführung einer Ausbildungsreihe für den Kriminalpolizeilichen Beratungsdienst

Auftraggeber: Verein Sicherheitsrat für Verbrechensvorbeugung

Dr. Barbara Prowaznik

1998: EU-Osterweiterung und österreichische Sicherheitspolitik

Auftraggeber: Bundesministerium für Inneres

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Mag. Brigitte Halbmayr

1992: Handbuch Sicherheitspolizeigesetz

Auftraggeber: Bundesministerium für Inneres

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Dr. Ilse König, Dr. Thomas Weninger, Mag. Regina Buchinger

1992: Struktur und Funktion einer Sicherheitsakademie

Auftraggeber: Bundesministerium für Inneres

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka, Univ.Prof. Dr. Heinz Steinert / Regina Haberfellner

1990: Die Außensicht der Polizei

Auftraggeber: Bundesministerium für Inneres

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Dr. Birgitt Haller, Dr. Ilse König

> Sicherheit im Sozialstaat
2013: Sozialversicherung unter dem Primat der Wirtschaft. Sozialminister Josef Resch und die österreichische Sozialversicherung 1918-1938

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr. Guenther Steiner
Finanzierung:    Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger
Fertigstellung:    Dezember 2013

Am 6. April 1939 starb Josef Resch. Er war Unterstaatssekretär im Staatsamt für Soziales in den Jahren 1918 bis 1920 und von 1920 bis 1938 mehr als zehn Jahre lang Sozialminister. Wollte man die Sozial(versicherungs)politik Österreichs in der Zwischenkriegszeit an einer Person beleuchten, eignete sich niemand besser dafür als Josef Resch. Sein 75. Todestag war denn auch für den Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger Anlass, seine Rolle in der Entwicklung der Sozialversicherung in Österreich in einer Studie aufarbeiten zu lassen. Gleichzeitig entstand damit eine Darstellung und Analyse der wichtigsten Marksteine der Sozialversicherung der Zwischenkriegszeit. Die Arbeit basiert auf Primärquellen des Staatsarchives und anderer Archive, auf Protokollen und Zeitungsberichten sowie publizierten Sekundärquellen, nicht zuletzt den Schriften Josef Resch’.

Kaum ein Politikfeld der Zwischenkriegszeit ist ideologisch so aufgeladen wie die Sozialpolitik. War sie für die Sozialdemokratie geradezu identitätsstiftend, verbindet man die Christlichsozialen nicht selten mit dem berühmten Ausspruch Bundeskanzler Ignaz Seipels vom „Wegräumen des revolutionären Schuttes“. Für beide Lager war Sozialpolitik Ausdruck der „österreichischen Revolution“.

Josef Resch stammte aus einfachen Verhältnissen des Wiener Kleingewerbes. Im zweiten Bildungsweg studierte der Glasermeister aus Hernals Jus und bildete sich zum Fachexperten für Sozialpolitik heran. Seine sozialpolitische Prägung erfuhr er im Katholischen Volksbund, der die christlichsoziale Sozialpolitik der Zwischenkriegszeit bestimmte. Er wurzelte in der katholischen Soziallehre und stand der christlichen Gewerkschaftsbewegung nahe, ohne ihr Funktionär zu sein. Als er 1918 Unterstaatssekretär unter Ferdinand Hanusch wurde, war er Unterabteilungsleiter in der Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt.

Nach dem Ende der Großen Koalition stieg er im November 1920 zum Sozialminister auf. Entscheidend wurde seine zweite Ministerschaft von 1924 bis 1929, in der die Christlichsozialen ihr Konzept der Mittelstandspolitik und der Organisation der Sozialversicherung nach Berufsgruppen umsetzten. Dahinter dürfen auf jeden Fall machtpolitische Gründe gesehen werden. Man wollte die Hinwendung der Angestellten und der Bauern zur Sozialdemokratie ebenso verhindern wie dieser die alleinige Machtposition in der Sozialversicherung zu überlassen.

Wie sehr jedoch die Sozialversicherung unter wirtschaftspolitischen Aspekten stand und wie sehr wirtschaftliche Überlegungen die Politik der Christlichsozialen dominierten, demonstriert am besten die sogenannte „Wohlstandsklausel“, mit der verhindert wurde, dass das Arbeiterversicherungsgesetz, wiewohl beschlossen, in Kraft trat. Auch für Josef Resch galt das Primat der Wirtschaft als Basis für Sozialversicherungspolitik. Bei all seinem Verständnis für Sozialversicherung, das weit über das damalige Maß in bürgerlichen Kreisen hinausging und worin er Vorreiter war, blieb er damit innerhalb der Parteilinie.

Seine dritte Ministerschaft von 1930 bis 1933 stand vollends unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise und dem Versuch der Reform der Sozialversicherung, ohne die Wirtschaft zu belasten. Als er für seine Reformvorschläge von Arbeitgeber- wie Arbeitnehmerseite Kritik erntete, trat er 1931 kurzzeitig zurück. Ebenso legte er sein Amt im März 1933 nieder, weil er den autoritären Kurs der Regierung Dollfuß nicht mittragen wollte und konnte. Hier zeigt sich Reschs ausgeprägtes Demokratieverständnis. Er wurde auch von der Sozialdemokratie geschätzt und stand am linken Flügel der Christlichsozialen. Er wurde schließlich 1936 von Kanzler Dollfuß in einer Phase der Entspannungspolitik gegenüber der sozialdemokratischen Arbeiterschaft noch einmal ins Sozialressort geholt. Hatte er sich um das zentrale Sozialversicherungsgesetz des „Ständestaates“, das Gewerbliche Sozialversicherungsgesetz von 1935 noch Verdienste erworben, so war er in den letzten Monaten seiner Amtszeit schon von seiner Krebserkrankung geschwächt. Resch blieb bis zum 11. März 1938 formal im Amt.

Von Bedeutung ist sein weitreichendes Verständnis von Sozialpolitik und Sozialversicherung, auch als Instrument des sozialen Ausgleichs und der Demokratie. Unter den wirtschaftlichen Voraussetzungen der 1950er Jahre hätte es der Sozialminister Josef Resch sicher wesentlich leichter gehabt.


2012: Friedrich Hillegeist in der österreichischen Sozialversicherung

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr. Guenther Steiner
Finanzierung:    Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger
Fertigstellung:    November 2012

Aus Anlass des 40. Todestages Friedrich Hillegeists gab der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger eine Studie in Auftrag, in der die Rolle und Bedeutung Hillegeists für die österreichische Sozialversicherung erforscht wurde. Friedrich Hillegeist war von 1948 bis 1968 Obmann der Pensionsversicherungsanstalt der Angestellten. Nach dem Tod Johann Böhms übernahm er 1959 das Amt des Präsidenten des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger. Außerdem bekleidete er zwischen 1959 und 1963 das Amt des Vizepräsidenten des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Mit dem nach ihm benannten Reformplan für die Pensionsversicherung wurde Hillegeist zu einem wesentlichen inhaltlichen Gestalter des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG), des Stammgesetzes der Sozialversicherung der Unselbständigen in der Zweiten Republik. Die Studie steht methodologisch an der Schnittstelle der Politik- und Geschichtswissenschaft. Sie basiert vor allem auf Primärquellen aus der Pensionsversicherungsanstalt und dem Hauptverband, auf Fachzeitschriften und Zeitzeugeninterviews wie schließlich auf Buchpublikationen.
Nach einleitenden Kapiteln zu Wohlfahrtsstaat und Sozialpolitik sowie zur Biographie Friedrich Hillegeists bis 1945 bilden der Aufbau der Angestelltenversicherungsanstalt 1945 – 1949, der „Hillegeistplan“ und damit verbunden das Werden des ASVG, insbesondere auf dem Gebiet der Renten- und Pensionsversicherung 1950 – 1956, sowie Hillegeists Zeit als Präsident des Hauptverbandes 1959 – 1968 die zentralen Kapitel der Arbeit. Abgerundet wird die Studie mit Schlussbetrachtungen, die die Forschungsergebnisse zusammenfassen und interpretieren.
Angefeindet wurde Hillegeist vor allem wegen der in seinem Reformplan enthaltenen Ruhensbestimmungen für Pensionen. Dass die Pension eine Ersatzleistung für nicht mehr er-bringbares Erwerbseinkommen sein sollte und keine zusätzliche Versicherungsleistung, war ein Credo Friedrich Hillegeists. Immer wieder wandte er sich gegen „Luxus“ in der Sozialversicherung, auch der Krankenversicherung. Gekrönt wurde sein Reformwerk mit dem Pensionsanpassungsgesetz von 1965, mit dem die Anpassung der Pensionen einem festgelegtem Prozess unterworfen wurde und nicht einer jährlichen Neuverhandlung bedurfte.
Friedrich Hillegeist litt zeitlebens darunter, nicht eine Position, etwa die des Sozialministers, errungen zu haben, die seiner Bedeutung entsprochen hätte. An der Person Hillegeist und im Feld der Sozialversicherung lässt sich sehr deutlich die Differenz zwischen Arbeiter- und Angestelltengewerkschaft innerhalb des ÖGB zeigen, die auch und nicht zuletzt mit einem „Standesdünkel“ zu tun hatte. Dass ein Angestelltengewerkschafter Sozialminister wurde, war damals innerhalb des ÖGB noch nicht denkbar.
Als Präsident des Hauptverbandes hingegen war Friedrich Hillegeist ein logischer Nachfolger für Johann Böhm. Hillegeist war ein Visionär der österreichischen Sozialversicherung, ein schwieriger, aber pragmatischer Charakter, der auf Ausgleich bedacht war. Mit seinem „Hillegeist-Plan“, der in wesentlichen Zügen noch heute die Basis des Pensionsversicherungsrechts der Unselbständigen darstellt und darüber hinaus zum Vorbild für jenes der Selbständigen wurde, hat er sich bleibende, unabsprechbare Verdienste für die österreichische Sozialversicherung erworben.


2011: Der Sozialpolitiker Karl Maisel

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr. Guenther Steiner
Finanzierung:    Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger
Fertigstellung:    Dezember 2011

Aus Anlass des 30. Todestages des ehemaligen Sozialministers (1945 – 1956) und Präsidenten der Arbeiterkammer Wien und des Österreichischen Arbeiterkammertages (1956 – 1964) Karl Maisel gab der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger eine Studie in Auftrag, die die Rolle und Bedeutung Maisels für den Wiederaufbau der Sozialpolitik, im Speziellen der Sozialversicherung, in den ersten beiden Jahrzehnten der Zweiten Republik darstellt und analysiert. Die Studie steht methodologisch an der Schnittstelle der Politik- und Geschichtswissenschaft. Zentrales Kapitel ist jenes Karl Maisels als Sozialminister von 1945 bis 1956. In diesen Jahren entstanden wesentliche Fundamente der österreichischen Sozialgesetzgebung der Zweiten Republik wie – allen voran – das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz (ASVG) 1955, zuvor das Sozialversicherungs-Überleitungsgesetz (SV-ÜG) 1947, das Kollektivvertragsgesetz, das Betriebsrätegesetz (beide 1947), die Maisel als Sozialminister wesentlich mitbeeinflusst hat. Sein Amt in der Regierung war dabei wesentlich bedingt und beeinflusst von seiner Stellung als stellvertretender Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes und Vorsitzender der mitgliederstärksten Gewerkschaft, jener der Metall- und Bergarbeiter, und schließlich als Vorsitzender der Fraktion Sozialistischer Gewerkschafter im ÖGB. Karl Maisel kam aus ärmlichen Verhältnissen des Wiener Arbeitermilieus. Er war geprägt durch gewerkschaftliches Engagement seit Jugendtagen. Er hat dadurch die Arbeiterschaft an der Basis ebenso kennengelernt, wie er die Verfolgung der Arbeiterbewegung in der späten Monarchie sowie im Ständestaat und Nationalsozialismus und den Widerstand gegen sozialpolitische Leistungen in der Ersten Republik – nicht zuletzt an der eigenen Person - erfahren hat. Maisel war sowohl im „Ständestaat“ wie im Nationalsozialismus, dann im KZ Buchenwald, inhaftiert und war einer der führenden Männer der illegalen Arbeiterbewegung. Maisel blieb auch als Sozialminister von gewerkschaftlichen Maximen geleitet. Bei der Neuregelung der Sozialpolitik und des Sozialrechts ging es ihm darum, dass in allen Gebieten die Arbeiter und Angestellten „mitbestimmend zu entscheiden haben.“ Er vertrat ein gesamtheitliches Konzept von Sozialpolitik. Beeinflusst vom britischen Modell, das auf dem „Beveridge-Plan“ fußte, war er ein Vertreter einer einheitlichen „Volksversicherung“ und damit für eine völlige Neufundierung der Sozialversicherung. Eine solche Neugestaltung scheiterte an den Realitäten; hatten sich doch die Sozialversicherungsträger noch im Jahr 1945 wieder gebildet und damit die Struktur vorgegeben. Gegen die Zentralisierung und eine völlige Neugestaltung gab es auch erheblichen politischen Widerstand von Seiten der ÖVP und der Wirtschaft. Schließlich sprachen auch gesetzestechnische Gründe dagegen. Maisel kann daher nur mit Abstrichen als inhaltlicher Gestalter des ASVG gesehen werden. In seinem zentralen neu geregelten Teil, jenem der Renten, trägt das Gesetz die Handschrift von Friedrich Hillegeist.
Meinungsverschiedenheiten darüber hat Maisel mit Hillegeist öffentlich ausgetragen. Maisel hat vor allem den Gesetzgebungsprozess wesentlich und energisch vorangetrieben und sich entschieden gegen Kritiker der Sozialgesetzgebung gestellt, deren Zielscheibe er im verstärkten Maße als Sozialminister wurde. Zweites zentrales Kapitel ist jenes Karl Maisels als Arbeiterkammerpräsident. Er sah die Arbeiterkammer als Expertenpool für politische Entscheidungen, aber auch als Wächter des Erreichten und als Seismograph für kommende Entwicklungen. In diesem Verständnis wurzelte sein Bemühen, die Kammer zu einem „offenen Haus“ zu machen. Der Neubau des Kammergebäudes in der Plößlgasse in Wien ist dafür exemplarisch. .
Maisels Verständnis von Sozialpolitik ist wesentlich von einer funktionierenden Wirtschaft als Voraussetzung geprägt. Hier trifft er sich mit der Führung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsspitze. Er forderte schon 1945 eine weitgehende Zentralisierung und Demokratisierung der Wirtschaftspolitik. In diesem Verständnis wurzelte auch Maisels Antikommunismus. Er war neben Johann Böhm wesentlicher Architekt der Sozialpartnerschaft und trug entscheidend zur Einrichtung der Paritätischen Kommission für Lohn- und Preisfragen bei. Der Arbeiterkammerpräsident Maisel maß auch der (Aus-)Bildung und Fragen der europäischen Integration große Bedeutung bei.
Karl Maisel gehört im kollektiven Gedächtnis nicht zur allerersten Reihe der Politiker der Wiederaufbauphase der Zweiten Republik. Er hat die Sozialpolitik nicht so sehr inhaltlich gestaltet, aber zu ihrer Durchsetzung zwischen 1945 und 1964 ganz wesentlich beigetragen. Insofern zählt Karl Maisel unzweifelhaft zu den großen politischen Persönlichkeiten des Wiederaufbaus der Zweiten Republik.

2010: Johann Böhm in der österreichischen Sozialversicherung

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr. Guenther Steiner
Finanzierung:    Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, Wien
Fertigstellung:    Dezember 2010

Aus Anlass des 125. Geburtstages seines ersten Präsidenten Johann Böhm gab der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger eine Studie zur Rolle und Bedeutung Johann Böhms in der österreichischen Sozialversicherung heraus. Im Mittelpunkt der Arbeit steht Böhms Funktion als vorläufiger Verwalter bzw. Präsident des Hauptverbandes von 1947 bis zu seinem Tod 1959. Die Studie steht methodologisch an der Schnittstelle von Politik- und Geschichtswissenschaft.

Böhms Tätigkeit als Funktionär der Sozialversicherung begann schon 1913 in der Unfallversicherungsanstalt für Niederösterreich in Wien und wurde nur von 1934 bis 1945, in der Zeit des ständestaatlichen und des nationalsozialistischen Regimes, unterbrochen. 1945 war Böhm Staatssekretär für soziale Verwaltung in der provisorischen Regierung Renner und als solcher wesentlich am Wiederaufbau der Sozialversicherung in der unmittelbaren Nachkriegszeit beteiligt. An der Tätigkeit Böhms in der Sozialversicherung lässt sich auch die Entwicklung der Sozialversicherung von der späten Monarchie über die Erste Republik bis in die Nachkriegsjahre darstellen; insbesondere die enorme ideologische Aufgeladenheit der Sozialpolitik, die Böhm stark prägte.

Seit 1903 war Böhm auch in der Gewerkschaftsbewegung engagiert. Er war 1945 einer der Initiatoren und erster Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Der Hauptverbandspräsident Böhm kann ohne den Gewerkschaftsbundpräsident Böhm nicht erklärt werden. Johann Böhm war als Präsident des Hauptverbandes nicht operativ tätig; ihm kam es zu, das Gewicht des Gewerkschaftsbundes in die politischen Weichenstellungen in der Sozialversicherung am Beginn der Zweiten Republik einzubringen. Als Teil von Gewerkschaftspolitik verstand Böhm Sozialversicherung eindeutig als Politik für die Arbeiter und Angestellten, es war ihm wichtig, den Gewerkschaftsbund in der Sozialversicherung zu positionieren.

An der Untersuchung von Böhms Tätigkeit in der Sozialversicherung lässt sich die institutionelle Interaktion der Sozialversicherung mit einerseits den Sozialpartnern, insbesondere Gewerkschaftsbund und Arbeiterkammer (Böhm hatte sich als Staatssekretär für die Wiedererrichtung der Arbeiterkammern eingesetzt) und andererseits den politischen Entscheidungsträgern in Parteien und Regierung aufzeigen: Die Gremien der Sozialversicherung werden von den Sozialpartnern beschickt. Die wesentlichen Fragen der Gesetzgebung und damit die Ge-staltung der Sozialversicherung werden von den Spitzen der politischen Parteien entschieden. Böhm hatte hier eine einflussreiche Stimme, weil er an der Spitze des Gewerkschaftsbundes stand. Charakteristisch, hier ist Böhm keine Ausnahme, ist die "Ämterkumulierung", die geradezu zur Voraussetzung für das Funktionieren dieses Systems wurde wie die Beziehungen der handelnden Akteure auf einer persönlichen Ebene. Dafür sind Johann Böhm und Julius Raab als Spitzenvertreter der Arbeitnehmer- bzw. Arbeitgebervertreter exemplarisch. Auch die Sozialminister Karl Maisel und Anton Proksch kamen aus der Gewerkschaftsbewegung und waren Männer Johann Böhms.

Zwei zentrale Motive lassen sich schließlich als Fundament für Johann Böhms Verständnis von Sozialpolitik erkennen: zum einen die Angst vor sozialen Unruhen. Damit verbunden war die Angst vor einer politischen Radikalisierung und Destabilisierung und schließlich der Zerstörung des demokratischen Systems. Böhm war tief geprägt von den staatlichen Repressalien gegen die Arbeiterbewegung in der Monarchie ebenso wie von der politischen Gewalt der Ersten Republik, die zum Untergang des demokratischen Systems geführt hatte.

Zum zweiten - und damit verbunden - wurzelte Böhms Verständnis von sozialer Sicherheit in der Sorge vor der wirtschaftlichen Destabilisierung der Arbeiterschaft. Er verknüpfte Sozialpolitik mit Wirtschaftspolitik - Wirtschaftswachstum war ihm die Basis für soziale Errungenschaften. Wiewohl Böhm, stark geprägt von der ideologischen Aufladung der Sozialpolitik in der Ersten Republik, immer wieder davon sprach, dass Parteipolitik in der Sozialversicherung nichts verloren habe, war die Sozialversicherung für ihn ein Instrument, das Leben der Arbeiter und Angestellten zu verbessern. Er verstand sie als gesamtgesellschaftliches Konzept; sie war in seinem Verständnis wesentlicher Teil der Gewerkschaftspolitik.

Im Vorstand der Unfallversicherungsanstalt in der späten Monarchie hatte Böhm die Zusammenarbeit von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern als positiv erfahren. Nach 1945 wurde er zu einem "Brückenbauer" der Zusammenarbeit. "Er hat den Klassenkampf demokratisieren geholfen", würdigte ihn die Arbeiterzeitung. Böhm hat den Wiederaufbau der Sozialversicherung entscheidend mitbeeinflusst und dem neu gegründeten Hauptverband seinen Platz im Institutionengefüge gesichert. Vor diesem Hintergrund hat er sich große Verdienste um die Sozialversicherung in Österreich erworben.

 

2008: Evaluierung von "SAM 9 - sozial, sicher, aktiv, mobil"

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr.in Evelyn Dawid
Mag.a Kerstin Lercher
Finanzierung:    Sucht- und Drogenkoordination Wien gemeinnützige GmbH
Fertigstellung:    Oktober 2008

Mitte Oktober 2007 nahm das Team von SAM 9 am Julius-Tandler-Platz und in dessen Umgebung seine Tätigkeit auf. Die Initiative, die von der Sucht- und Drogenkoordination Wien, der Bezirksvertretung Alsergrund und drei Wirtschaftspartnern vor Ort finanziert wird, versteht sich als allparteilicher Ansprechpartner für alle Nutzer des öffentlichen Raums. Zu den zentralen Aufgaben des Teams zählt es, den am Platz aufhältigen sozial desintegrierten Personen - vor allem Alkoholkranken und Wohnungslosen - Hilfsangebote zu vermitteln, Kriseninterventionen zu leisten, bei AnrainerInnen und PassantInnen Verständnis für die Problemgruppen zu wecken, und schließlich konfliktträchtige Situationen durch rasche Intervention zu beruhigen.

Aufgabe der Evaluation war zu überprüfen, ob und inwieweit die jeweiligen Projektziele, die für die verschiedenen Nutzungsgruppen formuliert worden waren, erreicht wurden bzw. wo diesbezüglich Probleme liegen könnten. Das zentrale Erhebungsinstrument waren Interviews, die zwischen Mai und Mitte September sowohl mit dem Team von SAM 9 als auch mit NutzerInnen (Geschäftsleuten, PassantInnen, sozial desintegrierten Personen, VertreterInnen der Projektfinanziers, der Bezirkspolitik, der Polizei, der städtischen Verwaltung und der am vor Ort aktiven sozialen Einrichtungen) geführt wurden.

Das Minimalziel, das SAM 9 erreichen kann, ist ein friedliches Nebeneinander der unterschiedlichen Nutzer und Nutzerinnen in der Region. Dafür bedarf es eines hohen Bekanntheitsgrades und einer hohen Kooperationsfähigkeit, sowie einer großen Akzeptanz zumindest im Krisenfall, so dass rasche, zielführende Interventionen bei Streitigkeiten und Notfällen möglich sind. SAM 9 konnte schon nach weniger als einem Jahr sichtbare Ergebnisse vorweisen. Vor allem bei den Geschäftstreibenden vor Ort war die Initiative bekannt, die Zusammenarbeit wurde von Seiten der involvierten öffentlichen Einrichtungen und Sozialvereine als gut bezeichnet. Teile der Problemgruppen akzeptieren SAM 9, Erstberatung, Vermittlung oder auch Konfliktregelung werden angenommen, der (unter anderem vom Bürgerdienst konstatierte) Rückgang von Beschwerden lässt darauf schließen, dass auffälliges Verhalten reduziert werden konnte.

 

2008: Evaluation der Gebietsbetreuung für den Bereich städtische Wohnhausanlagen

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr.in Helga Amesberger
Dr.in Evelyn Dawid
Finanzierung:    Amt der Wiener Landesregierung, MA 50
Fertigstellung:    Dezember 2008

Ziel der Evaluierungsstudie war es, die GB Städtische Wohnhausanlagen/GBwohn zu untersuchen, um Probleme, die sich möglicherweise aus der mit Jahresbeginn 2007 erfolgten Umstrukturierung ergeben (haben), rechtzeitig zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Die Untersuchung basiert auf Interviews, die in allen neun Einrichtungen mit Auftragnehmern für die GBwohn und deren MitarbeiterInnen sowie mit einzelnen VertreterInnen der Stadt Wien als Auftraggeber durchgeführt wurden. Thematisiert wurden die Strukturen und Aufgaben der GBwohn, in den Einrichtungen weiters Erfahrungen mit den Auftraggebern und verschiedenen Kooperationspartnern, Einschätzungen zu den einzelnen Tätigkeitsbereichen sowie die Arbeitssituation der MitarbeiterInnen in den GBwohn.

Die wesentlichen Veränderungen seit Jahresbeginn 2007 sind die Entflechtung der klassischen Gebietsbetreuung, jetzt GBstern, und der GBwohn, verbunden mit einer deutlichen Mittelaufstockung für die GBwohn, einer Reduktion und Anpassung der Betreuungsgebiete der Gebietsbetreuung an die Verwaltungsgebiete von Wiener Wohnen, und verschiedenen neuen Vorgaben auf der inhaltlichen und der organisatorischen Ebene. Die zu den Veränderungen befragten GesprächspartnerInnen (ausschließlich Personen, die Erfahrungen mit der GBneu hatten) bewerteten trotz einzelner Kritikpunkte die Umstrukturierung als Erfolg - eine größere Eigenständigkeit der GBwohn gehe Hand in Hand mit ihrer höheren Wertschätzung.

Kooperationspartner der GBwohn sind in erster Linie Wiener Wohnen, weiters die Bezirks­politik sowie vielfältige öffentliche und private Einrichtungen. Insbesondere zu Wiener Wohnen haben sich die Arbeitsbeziehungen im Vergleich zu 2004 deutlich verbessert, obwohl einzelne schon damals angesprochene Probleme weiterhin bestehen (ablehnende Haltung von Wiener Wohnen gegenüber einem Wohnungstausch, zu kurzfristige Information über Delogierungen). Die Tatsache, dass sich laut Jahresbericht 2007 45 Prozent aller allgemeinen Beratungen der GBwohn auf Wiener Wohnen beziehen, verweist allerdings nach wie vor auf Schwächen in der Informationspolitik dieser Einrichtung. BezirkspolitikerInnen werden in den GBwohn als wichtige PartnerInnen gesehen, allerdings sei deren Engagement sehr unterschiedlich und es bestehe immer die Gefahr der Vereinnahmung. Untereinander kooperieren die GBwohn kaum, die Vernetzung beschränkt sich weitgehend auf die (als wichtig empfundenen) Jours fixes; das Hauptargument dafür ist die fehlende Zeit. Eine Zusammenarbeit mit der Gebietsbetreuung Stadterneuerung erfolgt fast ausschließlich dann, wenn beide Einrichtungen in einem Auftragsgebiet denselben Träger haben - und in diesen Fällen werden die Synergieeffekte hoch bewertet.

Detailliert nachgefragt wurde zu den zentralen Tätigkeitsbereichen. Die Konfliktvermittlung betreffend sei oft schwierig festzustellen, ob der Auslöser eines Konflikts eine tatsächliche Lärmbelästigung (der häufigste Anlass für Beschwerden) sei, oder ob damit latenter Rassismus bemäntelt werde. Die GB könne aber immer nur den Lärm als Problem behandeln, auch wenn dieser nur ein Vorwand sei. Im Übrigen würden auch MitarbeiterInnen der Gebietsbetreuungen gelegentlich mit Rassismus konfrontiert. Der Gemeinwesenarbeit kommt aus Sicht vieler Befragter vor allem wegen Personalmangels ein zu geringer Stellenwert zu. Das sei nicht zuletzt deshalb ein Fehler, weil nur dieses Tätigkeitsfeld präventive und nachhaltige Wirkungen entfalte. Allerdings werden von den meisten Einrichtungen viele Projekte und Veranstaltungen durchgeführt, die als Gemeinwesenarbeit zu klassifizieren sind. Ein neuer Schwerpunkt schließlich, der seit 2007 forciert wird, ist die Arbeit mit den Mieterbeiräten: Die Kooperation mit ihnen bringe im Regelfall Vorteile für die GBwohn, weil die Beiräte etwa als Informationsvermittler, Beschwerdestelle für die MieterInnen und MultiplikatorInnen in verschiedene Richtungen fungierten.

 

2008: "Hot spots" sozialer Konflikte und Gebietsbetreuung in Wiener Wohnhausanlagen

Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr.in Evelyn Dawid
Mag.a Kerstin Lercher
Dr. Harry Schranz (TrendCom)
Mag. Wolfgang Tomaschitz (TrendCom)
Finanzierung:    MA 50
Fertigstellung:    Januar 2008
Materialien:    Projektbericht

Die dieser Studie zugrundegelegte Hypothese war, dass es in Wien "hot spots" sozialer Konflikte oder zumindest Konfliktpotentiale gibt, die zum einen auf bestimmte Stadtteile und zum anderen auf bestimmte Wohnformen eingrenzbar sind. Ziel der Untersuchung war es daher zu erheben, welche Faktoren als belastende Einschränkungen der Lebensqualität erfahren werden, und vor allem, ob sich diese Faktoren in bestimmten Regionen im Stadtgebiet auf eine Weise überschneiden, dass dabei Brennpunkte nachhaltig wirksamer Konfliktpotenziale und damit unter Umständen besonders gefährdete Zonen entstehen.

Als Untersuchungsregionen wurden im Einvernehmen mit der Leitung der Geschäftsstelle Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung Wohnanlagen in fünf Stadteilen ausgewählt, in welchen vermutet werden konnte, dass die Wohn- und Lebenssituation von mehreren ungünstigen Faktoren zugleich bestimmt wird: zwei Gemeindebauten im 10. und einer im 21. Wiener Gemeindebezirk, ein Gemeindebau und eine private Wohnanlage im 20. Bezirk sowie mehrere private Wohnanlagen im 16. Bezirk. Als Auswahlkriterien für die 25 InterviewpartnerInnen wurden die Zugehörigkeit zur autochthonen bzw. zur zugewanderten Bevölkerung, die Zugehörigkeit zu verschiedenen Altersgruppen und das Geschlecht berücksichtigt.

Schwerpunktthemen waren die Erwartungen an "gutes Wohnen" und die Wohnzufriedenheit – in der Wohnung ebenso wie im Wohnumfeld –, konflikthafte Erfahrungen in Zusammenhang mit Wohnen, aber auch das Sicherheitsgefühl der Befragten in der Wohnumgebung sowie besondere Deprivationserfahrungen und Zukunftsängste. Damit wurde versucht, einen Überblick über verschiedene relevante Faktoren, die als Einschränkung der Lebensqualität erlebt werden, zu erhalten.

In der Untersuchung konnten keine "hot spots" sozialer Konflikte im Wiener Stadtgebiet ausfindig gemacht wurden, die etwa mit der Pariser "banlieue" oder lokal identifizierbaren gefährdeten Zonen in anderen europäischen Großstädten vergleichbar sind. Es fanden sich zwar vielfach Konflikte, die nach dem Muster "Taten statt Worte" ausgetragen wurden, aber deutlich seltener bereits eskalierte Auseinandersetzungen. Konflikte, die so weit gehen, dass sie auf eine "Vernichtung des Feindes" zielen, waren nicht auszumachen. "Hot spots" sind Gebiete, die als gefährliche oder zumindest unsichere Orte empfunden werden, und als solche wurden die Interviewzonen durchgängig von niemandem wahrgenommen.

Sehr wohl aber wurden einerseits in fast allen Gesprächen Störungen beim "gutem Wohnen" konstatiert und andererseits fehlen Versuche zu deren kommunikativer Lösung weitgehend. Allerdings kann die Wohnpolitik nicht alleine die Voraussetzungen für ein "friedliches Zusammenleben" herstellen, sondern auch andere Politikbereiche sind davon berührt. Dies betrifft insbesondere den Status von MigrantInnen – von vielen InterviewpartnerInnen wurden "die Ausländer" als "das Problem" beim Zusammenwohnen gesehen. MigrantInnen bleiben "Fremde", denen alle Störungen zugeschrieben werden, und das ist ein Ausfluss dessen, dass sie, mit geringer Bildung und wenig Aufstiegschancen, sozial marginalisiert und deklassiert sind.

Die Zufriedenheit mit der Wohnung, also mit den eigenen vier Wänden, scheint nicht mit der Konfliktneigung zusammenzuhängen. Es gab unter den Befragten Personen, die mit ihrer Wohnung überaus zufrieden sind und keinesfalls ausziehen wollen, und doch regelmäßig an Konflikten beteiligt sind. Andererseits gab es auch InterviewpartnerInnen, die Kritik an der Wohnung äußerten, aber niemals einen Konflikt austragen. Die meisten Befragten bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen.

Eine ausgeprägtere Rolle spielt dagegen die Identifikation mit der Wohnanlage, konkret mit dem Gemeindebau. Wo der Wohnanlage individuell ein Wert zugemessen wird, scheint es – auch wenn diese einen "schlechten Ruf" hat – zu einer hohen Identifikation zu kommen. Der hohe Wert kann zu einer insgesamt guten Wohnzufriedenheit führen, aber auch zu verstärkter Kritik- und Konfliktbereitschaft, die darauf zielen, das Schöne und Gute zu erhalten. Dort, wo die Anlage nicht in diesem Maße als schön und wertvoll empfunden wird, scheinen Beeinträchtigungen – etwas durch Schmutz – eine vergleichsweise geringere Rolle zu spielen.

Vor allem ältere Menschen oder Menschen, die länger in einer Anlage wohnen, nehmen wahr, dass das Image des Gemeindebaus in letzter Zeit eher gelitten hat. Manche GesprächspartnerInnen sind stolz auf die ursprüngliche Idee des Wiener Gemeindebaus und bedauern dessen gewandeltes Image, das vor allem durch Medienberichte beeinflusst wird. Die Identifikation fällt immer schwerer, damit geht jedoch ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens verloren – Unzufriedenheit ist da noch eine eher schwache Reaktion.

Das Thema "Ausländer im Gemeindebau" spielt hier eine emotional stark besetzte Rolle. Ähnlich wie der Imageverlust für Stadtteile oder ganze Bezirke wird auch das sinkende Ansehen des Gemeindebaus mit dem Zuzug von "Ausländern" in Zusammenhang gebracht. Das Nebeneinander unterschiedlicher Lebensstile innerhalb ein und derselben Wohnanlage wird von manchen Menschen als sehr problematisch empfunden, gleichzeitig ist aber die eigentliche Konfliktlage dieser gemeinsamen Wohnsituation von gebürtigen ÖsterreicherInnen und Zugewanderten wenig konkret.

Insgesamt ist in den persönlich erlebten Konflikten und auch in denen, die als Zaungast beobachtet wurden, kaum etwas von systematischer Konfliktvermittlung zu bemerken. Auch das persönliche Eingreifen von Personen, die sich als Dritte mit der erkennbaren Absicht, in einem Streit zu vermitteln, einmischen, wird selten berichtet. Am häufigsten spielen oder spielten die HausmeisterInnen die Rolle dieses Dritten, allerdings nicht durchwegs im Sinne einer Lösung der anstehenden Konflikte, sondern oft auch als Konfliktauslöser – wobei allerdings die positiven Einschätzungen überwogen.

Besonders überraschend war, dass die Gebietsbetreuung kaum bekannt ist: Von den 18 in Gemeindebauten lebenden InterviewpartnerInnen haben sich nur drei, alle gebürtige ÖsterreicherInnen, bisher an die Gebietsbetreuung gewandt, die meisten hatten von dieser Einrichtung offenkundig noch nie gehört.

Die Analyse der in den Interviews sichtbar gewordenen Konfliktpotentiale, des Umgangs mit Konflikten und der Erwartungen der Befragten mündet in Empfehlungen an das Wohnbauressort der Stadt Wien, mit denen Voraussetzungen dafür geschaffen werden können, tatsächlichen und potenziellen sozialen Konflikten wirksamer zu begegnen. Angeregt wurden insbesondere eine Imagekampagne für den Gemeindebau, um die Idee des sozialen Wohnbaus medial positiv zu besetzen, und die Wiedereinführung einer Dienstleistung vom Typ des "Hausmeisters" – allerdings nicht den "Hausmeister alt", der mit Putzdienst und Ordnungsfunktionen betraut ist und je nach Charakter und Neigung kommunikative und soziale Aufgaben wahrgenommen hat, sondern den "Hausmeister neu", der auch weiterhin Ordnungsfunktionen übernimmt, zudem aber über sozialarbeiterische und mediatorische Fähigkeiten verfügt, die in einer eigens geschaffenen Ausbildung vermittelt werden.

 

2006: Evaluierung von "Help U. Eine Initiative der Wiener Linien und des Fonds Soziales Wien"

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr.in Evelyn Dawid
Mag.a Kerstin Lercher
Finanzierung:    Sucht- und Drogenkoordination Wien Gemeinnützige GmbH
Fertigstellung:    September 2006

Seit Oktober 2005 ist Help U, ein Pilotprojekt der Sucht- und Drogenkoordination Wien (SDW, vorher: des Fonds Soziales Wien) in Kooperation mit den Wiener Linien, am Karlsplatz aktiv. Das Help U-Team besteht aus acht Personen (inklusive Teamleiterin), die je zur Hälfte Beschäftigte der Wiener Linien bzw. der SDW sind. Die Initiative verfügt über ein Stützpunktlokal am Karlsplatz, und die Teammitglieder gehen in Zweiergruppen am gesamten Areal Streife (Karlsplatz-Passagen, Ladenstraße, Bahnsteige, Zwischengeschosse, Resselpark). Als Erkennungszeichen tragen sie auffällige orange Shirts mit dem Help U-Logo.

Aufgabe der zwischen Juli und September 2006 durchgeführten Evaluation des Pilotprojektes war es zu erheben, ob und inwieweit die jeweiligen für die verschiedenen NutzerInnen intern formulierten Projektziele bislang erreicht wurden bzw. worin Schwierigkeiten für eine Zielerreichung liegen. Das zentrale Erhebungsinstrument waren Interviews, die sowohl mit Teammitgliedern von Help U als auch mit NutzerInnen (Geschäftsleuten, PassantInnen, Drogen- und AlkoholkonsumentInnen, VertreterInnen der am Karlsplatz angesiedelten Kultur- und Bildungseinrichtungen sowie VertreterInnen der Wiener Linien, der Bezirkspolitik, der Exekutive, der städtischen Verwaltung und der am Karlsplatz aktiven sozialen Einrichtungen) geführt wurden.

Help U soll Konflikte am Karlsplatz bzw. deren Eskalation verhindern, und zwar insbesondere dadurch, dass Randgruppenangehörige zu einem sozial verträglichen Verhalten angehalten werden. Die Erreichung dieses Zieles ist kaum objektivierbar: zum einen, weil der Projektstart von Help U mit anderen Maßnahmen am Karlsplatz zeitlich zusammenfällt, wie etwa der Parkneugestaltung oder der Einführung der Schutzzone, zum anderen, weil keine umfassenden Statistiken über störende Vorfälle und diesbezügliche Beschwerden geführt werden. Als Indiz für Verbesserungen kann allerdings gewertet werden, dass im Herbst 2006 beim Bürgerdienst (MA 55) angegeben wurde, in den vergangenen Monaten seien im Unterschied zu früher keine Beschwerden den Karlsplatz betreffend eingegangen.

Bei den meisten interviewten Gruppen überwog deutlich das positive Feedback für die Tätigkeit von Help U: bei den DrogenkonsumentInnen, den Geschäftsleuten, den MitarbeiterInnen von am Karlsplatz tätigen sozialen Einrichtungen und von Bildungs- und Kulturinstitutionen, bei BezirkspolitikerInnen, bei Befragten aus der Wiener Stadtverwaltung und bei der Polizei. Bei den Interviews mit den Geschäftsleuten war auffällig, dass sich manche mit der Präsenz von DrogenkonsumentInnen und anderen Randgruppen am Karlsplatz abgefunden hatten bzw. diese als wenig problematisch empfanden, wogegen andere die Situation als unerträglich bezeichneten. Da der Geschäftsstandort für diese Wahrnehmung tendenziell nicht ausschlaggebend ist (Einschätzungen in benachbarten Geschäften fielen deutlich unterschiedlich aus), liegt die Vermutung nahe, dass die Wahrnehmungen stark durch individuelle Haltungen gegenüber DrogenkonsumentInnen beeinflusst sind.

Die von den MitarbeiterInnen von Help U geschilderten Verhaltensänderungen bei DrogenkonsumentInnen bzw. das Reagieren auf das Ansichtig-Werden der MitarbeiterInnen, ohne dass eine verbale Aufforderung notwendig sei, wurden von den befragten DrogenkonsumentInnen bestätigt. Wegen der ständigen Erneuerung der Drogenszene ist aber nicht absehbar, dass sich Interventionen durch Help U erübrigen.

 

2006: Evaluation der Gebietsbetreuung für den Bereich städtische Wohnhausanlagen

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr.in Helga Amesberger
Dr.in Evelyn Dawid
Finanzierung:    Amt der Wiener Landesregierung, MA 50
Fertigstellung:    Dezember 2008

Ziel der Evaluierungsstudie war es, die GB Städtische Wohnhausanlagen/GBwohn zu untersuchen, um Probleme, die sich möglicherweise aus der mit Jahresbeginn 2007 erfolgten Umstrukturierung ergeben (haben), rechtzeitig zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken. Die Untersuchung basiert auf Interviews, die in allen neun Einrichtungen mit Auftragnehmern für die GBwohn und deren MitarbeiterInnen sowie mit einzelnen VertreterInnen der Stadt Wien als Auftraggeber durchgeführt wurden. Thematisiert wurden die Strukturen und Aufgaben der GBwohn, in den Einrichtungen weiters Erfahrungen mit den Auftraggebern und verschiedenen Kooperationspartnern, Einschätzungen zu den einzelnen Tätigkeitsbereichen sowie die Arbeitssituation der MitarbeiterInnen in den GBwohn.

Die wesentlichen Veränderungen seit Jahresbeginn 2007 sind die Entflechtung der klassischen Gebietsbetreuung, jetzt GBstern, und der GBwohn, verbunden mit einer deutlichen Mittelaufstockung für die GBwohn, einer Reduktion und Anpassung der Betreuungsgebiete der Gebietsbetreuung an die Verwaltungsgebiete von Wiener Wohnen, und verschiedenen neuen Vorgaben auf der inhaltlichen und der organisatorischen Ebene. Die zu den Veränderungen befragten GesprächspartnerInnen (ausschließlich Personen, die Erfahrungen mit der GBneu hatten) bewerteten trotz einzelner Kritikpunkte die Umstrukturierung als Erfolg - eine größere Eigenständigkeit der GBwohn gehe Hand in Hand mit ihrer höheren Wertschätzung.

Kooperationspartner der GBwohn sind in erster Linie Wiener Wohnen, weiters die Bezirks­politik sowie vielfältige öffentliche und private Einrichtungen. Insbesondere zu Wiener Wohnen haben sich die Arbeitsbeziehungen im Vergleich zu 2004 deutlich verbessert, obwohl einzelne schon damals angesprochene Probleme weiterhin bestehen (ablehnende Haltung von Wiener Wohnen gegenüber einem Wohnungstausch, zu kurzfristige Information über Delogierungen). Die Tatsache, dass sich laut Jahresbericht 2007 45 Prozent aller allgemeinen Beratungen der GBwohn auf Wiener Wohnen beziehen, verweist allerdings nach wie vor auf Schwächen in der Informationspolitik dieser Einrichtung. BezirkspolitikerInnen werden in den GBwohn als wichtige PartnerInnen gesehen, allerdings sei deren Engagement sehr unterschiedlich und es bestehe immer die Gefahr der Vereinnahmung. Untereinander kooperieren die GBwohn kaum, die Vernetzung beschränkt sich weitgehend auf die (als wichtig empfundenen) Jours fixes; das Hauptargument dafür ist die fehlende Zeit. Eine Zusammenarbeit mit der Gebietsbetreuung Stadterneuerung erfolgt fast ausschließlich dann, wenn beide Einrichtungen in einem Auftragsgebiet denselben Träger haben - und in diesen Fällen werden die Synergieeffekte hoch bewertet.

Detailliert nachgefragt wurde zu den zentralen Tätigkeitsbereichen. Die Konfliktvermittlung betreffend sei oft schwierig festzustellen, ob der Auslöser eines Konflikts eine tatsächliche Lärmbelästigung (der häufigste Anlass für Beschwerden) sei, oder ob damit latenter Rassismus bemäntelt werde. Die GB könne aber immer nur den Lärm als Problem behandeln, auch wenn dieser nur ein Vorwand sei. Im Übrigen würden auch MitarbeiterInnen der Gebietsbetreuungen gelegentlich mit Rassismus konfrontiert. Der Gemeinwesenarbeit kommt aus Sicht vieler Befragter vor allem wegen Personalmangels ein zu geringer Stellenwert zu. Das sei nicht zuletzt deshalb ein Fehler, weil nur dieses Tätigkeitsfeld präventive und nachhaltige Wirkungen entfalte. Allerdings werden von den meisten Einrichtungen viele Projekte und Veranstaltungen durchgeführt, die als Gemeinwesenarbeit zu klassifizieren sind. Ein neuer Schwerpunkt schließlich, der seit 2007 forciert wird, ist die Arbeit mit den Mieterbeiräten: Die Kooperation mit ihnen bringe im Regelfall Vorteile für die GBwohn, weil die Beiräte etwa als Informationsvermittler, Beschwerdestelle für die MieterInnen und MultiplikatorInnen in verschiedene Richtungen fungierten.

 

2004: Evaluation der Gebietsbetreuung neu

Projektleitung: Dr. Birgitt Haller
Durchführung: Dr. Birgitt Haller
Mag.a Karin Stögner
Finanzierung:    MA 50
Fertigstellung:    Dezember 2004

Ziel der Untersuchung war es, einerseits die bisherige Aufgabenerfüllung durch die GB neu gemessen an den Vorgaben von Seiten der Stadt Wien zu evaluieren, und andererseits Probleme bzw. Defizite aus der Sicht der GB neu zu erheben.

Dazu wurden insgesamt 37 Interviews mit TrägerInnen und MitarbeiterInnen der 17 GB neu durchgeführt, die größtenteils zwischen Juni und August 2004 erfolgten. Themen der leitfadenorientierten Interviews waren die Struktur und das Aufgabenprofil der GB neu, das Verhältnis zu den Auftraggebern, Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Kooperationspartnern, die zentralen Tätigkeitsbereiche sowie die Arbeitssituation der MitarbeiterInnen in den einzelnen Einrichtungen. Der Bericht ist diesen Schwerpunktsetzungen entlang strukturiert, abgeschlossen wird er mit einem Resümee, in dem auch versucht wird, Verbesserungsmaßnahmen auf verschiedenen Ebenen herauszuarbeiten.

Bei den 17 Einrichtungen, die Wien-weit die Betreuung der städtischen Wohnanlagen durchführen, sind zunächst einmal die großen Unterschiede auffällig. Auf der Strukturebene bestehen diese darin, dass die GB neu zwar mehrheitlich bei einer klassischen Gebietsbetreuung angesiedelt sind (zwölf von ihnen), in manchen Bezirken aber ausschließlich eine GB neu eingerichtet wurde; dass als Träger sowohl Architekturbüros (neun) als auch Wohnbauträger (sieben) und in einem Fall die Stadt Wien selbst fungieren; dass die Zahl der von ihnen betreuten Gemeindewohnungen zwischen rund 2.000 und fast 29.000 variiert; dass ihnen je betreuter Wohnung jährlich zwischen 5,2 Euro und 26,7 Euro zur Verfügung stehen.

Der umfangreiche Arbeitsauftrag führt dazu, dass die Einrichtungen selbst Schwerpunkte setzen, die von Erfordernissen und Möglichkeiten im Bezirk abhängen, und es kein einheitliches Tätigkeitsprofil gibt. In allen GB neu ist zwar die zentrale Aufgabe die Schlichtung von Mieterkonflikten, verbunden mit der Betreuung von MieterInnen und der in Zusammenhang damit erforderlichen Vernetzung mit anderen sozialen Institutionen, aber während manche Einrichtungen nur rund die Hälfte der personellen Ressourcen dafür aufwenden, sind bei anderen die MitarbeiterInnen fast ausschließlich damit beschäftigt. Die verbleibenden Kapazitäten etwa für die Durchführung von Projekten oder von Veranstaltungen sind daher unterschiedlich groß.

Darüber hinaus werden von den Stellen, mit denen sie primär zusammenarbeiten, unterschiedliche Anforderungen an die GB’s herangetragen. Es gibt einzelne GB neu, die mit von Wiener Wohnen (teilweise fälschlich) übermittelten Fällen "zugeschüttet" werden, und andere, die anscheinend von WW immer wieder boykottiert werden. Die Bezirkspolitik, der zweite wichtige Kooperationspartner, sucht in manchen Fällen die Zusammenarbeit mit der GB neu und bindet diese stark ein, in einzelnen anderen Bezirken sei die GB neu dagegen kaum akzeptiert.

Neben diesen Unterschieden bestehen allerdings auch viele Gemeinsamkeiten. Alle Einrichtungen sind mit denselben Problemen befasst, nämlich vorwiegend mit Nachbarschaftskonflikten, die um Lärmbelästigung kreisen und die mehrheitlich entlang den (sich teilweise überschneidenden) Linien ÖsterreicherInnen vs. MigrantInnen und Alt vs. Jung verlaufen. Das zentrale Arbeitsfeld ist die Konfliktbearbeitung, bei der häufig Techniken der Mediation angewendet werden.

Was die GB neu bzw. deren MitarbeiterInnen darüber hinaus stark eint, ist das ausgeprägte Gefühl einer ihnen entgegengebrachten Geringschätzung. Dies bezieht sich im Außenverhältnis v.a. auf die MA 25, Wiener Wohnen und die Bezirkspolitik, im Innenverhältnis auf den Dienstgeber. Den Trägern wird in erster Linie vorgeworfen, die klassische Gebietsbetreuung zu bevorzugen, weil sie selbst aus dem planerisch-technischen Bereich kämen.

Wenn man die zentrale Aufgabe der GB neu in der Betreuung der städtischen Wohnhausanlagen durch eine niederschwellige Anlaufstelle für die vielfältigen Anliegen der MieterInnen sieht, dann wird diese Anforderung von den bestehenden Einrichtungen trotz aller angesprochenen Probleme auch erfüllt. Die Wahrnehmung von darüber hinausgehenden Aufgaben erfolgt allerdings in sehr unterschiedlicher Intensität und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen.

 

2002: Konfliktlösungsmodelle für Großwohnanlagen

Projektleitung:    Dr. Birgitt Haller
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Dr. Inge Karazman-Morawetz
(Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie)
Finanzierung:    Amt der Wiener Landesregierung - MA 50
Fertigstellung:    Oktober 2002

Im Rahmen dieser Untersuchung wurden international erprobte Modelle für Konfliktlösungen in Großwohnanlagen bzw. diesen vorgelagerte Modelle der Konfliktprävention recherchiert. Der erste der vier Berichtteile befasst sich mit der Literatur zur Sicht von Wohnanlagen als Problemsiedlungen und beschreibt deren gemeinsame Charakteristika im europäischen Raum. Weiters werden verschiedene Muster von Interventionen, mit denen in westeuropäischen Staaten auf die problematische Entwicklung vieler Großwohnsiedlungen reagiert wurde, und deren Konsequenzen dargestellt. Daran schließt ein Kapitel über zentrale Konfliktquellen und -arten im Nachbarschaftsbereich an, in dem auch auf aktuelle Wien-bezogene empirische Untersuchungen eingegangen wird. Es folgen Überlegungen zur Konfliktprävention in Nachbarschaften bzw. Wohnanlagen, die sich sowohl auf die bauliche, raumplanerische und Instandhaltungsebene als auch auf die soziale Ebene beziehen. Im abschließenden Kapitel werden verschiedene ausländische Modelle der Konfliktlösung und -prävention in Nachbarschaften vorgestellt, und zwar Modelle der Konfliktbearbeitung/-schlichtung und der Prävention generell sowie zwei wohnanlagenspezifische Beispiele für Konfliktmanagement und -prävention.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass für den Umgang mit Konflikten im Wohnbereich singuläre Maßnahmen nicht ausreichen. Am erfolgreichsten scheint die Berücksichtigung unterschiedlicher Problemlagen durch einen "Patchwork"-Ansatz zu sein, der verschiedene Ebenen - etwa die der MieterInnen ebenso wie die der Hausverwaltungen - einbezieht. Gleichzeitig darf der Bereich der Wohnpolitik nicht isoliert betrachtet werden: Gruppen, die sich im Zusammenleben als problematisch erweisen, sind häufig gesellschaftlich marginalisiert. Nachhaltige Veränderungen können also nicht allein im Rahmen der Wohnpolitik erzielt werden, sondern bedürfen politischer Maßnahmen in den unterschiedlichsten Bereichen.

 

2001: Alleinerzieherinnen in Wien

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien
Fertigstellung:    März 2001

Neben der in westlichen Gesellschaften überwiegenden Familienform der klassischen Kernfamilien - bestehend aus Vater, Mutter und Kind/er - entstehen vermehrt neue Lebensformen. Zum einen ist eine Zunahme kinderloser Ehepaare/Lebensgemeinschaften, zum anderen ein Anstieg der bewusst ledigen Mutterschaft zu verzeichnen. Der Werte- und Einstellungswandel führte auch zu höheren Scheidungsraten und somit zu einer Zunahme von Ein-Eltern-Familien. Die Ursachen für "Alleinelternschaft" sind also unterschiedlich, die sozioökonomische Situation von Alleinerzieherinnen ist aber vielfach gleich. So ist etwa die Armutsgefährdungsquote von Alleinerzieherinnen (trotz hoher Erwerbsquoten) dreimal so hoch wie in Haushalten mit zwei Elternteilen. Die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die unterschiedlichen Anforderungen von Kindern/Kindesvater/Familie an die Alleinerziehenden, finanzieller Druck, Wohnungsprobleme, Arbeitsbelastung, gesellschaftliche Stigmatisierungen u.v.m. führen vielfach zu Isolation und starker psychosozialer Belastung.

Die in Kooperation mit W.A.S./Mag. Ruth Finder und dem IFA durchgeführte Untersuchung setzt sich aus drei Schwerpunkten zusammen. Neben einer allgemeinen Darstellung des statistischen Hintergrunds (W.A.S.) erfolgte eine quantitative Erhebung unter Wiener Alleinerzieherinnen (IFA), bei der die sozioökonomische Situation dieser Bevölkerungsgruppe näher beleuchtet wurde. Aufgabe des IKF war es, in qualitativen Interviews mit Alleinerzieherinnen und Expertinnen staatlicher und privater Einrichtungen die psychosoziale Situation zu erheben. Hierbei gingen wir den Aspekten der finanziellen Situation, der Erwerbstätigkeit, der Kinderbetreuung, der sozialen Kontakte und der Freizeitgestaltung ebenso nach wie der Frage, welche Aspekte des Alleinerziehens psychisch und/oder körperlich belastend, aber auch befreiend sind. Weiters erörterten wir die Frage, welchen konkreten Unterstützungsbedarf Alleinerziehende für sich persönlich und für Alleinerzieherinnen im Allgemeinen sehen. Eine wesentliche Fragestellung ist schließlich auch, in welchem Ausmaß und auf welche Weise Familien-, Frauen- und Rollenbilder sowie die Umstände, die zur alleinigen Zuständigkeit für Kinder führten, die Bewältigung des Alltags beeinflussen.

Die Studienergebnisse verdeutlichten neuerlich, dass Alleinerzieherin nicht gleich Alleinerzieherin ist. Die Situation von Alleinerzieherinnen ist wesentlich durch verschiedenste Faktoren determiniert: Einkommen, Ausmaß der Berufstätigkeit, Beziehung zum Kindesvater, soziales Umfeld, Entstehungsgeschichte der Einelternschaft usw. Es konnten vier "Typen" von Alleinerzieherinnen herausgearbeitet werden. Beim Typus "Erwerbstätige" steht die gelungene Vereinbarkeit von Betreuungspflichten und Berufsleben im Vordergrund, während sich der Typus "Netzwerkerin" durch ein dichtes Netz sozialer Kontakte auszeichnet. Jenen, die den Typen "junge Erwerbstätige" und "Überbelastete" zugeordnet wurden, gelingt die Vereinbarkeit kaum. Die "jungen Erwerbstätigen" bewerkstelligen Berufstätigkeit auf Kosten der verfügbaren Zeit für Kinder, FreundInnen und sich selbst. Bei den "überbelasteten" Alleinerzieherinnen handelt es sich meist um junge, ledige, vergleichsweise niedrig qualifizierte Frauen, die in einem hohen Ausmaß von Transferleistungen (Karenzgeld, Notstands- bzw. Sozialhilfe) ihren Lebensunterhalt bestreiten.

 

1999: Bedarfserhebung - Maßnahmen für weibliche Prostituierte in Wien

Projektleitung:    Mag. Helga Amesberger
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Mag. Barbara Liegl
Finanzierung:    Stadt Wien - MA 57
Fertigstellung:    Dezember 1999

Die Studie behandelt im wesentlichen das Gesundheitsbewusstsein, die Gesundheitsvorsorge und den Zugang zu Gesundheitseinrichtungen von weiblichen Prostituierten in Wien. Ausgangspunkt war der Rückgang der im Sicherheitsbüro der BPD Wien registrierten und mit Kontrollkarten vom STD-Ambulatorium ausgestatteten Sexarbeiterinnen und die (vermutete) Zunahme der nicht registrierten Prostituierten. Unter letzteren finden sich viele zugewanderte Sexarbeiterinnen, die meist - zusätzlich zur allgemeinen gesellschaftlichen Diskriminierung von Prostituierten - auch mit aufenthaltsrechtlichen Problemen zu kämpfen haben und daher in mehrfacher Hinsicht illegalisiert leben; diesen Frauen ist der Zugang zum österreichischen Gesundheitssystem und zur Gesundheitsvorsorge besonders erschwert. Gefragt sind Maßnahmen, die beiden Gruppen den Einstieg in regelmäßige Kontroll- und Präventionsuntersuchungen erleichtern würden und gleichzeitig auch die Lebensbedingungen verbessern sowie den Ausstieg aus diesem Milieu ermöglichen könnten.
Die vier wichtigsten Fragestellungen des Projekts lauten daher:

  • Welche Maßnahmen sind aus der Sicht der Sexarbeiterinnen dazu geeignet, ihnen den Zugang zum Gesundheitssystem zu erleichtern, bzw. woran scheitert dieser derzeit? Worauf führen sie den Rückgang bei den Kontrolluntersuchungen zurück, bzw. was macht diese für sie besonders unangenehm?

  • Welche Maßnahmen sind aus der Sicht der Prostituierten dazu geeignet, die Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern und ihnen den Ausstieg aus dem Milieu zu ermöglichen, bzw. woran scheitert der Ausstieg? Was konkret würden sie für einen Ausstieg brauchen?

  • Welche Arten von niederschwelligen Einrichtungen mit welchem Angebot würden ihnen dies erleichtern (arbeitsrechtliche Maßnahmen, aufenthaltsrechtliche Maßnahmen, psycho-soziale Betreuung zusätzlich zur medizinischen)?

  • Welche Arten/Konzepte von niederschwelligen Einrichtungen gibt es in diesem Bereich bereits in den anderen österreichischen Bundesländern und in der Bundesrepublik Deutschland? Inwiefern unterscheiden sie sich bzw. gibt es so etwas wie eine Mindestanforderung an eine niederschwellige Einrichtung für Sexarbeiterinnen?

Um solche Maßnahmen sinnvoll und effektiv gestalten zu können, muss die Perspektive der Prostituierten selbst in den Vordergrund gerückt werden. Die methodische Vorgehensweise bestand daher in einer Fragebogenerhebung (Vollerhebung) unter den Prostituierten, die sich regelmäßig einer Untersuchung auf sexuell übertragbare Krankheiten (sexually transmitted diseases - STD) im STD-Ambulatorium der Stadt Wien unterziehen (müssen), und 30 qualitative, leitfadenorientierte Interviews mit Sexarbeiterinnen, wovon neun mit migrierten Sexarbeiterinnen geführt wurden. Zusätzlich wurden sieben Expertinneninterviews (mit Frauen von österreichischen Beratungsstellen, (ehemaligen) Streetworkerinnen, Mitarbeiterinnen der STD-Ambulanzen in Wien und Hamburg) geführt. In den Vergleich der Angebote und Arbeitsweisen niederschwelliger Beratungsstellen wurden 23 Beratungsstellen aufgenommen (davon vier in Österreich, zwei in der Schweiz und 17 in Deutschland). Schließlich wurden noch die drei in Österreich bereits entwickelten Konzepte (zwei in Wien, eines in Graz) für eine niederschwellige Einrichtung diskutiert. Die Ergebnisse der dargestellten Erhebungsschritte, insbesondere die Bedarfserhebung unter den Prostituierten selbst, bildeten die Grundlage für die abschließenden Empfehlungen des Projektteams hinsichtlich einer niederschwelligen Einrichtung für weibliche Prostituierte in Wien.

 

1999: Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf den österreichischen Arbeitsmarkt

Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Mag. Helga Amesberger

1997: Karenzurlaub

Projektleitung:    Dr. Birgitt Haller
Durchführung:    Dr. Traude Horvath
Mag. Katharina Demel
DSA Christina Radner
Finanzierung:    Österr. Akademie der Wissenschaften/
Institut für Demographie
Fertigstellung:    Dezember 1997

Das Forschungsprojekt "Karenzurlaub" umfaßt eine quantitative Erhebung, die vom Institut für Demographie abgedeckt wurde, und eine qualitative Untersuchung, die am IKF durchgeführt wurde. Der quantitative Teil wurde durch eine Befragung von 471 Personen (405 Frauen und 66 Männer) mittels standardisiertem Fragebogen abgedeckt. Dabei wurde auch danach gefragt, ob diese Personen für ein weiteres, ausführlicheres Interview zum selben Themenbereich zur Verfügung stünden.

Für diese qualitativen Interviews wurden 20 Frauen und zehn Männer aus der Ostregion Österreichs nach den Kriterien Geschlecht, Beruf, Familienstand, Kinderzahl und Wohnort ausgewählt. Die Leitfäden für Frauen wie Männer konzentrierten sich auf die Arbeitssituation vor der letzten Karenzierung, Beziehung/Partnerschaft vor der Karenzierung, die Vorbereitung auf die Karenz, die Zeit der Karenzierung und den Wiedereinstieg.

Der Schwerpunkt des Forschungsprojektes lag auf der Frage, wie sich Kinder und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren lassen. Aus der Perspektive von Müttern und Vätern wurden die Entscheidung für eine Karenzierung, für die Wahl der Form der Karenzierung und die Auswirkungen der Karenzzeit auf die weitere Erwerbstätigkeit dargestellt, sowie die Mechanismen transparent gemacht, die Mütter und Väter dazu bringen, in Karenz zu gehen bzw. die Verantwortung für das Kind, den gesetzlichen Rahmenbedingungen entsprechend, zu teilen.

 

1997: Bedürfnisstrukturen und Wohnrealität

Projektleitung:    Dr. Ilse König
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Katharina Demel
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Magistrat der Stadt Wien - MA 18
Fertigstellung:    Jänner 1997

Die sekundäranalytische Auswertung von Fachpublikationen, Forschungsergebnissen, Meinungsumfragen und statistischen Unterlagen umfaßt folgende Themenbereiche:

  • Diversität von Wohnformen. Die gesellschaftlichen Veränderungen bringen auch eine Vielfalt von neuen Wohnformen und vor allem eine Vielfalt an neuen Anforderungen an das Wohnen mit sich.

  • Bedürfnisveränderungen in bezug auf Wohnen. Die verschiedenen und sich verändernden Anforderungen an eine Wohnung - etwa bedingt durch den Lebenszyklus - wurden bisher zu wenig in die Planung einbezogen. Im Mittelpunkt dieses Themenkomplexes steht daher die Frage, wie am besten zukünftigen Veränderungen bereits in der Wohnungsplanung Rechnung getragen werden kann.

  • Auswirkungen von Partizipationsmöglichkeiten. Das Begreifen von Wohnen als einen sozialen Prozeß ist heute weitgehend verloren gegangen. Um die soziale Integration eines Wohnviertels zu erleichtern, bedürfte es planerischer Maßnahmen, die sich an den (zukünftigen) BewohnerInnen, ihren Problemen und Handlungsmöglichkeiten orientieren.

  • Wohnmodelle für spezifische Gruppen. Der verstärkten Tendenz, benachteiligte Gruppen gesellschaftlich auszugrenzen, könnte im Bereich der Wohnungspolitik entgegengewirkt werden. Von diesen Ausgrenzungen sind u.a. Haushalte mit einem niedrigen Einkommen, Ältere, Alleinerzieherinnen, Behinderte und AusländerInnen betroffen. Vor dem Hintergrund, daß diese Gruppen verstärkt auf ihre sozialen Netze angewiesen sind, stellt das Thema "integriertes Wohnen" einen weiteren Schwerpunkt dar.

  • Wünsche und Anforderungen an die Wohnumgebung. Die städtische Infrastruktur ist am jungen, leistungsfähigen und (Kfz-)mobilen Mann ausgerichtet. Die materielle und soziale Infrastruktur vieler Stadtviertel wird meist nicht der "Zwischendurchfreizeit" von Hausfrauen und schon gar nicht den berufstätigen "Haus"frauen gerecht. Dies gilt auch für andere Bevölkerungsgruppen, wie etwa alte Menschen. Zu fragen ist daher, welche Kriterien erfüllt sein müssen, um den besonderen Bedürfnissen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen an ihre Wohnumgebung gerecht zu werden.

Für diese Themenbereiche wurden Leitlinien herausgearbeitet und anhand verschiedener - mehr oder weniger vorbildlicher - internationaler Modellprojekte illustriert. Abschließend wurde ein Indikatorenkatalog für "alltagstaugliches" und "zukunftstaugliches" Wohnen/ Bauen erstellt und versucht, die internationalen Trends im Wohnungs- und Städtebau den entsprechenden Entwicklungen in Wien gegenüberzustellen.

 

1996: Wiedereinsteigerinnen in Wien: Potential - Perspektiven - Maßnahmen

in Zusammenarbeit mit L&R Sozialforschung und Institut für Demographie / ÖAW

Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit und Soziales; Landesarbeitsamt Wien

Dr. Ilse König / DSA Christina Radner

1996: "Nebenjob Vater und Hausmann?" Wie betriebliche Strukturen innerfamiliäres Engagement von Männern behindern.

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Katharina Demel
Dr. Ilse König
DSA Christina Radner
Finanzierung:    Bundesministerium für Jugend und Familie
Bundesministerin für Frauenangelegenheiten
Fertigstellung:    Dezember 1996
Materialien:    Projektbericht (Kurzfassung)

Ausgangspunkt der Studie ist, daß es neben einem fehlenden Bewußtsein seitens der Männer eine Reihe struktureller Faktoren gibt, die eine aktive Mitarbeit im Haushalt und in der Familie behindern. Einen solchen strukturellen Faktor stellen sicherlich die arbeitsorganisatorischen Rahmenbedingungen der Berufswelt dar. Diese - bislang in bezug auf Männer kaum beachtet und untersucht - stehen im Mittelpunkt des Forschungsprojektes. Ausgehend von der Annahme, daß bei einem "Normalarbeitsverhalten" aufgrund von Arbeitszeitverteilung, Überstunden, Weiterbildung außerhalb der Arbeitszeit etc. auch für Männer Beruf und Familie nur schwer zu vereinbaren sind, ergeben sich insbesondere zwei thematische Schwerpunkte:

  • Erfassung bestehender betrieblicher Strukturen und deren Überprüfung in Hinblick auf ihre Vereinbarkeit mit Familienarbeit sowie das Problembewußtsein seitens des Personalmanagements, der Personalvertretung und der männlichen Beschäftigten.

  • Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen der männlichen Beschäftigten in bezug auf die Arbeitszeitorganisation.

    Als methodischen Zugang wählten wir einen Methodenmix:

  • Erhebung firmenspezifischer Daten (z.B. Anzahl der männlichen und weiblichen Beschäftigten, Karenzierungen nach Geschlecht, Angaben zur Arbeitszeit). 15 Wiener Firmen aus verschiedensten Branchen (elf aus dem Dienstleistungsbereich und vier Gewerbebetriebe) konnten für die Mitarbeit an der Studie gewonnen werden.

  • Quantitative Erhebung. Es wurde eine standardisierte Fragebogenerhebung unter männlichen Beschäftigten mit Kindern zwischen 0 und 15 Jahren durchgeführt; 603 Fragebögen wurden verteilt und 140 bis zum Stichtag beantwortet.

  • Qualitative Erhebung. Insgesamt führten wir 41 Interviews mit VertreterInnen des Personalmanagements und der Personalvertretung sowie mit männlichen Beschäftigten der untersuchten Betriebe.

  • ExpertInnenworkshop. Geladen zu diesem Arbeitskreis waren ExpertInnen aus verschiedenen Ministerien, diverser Interessensvertretungen, aus dem Wissenschaftsbereich und den Betrieben. 15 ExpertInnen nahmen daran teil.

Viele ArbeitgeberInnen glauben, daß die Beschäftigten ihrer Unternehmen keine allzu großen Schwierigkeiten haben, Berufs- und Familienarbeit miteinander zu vereinbaren. Aber ca. drei Viertel der befragten Arbeitnehmer geben an, manchmal oder häufig Schwierigkeiten damit zu haben. Als ein wesentlicher Faktor für die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienarbeit stellt sich das Vorhandensein von Gestaltungsmöglichkeiten bei der Arbeitszeit heraus. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß flexible Arbeitszeitregelungen, wie wir sie in den untersuchten Firmen vorgefunden haben, tendenziell eher die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen als der Wechsel- oder Schichtdienst. Jedoch gibt es auch bei einer relativ freien Gestaltungsmöglichkeit der Arbeitszeit einige intervenierende Variablen, die Vereinbarungsleistungen erschweren bzw. behindern. Eine solche ist die, in manchen Firmen anzutreffende, Erwartung der jederzeitigen Verfügbarkeit der ArbeitnehmerInnen oder die Erwartung, daß die Beschäftigten die Arbeitszeit primär nach den Bedürfnissen des Betriebes einteilen. Eine Personalpolitik, die mit der geringstmöglichen Anzahl von Beschäftigten zu arbeiten versucht, spielt dabei ebenfalls eine wesentliche Rolle, daß Familie und Beruf schwer miteinander zu vereinbaren sind. Außerdem trägt das starre Rollenverhalten der Männer dazu bei, daß sie Freiräume in der Arbeitszeitgestaltung nicht wahrnehmen.

 

1994: Versichern, Absichern, Zusichern, Entsichern - wie sicher ist sicher genug? Alte und neue Wege der Alterssicherung

Auftraggeber: Österreichischer Rundfunk / Abteilung Politik und Zeitgeschichte

Dr. Ilse König / Mag. Helga Amesberger

1993: Schuldenberatungsstellen der Arbeitsmarktverwaltung. Wirkungsweisen und Effizienz (Außensicht

Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Dr. Ilse König / Mag. Helga Amesberger, Mag. Andrea Höglinger, Dr. Ursula Morokutti, DSA Christina Radner

1992: Ausländerbeschäftigung und Arbeitsmarktverwaltung

Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Dr. Christian Haerpfer / Dr. Monika Wammerl, Dr. Rainer Bauböck, Claudia Palt

1991: Begleitende Evaluierungsstudie zu Qualifikationsmaßnahmen für Arbeitskräfte aus der CSFR

Auftraggeber: Bundesministerium für Öffentliche Wirtschaft und Verkehr

Dr. Ilse König, Doris Pleiger

1991: Pensionsreform: Erwartungen und Konfliktpotentiale

Auftraggeber: IFES Wien

Dr. Christian Haerpfer, Univ.Prof. Dr. Peter Gerlich

> Gewaltforschung

Gewaltforschung ist eines der vier thematischen Felder, die am IKF unter dem Überbegriff der Sicherheitsforschung zusammengefasst sind. Während in den 1990er Jahren neben Untersuchungen zu familiärer Gewalt bzw. zum österreichischen Gewaltschutzgesetz auch Studien im Bereich der Exekutive durchgeführt wurden, befassen sich die am Institut durchgeführten Projekte derzeit fast ausschließlich mit (Partner-)Gewalt gegen Frauen.
Die große Bedeutung, die diesem Thema nicht nur auf der nationalen, sondern auch auf der EU-Ebene zukommt, erleichterte in den letzten Jahren europaweite Vernetzungen. So ist das IKF in mehrere europäische Kooperationsprojekte eingebunden und bringt darüber hinaus auch immer wieder auf der ExpertInnenebene Informationen zur österreichischen Situation ein, wie z.B. durch die Teilnahme an CAHRV (Co-ordination Action on Human Rights Violations), das von 2004 bis 2007 durch das 6. EU-Rahmenprogramm finanziert wurde.

2013: Schutz vor Partnergewalt in der Republik Moldau

Durchführung:    Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung:    OSZE
Fertigstellung:    Dezember 2013

Im Rahmen einer Beauftragung als internationale Expertin erfolgte eine Evaluierung von Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt in der Familie. Deren Kernstück ist das Gesetz zum Schutz vor und zur Bekämpfung von familiärer Gewalt („Law 45“), das im September 2008 in Kraft trat und sich teilweise – nämlich hinsichtlich der Möglichkeit gerichtlicher Gewaltschutz-EVs – am österreichischen Gewaltschutzgesetz orientiert. Aktuell wird zudem die Einführung eines polizeilichen Betretungsverbotes diskutiert. Im Zuge der Erhebung wurden 29 ExpertInnen interviewt: sowohl VertreterInnen von Einrichtungen, die im Bereich Gewaltschutz tätig sind (insbesondere NGOs), als auch von Polizei und Justiz sowie BeamtInnen aus relevanten Ministerien.

Moldawien ist mit denselben Problemen konfrontiert wie Österreich Ende der 1990er Jahre: Widerstand in der Polizei gegen die Einstweilige Verfügung, die sie vollziehen müssen, Frauenfeindlichkeit in Polizei und Justiz, fehlendes Wissen über Gewaltbeziehungen, fehlendes Verständnis dafür, dass das Recht auf ein Leben ohne Gewalt ein Menschenrecht ist und daher auch Gewalt im Privaten sanktioniert werden muss.

Darüber hinaus liegt das Platzangebot in Frauenhäusern um rund ein Drittel unter den Vorgaben des Europarats, und da es kaum Nachbetreuungsangebote (auch wegen des Fehlens von leistbaren Sozialwohnungen) gibt, kehren die meisten Frauen nach einigen Monaten zum Gewalttäter zurück. Erschwert wird ihre Situation durch die sehr hohe Arbeitslosigkeit im Land (mehr als vierzig Prozent), einzelne Einrichtungen können ihren Klientinnen aber „economic empowerment“ z.B. durch die Finanzierung von Kursbesuchen anbieten, diese Frauen trennen sich offenkundig häufig von ihrem Partner.

Im Norden von Moldawien wurde ein Zentrum für Gewalttäter eingerichtet, das im Rahmen eines Modellversuches Anti-Gewalt-Trainings anbietet – was aber schon daran scheitert, dass der Einrichtungen keine Klienten zugewiesen werden und freiwillige Trainingsteilnehmer schon nach kurzer Zeit wegbleiben.

Obwohl sich die Regierung im Bereich Gewaltschutz sehr engagiert und zahlreiche internationale Organisationen entsprechende Maßnahmen finanzieren bzw. unterstützen, sind noch viele Anstrengungen notwendig.


2013: Sexuelle Aggressionen bei jungen Männern

Projektleitung und
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Kooperation: IFES Institut für empirische Sozialforschung GmbH., Wien
Finanzierung:    Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, Abt. V/5
Fertigstellung:   Oktober 2013

Motivation für die Durchführung der Erhebungen, die dieser Studie zugrunde liegen, war einerseits, österreichische Daten für ein EU-Projekt zu „Youth Sexual Aggression and Victimization – Y-SAV“ zur Verfügung stellen zu können, andererseits aber auch, die These empirisch zu überprüfen, dass Burschen/ Männer mit Migrationshintergrund sexuelle Aggressionen stärker ausleben als autochthone Österreicher. Diese These basiert auf der in Österreich seit einigen Jahren feststellbaren Überrepräsentanz von Ausländern unter den von der Polizei ermittelten Tatverdächtigen bei Vergewaltigungen1. Aufgrund dieser Fragestellung wurden ausschließlich Männer befragt (und zwar ausschließlich in Wien lebende).

Die Stichprobe umfasst 302 18- bis 25-jährige Männer, die nach den Kriterien Migrationshintergrund, Alter und Bildung ausgewählt wurden: 88 autochthone Österreicher, 80 Männer mit türkischem Migrationshintergrund, 113 Männer, die selbst oder von denen ein Elternteil in einem der jugoslawischen Nachfolgestaaten geboren wurden, sowie 21 Männer mit einem anderen Migrationshintergrund.

Der umfangreiche Fragebogen unterschied zwischen vier unterschiedlichen Formen von Zwang/ Gewalt, drei unterschiedlichen Opfer-Täter-Beziehungen sowie vier unterschiedlichen Sexualpraktiken und beinhaltete Fragen zu Kindheitserfahrungen. Neben Gewalthandlungen wurden Viktimisierungserfahrungen einbezogen. Ergänzend wurden Fragen zu vier Risiko- bzw. Schutzfaktoren gestellt: sexual assertiveness, der Einstellung zu Beziehungsgewalt (dating violence), dem Trinkverhalten und dem Konsum von (Gewalt-)Pornografie.

65 Männer (22%) gaben sexuelle Nötigungen zu und 60 Männer (20%) seien von einer Frau sexuell genötigt worden.

Die Daten wurden einerseits entlang der ethnischen Herkunft ausgewertet. Dabei ist zu beachten, dass trotz der relativ großen Gesamtstichprobe bei der gruppenweisen Auswertung die Fallzahlen häufig gering sind, so dass Ergebnisse nur als Tendenzen angesehen werden können. Unter den Tätern sind Türken bei allen vier Gewaltformen durchgängig überrepräsentiert, das gilt auch für Männer mit Pflichtschulabschluss (unter denen Türken überrepräsentiert sind) bei der Androhung/Anwendung von Gewalt und beim Ausnützen von Schwäche. Männer mit einer gesicherten Arbeitsstelle sind dagegen unterrepräsentiert – möglicherweise, weil sie kein Risiko eingehen wollen, diese zu verlieren, oder auch, weil ihre gesicherten Lebensumstände sie ausgeglichener und weniger aggressiv sein lassen.

Bei der Frage, ob Gewalt gegen eine (Ex-)Partnerin, eine Freundin bzw. Bekannte und/ oder eine zuvor unbekannte Frau ausgeübt wurde, zeigen sich Unterschiede nach der ethnischen Herkunft. So sind etwa Türken gegenüber einer Partnerin und einer ihnen zuvor unbekannten Frau gewalttätiger als Jugoslawen, während vor allem Jugoslawen die z.B. durch Alkohol- oder Drogenmissbrauch bedingte Schwäche einer ihnen vorher Unbekannten ausnützen. Österreicher üben gegenüber der Partnerin weniger verbalen und emotionalen Druck aus als Jugoslawen, bei Freundinnen/ Bekannten verhält es sich umgekehrt. Solche tendenziellen Unterschiede können hier allerdings nur konstatiert werden, um sie zu erklären, müsste man qualitative Forschungsmethoden einsetzen.

Viktimisierungserfahrungen durch Frauen berichteten insgesamt in erster Linie Türken, egal ob durch körperliche Gewalt, weil ihre Schwäche ausgenützt wurde, oder durch verbale/ emotionale Gewalt. Nur körperliche Gewalt durch eine ihnen vorher unbekannte Frau erfuhren vor allem Jugoslawen, die gleichzeitig am seltensten von einer unbekannten Frau sexuell genötigt wurden, während sie „außer Gefecht“ waren – Opfer- bzw. Täter-Sein stehen also in keiner spiegelbildlichen Beziehung.

Hinsichtlich des Einflusses von Risikofaktoren auf die Gewaltakzeptanz erwies sich insbesondere Alkoholabusus als relevant, gefolgt von sexuellen Missbrauchserlebnissen in der Kindheit. Während es die jugoslawischen Männer sind, die am häufigsten und im Besonderen in Situationen trinken, in denen sie Sex haben, finden sich die meisten Missbrauchsopfer unter den Türken.

Im Zuge der Erhebung wurde zwar nicht nach Religionszugehörigkeit und Religiosität gefragt, allerdings liegt die Annahme nahe, dass es sich bei denjenigen Türken, die nie Alkohol trinken/getrunken haben, um praktizierende Muslime handelt. Wendet man dieses Unterscheidungskriterium auf die Antworten der Türken zu Beziehungsgewalt an, erweisen sich die Alkohol trinkenden Männer als deutlich aggressiver und frauenfeindlicher als die (vermuteten) Moslems.

Ein zweiter Auswertungsdurchgang erfolgte entlang dem Kriterium Täter bzw. Nicht-Täter. Unter den 65 Tätern finden sich 18 Österreicher, zwanzig Türken, 18 Männer aus jugoslawischen Nachfolgestaaten sowie neun Migranten aus anderen Ländern. Den größten Anteil an ihrer jeweiligen Gruppe haben die türkischen Täter, den kleinsten die Jugoslawen.

Wesentliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen bestehen hinsichtlich der Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Abwertung und Lieblosigkeit zeigen negative Auswirkungen ebenso wie das (häufige) Miterleben von körperlichen Auseinandersetzungen zwischen den Eltern und zwischen anderen Familienmitgliedern. Den stärksten Faktor stellt aber sexueller Missbrauch dar, der das Täter-Werden signifikant beeinflusst: Bei allen abgefragten Gewaltformen sind Männer, die als Kind missbraucht wurden, um mindestens das Doppelte überrepräsentiert. Die Viktimisierungsrate ist bei Missbrauchsopfern ebenfalls deutlich erhöht.

Generell häufig Alkohol zu trinken, beeinflusst das Gewaltverhalten nicht zwangsläufig, einen massiven Risikofaktor bedeutet es aber, „so gut wie immer“ beim Sex Alkohol zu trinken.

Wenn die Fragebogenerhebung auch Einblicke in die Bedeutung von Risikofaktoren für sexuelles Gewaltverhalten liefert, so bleiben doch viele Fragen offen, die mit qualitativen Methoden beforscht werden müssten. Dazu zählt etwa die Bedeutung von (gruppenspezifisch unterschiedlichen) Männlichkeitsbildern für das Sexualverhalten oder den Alkoholkonsum (aber auch für das Antwortverhalten bei Befragungen). Erklärungen fehlen auch für den hohen Anteil von Männern, die Viktimisierungserfahrungen angeben.

Die Untersuchungsergebnisse verweisen jedenfalls darauf, dass eine Reduktion von Gewalt nicht ausschließlich durch Schutzmaßnahmen für Frauen oder strafrechtliche Verfolgung oder allein durch den Abbau von Geschlechterstereotypen erreicht werden kann, sondern dass es auch – als eine ganz zentrale Voraussetzung – einer gewaltfreien Kindheit und Jugend bedarf.

1 So weist der Sicherheitsbericht der Bundesregierung für das Jahr 2012 bundesweit 883 Anzeigen wegen des Verdachts der (versuchten) Vergewaltigung aus, davon wurden 235 gegen Ausländer erstattet (= 26,6 Prozent). Der Ausländeranteil beträgt dagegen nur rund elf Prozent. Ob sich diese Überrepräsentanz auch in gerichtlichen Verurteilungen niederschlägt, konnte aufgrund fehlender Daten nicht überprüft werden.


2013: Mind the Gap! Verbesserte Interventionen bei Partnergewalt gegen ältere Frauen

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung:    Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Dr.in Birgitt Haller
Mag.a Sandra Messner (ZSW)
Finanzierung:    Daphne III/ Europäische Kommission über Zoom – Gesellschaft für prospektive Entwicklungen e.V., Göttingen
Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst
Fertigstellung:   Februar 2013
 Download: Gesamtbericht Österreich

International Summary

Frauenbroschüre "Wenn Beziehungen untragbar werden…"

Polizeibroschüre

Trainingsmodul für die Polizei

Plakat

Aufbauend auf den Ergebnissen des Projekts "Partnergewalt gegen ältere Frauen" (IPVoW), das im Dezember 2010 abgeschlossen wurde, zielte "Mind the Gap!" auf die Verbesserung von Interventionen bei Partnergewalt gegen ältere Frauen. An dem Projekt beteiligten sich sieben Forschungseinrichtungen aus sechs Ländern – neben dem Institut für Konfliktforschung sind dies Zoom – Gesellschaft für prospektive Entwicklungen e.V. und die Deutsche Hochschule der Polizei in Deutschland, die Universität Białystok in Polen, die Akademie der Wissenschaften in Ungarn, die Universität Norwich im UK sowie das Institut CESIS in Portugal.

Der Schwerpunkt lag bei der Optimierung von Einschreitungen der Polizei, wofür in Österreich 82 Fallakten analysiert wurden, die ältere Frauen (60+) als Opfer von Partnergewalt betrafen. Von Interesse war, wie die Polizei von den Fällen erfuhr, ob und in welcher Weise soziale Einrichtungen bei der Betreuung der Opfer bereits eingebunden waren, wie die Polizei mit anderen Institutionen kooperierte und wie diese Faktoren die weitere Fallentwicklung beeinflussten.

Die Aktenanalyse zeigte, dass altersspezifische Aspekte von der Polizei oftmals nicht wahrgenommen werden und das ohnehin bereits sehr komplexe Einschreiten bei häuslicher Gewalt weiter erschweren. Auf Basis dieser Ergebnisse wurde unter Einbindung von PolizeibeamtInnen ein Manual für die Exekutive entwickelt, das insbesondere auf die Spezifika von Partnergewalt bei älteren Frauen eingeht und bei den BeamtInnen ein Bewusstsein für altersspezifische Gewaltformen und für die Wirkungsweisen von (vielfach verfestigter) Gewalt schaffen soll. Darüber hinaus wird auf die daraus resultierenden Herausforderungen für und die Anforderungen an polizeiliche Interventionen bei Beziehungsgewalt gegen ältere Frauen eingegangen. Der Informationsteil listet eine Reihe von Einrichtungen auf, die auf Gewalt gegen Frauen spezialisiert sind und diesen Unterstützung bieten, was den PolizistInnen dabei helfen soll, die Betreuung der Opfer durch Sozialeinrichtungen rasch in die Wege zu leiten. Des Weiteren wurde auf Grundlage der Ergebnisse von IPVoW und der Fallanalyse ein Trainingsmodul für die Polizei mit dem Fokus auf Partnergewalt gegen ältere Frauen entwickelt und erprobt.

Da sich ältere Gewaltopfer selten an (psycho-)soziale Einrichtungen und Gewaltschutzzentren/ Interventionsstellen wenden, wurde im Rahmen des Projekts in Kooperation mit verschiedenen Wiener Gewaltschutz- und Fraueneinrichtungen eine Broschüre verfasst, die ältere von Gewalt betroffene Frauen direkt anspricht und diese ermutigen soll, Unterstützung zu suchen. Mit Hilfe eines Plakates, das ebenfalls im Rahmen des Projektes entwickelt wurde, soll eine breitere Öffentlichkeit auf diese Thematik aufmerksam gemacht und Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass auch ältere Frauen Opfer von Partnergewalt werden. Die Broschüre sowie das Plakat stehen Unterstützungseinrichtungen für die Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung (gedruckt und als Download).

Sämtliche Forschungsergebnisse, Broschüren und Materialien sind auf der projekteigenen Website zugänglich.

2012: Fokusgruppen Gewalt

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung:    Dr.in Karin Bischof
Mag.a Bianca Tone
Finanzierung:    24-Stunden Frauennotruf/ MA 57
Fertigstellung:    Oktober 2011

Ziel der Studie war, Akzeptanz und Wirkung des 24-Stunden Frauennotrufs in bestimmten Altersgruppen von Mädchen und Frauen sowie deren Bedarf an weiteren Angeboten zu erheben. Themen der Fokusgruppen waren: Gewaltverständnis, The-matisieren von/ Zugang zu Gewalt, Umgang mit Gewalt sowie Wahrnehmung und Wünsche in Bezug auf Unterstützungsangebote und Hilfe. Die damit gewonnenen Erkenntnisse über Einstellungen und Handlungsmotivationen bilden die Grundlage für ein besseres Verständnis von (Nicht-)Akzeptanz und Wirkung des 24-Stunden Frauennotrufs und sollen diesen bei einer möglichen Modifikation der Angebote bzw. der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen.

 

2011: „High-Risk Victims“ Tötungsdelikte in Beziehungen: Verurteilungen 2008-2010

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung:    Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst
Fertigstellung:    Dezember 2011
Materialien:    Studie (PDF)

Bei der Studie handelt sich um eine Totalerhebung der Verurteilungen aus den Jahren 2008 bis 2010, bei denen der Täter/die Täterin wegen (versuchten) Mordes oder Totschlags als Beziehungsdelikt angezeigt oder angeklagt worden war. Analysiert wurden 39 Strafverfahren gegen männliche Täter und acht Verfahren gegen Frauen.
21 Männer wurden wegen (versuchten) Mordes und sieben aufgrund (versuchten) Totschlags verurteilt. In sieben weiteren Fällen attestierte das psychiatrische Gutachten dem Täter eine „geistige oder seelische Abartigkeit höheren Grades“, was eine Anstaltsunterbringung zur Folge hatte. Drei Täter wurden wegen weniger schwerwiegender Delikte verurteilt und ein junger Mann beging vor Abschluss des Verfahrens Selbstmord.
Was sind Spezifika der vollendeten oder versuchten Tötungsdelikte? Das Risiko für eine Frau, Opfer eines Beziehungsmordes zu werden, ist besonders hoch

  • in einer Partnerschaft mit Gewaltvorgeschichte
  • wenn sich die Frau trennen möchte
  • wenn der Partner eifersüchtig ist
  • für Migrantinnen bzw. Frauen in binationalen Beziehungen
  • und für Frauen, deren Partner arbeitslos (bzw., wenn auch in geringerem Ausmaß,

(früh-)pensioniert) ist, insbesondere, wenn sie selbst berufstätig sind.
Eine Gewaltvorgeschichte war in mehr als der Hälfte der Verfahren aktenkundig, und es handelte sich dabei überwiegend um verfestigte Gewalt, die sich teilweise bereits über Jahrzehnte erstreckt hatte. Einschlägige Vorstrafen wegen Körperverletzung wiesen nur fünf Täter auf. Acht Frauen waren vor dem gegenständlichen Verbrechen in Kontakt mit einem Gewaltschutzzentrum bzw. einer Interventionsstelle gewesen – das ist nur ein gutes Drittel (36,4 Prozent) derjenigen, die vor dem (versuchten) Mord oder Totschlag Gewalt erlebt hatten. Die geringe Zahl von Polizeiinterventionen und Einstweiligen Verfügungen im Vorfeld der Tat verweist darauf, dass „high-risk victims“ das Instrumentarium des Gewaltschutzgesetzes nicht oder kaum nützen. Wenn es doch zu Einschreitungen der Polizei kam, versuchten die Frauen immer wieder Gewalt zu bagatellisieren und ihren Partner zu schützen. Diese Strategien sind gerade bei Frauen, die in Gewaltbeziehungen leben, bekannt, und es liegt insbesondere an der Exekutive, mit diesem Wissen im Hintergrund sorgfältig einzuschreiten.
Der große Anteil von Beziehungen, die sich auf Initiative der Frauen zum Tatzeitpunkt entweder bereits faktisch in einer Phase der Auflösung befanden oder in denen die Frau zumindest ihren Trennungswunsch ausgesprochen hatte, bestätigt, was aus Forschungen zu Partnergewalt bereits seit langem bekannt ist: In Trennungsphasen besteht ein sehr hohes Risiko massiver Gewaltanwendung: Mehr als zwei Drittel der recherchierten Delikte stehen in Zusammenhang mit dem konkreten oder phantasierten Ende der Beziehung, verbunden mit Eifersucht und Besitzdenken.
Abgesehen von den genannten Risikofaktoren scheinen zwei weitere Auffälligkeiten erwähnenswert: Zum einen wurde fast einem Fünftel (18 Prozent) der Täter eine „geistige oder seelische Abartigkeit von höherem Grad“ (§ 21 StGB) attestiert, was im Regelfall zur Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher führt. Zum anderen hatten vier von 39 Tätern Selbstmorddrohungen, sei es gegenüber der Partnerin, sei es gegenüber anderen Personen, geäußert; dabei ist zu berücksichtigen, dass sogenannte erweiterte Suizide in dieser Studie aus methodischen Gründen (kein Strafverfahren) nicht einbezogen werden konnten, es insgesamt also vermutlich deutlich mehr Männer gibt, die ihren Suizid angekündigt und dann erweiterten Selbstmord begangen haben.
Durch die von Männern begangenen Taten wurden 18 Frauen getötet, 21 überlebten.
Von den wegen Mordes bzw. Mordversuchs angezeigten und/oder angeklagten acht Frauen wurde eine wegen Mordes verurteilt und eine andere wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen. Bei fünf weiteren Täterinnen lautete das Urteil auf (absichtlich) schwere Körperverletzung, drei von ihnen erhielten (teil-)bedingte Strafen. Bei einer Täterin schließlich erging, weil sie zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig gewesen war, kein Urteil, sondern das Gericht ordnete ihre Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher an.
Die Gewalttaten von Frauen erfolgten weitgehend in deutlich anderen Kontexten als die von Männern. So fällt etwa (bei aller Vorsicht wegen des kleinen Samples) auf, dass in denjenigen Beziehungen, in denen es bereits zu früheren Gewalthandlungen gekommen war, in jedem Fall der Partner auch gewalttätig gewesen war – was umgekehrt sehr selten vorkam. Eifersucht der Angreiferin oder der Trennungswunsch des Partners spielten keine Rolle als Streitauslöser. Anders als bei den männlichen Tätern, bei denen eine Alkoholisierung entgegen den Erwartungen eine relativ geringe Rolle spielte, waren fast zwei Drittel der Täterinnen zum Tatzeitpunkt alkoholisiert.
Will man versuchen, auf Basis dieser acht Fälle den typischen Fall einer Beziehungstat von Frauen zu skizzieren, dann handelte es sich bei der Täterin um eine Frau, die in einer Partnerschaft lebt, in der beide bereits gewalttätig wurden. Das Paar hält sich in der gemeinsamen Wohnung auf, beide sind betrunken, das aggressive Verhalten des Mannes führt zu einem Streit, in dessen Verlauf er die Wohnung verlassen will. Die Frau verletzt den Partner in einem Wutanfall mit einem Küchenmesser und alarmiert daraufhin die Polizei oder die Rettung, weil sie über die Folgen ihrer Gewalthandlung, die sie offenkundig nicht bedacht hat, erschrickt.
Der größte Unterschied zwischen den Gewalthandlungen der Frauen und der Männer liegt aber in der Massivität der Tat: Zwei der acht Opfer von Frauen wurden getötet, nicht wie bei den Männern fast jedes zweite.

 

2010: Partnergewalt gegen ältere Frauen (Intimate Partner Violence against elderly Women) - Länderbericht Österreich

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung: Europäische Kommission über Deutsche Hochschule der Polizei
Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz
Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst
Fertigstellung: Dezember 2010
Download: Studie (PDF)

http://www.ipvow.org/ Website der Studie Partnergewalt gegen ältere Frauen (IPVoW)

Das zweijährige Forschungsprojekt nimmt die Situation älterer Frauen, die Opfer von Gewalt in Partnerschaften wurden, in den Blick. Sieben Forschungseinrichtungen (aus sechs Ländern - neben dem Institut für Konfliktforschung die Deutsche Hochschule der Polizei und Zoom - Gesellschaft für prospektive Entwicklungen e.V. in Deutschland, die Universität Bialystok in Polen, die Akademie der Wissenschaften in Ungarn, die Universität Sheffield im UK sowie das Institut CESIS in Portugal - forschten in den Jahren 2009 und 2010 zum Thema.

Als methodologischen Zugang wählten wir einen Methodenmix, der sich zusammensetzte aus einer Literaturanalyse sowie der Erhebung bereits existierender Daten, einer Fragebogenerhebung in Einrichtungen, die potentiell mit dem Thema konfrontiert sein könnten, sowie Leitfadeninterviews mit ExpertInnen verschiedenster Organisationen und weiblichen Opfern von Partnergewalt.

Die Literaturanalyse und die Auswertung vorliegender Daten zeigte, dass die österreichische Datenlage zu Partnergewalt gegen ältere Frauen sehr lückenhaft ist, es existieren nahezu keine Daten. Zudem besteht das Problem, dass die wenigen Studien und Statistiken teilweise unterschiedliche Kategorisierungen (z.B. bei Altersgruppen oder Tätern) vornehmen, auf nur eine Region beschränkt sind, explorativen Charakter haben und/oder keine Differenzierungen nach Geschlecht oder der Beziehung zum/zur TäterIn vorgenommen werden.

Die meisten Organisationen (insgesamt 111), die sich an der Fragebogenerhebung im Herbst 2009 beteiligten, haben einen Arbeitsschwerpunkt bei familiärer Gewalt, weitere Schwerpunkte lagen bei Gewalt gegen Frauen und Mädchen oder bei psychosozialen Problemlagen von Frauen. Insgesamt war rund die Hälfte der antwortenden Einrichtungen in den Jahren 2006 bis 2009 mit Partnergewalt gegen ältere Frauen konfrontiert (bei mehrheitlich gleich bleibenden Fallzahlen). Die RespondentInnen sind mit der Qualität der eigenen Angebote für ältere Frauen als Opfer von Partnergewalt wegen der zu geringen Ressourcenausstattung, aber auch wegen der bestehenden sozialen Rahmenbedingungen nur wenig zufrieden. Ihren Erfahrungen zufolge erfordere die Arbeit mit älteren Personen eine wesentlich intensivere Befassung, als ihnen möglich sei.

In Bezug auf Partnergewalt im Alter vertreten die 30 interviewten ExpertInnen zwei unterschiedliche Positionen. Die Mehrheit nimmt einen Rückgang von körperlicher und sexueller Gewalt wahr, bei gleich bleibender oder verstärkter psychischer und ökonomischer Gewalt, wobei aber körperliche Übergriffe nie gänzlich aufhören würden. Von anderen wird dagegen eine Zunahme von Gewalt hinsichtlich Intensität und Häufigkeit konstatiert, was damit zusammenhänge, dass (negative) Charakterzüge im Alter stärker zutage treten würden. Außerdem gehe für Männer mit der Pensionierung oft der Lebensinhalt verloren, die soziale Position verändere sich, körperliche Probleme würden verstärkt wahrgenommen - all dies werde von manchen schwer verkraftet und mit Gewalt kompensiert.

Zu den sozialen Merkmalen, die die älteren Klientinnen teilen, gehören insbesondere die ökonomische Abhängigkeit vom Partner und ein eher niedriges Bildungsniveau. Die Interviews legen allerdings nahe, dass in Hinblick auf Einkommen und Schulbildung weiter differenziert werden muss zwischen "jüngeren Älteren", die 60- bis 70-Jährigen, und "alten Älteren".

Ältere Frauen suchen bei Partnergewalt selten Hilfe und wenn, dann nur bei schwereren körperlichen Gewalterfahrungen. Das soziale Umfeld weiß meist über die Gewalt Bescheid, erweist sich aber oftmals als "hilfloser Helfer". Die wichtigsten AnsprechpartnerInnen für Gewaltopfer sind den ExpertInnen zufolge ÄrztInnen, denen jedoch ebenfalls zum überwiegenden Teil Ignoranz und zu langes Zuwarten vorgeworfen wird.

Die für diese Studie interviewten zehn Frauen lebten Jahrzehnte lang in gewalttätigen Beziehungen, bevor sie professionelle Hilfe suchten. Würde die Polizei Vorfälle von häuslicher Gewalt nicht den Gewaltschutzzentren melden und würden letztere nicht von sich aus mit den Gewaltopfern Kontakt aufnehmen, fänden deutlich weniger Frauen Unterstützung bei Opferschutzeinrichtungen. Eine wichtige Rolle beim Verbleib in der Beziehung spielten vor allem ökonomische Abhängigkeiten, aber auch Weltbilder und gesellschaftliche Normen betreffend die Familie und die Rolle von Frauen und Männern sowie fehlende Perspektiven für den Lebensabend. Schließlich verstärkten das Alter des Opfers wie die lange Dauer der Beziehung die Abhängigkeit der Frauen; eine mit dem Alter einhergehende Gebrechlichkeit spielte in den Interviews ausschließlich in Hinblick auf die Ehemänner eine Rolle.

Alle Frauen berichteten von psychischer und physischer, die meisten außerdem von finanzieller Gewalt. Die Erfahrung sexueller Gewalt machten drei Befragte, zwei weitere deuteten eine solche an. Mit einer Ausnahme stellten alle Interviewpartnerinnen fest, dass die Häufigkeit der Übergriffe im Verlaufe der Ehe kontinuierlich zugenommen hatte, und fast alle hatten eine Zunahme der Gewalt nach der Pensionierung des Partners erlebt.

Auch die Interviews mit den Opfern von Partnergewalt ergaben, dass nur wenige ÄrztInnen ernsthafte Interventionsversuche setzten (und statt dessen manchen Frauen jahrelang Psychopharmaka verschrieben wurden) und bei Untersuchungen immer wieder wahrgenommene Körperverletzungen erst sehr spät zur Anzeige gebracht wurden.

Die zentralen Vorschläge der befragten ExpertInnen zielen auf einen möglichst raschen Zugang zu Beratungs- und Hilfseinrichtungen sowie auf altersadäquate Unterstützungskonzepte und -angebote. Weiters wird eine Sensibilisierung und Schulung von ÄrztInnen und Pflegepersonal für die Früherkennung von Gewalt als notwendig erachtet. Insbesondere bedürfe es einer besseren Kooperation zwischen den in der Betreuung involvierten Einrichtungen; so könne etwa durch die Installierung eines Case-Managements den Klientinnen effektiver und wirtschaftlicher geholfen werden. Auch fehle es an altersentsprechenden und leistbaren Unterbringungs-/Wohnmöglichkeiten für Opfer wie für Täter (und dabei insbesondere für psychisch kranke Gewalttäter). Da das Empowerment der Gewaltopfer ein Bewusstsein über Gewalt, aber auch weitgehende (ökonomische) Eigenständigkeit voraussetze, müssten in der Beratung/Betreuung Lösungen gesucht werden, die altersadäquat seien und den Lebensumständen bzw. -vorstellungen der älteren Frauen gerecht würden.

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sind in sechs nationalen Berichten (auf Englisch und in den Landessprachen) und einem zusammenfassenden Bericht (Englisch) nachzulesen und stehen unter http://www.ipvow.org zum Download zur Verfügung.

 

2010: Frauenbericht 2010: Beziehungsgewalt gegen Frauen

Autorin: Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung:    Bundeskanzleramt/Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst
Fertigstellung:    Oktober 2009
Materialien:    Frauenbericht 2010

Im Frauenbericht 2010 findet sich ein ausführliches Kapitel über "Beziehungsgewalt gegen Frauen", das von Birgitt Haller verfasst wurde.

2010: Begleitforschung zur Qualitätssicherung in der Prozessbegleitung

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung: Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend über Bundeskoordinatorin Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche
Fertigstellung: Dezember 2010

Von der Bundeskoordinatorin der Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche werden im Rahmen der Qualitätssicherung seit 2005 Basisdaten bei den in diesem Feld tätigen Einrichtungen erhoben: Jährlich werden mit einem einseitigen Erhebungsblatt die im Kalenderjahr abgeschlossenen Prozessbegleitungen dokumentiert und im Rahmen der Begleitforschung ausgewertet. Die Analyse der Fälle aus 2009 erfolgte unter Einbeziehung der Ergebnisse der früheren Befragungen.

2010: Kooperation von öffentlicher Jugendhilfe und Strafjustiz bei Sexualdelikten gegen Kinder - Österreich-Teil

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Mag.a Dr.in Evelyn Dawid
Finanzierung: Europäische Kommission über Kriminologische Zentralstelle Wiesbaden e.V.
Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend
Fertigstellung: Oktober 2010

Kinder, die Opfer von Sexualdelikten werden, haben mit unterschiedlichen Institutionen zu tun: mit Jugendschutzeinrichtungen, aber auch mit Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten. Diese Institutionen sind gekennzeichnet durch unterschiedliche (gesetzliche) Aufträge, Organisationsstrukturen, Selbstverständnisse, Interessen und Fachsprachen. Eine funktionierende Kooperation zwischen den Einrichtungen und ein aufeinander abgestimmtes Vorgehen sind aber wesentliche Voraussetzungen für einen möglichst weitreichenden und effektiven Schutz der Kinder. Ziel des Forschungsprojekts war daher die Entwicklung eines Modellkonzepts für interdisziplinäre Kooperationen bei Sexualdelikten gegen Kinder im Sinn von gezielten, kontinuierlichen, von Einzelpersonen unabhängigen Arbeitsbündnissen, in denen zumindest auch Jugendwohlfahrt und Strafjustiz vertreten sind.

Im Zentrum der Untersuchung, die in Österreich, Deutschland und der Schweiz durchgeführt wird, stand die Jugendwohlfahrt. In Österreich wurden im Herbst 2008 von den insgesamt 115 Jugendämtern 61 Fragebögen retourniert und fanden in der Auswertung Verwendung. Dabei wurde der erste, allgemeine Teil des Fragebogens weitgehend vollständig ausgefüllt; bei den dort angesprochenen Themen handelte es sich um Kontakte und Kooperationen mit Kriminalpolizei und Strafjustiz, um Problem- und Konfliktfelder in der Zusammenarbeit u.ä. Der zweite Teil des Fragebogens fokussierte auf Arbeitskreise zu Sexualdelikten: Für ihn kamen nur fünf ausgefüllte Fragebögen zurück, was auf die geringe Anzahl von Arbeitskreisen zu Sexualdelikten gegen Kinder in Österreich und nicht auf die fehlende Antwortbereitschaft der Jugendämter zurückzuführen ist.

Zwischen November 2009 und Mai 2010 erfolgten Interviews mit ExpertInnen: Acht Interviews fanden mit Mitgliedern von bestehenden Arbeitskreisen statt, die sich auf Bezirksebene (vier Arbeitskreise) oder Landesebene (einer) mit sexuellem Missbrauch von Kindern befassen und an denen die Kriminalpolizei beteiligt ist. (Arbeitskreise, bei denen die Staatsanwaltschaft oder StrafrichterInnen eingebunden sind, konnten in Österreich nicht erhoben werden.) Ergänzend wurden weitere drei Interviews mit ExpertInnen geführt, die nicht an entsprechenden Kooperationsbündnissen teilnehmen. Keiner der analysierten Arbeitskreise beschäftigt sich ausschließlich mit sexuellem Missbrauch von Kindern, drei haben Gewalt im Allgemeinen zum Thema, einer Gewalt gegen Kinder.

Was die Inhalte und Aufgaben der Arbeitskreise anlangt, steht die Verbesserung des Informations- und Wissensstandes an erster Stelle, gefolgt von der Vernetzung im engen Wortsinn, also dem gegenseitigen Kennenlernen und Kontakthalten. Aufklärungsmaßnahmen, die sich an die Fachkollegenschaft und an eine interessierte breitere Öffentlichkeit wenden, spielen eine vergleichsweise untergeordnete Rolle, Fallbesprechungen zum Zeitpunkt der Interviews gar keine. In Deutschland etwa bestehen andere inhaltliche Prioritäten: Zwar steht an erster Stelle ebenfalls das gegenseitige Kennenlernen und Kontakthalten, gefolgt aber von Fallbesprechungen, weiter der Verbesserung des Informations- und Wissenstands der Mitglieder und schließlich Präventionsmaßnahmen.

Als Ergebnis der nationalen Untersuchungen und eines Workshops mit Expertinnen wurde schließlich ein "Basismodell" interdisziplinärer Zusammenarbeit in Fällen von (sexueller) Gewalt gegen Kinder erarbeitet, das an die jeweiligen - teilweise stark unterschiedlichen - nationalen Erfordernisse angepasst werden kann.

Details zur Studie und ihren Ergebnissen finden sich als Download unter http://www.netzwerk-kooperation.eu (unter dem Menüpunkt CCC-Projekt) bzw. in:

Evelyn Dawid, Jutta Elz & Birgitt Haller (Hrsg.) (2010): Kooperation von öffentlicher Jugendhilfe und Strafjustiz bei Sexualdelikten gegen Kinder.
Reihe Kriminologie und Praxis, Band 60, Wiesbaden: KrimZ.

 

2010: Feasibility Study: National legislation on gender violence and violence against children

Länderbericht: Dr.in Birgitt Haller
Finanzierung: Europäische Kommission, Daphne III
Fertigstellung: Juni 2010
Download: Studie (PDF)

Diese breit angelegte Studie untersuchte in allen EU-Mitgliedstaaten die in Hinblick auf Gewalt gegen Frauen und Kinder sowie auf Gewalt in Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung der Opfer relevante Gesetzgebung. Auf der Grundlage eines Vergleichs der länderspezifischen Regelungen wurden einerseits rechtliche Mindeststandards für den EU-Raum identifiziert und andererseits Empfehlungen für verbesserte Gesetze zum Gewaltschutz, die in der EU als Standard etabliert werden sollten, erarbeitet.

2010: Begleitforschung zur Qualitätssicherung in der Prozessbegleitung

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Dr.in Evelyn Dawid
Finanzierung: Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend über
Bundeskoordinatorin für Prozessbegleitung
Fertigstellung: Januar 2010

Im Rahmen der Begleitforschung wurden zum einen die seit 2005 bestehenden Dokumentationen der Prozessbegleitung der im Kinder- und Jugendbereich tätigen Einrichtungen ausgewertet und im Zeitverlauf (2005 bis 2008) analysiert.

Zum anderen erfolgte eine qualitative Untersuchung zu Erfahrungen der KlientInnen im Strafverfahren, konkret zur Frage, welche Voraussetzungen erfüllt werden müssen, damit OpferzeugInnen ihre Erfahrungen bei Gericht gut verarbeiten können und so auch die Prozessbegleitung positiv abgeschlossen werden kann. 16 von ProzessbegleiterInnen zur Verfügung gestellte Fallbeispiele wurden dahingehend analysiert, was bei Gericht gut bzw. schlecht gelaufen war, welche Faktoren als unterstützend bzw. als belastend oder ängstigend erlebt wurden. Viele der dabei angesprochenen Themenfelder werden seit Jahren immer wieder von PraktikerInnen aufgegriffen: die Bedeutung der schonenden Einvernahme, das Abschirmen und Beschützen der OpferzeugInnen vor einem Zusammentreffen mit dem Täter/ Tatverdächtigen, sehr lange Zeiträume zwischen Anzeige und kontradiktorischer Einvernahme / Anklageschrift / Hauptverhandlungstermin oder der Ausgang des Strafverfahrens gegen den Täter/ Tatverdächtigen. Die neuerliche Bestätigung der Bedeutung dieser Probleme sollte im Bereich der Strafjustiz als Impuls genutzt werden, entsprechende Maßnahmen zu setzen.

 

2009: Familienbericht 2009: Gewalt in der Familie

AutorInnen: Dr.in Birgitt Haller
Dr. Heinrich Kraus
Finanzierung:    Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend
Fertigstellung:    August 2009
Materialien:    5. Familienbericht 1999-2009 (Band II, Gesamtbericht)

Das Kapitel über "Gewalt in der Familie" des Familienberichts 2009 wurde von Birgitt Haller in Zusammenarbeit mit Heinrich Kraus, einem Mitarbeiter beim Anti-Gewalt-Training der Männerberatung Wien, verfasst.

 

2007: Prozessbegleitung

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Mag.a Veronika Hofinger (Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie)
Mag.a Maria Pohn-Weidinger
Finanzierung:    Bundesministerium für Justiz
Fertigstellung:    Mai 2007
Materialien:    Projektbericht

Seit 1. Januar 2006 besteht in Österreich ein gesetzlicher Anspruch auf Prozessbegleitung für Personen, die einer vorsätzlich begangenen Gewalttat oder einer gefährlichen Drohung ausgesetzt bzw. in ihrer sexuellen Integrität verletzt worden sein könnten, sowie für nahe Angehörige von Personen, deren Tod durch eine Straftat herbeigeführt worden sein könnte, und für andere Angehörige, die ZeugInnen der Tat waren. Prozessbegleitung umfasst die Unterstützung, Beratung und Begleitung dieser Personen in allen Phasen des Strafverfahrens. Das österreichische Modell der Prozessbegleitung sieht grundsätzlich eine zweifache Betreuung („duale Prozessbegleitung“) vor: einerseits die psychosoziale Unterstützung vor, während und nach polizeilichen und gerichtlichen Vernehmungen, andererseits die juristische Prozessbegleitung, also die rechtliche Beratung und Vertretung vor Gericht durch RechtsanwältInnen. Diese Leistungen werden bundesweit von Opferschutzeinrichtungen angeboten, die vom Bundesministerium für Justiz beauftragt und finanziert werden.

Der Hauptteil der Evaluierung basiert auf 79 zwischen April 2006 und März 2007 durchgeführten qualitativen Interviews. Befragt wurden Akteure aus allen Bereichen der Prozessbegleitung: psychosoziale und juristische ProzessbegleiterInnen, Leiterinnen und MitarbeiterInnen von Opferschutzeinrichtungen, VertreterInnen von Polizei, Justiz und Justizverwaltung sowie von Kinder- und Jugendanwaltschaften. Ergänzend konnten Interviews mit 13 erwachsenen Personen, die Prozessbegleitung in Anspruch genommen hatten, geführt werden. Diese Gespräche ermöglichten wichtige Einblicke in die Ängste und Schwierigkeiten, denen OpferzeugInnen im Rahmen eines Strafprozesses ausgesetzt sind, und verdeutlichten den hohen Stellenwert der Prozessbegleitung für Gewaltopfer.

Die Prozessbegleitung wurde in Österreich binnen kurzer Zeit erfolgreich implementiert und ist bei allen eingebundenen Berufsgruppen grundsätzlich akzeptiert. Im Zuge der Evaluierung wurden allerdings einige Problembereiche herausgearbeitet.

Der Zugang zur Prozessbegleitung ist nicht für alle gleichermaßen gewährleistet. Die lokale Konzentration der Opferschutzeinrichtungen in den größeren Städten bedeutet zum einen, dass am Land lebende KlientInnen nicht mit derselben Intensität betreut werden können, aber auch, dass das Angebot der Prozessbegleitung in ländlichen Regionen wohl weniger bekannt ist und entsprechend weniger nachgefragt wird. Darüber hinaus werden die einzelnen Opfergruppen unterschiedlich gut erreicht. Die am besten betreute Gruppe sind Opfer von Sexualstraftaten – und zwar sowohl Opfer im Kindes- und Jugendalter als auch Erwachsene. Im Fall von familiärer Gewalt wird als Effekt des aktiven Zugehens der Interventionsstellen auf die Klientinnen Prozessbegleitung ebenfalls häufig in Anspruch genommen. Aber bei allen anderen Straftaten, bei denen Opfer einen Anspruch auf Prozessbegleitung haben, stellt diese eine große Ausnahme dar. Schließlich fehlen für Personen mit besonderen Bedürfnissen teilweise spezifische Betreuungsangebote: etwa für MigrantInnen, aber auch für Personen mit körperlichen Behinderungen und psychischen Erkrankungen.

Die Information von Gewaltopfern über Prozessbegleitung erfolgt im Regelfall im Zuge der Anzeigeerstattung durch die Polizei. Da sich KlientInnen häufig erst sehr spät an Opferschutzeinrichtungen wenden, ist zu vermuten, dass die Polizei zu wenig über Aufgaben und Nutzen der Prozessbegleitung aufklärt. Darüber hinaus stellt die Exekutive – wie auch manche RichterInnen und StaatsanwältInnen – mitunter den Zweck der Strafverfolgung über die Opferschonung. Sowohl bei der Polizei als auch bei der Justiz muss durch intensive Fortbildungsmaßnahmen die Bedeutung des Opferschutzes stärker vermittelt werden.

Derzeit besteht ein Rechtsanspruch auf Prozessbegleitung ausschließlich im Strafverfahren, was einige ProzessbegleiterInnen kritisierten und ihre Ausdehnung auf zivilrechtliche Verfahren zur Durchsetzung der Schadenersatzansprüche von OpferzeugInnen forderten: Eine umfassende rechtliche Vertretung könne sich nicht auf die bloße Zuerkennung eines Anspruchs beschränken, der erfahrungsgemäß in den meisten Fällen exekutiert werden müsse. Das Bundesministerium für Justiz plant die Umsetzung dieser Forderung.

Eine essentielle Voraussetzung für eine funktionierende Prozessbegleitung, die auch tatsächlich den Opferschutz erhöht, ist schließlich die Vernetzung. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen institutionellen Akteuren ist aus Sicht der ProzessbegleiterInnen nicht nur auf der Einzelfallebene notwendig, sondern es bedürfe darüber hinaus eines kontinuierlichen fallunabhängigen Austauschs, um einerseits einen stärkeren Ausbau von Opferrechten zu forcieren, andererseits aber auch ein besseres Verständnis der Arbeitsanforderungen und Ansprüche der jeweils anderen beteiligten Akteure zu erreichen. Obwohl auf Bundes- wie auf Länderebene zahlreiche Initiativen zur Vernetzung bestehen, empfanden Opferhilfeeinrichtungen die Etablierung von Kooperationen insbesondere im Bereich der Justiz häufig als schwierig. Auch auf diesen Kritikpunkt hat die Justizverwaltung bereits reagiert und die Durchführung von Vernetzungstreffen angekündigt.

 

2006: Kosten häuslicher Gewalt in Österreich

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Evelyn Dawid
Dr.in Birgitt Haller
Konsulentin: Univ.Prof. Dr.in Gudrun Biffl, WIFO
Finanzierung:    Bundesministerium für Justiz
Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz
Fertigstellung:    Juni 2006
Materialien:    PDF-Download

78 Millionen Euro betragen die Kosten, die pro Jahr in Österreich durch familiäre Gewalt entstehen - sowohl durch Gewalt von Männern gegen Frauen als auch durch häusliche Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Die Studie berücksichtigt dabei sämtliche verfügbaren Zahlen - die aber mangels zahlreicher Statistiken und Kostenaufstellungen keineswegs vollständig sind. Lücken wurden durch wissenschaftlich fundierte Schätzungen überbrückt, die aus den vorhandenen Teilzahlen sorgfältig hochgerechnet wurden. Kosten konnten in den Bereichen Polizei, Justiz, Sozialhilfe, Arbeit, Gesundheit und soziale Einrichtungen eruiert werden.

 

2005: Gewalt gegen Kinder

Projektleitung: Dr.in Birgitt Haller
Durchführung: Dr.in Birgitt Haller
Mag.a Karin Stögner
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    November 2005

Diese Studie zum Gewaltschutzgesetz beabsichtigte, die Situation von gewaltbetroffenen Kindern und Jugendlichen stärker in das Blickfeld zu rücken. Die durchgeführten Erhebungen umfassten mehrere Ebenen:

  • Die bereits im Rahmen der "Folgestudie zur Evaluierung des Bundesgesetzes zum Schutz gegen Gewalt in der Familie" 2002 durchgeführte Auswertung der Statistiken der Interventionsstellen betreffend Gewalt gegen Minderjährige wurde bis 2004 ergänzt.

  • Bei den Interventionsstellen Wien und Steiermark erfolgte eine Auswertung sämtlicher Akten aus dem Jahr 2004, die einerseits minderjährige Gewaltopfer und andererseits minderjährige Gewalttäter betrafen.

  • Es wurden Interviews mit insgesamt 13 VertreterInnen von Jugendämtern, sowohl auf der Leitungsebene als auch mit SozialarbeiterInnen, durchgeführt. Einbezogen wurden diejenigen Standorte, die bereits 1998/99 im Zuge der Erstevaluierung des Gewaltschutzgesetzes untersucht worden waren, sowie zusätzlich, um ländliche Regionen stärker zu berücksichtigen, ein niederösterreichischer Bezirk.

  • Abschließend erfolgten Interviews mit Mitarbeiterinnen der Interventionsstellen in den vier Bundesländern, in denen die untersuchten Jugendämter angesiedelt sind.

Im Vergleich zu 1999, dem Zeitpunkt der Erstevaluierung, sind die Jugendämter in den Untersuchungsregionen deutlich sensibler gegenüber der Situation von gewaltbetroffenen Frauen und Minderjährigen. Dies zeigt sich etwa an der erhöhten Akzeptanz gegenüber der Einstweiligen Verfügung, die nicht nur in Interviews geäußert wurde, sondern sich auch in der Statistik des Bundesministeriums für Justiz widerspiegelt. Gleichzeitig stößt die Jugendwohlfahrt - wie auch die Interventionsstellen - hinsichtlich der Betreuung von gewaltbetroffenen Minderjährigen an finanzielle Grenzen. Beide Einrichtungen sind nicht mit genügend Ressourcen ausgestattet, um adäquate Unterstützung anbieten zu können.

Abgesehen von diesem strukturellen Problem bestehen auch personenabhängige Defizite. Dies betrifft nicht nur die Jugendämter, sondern auch die Polizei und vermutlich die Familiengerichte (die nicht Gegenstand der Untersuchung waren). Eine starke subjektive Komponente zeigt sich etwa dann, wenn manche Jugendämter wegen des fehlenden Schutzes für die Kinder keine EV gegen den Willen der Mutter beantragen wollen, andere aber das Problem lösen, indem sie eine Sozialarbeiterin oder die Polizei häufiger Kontrollbesuche bei der Familie durchführen lassen.

Mit Blick auf die Polizei wurde in den Jugendämtern mehrfach kritisiert, dass Streitschlichtungen statt Maßnahmen nach dem Gewaltschutzgesetz erfolgten und diese Entscheidungen nicht nachvollziehbar seien. Da die Gründe dafür - wie auch SozialarbeiterInnen vermuteten - zumindest zum Teil in einer Überforderung der BeamtInnen durch den Umgang mit gewaltbetroffenen Kindern zu suchen sind, ist es dringend notwendig, Schulungen zu diesem Thema breit anzubieten. Ebenso problematisch ist eine anscheinend in ländlichen Regionen bestehende Tendenz, gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder in ein Frauenhaus zu bringen. Dies mag in Einzelfällen zur Erhöhung des Schutzes notwendig sein, es könnte aber auch auf eine ungenügende Annahme des Gewaltschutzgesetzes verweisen. Defizite aus Sicht der Interventionsstellen sind vor allem die geringe Zahl von zugunsten von Minderjährigen erlassenen Betretungsverboten und die Gefahr der Traumatisierung von Kindern im Zuge des polizeilichen Einschreitens, der mit einer spezifischen Ausbildung der BeamtInnen begegnet werden sollte.

Was die Familiengerichte betrifft, wurden in einigen Interviews Probleme angesprochen. So scheinen manche RichterInnen vor der Entscheidung über eine EV nicht nur beide Parteien, sondern auch Kinder anzuhören. Auch die mehrfach erwähnten Abweisungen von EV-Anträgen, die vom Jugendamt gestellt worden waren, könnten auf eine unzulängliche Praxis an manchen Gerichten hinweisen. Eine eingehende bundesweite Analyse der Entscheidungen über Einstweilige Verfügungen, die etwa auch Antragstellungen ohne ein vorhergehendes Betretungsverbot umfasst, fehlt nach wie vor.

 

2004: Außenstellen der Interventionsstellen Oberösterreich und Niederösterreich - eine erste Einschätzung von Erfolgen und Bedürfnissen

Projektleitung: Dr. Birgitt Haller
Durchführung: Dr. Birgitt Haller
Mag.a Karin Bischof
Finanzierung:    Interventionsstellen Oberösterreich und Niederösterreich
Fertigstellung:    Januar 2004


Die beiden Interventionsstellen in Oberösterreich und Niederösterreich betreiben seit 2001 eine Außenstelle: in Freistadt bzw. in Zwettl. Es wurden Interviews einerseits mit gewaltbetroffenen Klientinnen der beiden Außenstellen geführt, um spezifische Bedürfnisse dieser Personengruppe zu erheben, sowie andererseits mit jeweils örtlich zuständigen Gendarmeriebeamten, um deren Umgang mit dem Gewaltschutzgesetz zu untersuchen.

Die Annahme, dass durch die Regionalisierung der Interventionsstellen Anlaufstellen für Frauen geschaffen werden, die den Weg in die Zentralstelle nicht finden würden, hat sich in den Interviews bestätigt. Das gilt nicht nur für ältere Frauen oder Frauen, die aus anderen Gründen - wie z.B. Krankheit - kaum mobil sind, sondern es zeigte sich auch, dass Frauen, die nicht gewohnt sind, sich in einer Stadt zu bewegen, Angst davor haben und einen solchen Schritt kaum unternehmen. Außerdem haben viele IST-Klientinnen wenig Erfahrungen mit Amtswegen und Bürokratie, möglicherweise ist das am Land ein größeres Problem als in der Stadt. Des weiteren war auffällig, wie wenig die Existenz und das Tätigkeitsfeld der IST trotz der bereits fast sieben Jahre dauernden Geltung des Gewaltschutzgesetzes bekannt war. Die optische und auch mediale Präsenz von Außenstellen trägt sicherlich zu einem besseren Informationsstand der Bevölkerung bei. Es wäre daher sinnvoll, im gesamten Bundesgebiet (und gerade in den flächenmäßig größten Bundesländern) Außenstellen einzurichten, um Gewaltbetroffenen möglichst breit Unterstützung anbieten zu können.

Die zweite Annahme, dass nämlich durch die Einrichtung von IST-Außenstellen GendarmeriebeamtInnen vor Ort stärker für die Wahrnehmung von familiärer Gewalt sensibilisiert werden, ist differenziert zu beantworten. Entsprechend den Ergebnissen der Erstevaluierung des Gewaltschutzgesetzes hat sich gezeigt, dass bei der Exekutive die Haltung der Vorgesetzten zum Gewaltschutzgesetz bzw. interne Vorgaben und Kontrollen essentiell sind für die Gesetzesvollziehung. Daher hat die bloße Existenz einer Außenstelle vermutlich wenig Auswirkungen auf die Anwendung des Gesetzes. Die Chance einer Außenstelle besteht allerdings darin, verstärkte Kontakte auf der regionalen Ebene aufzubauen, Überzeugungsarbeit zu leisten und damit die Exekutive stärker in die Pflicht zu nehmen. Die Finanzierungssituation der Außenstellen im Mühl- und im Waldviertel ermöglichte es allerdings nicht, in diesem Bereich intensiver tätig zu werden, dafür bedürfte es einer deutlichen Mittelaufstockung von Seiten der öffentlichen Hand

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2004: Gewaltprävention in der Schule

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr. Birgitt Haller
Mag.a Karin Stögner
Finanzierung:    Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Sektion V;
MA 57 / Frauenbüro der Stadt Wien
Fertigstellung:    April 2004
Materialien:    PDF-Download

Das Forschungsprojekt umfasste zwei Teile: Zum einen erfolgte im November/Dezember 2003 eine Literaturrecherche im Internet, in deren Rahmen Daten zu schulischer Gewalt sowie nationale und internationale Modelle/Aktivitäten erhoben wurden, die als Maßnahmen gegen Gewalt in der Schule bzw. generell zur Förderung der Sensibilisierung gegenüber Gewalt entwickelt und erprobt wurden. Das Spektrum dieser Maßnahmen reicht von (Peer-)Mediation über Schulentwicklungsprozesse und der Aufstellung von Schulregeln bis zu spezifischen Anti-Gewalt-Programmen. Konkrete Projektbeschreibungen bzw. Evaluierungen, die detailliert auf Rahmenbedingungen, Erfolge und Probleme eingehen, waren allerdings nur in wenigen Fällen zu finden.

Im Anschluss an die Literaturrecherche wurden Interviews mit ExpertInnen aus dem Raum Wien zum Thema Gewalt in der Schule durchgeführt. Im Mittelpunkt des Interesses standen dabei Wahrnehmungen zur Gewaltentwicklung und zu geschlechtsspezifischen Unterschieden, sowie Erfahrungen mit verschiedenen Modellen der Gewaltprävention und der Umgang mit Gewalt in der Schule durch die Familie.

Die Mehrzahl der InterviewpartnerInnen vertrat die Ansicht, dass Gewalt unter Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten nicht zugenommen habe, aber gleichzeitig wurde festgestellt, dass Gewalthandlungen brutaler geworden seien. Körperliche Gewalt sei allerdings in erster Linie bei Jüngeren zu beobachten; ab dem Alter von 14, 15 Jahren würde die Gewalt dann subtiler. Alle GesprächspartnerInnen stellten geschlechtsspezifische Unterschiede im Gewaltverhalten fest. So würden Mädchen etwa deutlich seltener als Burschen körperliche Gewalt anwenden und dies v.a. zu ihrer Verteidigung. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass von Mädchen ausgeübte Gewalt subtiler und weniger sichtbar sei, was dazu führen könne, dass ihre Probleme nicht erkannt würden und ihnen daher seltener Unterstützung angeboten werde.

Als Hintergründe von Gewalt wurden eine durchgängige "Alltagsverrohung", eine kinderfeindliche soziale Umwelt, hilfloses und inkonsequentes Erziehungsverhalten, die verharmlosende Darstellung von Gewalt in den Medien, aber auch die Zunahme von sozialen Problemen, die Druck erzeugten, genannt. Häufig wurde in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Schule, v.a. wegen der häufigen Disziplinierung durch Notendruck, problematisiert bzw. personale Gewalt durch LehrerInnen angesprochen. Dabei komme es insbesondere zu psychischen Misshandlungen, wobei vielen Lehrkräften ihr Verhalten nicht bewusst sei. Auch übergriffige, sexuell konnotierte Äußerungen von Lehrern und das "Begrabschen" von Mädchen wurden mehrfach berichtet. Gewalt von SchülerInnen gegen LehrerInnen beschränke sich den Beobachtungen der InterviewpartnerInnen zufolge auf verbale und psychische Gewalt, diese habe allerdings zugenommen.

Die Ergebnisse der ExpertInneninterviews verweisen darauf, dass Gewalt in der Schule durchaus ernst zu nehmen ist - und zwar in beiden Aspekten: als Gewalt von Seiten von Kindern und Jugendlichen sowie als Gewalt von Lehrpersonen bzw. als institutionelle Gewalt seitens der Schule.

 

2002: Folgestudie zur Evaluierung des Bundesgesetzes zum Schutz vor Gewalt in der Familie

Projektleitung:    Dr. Birgitt Haller
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Mag. Katrin Auer
Mag. Barbara Liegl
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    Juli 2002

Während die Erstevaluierung des Gewaltschutzgesetzes, die im Mai 1999 abgeschlossen wurde, als Überblick über die Implementierung des Gesetzes angelegt war, fokussierte die Folgestudie auf Problembereiche bzw. auf Bereiche, bei denen sich Änderungen gegenüber der ersten Erhebung ergeben hatten. Im einzelnen waren das:

  • die längerfristigen Effekte von Polizeiinterventionen auf die Gewaltbeziehung

  • der Umgang der Strafjustiz mit Gewalt in der Familie

  • die Täterarbeit

  • die Situation von Migrantinnen und

  • Gewalt gegen Kinder.

In der Folge sollen kurz einige zentrale Ergebnisse resümiert werden.

Längerfristige Effekte auf die Gewaltbeziehung

Um die längerfristigen Effekte der Polizeiinterventionen auf die Gewaltbeziehung zu erheben, wurden 22 Frauen befragt, die von ihren (Ex-)Partnern bedroht oder angegriffen worden waren. Fast zwei Drittel von ihnen waren bereits im Rahmen der Erstevaluierung des Gewaltschutzgesetzes befragt worden, so dass von ihnen Interviews in einer Zeitreihe vorlagen. Mehr als die Hälfte der Befragten war zum Zeitpunkt des zuletzt mit ihnen geführten Interviews vom Ehe-/Lebenspartner geschieden oder getrennt, bei den übrigen war etwa gleich häufig ein Scheidungsverfahren anhängig bzw. die Beziehung noch aufrecht. Die Mehrzahl der Frauen, die weiterhin mit ihrem Partner lebten, berichteten über neuerliche Gewalterfahrungen, aber sie hatten nicht die Kraft für eine Trennung, konnten sich aus Angst vor dem Partner nicht lösen bzw. waren von ihren Partnern ökonomisch abhängig.

Ein Drittel der Befragten äußerte sich dezidiert positiv über das Gewaltschutzgesetz bzw. über die Folgen von Wegweisung/Betretungsverbot. Einerseits zeigten die Interventionen der Exekutive Wirkung auf die gewalttätigen Männer, die verstanden hätten, dass sie in Folge neuerlicher Übergriffe mit Bestrafung rechnen müssten. Andererseits stärkten Wegweisung/Betretungsverbot die Selbstsicherheit der Frauen, weil sie es gewagt hatten, mit ihren Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen, bzw. war ein Betretungsverbot die notwendige Rahmenbedingung für Frauen, um in Ruhe eine Entscheidung zu treffen.

Deutlich wurde bei den Interviews auch die zentrale Rolle, die den Interventionsstellen im Gewaltschutz zukommt. Mehrere Frauen trennten sich nicht nach der ersten Polizeiintervention, waren mit weiteren Übergriffen konfrontiert und erst die neuerliche Verhängung von WW/BV gab den Anstoß für die Trennung. Sie erklärten dies mit Entwicklungsschritten, die notwendig gewesen seien, um die Gewaltspirale zu durchbrechen, und genau dieses empowerment wird von den Interventionsstellen geleistet.

Strafjustiz

Ein Gutteil der Strafverfahren in Zusammenhang mit Gewalt in der Familie wird eingestellt. Die Auswertung der Tagebücher der Staatsanwaltschaften Wien und Salzburg aus dem ersten Halbjahr 2001 ergab, dass bei rund jeder zweiten Körperverletzungsanzeige eine Verfahrenseinstellung erfolgte, rund ein Drittel der Verfahren wurde diversionell erledigt und bei durchschnittlich jedem siebten wurde ein Strafantrag gestellt. Nur jede dritte Einstellung erfolgte auf Grund der Zeugnisentschlagung des Opfers; häufig kam es wegen der "mangelnden Strafwürdigkeit der Tat" zu einer Einstellung. Beim Verdacht der gefährlichen Drohung wurden mehr als 60 Prozent der Verfahren eingestellt, in rund jedem siebten Fall wurde diversionell vorgegangen, und zu etwa einem Viertel erfolgten Strafanträge.

Die wichtigste Diversionsmaßnahme bei familiärer Gewalt war im Jahr 2000 bundesweit der Außergerichtliche Tatausgleich (ATA) mit einem Anteil von fast zwei Dritteln, an zweiter Stelle lag mit rund 17 Prozent die Verhängung einer Geldbuße. Die Auswertung von Tagebüchern der Staatsanwaltschaften Wien und Salzburg ergab, dass der ATA bei Fällen von familiärer Gewalt in Wien einen Anteil von rund drei Vierteln und in Salzburg von fast 90 Prozent aller Diversionsmaßnahmen erreichte. Die übrigen Diversionsfälle konzentrierten sich auf Geldbußen bzw. das Aussprechen von Probezeiten ohne Zusatz, wobei Geldbußen vor allem in Wien verhängt wurden.

Die Mehrheit der befragten ExpertInnen äußerte sich grundsätzlich auch beim Vorliegen von familiärer Gewalt dem ATA gegenüber trotz vereinzelter Kritikpunkte positiv. Anders die Haltung der Interventionsstellen in Wien und in Salzburg: Ihnen zufolge sollten in Fällen von familiärer Gewalt in erster Linie Strafverfahren durchgeführt werden und ein ATA nur dann in Betracht kommen, wenn klar sei, dass das Opfer vor Gericht nicht aussagen wolle.

Täterarbeit

Die Evaluierung der Täterarbeit der Wiener Männerberatungsstelle basiert auf Interviews mit den dortigen Projektverantwortlichen, mit Vertreterinnen der Wiener Interventionsstelle sowie mit Gewalttätern und deren Partnerinnen. Zum Zeitpunkt der Untersuchung wurde das Trainingsprogramm bereits zum dritten Mal durchgeführt (Beginn: Januar 2002).

In das Täterprogramm sollen vorwiegend Klienten aufgenommen werden, die im Zuge von Diversionsmaßnahmen, mittels einer gerichtlichen Auflage oder Weisung bzw. einer schriftlichen Vereinbarung z.B. mit dem Jugendamt zugewiesen werden. Vor der Aufnahme in die Gruppe finden ein Erstgespräch mit den Projektverantwortlichen und im Anschluss daran eine Anamnese statt, um abzuklären, ob der Mann für die Trainingsteilnahme motiviert bzw. motivierbar und gruppenfähig ist. In dieser Vorphase ist weiters ein Gespräch mit der Partnerin des Mannes vorgesehen, um sie über Inhalte und Ziele des Trainings zu informieren sowie genauere Informationen über die Gewalttätigkeit des Mannes zu erfragen. Bei dieser Gelegenheit werden die Frauen auch auf die Tätigkeit der Interventionsstelle und auf die Notwendigkeit von Sicherheitsmaßnahmen während des Trainings hingewiesen. Da sich der Kontakt mit den Partnerinnen häufig schwierig gestaltet, ist es essentiell, dass bei Beginn wie auch während des Trainingsprogramms ein Austausch der Projektverantwortlichen mit der zuweisenden Institution erfolgt. Nach Abschluss des Trainings erfolgen in größeren Zeitabständen Einzelgespräche mit allen Absolventen, die der Sicherung des gelernten Verhaltens dienen sollen.

Das Anti-Gewalt-Training wurde von den interviewten ATA-MitarbeiterInnen für ihre Klientel als zu hochschwellig empfunden. Längerfristig wäre daher zu überlegen, ob ein vielfältigeres Angebot durch die Männerberatung möglich ist, allerdings unter der Voraussetzung, dass Alternativmaßnahmen ähnlich positive Effekte wie das bestehende Trainingsprogramm zeitigen.

Migrantinnen

Während zum Zeitpunkt der Erstevaluierung Migrantinnen unter der Klientel der Interventionsstellen deutlich unterrepräsentiert waren, wiesen bei der Folgeuntersuchung sämtliche IST einen im Vergleich mit den Bevölkerungszahlen deutlich überhöhten Migrantinnenanteil an ihrer Klientel aus, der vermutlich deren realer Gewaltbetroffenheit entspricht. Noch stärker als bei den IST sind Migrantinnen allerdings in den Frauenhäusern überrepräsentiert. Von befragten Expertinnen wurde mehrfach vermutet, dass Migrantinnen Zuflucht in den Frauenhäusern suchen müssten, weil das Gewaltschutzgesetz bei ihnen nicht greife. Als Gründe dafür wurden Sprachprobleme, soziale Isolation, Unkenntnis über das Gesetz und Ängste vor einem Einschreiten der Polizei genannt. Vermutet wurde aber auch ein Überfordert-Sein der Exekutive, die gerade bei MigrantInnen Gewalt nicht erkenne und eher zu Streitschlichtungen greife. Ein weiteres Problem wurde darin gesehen, dass ExekutivbeamtInnen die Verhängung eines Betretungsverbotes "im Nachhinein" häufig verweigern würden, so dass Frauen, die als erste Reaktion ein Frauenhaus aufsuchen, kaum eine Chance auf ein Betretungsverbot hätten und im Frauenhaus verbleiben müssten.

Festzuhalten ist, dass Migrantinnen neben personaler Gewalt zusätzlich struktureller Gewalt ausgesetzt sind: durch das Aufenthalts- und Beschäftigungsrecht, durch den Ausschluss von Sozialleistungen, durch fehlende oder geringe Sprachkenntnisse. Wenn eine fehlende rechtliche Absicherung in der neuen Heimat und Existenzängste Migrantinnen den Weg zur Polizei verunmöglichen, können diese Frauen letztlich aus der Gewaltspirale nicht ausbrechen. Nach dem Verlassen des Frauenhauses bleibt ihnen häufig nur der Weg zurück zum Gewalttäter. Vor diesem Hintergrund fordern die IST seit Jahren ein eigenständiges Aufenthalts- und Beschäftigungsrecht für Migrantinnen.

Kinder

Bei der Schaffung des Gewaltschutzgesetzes stand Gewalt gegen Frauen im Vordergrund, nicht Gewalt gegen Kinder - dies hat zur Folge, dass der Gewaltschutz für Frauen besser funktioniert als für Kinder. Von der Exekutive werden Betretungsverbote fast ausschließlich zugunsten von gefährdeten Frauen verhängt, kaum zugunsten von (ebenfalls) gewaltbetroffenen Kindern, und die Jugendwohlfahrt nutzt nach wie vor in sehr geringem Ausmaß das Instrument der Einstweiligen Verfügung zum Schutz von Kindern.

Die Statistiken der Interventionsstellen weisen österreichweit für Familien, in denen die Mutter misshandelt wird, eine durchschnittliche Gewaltbelastung der Kinder von rund 25 Prozent bei direkter Gewalt und von 60 Prozent bei mittelbarer, miterlebter Gewalt aus. Die interviewten gewaltbetroffenen Mütter gaben zu zwei Dritteln an, dass ihre Partner auch gegen die Kinder Gewalt angewendet hätten, und zwar zu jeweils gleichen Teilen körperliche bzw. psychische Gewalt.

Die Gesprächspartnerinnen aus der Wiener MAG ELF wiesen darauf hin, dass sich die Haltung ihrer Behörde gegenüber dem Gewaltschutzgesetz seit dessen Inkrafttreten geändert habe: Kinder seien aus der Sicht des Jugendamts von familiärer Gewalt immer mitbetroffen und die Behörde müsse daher in solchen Fällen tätig werden. Die geringe Zahl der Anträge auf Gewaltschutz-EVs wurde damit erklärt, dass die Antragstellung nur dann sinnvoll sei, wenn diese Maßnahme von der Mutter mitgetragen werde.

 

1999: Begleitstudie zur Implementierung des Bundesgesetzes zum Schutz vor Gewalt in der Familie

Projektleitung:    Dr. Birgitt Haller
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Dr. Regina Dackweiler
Mag. Brigitte Halbmayr
Mag. Barbara Liegl
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    Mai 1999

Das Forschungsprojekt setzt an drei unterschiedlichen Ebenen an: Zunächst wurden in acht ausgewählten Untersuchungsregionen 1.074 Einschreitungen von Polizei und Gendarmerie bei Gewalt in der Familie im Zeitraum Mai 1997 bis Oktober 1998 quantitativ ausgewertet. Diese Einschreitungen umfassen Streitschlichtungen, Wegweisungen/Rückkehrverbote (WW/RKV) und (teilweise) Strafanzeigen. Damit konnten generalisierbare Aussagen etwa über die Sozialdaten der gefährdeten Personen und Gefährder, über die genaueren Umstände des Einschreitens oder über die Häufigkeit von Einstweiligen Verfügungen getroffen werden. Parallel dazu wurden in denselben Untersuchungsregionen Interviews mit 25 gefährdeten Personen und sieben Gefährdern durchgeführt; nach Möglichkeit erfolgten nach einigen Monaten Zweitgespräche, um längerfristige Effekte der Interventionen zu erheben. Ziel dieses Untersuchungsschrittes war es, insbesondere die Zufriedenheit mit den gesetzten Maßnahmen und deren Nachhaltigkeit zu erheben. Schließlich wurden in allen Untersuchungsregionen Interviews mit VertreterInnen der institutionellen Akteure, die in den Interventionsprozess eingebunden sind, durchgeführt. Damit sollten die jeweiligen Vorgangsweise und die Interaktionen der verschiedenen Akteure bei der Vollziehung des Gewaltschutzgesetzes deutlich gemacht und einer Bewertung hinsichtlich ihrer Effektivität zugänglich gemacht werden.

Datenauswertung

Die Einschreitungen - worunter sowohl Streitschlichtungen als auch WW/RKV fallen - erfolgten zu zwei Dritteln durch die Polizei und zu einem Drittel durch die Gendarmerie - diese Aufteilung entspricht in etwa den Bevölkerungszahlen, für die die beiden Wachkörper in unserer Untersuchung zuständig sind. Dabei gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeiten der Einschreitungen, die nicht auffällig entlang der Linie Polizei vs. Gendarmerie verlaufen.

Durchschnittlich wurde in 52 Prozent aller Fälle mit einer Streitschlichtung vorgegangen, in 43 Prozent mit WW/RKV und in 5 Prozent ausschließlich mit einer Strafanzeige. Hierbei werden allerdings Unterschiede zwischen den Wachkörpern deutlich: Bei der Polizei stehen WW/RKV und Streitschlichtungen in einem Verhältnis von 3:2, bei der Gendarmerie nur von 1:6.

Fast die Hälfte aller Einschreitungen erfolgte bei Ehepaaren, ein Viertel bei Beziehungspartnern. Drei Viertel aller Interventionen betrafen also aufrechte Partnerschaften, zehn Prozent ehemalige Partnerschaften und zehn Prozent Eltern-Kind-Beziehungen. Neun von zehn gefährdeten Personen sind Frauen. Der Großteil von ihnen - nämlich fast zwei Drittel - ist zwischen 25 und 44 Jahre alt und ist als Arbeiterin oder Angestellte beschäftigt (jeweils etwa jede fünfte). Etwa jede fünfte gefährdete Person ist eine Migrantin, die Hälfte von ihnen stammt aus Ex-Jugoslawien. In fast jedem zweiten betroffenen Haushalt leben Kinder, die bei rund sechs Prozent aller Vorfälle auch direkt bedroht oder angegriffen wurden.

Rund neun von zehn Gefährdern sind Männer. Sie sind etwa gleich alt wie die von ihnen gefährdeten Personen, jeder zweite ist als Arbeiter bzw. Fach-/Vorarbeiter beschäftigt. Fast jeder fünfte ist arbeitslos. Bei WW/RKV sind sogar 55 Prozent der Gefährder Arbeiter und jeder vierte ist arbeitslos. Fast ein Viertel der Gefährder sind Ausländer; unter ihnen machen Ex-Jugoslawen mit 42 Prozent die größte Gruppe aus; Türken sind im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil unterrepräsentiert.

Extrem häufig spielt Alkohol bei diesen Vorfällen eine Rolle: Bei jedem dritten Einschreiten war der Gefährder alkoholisiert, bei jedem zehnten die gefährdete Person. In acht Prozent aller Fälle wurde eine Alkoholisierung beider Konfliktpartner festgestellt. Bei WW/RKV war sogar in 56 Prozent aller Vorfälle der Gefährder alkoholisiert.

Nur jede zehnte Intervention, aber jede vierte WW/RKV führt dazu, dass von der gefährdeten Person eine Einstweilige Verfügung beantragt wird. Unter den Frauen, die eine EV beantragt haben, sind Arbeiterinnen und Angestellte leicht unterproportional vertreten, Selbständige/Freiberuflerinnen, Hausfrauen und Pensionistinnen dagegen leicht überproportional. Migrantinnen sind unter den Antragstellerinnen unterdurchschnittlich vertreten. Im Untersuchungszeitraum wurde nur einem Antrag auf EV nicht stattgegeben, allerdings wurden einige noch vor der Beschlussfassung zurückgezogen.

Bei einem Viertel aller Vorfälle wurde die gefährdete Person verletzt. Strafanzeigen wurden vor allem wegen Körperverletzung und gefährlicher Drohung erstattet, wobei bei letzteren teilweise keine Ermächtigung zur Strafverfolgung erteilt wurde. Fast die Hälfte aller Verfahren wurde eingestellt, zu einem Drittel ergingen Schuldsprüche.

Wenn Frauen die Gefährderin waren, führten diese Vorfälle fast ausschließlich zu Streitschlichtungen - ausschließlich in Graz wurden WW/RKV gegen Frauen verhängt. Ob Übergriffe von Frauen weniger schwerwiegend als die von Männern sind, oder ob die Exekutive weniger zu schwerwiegenden Maßnahmen greift, kann hier nicht beurteilt werden. Frauen hatten in erster Linie Auseinandersetzungen mit ihren Männern, aber auch Konflikte mit Müttern bzw. Töchtern waren relativ häufig. Die am stärksten vertretene Altersgruppe sind nicht die 30-Jährigen, sondern die 50- bis 54-Jährigen.

Interviews

Wichtig war für die gefährdeten Personen, dass sich die einschreitenden BeamtInnen bei der Intervention korrekt verhielten, dass sie sorgfältig über die Folgen der Maßnahmen informiert wurden und dass ihre Wünsche bezüglich der zu setzenden Maßnahmen berücksichtigt wurden. Zufriedenheit mit dem nachhaltigen Ergebnis der Intervention war vor allem dann gegeben, wenn die verhängten Maßnahmen nicht die persönlichen Pläne der gefährdeten Person durchkreuzten.

Streitschlichtungen wurden in einer Vielzahl der Fälle von den gefährdeten Personen nicht als probates Problemlösungsinstrument angesehen, da diese Maßnahme die Gefährder in ihrer Handlungsweise eher bestärkte bzw. ihnen das Gefühl vermittelte, dass man ihnen nichts anhaben könne. Maßnahmen nach § 38a SPG brachten im Unterschied dazu gelegentlich eine Signalwirkung mit sich, die entweder den Gefährdern ihr Fehlverhalten verdeutlichte, oder den gefährdeten Personen bewusst machte, dass sie den ohnehin schon in vager Form vorhandenen Wunsch bezüglich Trennung/Scheidung vollziehen sollten.

Der Großteil der gefährdeten Personen empfand das Einschreiten der Polizei/Gendarmerie als akute Stütze und deeskalierend. Gemischtgeschlechtliche Einsatzteams wurden von den gefährdeten Personen tendenziell als unparteiisch erlebt, männliche einschreitende Beamte dagegen meist als zu ihren Gunsten parteilich und damit unterstützend. Manche gefährdete Personen waren allerdings mit dem Verhalten der einschreitenden BeamtInnen nicht zufrieden. Die Beschwerden konzentrierten sich auf die untersuchten Gendarmeriegebiete, wo die kleinräumigen Strukturen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Betroffene und einschreitende BeamtInnen einander zumindest vom Sehen kennen. Die gefährdeten Frauen hatten in diesen Gebieten das Gefühl, dass sich die männlichen Beamten auf die Seite der Gefährder stellten und den Frauen zu verstehen geben wollten, dass sie an ihrer Situation selbst schuld seien bzw. dass man ihnen keinen Glauben schenkte.

Nur wenige Gefährder zeigten Schuldeinsicht. Dies wird ersichtlich durch ihre mangelnde Bereitschaft, Verletzungen zuzugeben, die sie den gefährdeten Personen zugefügt hatten. Bei Streitschlichtungen waren die Gefährder zwar teilweise bereit einzugestehen, dass ihnen die Vorfälle leid getan hätten, aber ein Schuldbekenntnis legten sie nicht ab. In der Folge von Maßnahmen nach § 38a SPG reagierten viele Gefährder zunächst wütend, manche waren aber zumindest einige Tage nach der Intervention bereit, ihre Frauen um Verzeihung zu bitten und dadurch teilweise ihre Schuld einzugestehen.

Die Frauen waren fast durchwegs mit der rechtlichen und psychologischen Betreuung durch die Interventionsstellen äußerst zufrieden. Viele Frauen sprachen davon, dass ihre Erwartungen bezüglich der Beratung und Hilfestellung durch diese Stellen übererfüllt wurden. Auch die Frauenhäuser wurden positiv beurteilt, da sie den Frauen durchwegs den erwarteten Schutz und die erhoffte Sicherheit bieten konnten. Die Betreuung von Migrantinnen durch diese Frauenberatungsstellen gestaltet sich besonders schwierig, weil diese entweder schlecht über Interventionsstellen und Frauenhäuser informiert sind oder die Befürchtung haben, dass die Mitarbeiterinnen ihre Situation aus kulturellen Gründen nicht verstehen würden. Diese Probleme weisen darauf hin, dass die Beschäftigung von muttersprachlichen Beraterinnen in Frauenberatungsstellen essentiell ist. Die Bewertung der Jugendämter durch die Mütter fiel im Vergleich zu den Frauenhilfseinrichtungen etwas schlechter aus, da sich einige Frauen nicht unterstützt oder falsch informiert sahen.

Mit dem Gewaltschutzgesetz konnte die Zielvorgabe, die Unterbrechung der Gewaltspirale durch die Entfernung des Gewalttäters sowie die Stärkung und Unterstützung des Gewaltopfers durch die Interventionsstellen, jedenfalls erreicht werden - darüber besteht Konsens bei allen befragten Personen, sei es bei den von Gewalt betroffenen Frauen, sei es bei den VertreterInnen der in den Gewaltschutz eingebundenen Akteure. Neben der erfolgreichen Krisenintervention und Stützung im akuten Notfall wurde dem Gesetz auch durchgängig eine gesellschaftspolitische Signalwirkung und damit eine wichtige Präventivwirkung zuerkannt.

 

1999: Begleitstudie zur Implementierung des Bundesgesetzes zum Schutz vor Gewalt in der Familie

Projektleitung: Dr. Birgitt Haller
Durchführung: Mag. Helga Amesberger
Dr. Regina Dackweiler
Mag. Brigitte Halbmayr
Mag. Barbara Liegl
Finanzierung: Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung: Mai 1999

Das Forschungsprojekt setzt an drei unterschiedlichen Ebenen an: Zunächst wurden in acht ausgewählten Untersuchungsregionen 1.074 Einschreitungen von Polizei und Gendarmerie bei Gewalt in der Familie im Zeitraum Mai 1997 bis Oktober 1998 quantitativ ausgewertet. Diese Einschreitungen umfassen Streitschlichtungen, Wegweisungen/Rückkehrverbote (WW/RKV) und (teilweise) Strafanzeigen. Damit konnten generalisierbare Aussagen etwa über die Sozialdaten der gefährdeten Personen und Gefährder, über die genaueren Umstände des Einschreitens oder über die Häufigkeit von Einstweiligen Verfügungen getroffen werden. Parallel dazu wurden in denselben Untersuchungsregionen Interviews mit 25 gefährdeten Personen und sieben Gefährdern durchgeführt; nach Möglichkeit erfolgten nach einigen Monaten Zweitgespräche, um längerfristige Effekte der Interventionen zu erheben. Ziel dieses Untersuchungsschrittes war es, insbesondere die Zufriedenheit mit den gesetzten Maßnahmen und deren Nachhaltigkeit zu erheben. Schließlich wurden in allen Untersuchungsregionen Interviews mit VertreterInnen der institutionellen Akteure, die in den Interventionsprozess eingebunden sind, durchgeführt. Damit sollten die jeweiligen Vorgangsweise und die Interaktionen der verschiedenen Akteure bei der Vollziehung des Gewaltschutzgesetzes deutlich gemacht und einer Bewertung hinsichtlich ihrer Effektivität zugänglich gemacht werden.

Datenauswertung

Die Einschreitungen - worunter sowohl Streitschlichtungen als auch WW/RKV fallen - erfolgten zu zwei Dritteln durch die Polizei und zu einem Drittel durch die Gendarmerie - diese Aufteilung entspricht in etwa den Bevölkerungszahlen, für die die beiden Wachkörper in unserer Untersuchung zuständig sind. Dabei gibt es große Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeiten der Einschreitungen, die nicht auffällig entlang der Linie Polizei vs. Gendarmerie verlaufen.

Durchschnittlich wurde in 52 Prozent aller Fälle mit einer Streitschlichtung vorgegangen, in 43 Prozent mit WW/RKV und in 5 Prozent ausschließlich mit einer Strafanzeige. Hierbei werden allerdings Unterschiede zwischen den Wachkörpern deutlich: Bei der Polizei stehen WW/RKV und Streitschlichtungen in einem Verhältnis von 3:2, bei der Gendarmerie nur von 1:6.

Fast die Hälfte aller Einschreitungen erfolgte bei Ehepaaren, ein Viertel bei Beziehungspartnern. Drei Viertel aller Interventionen betrafen also aufrechte Partnerschaften, zehn Prozent ehemalige Partnerschaften und zehn Prozent Eltern-Kind-Beziehungen. Neun von zehn gefährdeten Personen sind Frauen. Der Großteil von ihnen - nämlich fast zwei Drittel - ist zwischen 25 und 44 Jahre alt und ist als Arbeiterin oder Angestellte beschäftigt (jeweils etwa jede fünfte). Etwa jede fünfte gefährdete Person ist eine Migrantin, die Hälfte von ihnen stammt aus Ex-Jugoslawien. In fast jedem zweiten betroffenen Haushalt leben Kinder, die bei rund sechs Prozent aller Vorfälle auch direkt bedroht oder angegriffen wurden.

Rund neun von zehn Gefährdern sind Männer. Sie sind etwa gleich alt wie die von ihnen gefährdeten Personen, jeder zweite ist als Arbeiter bzw. Fach-/Vorarbeiter beschäftigt. Fast jeder fünfte ist arbeitslos. Bei WW/RKV sind sogar 55 Prozent der Gefährder Arbeiter und jeder vierte ist arbeitslos. Fast ein Viertel der Gefährder sind Ausländer; unter ihnen machen Ex-Jugoslawen mit 42 Prozent die größte Gruppe aus; Türken sind im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil unterrepräsentiert.

Extrem häufig spielt Alkohol bei diesen Vorfällen eine Rolle: Bei jedem dritten Einschreiten war der Gefährder alkoholisiert, bei jedem zehnten die gefährdete Person. In acht Prozent aller Fälle wurde eine Alkoholisierung beider Konfliktpartner festgestellt. Bei WW/RKV war sogar in 56 Prozent aller Vorfälle der Gefährder alkoholisiert.

Nur jede zehnte Intervention, aber jede vierte WW/RKV führt dazu, dass von der gefährdeten Person eine Einstweilige Verfügung beantragt wird. Unter den Frauen, die eine EV beantragt haben, sind Arbeiterinnen und Angestellte leicht unterproportional vertreten, Selbständige/Freiberuflerinnen, Hausfrauen und Pensionistinnen dagegen leicht überproportional. Migrantinnen sind unter den Antragstellerinnen unterdurchschnittlich vertreten. Im Untersuchungszeitraum wurde nur einem Antrag auf EV nicht stattgegeben, allerdings wurden einige noch vor der Beschlussfassung zurückgezogen.

Bei einem Viertel aller Vorfälle wurde die gefährdete Person verletzt. Strafanzeigen wurden vor allem wegen Körperverletzung und gefährlicher Drohung erstattet, wobei bei letzteren teilweise keine Ermächtigung zur Strafverfolgung erteilt wurde. Fast die Hälfte aller Verfahren wurde eingestellt, zu einem Drittel ergingen Schuldsprüche.

Wenn Frauen die Gefährderin waren, führten diese Vorfälle fast ausschließlich zu Streitschlichtungen - ausschließlich in Graz wurden WW/RKV gegen Frauen verhängt. Ob Übergriffe von Frauen weniger schwerwiegend als die von Männern sind, oder ob die Exekutive weniger zu schwerwiegenden Maßnahmen greift, kann hier nicht beurteilt werden. Frauen hatten in erster Linie Auseinandersetzungen mit ihren Männern, aber auch Konflikte mit Müttern bzw. Töchtern waren relativ häufig. Die am stärksten vertretene Altersgruppe sind nicht die 30-Jährigen, sondern die 50- bis 54-Jährigen.

Interviews

Wichtig war für die gefährdeten Personen, dass sich die einschreitenden BeamtInnen bei der Intervention korrekt verhielten, dass sie sorgfältig über die Folgen der Maßnahmen informiert wurden und dass ihre Wünsche bezüglich der zu setzenden Maßnahmen berücksichtigt wurden. Zufriedenheit mit dem nachhaltigen Ergebnis der Intervention war vor allem dann gegeben, wenn die verhängten Maßnahmen nicht die persönlichen Pläne der gefährdeten Person durchkreuzten.

Streitschlichtungen wurden in einer Vielzahl der Fälle von den gefährdeten Personen nicht als probates Problemlösungsinstrument angesehen, da diese Maßnahme die Gefährder in ihrer Handlungsweise eher bestärkte bzw. ihnen das Gefühl vermittelte, dass man ihnen nichts anhaben könne. Maßnahmen nach § 38a SPG brachten im Unterschied dazu gelegentlich eine Signalwirkung mit sich, die entweder den Gefährdern ihr Fehlverhalten verdeutlichte, oder den gefährdeten Personen bewusst machte, dass sie den ohnehin schon in vager Form vorhandenen Wunsch bezüglich Trennung/Scheidung vollziehen sollten.

Der Großteil der gefährdeten Personen empfand das Einschreiten der Polizei/Gendarmerie als akute Stütze und deeskalierend. Gemischtgeschlechtliche Einsatzteams wurden von den gefährdeten Personen tendenziell als unparteiisch erlebt, männliche einschreitende Beamte dagegen meist als zu ihren Gunsten parteilich und damit unterstützend. Manche gefährdete Personen waren allerdings mit dem Verhalten der einschreitenden BeamtInnen nicht zufrieden. Die Beschwerden konzentrierten sich auf die untersuchten Gendarmeriegebiete, wo die kleinräumigen Strukturen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Betroffene und einschreitende BeamtInnen einander zumindest vom Sehen kennen. Die gefährdeten Frauen hatten in diesen Gebieten das Gefühl, dass sich die männlichen Beamten auf die Seite der Gefährder stellten und den Frauen zu verstehen geben wollten, dass sie an ihrer Situation selbst schuld seien bzw. dass man ihnen keinen Glauben schenkte.

Nur wenige Gefährder zeigten Schuldeinsicht. Dies wird ersichtlich durch ihre mangelnde Bereitschaft, Verletzungen zuzugeben, die sie den gefährdeten Personen zugefügt hatten. Bei Streitschlichtungen waren die Gefährder zwar teilweise bereit einzugestehen, dass ihnen die Vorfälle leid getan hätten, aber ein Schuldbekenntnis legten sie nicht ab. In der Folge von Maßnahmen nach § 38a SPG reagierten viele Gefährder zunächst wütend, manche waren aber zumindest einige Tage nach der Intervention bereit, ihre Frauen um Verzeihung zu bitten und dadurch teilweise ihre Schuld einzugestehen.

Die Frauen waren fast durchwegs mit der rechtlichen und psychologischen Betreuung durch die Interventionsstellen äußerst zufrieden. Viele Frauen sprachen davon, dass ihre Erwartungen bezüglich der Beratung und Hilfestellung durch diese Stellen übererfüllt wurden. Auch die Frauenhäuser wurden positiv beurteilt, da sie den Frauen durchwegs den erwarteten Schutz und die erhoffte Sicherheit bieten konnten. Die Betreuung von Migrantinnen durch diese Frauenberatungsstellen gestaltet sich besonders schwierig, weil diese entweder schlecht über Interventionsstellen und Frauenhäuser informiert sind oder die Befürchtung haben, dass die Mitarbeiterinnen ihre Situation aus kulturellen Gründen nicht verstehen würden. Diese Probleme weisen darauf hin, dass die Beschäftigung von muttersprachlichen Beraterinnen in Frauenberatungsstellen essentiell ist. Die Bewertung der Jugendämter durch die Mütter fiel im Vergleich zu den Frauenhilfseinrichtungen etwas schlechter aus, da sich einige Frauen nicht unterstützt oder falsch informiert sahen.

Mit dem Gewaltschutzgesetz konnte die Zielvorgabe, die Unterbrechung der Gewaltspirale durch die Entfernung des Gewalttäters sowie die Stärkung und Unterstützung des Gewaltopfers durch die Interventionsstellen, jedenfalls erreicht werden - darüber besteht Konsens bei allen befragten Personen, sei es bei den von Gewalt betroffenen Frauen, sei es bei den VertreterInnen der in den Gewaltschutz eingebundenen Akteure. Neben der erfolgreichen Krisenintervention und Stützung im akuten Notfall wurde dem Gesetz auch durchgängig eine gesellschaftspolitische Signalwirkung und damit eine wichtige Präventivwirkung zuerkannt.

 

1998: Literaturrecherche und Analyse zum Thema Arbeit mit Gewalttätern

Projektleitung:    Dr. Ilse König
Durchführung:    Mag. Karin Eitel
Mag. Elfriede Fröschl
Dr. Gabriele Vana-Kowarzik
Finanzierung:    Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie
Fertigstellung:    April 1998

Im Zuge der Verabschiedung des Gesetzes zum Schutz vor Gewalt in der Familie, das am 1. Mai 1997 in Kraft trat, tauchte vermehrt die Frage auf, was mit den Verursachern von Gewalt geschehen solle, um sie von erneuten Gewalttaten abzuhalten. Unter dem Schlagwort "Täterarbeit" gibt es bereits seit rund 20 Jahren international umfangreiche praktische Erfahrungen, die aber kaum publiziert oder systematisch aufgearbeitet wurden. Im Rahmen des Projektes sollten daher eine Literaturrecherche und -analyse sowie ein Rechtsvergleich zum Thema "Arbeit mit Gewalttätern" durchgeführt werden.

Es wurde zunächst die Fachliteratur in Hinblick auf die drei am häufigsten vorkommenden Gewaltformen in der Familie - Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Kinder und sexueller Mißbrauch - gesichtet und zusammengefaßt. In weiterer Folge wurden Täterprogramme zu allen drei Gewaltformen aus den USA, Kanada, Australien, Großbritannien, Deutschland, Schweden und den Niederlanden beschrieben und entsprechend ihrer institutionellen Einbindung in drei unterschiedliche Typen unterteilt. Ergänzend zu den Darstellungen dieser Programme wurden Evaluierungsergebnisse und Standards für Täterprogramme zusammengefaßt, um daraus die notwendigen Bedingungen für erfolgreiche Täterprogramme ableiten zu können. Schließlich wurde für die angeführten Staaten ein Rechtsvergleich mit einem besonderen Augenmerk auf Anregungen für eine mögliche Reform des österreichischen Strafrechts angestellt.

 

1996: Gewalt gegen Exekutivbeamte und -beamtinnen

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Dr. Ilse König
DSA Christina Radner
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    Juni 1996

In der Studie werden Sichtweisen und Fakten über Gewalt gegen ExekutivbeamtInnen dargestellt. Die Ergebnisse basieren auf einer Repräsentativbefragung in der Exekutive, ExpertInneninterviews, statistischem Material, einer Medienanalyse und einer vergleichenden Literaturauswertung.

Das "Sicherheitsgefühl" der österreichischen ExekutivbeamtInnen in bezug auf Kriminalität ist sehr gering ausgeprägt. Das Gros ist davon überzeugt, daß die Zeiten unsicherer geworden seien und auch das eigene Berufsrisiko stark zugenommen habe, daß die Exekutive zunehmend Bedrohungen, tätlichen Angriffen und Verletzungen, teilweise auch mit Todesfolge, ausgesetzt sei. In Verbindung gebracht werden die genannten Veränderungen mit einer, zumindest angenommenen, Zunahme von Aggressivität und Konfliktbereitschaft in der Gesellschaft, insbesondere auch von Straftätern, die im Gegensatz zu früher die VertreterInnen der Staatsgewalt nicht mehr länger als "sakrosankt" betrachten würden.

Aufgrund der Fragebogenerhebung, die sich auf Angriffe im Jahr 1994 und in den ersten Monaten 1995 konzentrierte, konnten einige Merkmale der Gewalt gegen ExekutivbeamtInnen analysiert werden.

Auffällig ist eine geographische Konzentration der Angriffe, bei der Oberösterreich an der Spitze steht. Oberösterreich ist uns in der Untersuchung als neuralgischer Punkt noch öfter begegnet, ohne daß wir eine schlüssige Erklärung dafür finden konnten, auch die interviewten ExpertInnen blieben uns eine solche schuldig.

Entgegen den geäußerten Annahmen der ExpertInnen ist Gewalt gegen ExekutivbeamtInnen nicht in erster Linie Großstadtphänomen, sondern stärker eines der kleinen Gemeinden. Ruhestörungen, Verkehrsdelikte, Raufhändel und Familienstreitigkeiten, also der "normale" Polizeialltag, waren in über der Hälfte der Fälle Anlaß für den Einsatz von BeamtInnen, bei dem sie Angriffe erlitten. Fast ein Drittel der Angriffe erfolgte bei Festnahmen, weitere vierzig Prozent bei Streitschlichtungen, Personalienfeststellungen, dem Anhalten von Fahrzeugen und Alkotests im Rahmen der genannten Anlässe.

In die Angriffe verwickelt sind, ebenfalls entgegen mancher Annahmen, weniger die jungen, unerfahreneren BeamtInnen, sondern solche, die schon zehn bis zwanzig Jahre im Dienst sind. Seltener als ihre männlichen Kollegen werden weibliche Beamtinnen angegriffen - ein Umstand, auf den die ExpertInnen mit dem positiven Vorurteil hinwiesen, daß Frauen generell befähigter zur Konfliktbewältigung wären, und daß auch "Verbrecher", mit wenigen Ausnahmen, Hemmungen hätten, eine Frau anzugreifen.

Ein großes Problem stellt die in vielen Fällen bestehende Alkoholisierung der Angreifer dar. Ein wirksames, gewaltminderndes Mittel im Umgang mit Alkoholisierten, so zeigen auch Ergebnisse anderer Untersuchungen, scheint die Exekutive noch nicht gefunden zu haben. Die Folge sind dann oft Auseinandersetzungen, in denen BeamtInnen vom Angreifer vor allem geschlagen oder getreten werden, oder - wenn es sich um Verkehrsdelikte handelt - mit dem fahrenden Kraftfahrzeug an- oder auch überfahren bzw. von der Straße abgedrängt werden. Massive Bedrohungen und Angriffe mit Waffen sind äußerst selten, ebenso resultieren nur selten schwere Verletzungen aus den Angriffen. Die Mehrzahl der Auseinandersetzungen sind solche, in denen von beiden Konfliktpartnern versucht wird, mit Körperkraft den anderen zu überwältigen bzw. ihm zu entkommen. Verletzt werden dabei oft beide Parteien, wobei die Relation zwischen der Häufigkeit eigener Verletzungen und jener der Angreifer, entsprechend den oben getroffenen Bemerkungen, wiederum deutlich fehleingeschätzt wird.

 

1993: Polizeigewalt in Österreich

Auftraggeber: Bundesministerium für Inneres

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Dr. Birgitt Haller, Dr. Ilse König

1993: Jugendgruppen und Gewalt

Auftraggeber: Oesterreichische Nationalbank

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Dr. Ilse König, Mag. Helga Amesberger, Mag. Brigitte Halbmayr

> Korruptionsforschung

Korruption stellt seit Mitte der 1990er Jahre ein zunehmend wichtiges Thema der vergleichenden Forschung sowie international koordinierter Maßnahmen der Korruptionsprävention dar. Am Institut für Konfliktforschung wurden im vergangenen Jahrzehnt Forschungsprojekte zu zwei Hauptsträngen dieses Themas durchgeführt: zu Korruption und Korruptionsprävention im Allgemeinen sowie zu Fragen der Parteien- bzw. Politikfinanzierung (die maßgeblich auch den Problembereich politischer Korruption betreffen).

2010: Formen und Verbreitung von Korruption in Österreich

Projektleitung und Durchführung: DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Bundesministerium für Justiz
Fertigstellung:    Dezember 2010

Das Forschungsprojekt bietet einen empirischen Überblick über Verbreitung und Art der Korruption in Österreich. Der Fokus der Studie liegt auf strafrechtlich relevanten Formen der Bestechung und Vorteilsnahme. Der Projektbericht behandelt folgende Hauptthemen:

Erstens wurden für das Projekt alle Akten der Landesgerichte (die bereits ins Stadium einer Hauptverhandlung gelangt waren) zu den §§ 302 StGB (Missbrauch der Amtsgewalt) und 304-308, 153a StGB für den Zeitraum 2002-2009 vor Ort bei den Landesgerichten durchgesehen und - soweit sie korruptive Sachverhalte (bei § 302 als Hintergrund der Tat) enthielten - im Projektbericht ausgewertet. Für Korruption zwischen "Privaten" wurden die Akten für

§ 153 (Untreue) für ein Jahr (2009) durchgesehen. Insgesamt erfolgte im Bereich der "Amtsträgerkorruption" bei den 16 Landesgerichten die Auswertung von 550 Gerichtsakten, die allerdings nur zu einem geringeren Teil Bestechungsfälle von AmtsträgerInnen bzw. BeamtInnen oder Bestechungsversuche gegenüber diesen enthielten. Ergänzend wurden für die Jahre 2009 bis November 2010 auch Anklageschriften der neu eingerichteten Korruptionsstaatsanwaltschaft (und auszugsweise weitere Akten zu eingestellten Verfahren) analysiert. Insgesamt erlaubt dieser Teil des Forschungsprojekts - der nach betroffenen Bereichen des öffentlichen Sektors gegliedert ist - einen guten Überblick über die Inzidenz von Korruption in den meisten Bereichen des öffentlichen Sektors. Fälle von Korruption zwischen "Privaten" waren hingegen kaum in den Akten zu finden.

Um auch einen Überblick über das "Dunkelfeld" zu bekommen, wurden begleitend ExpertInneninterviews (im Bereich der Justiz und Polizei, anderer amtsinterner Kontrolleinrichtungen von Bund und Ländern mit JournalistInnen und externen ExpertInnen) geführt. Die Gerichtsakten lassen in diesem Lichte zwar einen guten Überblick über Behördenkorruption zu, Korruption im Kontext großer Fälle von Wirtschaftskriminalität oder Verdachtsfälle politischer Korruption (oder, ebenfalls im öffentlichen Bereich, Korruption im Gesundheitssektor) und korruptive Grauzonen des "Lobbyismus" finden sich hingegen nicht in den Urteilen. Diese in den vergangenen Jahren breit diskutierten Problembereiche und die Frage der Effizienz der justiziellen Bekämpfung von Korruption werden daher in mehreren thematischen Kapiteln behandelt.

Für das Forschungsprojekt erfolgte darüber hinaus gemeinsam mit dem IFES-Institut eine telefonische Repräsentativumfrage unter 500 UnternehmerInnen bzw. für Behördenkontakte zuständigen RepräsentantInnen von Unternehmen. Thema dieser Umfrage waren eigene Erfahrungen mit Bestechungswünschen öffentlicher AmtsträgerInnen, mit an öffentliche Entscheidungen geknüpften "indirekteren" Forderungen (Sponsorings, Vereinsunterstützungen, Parteispenden) sowie Vorteilszuwendungen zwischen UnternehmensrepräsentantInnen im Geschäftsverkehr zwischen privaten Unternehmen. Über Fragen nach den Erfolgsaussichten bzw. Nachteilen bei Nichterfüllung derartiger Wünsche von AmtsträgerInnen wurde versucht, den tatsächlichen Umfang von Schmiergeldforderungen einzugrenzen (der nach den Ergebnissen der Studie jährlich in einem niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt). Bezogen auf die Gesamtbevölkerung wurde keine eigene Umfrage durchgeführt, sondern die Ergebnisse vorhandener Erhebungen (des seit 2004 alle ein bis zwei Jahre veröffentlichten Global Corruption Barometers von Transparency International sowie zweier Special Eurobarometer 2007 und 2009) ausgewertet und einer methodischen Kritik unterzogen.

 

2006: Staatliche Politikfinanzierung als Instrument gegen politische Korruption?

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Ferdinand Karlhofer
Durchführung: DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 11142
Fertigstellung:    August 2006

Das Projekt behandelt die Frage, ob - und mit welchen zusätzlichen Regelungselementen - die staatliche Parteienfinanzierung ein Mittel gegen politische Korruption darstellen kann. Behandelt wird die Problematik der Definition und Messung von (politischer) Korruption. Weiters wird ein Überblick über die komparative Literatur zur political finance geboten. Anschließend wird das Thema anhand von Fallstudien zu sieben Parteiendemokratien (Großbritannien, Schweden, Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande und Österreich) vertieft - also zu entwickelten Industriestaaten mit jahrzehntelang ungebrochener demokratischer Tradition, aber deutlich differenzierten parteipolitischen Traditionen, unterschiedlich hoher parteipolitischer Organisationsdichte, unterschiedlichen Höhen der staatlichen Parteienfinanzierung sowie unterschiedlich großzügigen Bezahlungsmodalitäten für PolitikerInnen und vor allem einem als unterschiedlich hoch wahrgenommenen Korruptionsniveau.

Es gibt, wie auch die Auswahl der Fallstudien (Staaten mit unterschiedlichen Kombinationen hoher/niedriger Politikfinanzierung bzw. Korruption) zeigt, keinen direkten Zusammenhang zwischen der Höhe staatlicher Politikfinanzierung und politischer Korruption. Staatliche Parteienfinanzierung ist durchaus ein geeignetes Mittel, Kostendruck von den Parteien zu nehmen und ihre Korruptionsanfälligkeit zu reduzieren. Ebenso wichtig sind aber einerseits darüber hinausgehende Elemente des Regulierungssystems der Politikfinanzierung (v.a. Transparenzvorschriften über Spenden und effektive externe Kontrollinstanzen). Auch strukturelle Merkmale des Parteiensystems und des Systems der Interessenvermittlung spielen eine entscheidende Rolle: Parteien, die sich organisatorisch und personell als disziplinierte Akteure darstellen, sind weniger korruptionsanfällig als faktionalisierte Parteien. Neokorporatistische Systeme der Interessenvermittlung machen den "Kauf" politischer Entscheidungen (als Variante illegitimer Interessenvermittlung) teils weniger wichtig für Unternehmen, teils auch weniger wirksam (da Interessenvermittlung primär über hoch aggregierte Verbände verläuft).

 

2006: Perspektiven des Monitoring und der Bekämpfung von Korruption im Rahmen der EU

Projektleitung: Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    April 2006

Das Projekt untersucht in geraffter Form folgende Punkte:

Einleitend werden die Anti-Korruptions-Politiken der EU, deren wichtigste Zielsetzungen und institutionellen Limitationen skizziert und auf die Frage der Messbarkeit und internationalen Vergleichbarkeit von Korruptionsniveaus (bezogen auf die EU-Mitgliedstaaten) eingegangen;

anschließend werden international vergleichende Indizes der Verbreitung von Korruption und Ergebnisse von vergleichenden Unternehmens- und Bevölkerungsumfragen beschrieben;

weitere Kapitel befassen sich mit internationalen Konventionen gegen Korruption und den mit ihnen verknüpften Monitoring-Mechanismen (insbesondere der OECD und des Europarats / GRECO), sowie einem internationalen Vergleich von Regelungen der Parteien- und Wahlkampffinanzierung als Schlüsselbereiche möglicher politischer Korruption (für die es mittlerweile auch im Rahmen des Europarates Empfehlungen gibt, die dem Monitoring durch GRECO unterliegen).

Den Abschluss bilden Überlegungen, wie derartige (auf quantitativen Rankings und Peer-Reviews basierende) Rankings und Verfahren auf EU-Ebene ergänzt werden könnten, um Druck auf die Mitgliedstaaten (und Beitrittskandidaten) in Richtung verstärkter Korruptionsbekämpfung ausüben zu können.

 

2000: Korruption in Österreich: Verbreitung, Trends, Perspektiven der Prävention

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    Juni 2000

Sowohl nach Einschätzung von JournalistInnen als auch der Bevölkerung ist Korruption in Österreich keine vernachlässigbare Größe. Über die tatsächliche Verbreitung von Korruption in Österreich existieren allerdings bisher noch keine gesicherten Indikatoren. Deshalb vermittelt das Forschungsprojekt ein differenziertes Bild über folgende Aspekte:

  • wie stark, in welchen Erscheinungsformen, insbesondere auch in welchen Sektoren ist Korruption in Österreich verbreitet,

  • welche Trends hat es diesbezüglich in den vergangenen Jahrzehnten gegeben bzw. welche Entwicklungen sind künftig zu erwarten.

  • Darauf aufbauend werden Möglichkeiten der Korruptionsprävention untersucht.

Korruption wird als der Mißbrauch öffentlicher Macht zu privaten Zwecken definiert. Die Studie berücksichtigt sowohl politische wie Verwaltungskorruption, wobei der Schwerpunkt der empirischen Bestandsaufnahme eher im Bereich der Korruption in der öffentlichen Verwaltung liegt. Dabei interessiert gleichermaßen, welche strukturellen Gegebenheiten in Österreich Korruption ermöglichen, fördern bzw. hemmen, als auch österreichspezifische "kulturelle" Aspekte. Deshalb werden auch nicht nur Bereiche untersucht, die eindeutig als illegale Vorteilsnahme einzustufen sind, sondern auch die für Österreich vermutlich ebenfalls wichtigen "unscharfen Grenzbereiche" einer ausgeprägten "Trinkgeldmentalität" usw. herausgearbeitet, da diese ebenfalls zur kulturellen Bestärkung oder Förderung von Korruption beitragen können.

Für die beschriebene Fragestellung wird ein methodenpluralistischer Zugang gewählt, bei dem unterschiedliche Methoden verknüpft werden:

  • Literatur- und Dokumentenanalyse,

  • ExpertInneninterwiews u.a. mit Angehörigen des Auftraggebers BMI, Staatsanwälten, Präsidenten/Leitern des Rechnungshofs bzw. von Kontrollämtern; Journalisten; mit Fragen der Korruptionsbekämpfung befaßte Politikern (pars pro toto v.a. des Kontrollausschusses der Gemeinde Wien) sowie Wissenschafter,

  • Rekonstruktion typischer Fallmuster aufgrund von Medienberichten, v.a. anhand der Berichterstattung der politischen Nachrichtenmagazine profil und NEWS aus den 1980er und 1990er Jahren,

  • Sekundäranalyse vorhandener Repräsentativumfragen.

 
 
 
 

Der Forschungsschwerpunkt "Historische Sozialforschung" baut auf einer langjährigen Expertise von Instituts-Mitarbeiterinnen auf und gründet inhaltlich auf der Beobachtung, dass zwar in den vergangenen 25 Jahren vermehrt zu geschlechterspezifischen Erfahrungen während der NS-Verfolgung geforscht wurde und die Differenzierung zwischen Frauen und Männern mittlerweile gängige Forschungspraxis scheint, der Stellenwert weiblicher Verfolgungsberichte wie auch ein feministischer Zugang in der KZ-Forschung bislang dennoch nicht im Mainstream der Geschichtswissenschaft verankert sind. Im Schwerpunkt werden daher Erfahrungen von Frauen während der NS-Verfolgung besonders berücksichtigt und auf der Basis von Oral History-Projekten geschlechtsspezifischen Fragestellungen nachgegangen.
Die dem Schwerpunkt zuzurechnenden Forschungen umfassen in erster Linie Projekte zu den österreichischen Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück (Lebensgeschichtliche Interviews - Studie zu sexualisierter Gewalt während der NS-Verfolgung - Namentliche Erfassung - Geschichte der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück) sowie zu den ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Mauthausen und seiner Außenlager (internationales Oral History-Projekt mit über 800 Überlebenden - Pilotstudie und Hauptstudie zu den weiblichen Häftlingen von Mauthausen). In bislang drei Workshops wurde ein internationales Kooperationsnetzwerk zur NS-Genderforschung etabliert, innerhalb dessen aktuell die Frage der Repräsentation von Gewalt in Zeugnissen von KZ-Überlebenden diskutiert wird und wieweit sich Unterschiede nach Geschlecht, aber auch nach Verfolgungsgrund sowie nationalen Kontext (Herkunft wie auch aktueller Diskurs) feststellen lassen.

> Frauen und NS-Verfolgung (insbes. Ravensbrück und Mauthausen)
2013: Namentliche Erfassung der ehemals inhaftierten ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück - Auswertung der Datenbank sowie Erstellung einer interaktiven Website

Projektleitung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Durchführung:    Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Gerlinde Schmid
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank
Nationalfonds der Republik Österreich
Zukunftsfonds der Republik Österreich
Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz
Kammer für Arbeiter und Angestellte, Wien
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Abt. IA/2 und
   Abt. Gender Mainstreaming / Gender und Schule (GM)
Länder Burgenland, Kärnten, Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Wien (MA 7 und MA 57)
Fertigstellung:    Juni 2013

Seit 2005 wird am Institut für Konfliktforschung an der namentlichen Erfassung der ehemals inhaftierten ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück gearbeitet. Durch umfangreiche Recherchen im In- und Ausland konnten die Namen von 2.700 österreichischen Frauen und Männern eruiert werden, die im Konzentrationslager Ravensbrück in Haft waren, und zudem viele Informationen zu deren Leben vor und – falls sie überlebten – nach der NS-Verfolgung gewonnen werden.

Das gegenständliche Projekt hatte zum Ziel, die gesammelten Informationen quantitativ wie qualitativ auszuwerten und in Form einer interaktiven Website einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Website, so unser Anspruch, soll einen (teilweisen) Zugang zur österreichischen Ravensbrück-Datenbank ermöglichen, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Auswertung in einer einfachen, nicht-akademischen Sprache präsentieren und Einblick in das Leben und die Verfolgung Einzelner geben (mittels ausgewählter Biographien, lebensgeschichtlicher Interviews, Fotos und Dokumenten).

Das Medium Internet soll besonders die Zielgruppe der Jugendlichen ansprechen, einfache Recherchen ermöglichen und als Teil von Schulprojekten zum Thema Nationalsozialismus zum Einsatz kommen.

Für die Programmierung und Gestaltung der Website konnten wir sieben Schüler der HTL Donaustadt (unter der Leitung von Dipl.Ing. Ingrid Schreiber) gewinnen, deren Maturaarbeiten Teilaspekte der Websiteprogrammierung waren (z.B. Programmierung der Suchmaske für die Datenbank, Beschlagwortung von Filmen, grafische Aufbereitung von Verfolgungswegen; Programmierung der Online-Testung der Website). Die inhaltliche sowie gestalterische Feinplanung erfolgte in monatlichen Workshops mit den Schülern und in Workshops mit ExpertInnen aus den Bereichen Medien, Didaktik, Geschichte und Pädagogik.

Die übersichtlich gestaltete Website ist in drei große Bereiche gegliedert: Lebensgeschichten – Themen – Recherche. Unter „Lebensgeschichten“ sind 30 Biographien von in Ravensbrück inhaftierten Frauen und Männern mit unterschiedlichen sozialen wie Verfolgungshintergründen zu finden (inklusive Fotos und anderen Dokumenten). Im Abschnitt „Themen“ werden kurze und prägnante Hintergrundinformationen zum KZ Ravensbrück, zu den ÖsterreicherInnen in Ravensbrück, dem Alltag in Ravensbrück sowie dem Leben nach der Rückkehr bereitgestellt, wobei darin immer auf ZeitzeugInnenberichte zurückgegriffen wird. Unter „Recherche“ können die NutzerInnen der Website eigenständig Abfragen in der Datenbank zu den österreichischen Ravensbrück-Häftlingen durchführen und Filme bzw. Porträts von „Ravensbrückerinnen“ ansehen. Der eingerichtete „Lernraum“ bietet insbesondere Lehrenden Anregungen für weiterführende Fragestellungen zu den einzelnen Themen.

Die Website ist unter der Adresse www.ravensbrueckerinnen.at abrufbar.

 

2011: Namentliche Erfassung der ehemals inhaftierten ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück – quantitative Auswertung der Datenbank

Projektleitung:    Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Durchführung:    Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Kerstin Lercher
Finanzierung:    MA 57 (Frauenbüro der Stadt Wien)
Fertigstellung:    Dezember 2011

Seit 2005 wird am Institut für Konfliktforschung an der namentlichen Erfassung der ehemals inhaftierten ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück gearbeitet. Nach umfangreichen Recherchen im In- und Ausland konnten die Namen von 2.700 österreichischen Frauen und Männern eruiert werden, die im Konzentrationslager Ravensbrück in Haft waren, sowie zudem viele Informationen zu deren Leben vor und – falls sie überlebten – nach der NS-Verfolgung.
Das aktuelle Projekt hat zum Ziel, die gesammelten Informationen quantitativ wie qualitativ auszuwerten und in Form einer interaktiven Website einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Modul 1 des Projekts betrifft die quantitative Auswertung, welche von September bis Dezember 2011 durchgeführt wurde.
Einige Ergebnisse seien hier exemplarisch angeführt: Roma und Sinti gehören neben politisch Verfolgten zu der größten Häftlingsgruppe, wurden überdurchschnittlich früh verhaftet und direkt nach Ravensbrück deportiert und waren somit, sofern sie die Befreiung erlebten, besonders lange inhaftiert. Erstaunlich ist auch die hohe Anzahl jener Frauen, die wegen des Vorwurfs „asozial“ zu sein, in Haft kamen und nach Ravensbrück verschleppt wurden. Darunter finden sich auch viele jugendliche Mädchen, denen ein unsittlicher Lebenswandel vorgeworfen wurde bzw. die mit den damals herrschenden Sitten nicht konform gingen. Da auch zu dieser Verfolgtengruppe bislang keine österreichspezifischen Daten vorlagen, bestätigte sich bereits jetzt, dass durch das Projekt neue wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden. Zu erwarten sind weitere interessante Ergebnisse zum sozialen Background der Verfolgten, zum Leben nach der Befreiung sowie Details zur Haft in Ravensbrück.
Geplant ist eine Veröffentlichung der Ergebnisse in Form eines wissenschaftlichen Artikels und vor allem die adäquate Aufbereitung der Ergebnisse für die geplante „Ravensbrück-Website“, die besonders für SchülerInnen konzipiert wird.

 

2010: Weibliche Häftlinge im KZ Mauthausen und seinen Außenlagern (Hauptstudie)

Projektleitung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Durchführung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Kerstin Lercher
Mag. Andreas Baumgartner und Mag.a Isabella Girstmair
(Sozialwissenschaftliches Forschungsbüro)
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    August 2010

Dem KZ-System Mauthausen und seinen insgesamt über 200.000 Häftlingen im Stamm- und in zahlreichen Außenlagern sind bis zu 10.000 Frauen zuzurechnen. Der Großteil von ihnen erreichte Mauthausen erst in den letzten Kriegsmonaten und -wochen, von anderen Konzentrationslagern kommend oder von der österreichisch-ungarischen Grenze zu Fuß nach Maut-hausen getrieben. Diese Frauen wurden nicht mehr registriert - daher die bislang hohe Zahl von namenlosen weiblichen Mauthausenhäftlingen und das fehlende Wissen über deren Leben und Verfolgung. Die Zahl der in Mauthausen registrierten Frauen beläuft sich auf gut 4.000, doch auch hier sind die Informationen zu den einzelnen Namen in den SS-Unterlagen spärlich. Wenig Wissen gab es bislang auch über die einzelnen Frauenschicksale: Haftwege, Verhaftungsgründe, Erfahrungen während der Verfolgung etc. Von St. Lambrecht abgesehen ist die Geschichte der Außenlager weitgehend unerforscht, Beiträge in Sammelbänden berufen sich meist auf die Quellenlage von 1997, wie sie Andreas Baumgartner in "Die vergessenen Frauen von Mauthausen. Die weiblichen Häftlinge des Konzentrationslagers Mauthausen und ihre Geschichte" aufbereitet hat. Nur in Teilaspekten wurde das Wissen um weibliche Häftlinge in Mauthausen in den Folgejahren erweitert.

Dies war die Ausgangslage der Studie "Weibliche Häftlinge im KZ Mauthausen und seinen Außenlagern", die den Versuch einer möglichst umfassenden Annäherung an die Geschichte der Frauen in Mauthausen darstellt. Das Vorhaben wurde in eine Pilotstudie (2006-2008) und eine Hauptstudie (2008-2010) unterteilt, da in vielen Bereichen erst die Rahmenbedingungen für die Durchführung eines derartigen Unternehmens geschaffen bzw. optimiert werden mussten, um eine erfolgreiche Umsetzung des Gesamtvorhabens zu ermöglichen. Der Endbericht der Hauptstudie beruht auf den Ergebnissen von vier sich aufeinander beziehenden Arbeitsschwerpunkten, nämlich der Erfassung der Grunddaten zu den Frauen von Mauthausen (namentliche Erfassung), der Aufbereitung und Analyse lebensgeschichtlicher Interviews mit weiblichen ehemaligen Mauthausen-Häftlingen, der Erforschung der Frauen-Außenlager von Mauthausen sowie der Kontextualisierung der Verfolgungsgeschichten im internationalen Rahmen.

Der Abschlussbericht gliedert sich in drei von der Aufbereitung wie vom Inhalt sehr unterschiedliche Teile.

In Teil A wird das Projekt Namentliche Erfassung erläutert. Einer Leseanleitung zur Datenbank und deren Handhabung folgt eine umfassende Quellenbeschreibung und Quellenkritik sowie eine erste statistische Überblicksauswertung der Informationen zu insgesamt 6.710 Namen. Für die namentliche Erfassung wurden über 11.000 Quelldatensätze verarbeitet, es erfolgten rund 7.700 Neueintragungen. Ausgehend von gut 4.000 Namen konnten also rund 2.700 weitere Namen von Frauen eruiert werden. Die Projektdatenbank wird zu einem späteren Zeitpunkt in die Häftlingsdatenbank des Mauthausen Memorial eingespeist.

Teil B veranschaulicht den im Laufe des Projekts erarbeiteten Wissensstand zu den ehemaligen weiblichen Häftlingen von Mauthausen, der sich aus sämtlichen oben genannten Arbeitsmodulen und Quellen speist, mit Schwerpunkt auf den Erzählungen der im Mauthausen Survivors Documentation Project (MSDP), einem in den Jahren 2002/2003 durchgeführten Oral History-Projekt, interviewten Frauen. Er umfasst eine grundlegende Analyse und zahlreiche neue Ergebnisse zu den Themenbereichen Wege nach Mauthausen, die Ankunft der Frauen, deren Unterbringung in einem Männer-Konzentrationslager, die sozialen Beziehungen im Lager, Zwangsarbeit im Stammlager, die Außenlager für Frauen, die letzten Tage in Mauthausen sowie Ausführungen zu nationalen Verfolgungskontexten und Erinnerungskulturen.

Teil C bietet Kurzbiografien zu rund 80 in Mauthausen inhaftierten Frauen. Ihr Schicksal ist einzigartig - und dennoch stehen sie stellvertretend für viele weitere Frauen mit ähnlichen Erfahrungen. Grundlage für die Biografien waren in erster Linie ebenfalls die MSDP-Interviews, aber auch weitere Quellen, die eine biografische Annäherung ermöglichten, wie etwa kurz nach der Befreiung gesammelte Erfahrungsberichte (DEGOB-Berichte) und veröffentlichte Autobiografien.

Die Arbeit versucht zweierlei Ansprüchen gerecht zu werden, die weithin als Gegensätze angesehen werden (und es zu einem Teil auch sind): Der Anspruch, das bestehende Wissen um neue Fakten zu erweitern, in manchen Fällen auch zu korrigieren bzw. neu zu interpretieren (Faktengeschichte, "objektive" Geschichte). Dazu haben wir auch die "subjektiven" Aussagen der Interviewpartnerinnen herangezogen, da sie oftmals die einzigen Quellen für bislang unbeantwortete Fragen bieten. Es ist und bleibt immer eine Frage der Abwägung, inwieweit welche Aussagen übernommen, relativiert oder verworfen werden müssen. Es war auch ein Vergleich der Erzählungen selbst notwendig, um die wahrscheinlichste Version eines Ereignisses zu rekonstruieren - ohne dabei individuelle Erlebnisse, weil "untypisch", außer Acht zu lassen. Fakten und Erinnerungen können im Widerspruch zueinander stehen, außergewöhnliche Erfahrungen im Widerspruch zu Routineerlebnissen, die Sichtweise von Kindern im Kontrast zu Erwachsenenerzählungen. Erst aber die subjektive Sichtweise macht die vielfältigen Realitäten hinter nackten Zahlen und Fakten erahnbar. Anliegen war es, gerade diese subjektive Sichtweise, das subjektive Erinnern sichtbar und nachvollziehbar zu machen, den Gemeinsamkeiten und Unterschieden nachzugehen und für beide Erklärungen zu finden.

Eine Publikation der Ergebnisse ist in Vorbereitung.

 

2009: Namentliche Erfassung der ehemals inhaftierten ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück - Ausweitung der Archivrecherchen

Projektleitung: Univ. Prof. Dr.in Erika Thurner (BMWF, Zukunftsfonds)
Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka (BMSK, Nationalfonds)
Durchführung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Kerstin Lercher
Finanzierung:    Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz
Nationalfonds der Republik Österreich
Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Zukunftsfonds der Republik Österreich
Fertigstellung:    Juni 2009

Auch 60 Jahre nach der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück steht noch immer nicht fest, wie viele Österreicherinnen und Österreicher dort inhaftiert waren. Da österreichische Häftlinge als Reichsdeutsche geführt wurden, ist es schwierig, die tatsächliche Anzahl von inhaftierten ÖsterreicherInnen zu eruieren. Zudem wurden viele Dokumente noch von den Nationalsozialisten vor der Räumung des Lagers vernichtet. Des weiteren besteht bei den wegen eines (vermeintlichen) kriminellen Delikts oder angeblicher "Asozialität" Inhaftierten eine schwierigere Quellenlage, da diese nicht zu den anerkannten Opfergruppen zählen und daher in den Akten der Opferfürsorge - eine für dieses Projekt sehr bedeutende Quelle - in der Regel nicht aufscheinen. Ebenso ist anzunehmen, dass viele wegen "Verbotenen Umgangs" inhaftierte Frauen - sie waren bis in die 1950er-Jahre von den Leistungen ausgeschlossen - keine Anträge stellten. Um auch diese Gruppen erfassen zu können, mussten die Recherchen auf die Archive der Bundespolizeidirektionen ausgedehnt werden. Die Suche nach Haftbüchern bzw. -karteien (1938-1945) gestaltet sich unerwartet schwierig, ein Teil der Haftbücher konnte - trotz intensiver Bemühungen - bisher nicht gefunden werden (z.B. in Wien und St. Pölten); wir vermuten, dass sich diese nach wie vor in Moskau befinden. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest ein Teil der Akten der Bundespolizeidirektion Wien und
St. Pölten dem Staatsarchiv zurück gegeben werden. Die Recherche in den Bundespolizeidirektionen wurde durch die Notwendigkeit von deren Genehmigung durch die Datenschutzkommission sehr stark verzögert.

Durch die Ausweitung der Recherchen auf die Archive der österreichischen Bundespolizeidirektionen gelang es insbesondere, Daten zu einer in unserer Datenbank und auch sonstigen Forschungen bislang deutlich unterrepräsentierten Häftlingsgruppe zu sammeln, den wegen "kriminellen" oder "asozialen" Verhaltens inhaftierten Österreicherinnen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Insgesamt ergab die Durchsicht der Haftbücher fast 300 Neueinträge in die Datenbank (darunter eine hohe Anzahl wegen sogenannter "Kriminalität" oder "Asozialität" Inhaftierter). Zudem konnten für bereits bestehende Einträge die Daten zum Haftweg, Haftdauer und Verhaftungsgrund vervollständigt werden. Die Datenbank zum Projekt, welche seit 2005 in Arbeit ist, enthält mittlerweile die Namen von 2.741 Personen, annähernd drei Mal so viele wie jahrzehntelang für Österreich angenommen wurde. Bei den uns bekannten Personen handelt es sich - trotz ergiebiger Recherchen in den Polizeiarchiven - vorwiegend um Personen, die aus politischen, religiösen oder rassistischen Gründen verfolgt wurden.

Durch die neuerliche Subventionszusage des Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz wird es 2010 möglich sein, die Datenerhebung zur namentlichen Erfassung der österreichischen Inhaftierten in Ravensbrück abzuschließen, die Datenbank zu bereinigen und eventuell erste Auswertungen im Hinblick auf soziale Herkunft, Verfolgungsgeschichte und das Leben nach 1945 (sofern die Personen überlebt haben) vorzunehmen.

Es ist beabsichtigt, eine weitere Finanzierung vorausgesetzt, Teile der Datenbank via Internet zugänglich zu machen und die Ergebnisse der Auswertung sowie ein Gedenkbuch mit den Kurzbiographien der österreichischen Ravensbrückhäftlinge zu publizieren.

 

2008: Ehemalige weibliche Häftlinge (in Nebenlagern) des KZ Mauthausen (Pilotstudie)

Projektleitung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Durchführung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Kerstin Lercher
Mag. Andreas Baumgartner (Soziales Forschungsbüro)
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    Februar 2008

Die Pilotstudie zu den ehemaligen weiblichen Häftlingen im KZ Mauthausen und seinen Außenlagern hatte das Bestreben, in vier miteinander verflochtenen Modulen die Basis für eine tiefergehende Forschung zu den Frauen in Mauthausen zu schaffen. Im Modul 1, Namentliche Erfassung, wurde eine Access-Datenbank kreiert, in welcher Daten unterschiedlicher Herkunft (Gedenkstätten, andere Forschungsprojekte, Publikationen etc.) zu rund 4.300 Frauen gesammelt wurden. Der Aufbau einer regionalen Vernetzung (Modul 2) hatte zum Ziel, KooperationspartnerInnen in jenen Orten bzw. Regionen zu finden, in welchen Nebenlager bzw. Arbeitskommandos für Frauen existierten, um gemeinsam die Forschung zu den Nebenlagern zu vertiefen. Ein weiterer wichtiger Arbeitsbereich war die Aufbereitung und erste Analyse der Interviews, welche im Rahmen des Mauthausen Survivors Documentation Projects (MSDP, 2001/02) geführt wurden (Modul 3). Schließlich wurde für die im Hauptprojekt zu erbringende Analyse der gesammelten Informationen ein internationales Kooperationsnetzwerk mit ExpertInnen zur Erforschung der spezifischen historisch-politischen Rahmenbedingungen, wie sie sich für weibliche Mauthausenhäftlinge aus verschiedenen Herkunftsländern dargestellt haben, aufgebaut (Modul 4).

Ziel war also v.a., die Rahmenbedingungen für die Durchführung einer umfassenden qualitativen und quantitativen Untersuchung zu den weiblichen Mauthausenhäftlingen zu schaffen bzw. zu optimieren, d.h. die Arbeitsschritte zu definieren, die (weiteren) zu erschließenden Quellen zu eruieren und aufzubereiten sowie mit nationalen wie internationalen KooperationspartnerInnen zentrale Fragestellungen abzuklären, um so im Hauptprojekt eine umfangreiche Erhebung und Analyse zum gesamten Themenfeld durchführen zu können.

 

2007: Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück

Projektleitung: Univ. Prof. Dr.in Erika Thurner
Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Kerstin Lercher
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank, Projekt Nr. 11793
Nationalfonds der Republik Österreich
Zukunftsfonds der Republik Österreich
Fertigstellung:    Dezember 2007

Das Projekt "Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück" besteht aus zwei großen Teilen: einer Dokumentation der 60-jährigen Geschichte der österreichischen Lagergemeinschaft (abgeschlossen 2007) sowie der namentlichen Erfassung von österreichischen Inhaftierten im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. An letzterem Teilprojekt wird seit 2005 gearbeitet.

Auch 60 Jahre nach der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück steht noch immer nicht fest, wie viele Österreicherinnen und Österreicher dort inhaftiert waren. Da österreichische Häftlinge als Reichsdeutsche geführt wurden, ist es schwierig, die tatsächliche Anzahl von inhaftierten ÖsterreicherInnen zu eruieren. Zudem wurden viele Dokumente noch von den Nationalsozialisten vor der Räumung des Lagers vernichtet. In der Literatur wird meist von 800 bis 1.000 ÖsterreicherInnen in Ravensbrück ausgegangen. Unsere bisherigen Recherchen in diversen österreichischen Archiven und der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück haben unsere These bestätigt, dass mindestens doppelt so viele ÖsterreicherInnen in Ravensbrück inhaftiert gewesen sind. Bislang konnten wir die Namen (und teilweise auch deren Verfolgungsgeschichte) von über 2.350 Frauen und Männern eruieren. Hierbei handelt es sich vorwiegend um politische Inhaftierte, ZeugInnen Jehovas, Jüdinnen/Juden, Roma und Sinti. Eine weitere Erhöhung dieser Zahl ist sehr wahrscheinlich, da die Recherchen in den Landesarchiven in Oberösterreich, Salzburg und Burgenland aufgrund fehlender Finanzierung noch nicht durchgeführt wurden bzw. abgeschlossen werden konnten.

Zudem ist die Quellenlage bei den wegen eines (vermeintlichen) kriminellen Delikts oder angeblicher "Asozialität" Inhaftierten schwierig, da diese nicht zu den anerkannten Opfergruppen zählen und daher in den Akten der Opferfürsorge in der Regel nicht aufscheinen. Ebenso ist anzunehmen, dass viele wegen "Verbotenen Umgangs" inhaftierte Frauen – sie waren bis in die 1950er-Jahre von den Leistungen ausgeschlossen – keine Anträge stellten. Um auch diese Gruppen erfassen zu können, müssten die Recherchen auf die Archive der Bundespolizeidirektionen ausgedehnt werden.

Ebenso aufgrund mangelnder Finanzierung konnte noch keine Auswertung im Hinblick auf soziale Herkunft, Verfolgungsgeschichte und das Leben nach 1945 (soferne die Personen überlebt haben) vorgenommen werden.

Durch eine Finanzierungszusage des Zukunftsfonds der Republik Österreich für 2008 können die Archivrecherchen fortgesetzt werden.

 

2007: Dokumentation der Geschichte der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück

Projektleitung: Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Mag.a Dr.in Helga Amesberger
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Mag.a Kerstin Lercher
Finanzierung:    Zukunftsfonds der Republik Österreich
KR Rudolfine Steindling
Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus
Renner Institut
Amt der Steiermärkischen Landesregierung
Bundesministerium für Gesundheit und Frauen
Bundesministerium für Soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz
Renner Institut Tirol
Kommunistische Partei Österreichs
SPÖ Bundesfrauenorganisation
Fertigstellung:    Februar 2007

Die wissenschaftliche Arbeit über das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück im Zusammenhang mit der Verfolgung von ÖsterreicherInnen während des Nationalsozialismus entwickelte sich in den vergangenen Jahren zu einem bedeutenden Forschungsschwerpunkt am IKF. Die Dokumentation der Geschichte der ÖLGR ist Teil dieses Schwerpunktes und des umfassend angelegten Projektes der "Namentlichen Erfassung der ehemaligen österreichischen Inhaftierten im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück".

Die Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück (ÖLGR), gegründet im Mai 1947, ist ein Zusammenschluss von Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück. In seinen Anfängen zählte der Verein rund 350 Mitglieder; heute hat er nur noch etwa 50 Mitglieder, die das KZ Ravensbrück überlebten. Rund 20 neue Mitglieder der nächsten und übernächsten Generation engagieren sich seit längerem ebenfalls ehrenamtlich.

Im Mittelpunkt der Dokumentation stehen die Aktivitäten und Aufgaben der Lagergemeinschaft, sowohl in ihrer Funktion als Versammlungs- und Stützpunkt für ihre Mitglieder als auch hinsichtlich ihres Beitrages zur politischen und historischen Bildung bzw. Aufklärung in Österreich. Eine kritische Analyse der annähernd 60-jährigen Geschichte soll auch ermöglichen, die Anforderungen an die zukünftige Arbeit bei der Fortführung der Lagergemeinschaft genauer zu bestimmen.

 

2005: Die namentliche Erfassung der ehemaligen Wiener Inhaftierten im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Dr.in Helga Amesberger
Dr.in Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    MA 53
Fertigstellung:    Dezember 2005

Auch 60 Jahre nach der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück steht noch immer nicht fest, wie viele Österreicherinnen und Österreicher dort inhaftiert waren. Da österreichische Häftlinge als Reichsdeutsche geführt wurden, ist es schwierig, die tatsächliche Anzahl von inhaftierten ÖsterreicherInnen zu eruieren (zudem wurden viele Dokumente noch von den Nationalsozialisten vor der Räumung des Lagers vernichtet). In der Literatur wird meist von 800 bis 1.000 Österreicherinnen in Ravensbrück ausgegangen. Unseres Erachtens ist diese Zahl zu niedrig angesetzt. Wir vermuten, dass die Anzahl der Österreicherinnen mindestens doppelt so hoch war.

Unter den vom nationalsozialistischen Regime Verfolgten und in Ravensbrück Inhaftierten befanden sich besonders viele Wienerinnen und auch einige Wiener. Aufgrund unserer vorangegangen Studien zu österreichischen Ravensbrückerinnen schätzen wir, dass etwa ein Drittel zum Zeitpunkt der Verfolgung bzw. Verhaftung in Wien lebte. Bislang konnten wir bereits 629 Wienerinnen und Wiener eruieren, wobei wir als WienerInnen jene Personen definierten, die entweder in Wien geboren wurden, zum Zeitpunkt der Verfolgung in Wien lebten oder sich danach in Wien niederließen. 158 von ihnen sind nach bisherigen Forschungsstand im KZ umgekommen bzw. ermordet worden. Die über diese Frauen und Männer verfassten Kurzbiographien enthalten Informationen zu deren Leben und Verfolgung.

 

2003: Sexuelle Gewalt gegen Verfolgte des Nationalsozialismus

Projektleitung:    a.o. Univ.Prof. Dr. Erika Thurner
Durchführung:    Mag.a Helga Amesberger
Mag.a Katrin Auer
Mag.a Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 8746
Fertigstellung:    Juni 2003
 

Im Mai 2000 wurde die Studie "Lebenserinnerungen. Eine Dokumentation über die inhaftierten Österreicherinnen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück" abgeschlossen (1). Basierend auf den Studienergebnissen und den dort erhobenen Quellen (42 biographisch-narrative Interviews) sowie zusätzlichen problemzentrierten Interviews wurden in dieser Folgestudie die Formen, Funktionen und Folgen sexualisierter Gewalt gegen Frauen während der NS-Verfolgung und KZ-Haft untersucht. Ausgehend von der Fragestellung, von welchen direkten und strukturellen Formen sexualisierter Gewalt Frauen im Zuge ihrer Verfolgung und Inhaftierung in Konzentrationslagern betroffen und bedroht waren, wurde das umfangreiche Oral History-Material der biographisch-narrativen und problemzentrierten Interviews mit österreichischen Überlebenden des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück ausgewertet.

Als theoretische Fragestellung versuchten wir die Klärung, Abgrenzung und Definition des Begriffs sexualisierte Gewalt. In einer theoretischen und ideologiekritischen Auseinandersetzung stellten wir die Frage, inwiefern im nationalsozialistischen Kontext die Wechselwirkung zwischen nationalsozialistischen Ideologieelementen und Repressionen zu qualitativ spezifischen Formen von sexualisierter Gewalt in der Verfolgung führte. Zusätzlich den Faktor Geschlecht in diesem Zusammenhang miteinbeziehend, folgt daraus die These, dass Art und Verlauf der sexualisierten Gewalttat Resultat der Wechselwirkung zwischen NS-Ideologie auf der einen Seite und dem biologischen Geschlecht des Opfers auf der anderen Seite war. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass sich solche Verknüpfungen in sexualisiert-frauenfeindlichen, -rassistischen und -antisemitischen, -eugenischen und -heterosexistischen Motiven und Funktionen manifestierten. Ergebnis der Differenzierung der sexualisierten Gewaltformen nach ihren ideologischen Motivationsstrukturen ist die Erkenntnis, dass im NS-Kontext sexualisierte Gewalt gegen Frauen nicht ausschließlich als Ausdruck von Frauenfeindlichkeit begriffen werden kann. Wir untersuchten weiters, welche Formen der sexualisierten Gewalt - erlitten während der Zeit der Verfolgung - in den Lebensgeschichten der befragten Überlebenden vorkommen.

Insgesamt umfasst der Forschungsbericht einen historischen Überblick und die Darstellung der ideologischen, strukturellen und politischen Kontexte der nationalsozialistischen Genderkonzepte, Sexual- und Bevölkerungspolitik sowie der Binnenstruktur von Konzentrationslagern. Dem folgt die Diskussion und Definition des Begriffes sexualisierte Gewalt, eine theoretische Auseinandersetzung und ideologiekritische Kategorisierung der Formen sexualisierter Gewalt sowie die Auseinandersetzung mit Sekundärliteratur zum Thema Trauma und Coping Strategien. Weiters beinhaltet die Studie die Darstellung und Analyse selbst- und miterlebter sexualisierter Gewalt gegen Frauen im Zuge von Gestapo-Verhören und der Aufnahmeprozedur in Konzentrationslagern, die symbolische Bedeutung von Haaren in den Lebensgeschichten der Frauen und die daraus resultierenden Implikationen des Haarescherens bei der Ankunft im KZ, das frauenspezifische Thema Menstruation während der KZ-Haft sowie einen Exkurs zu Intimität und Sexualität unter weiblichen KZ-Häftlingen.

Daran schließt die Untersuchung von sexueller Ausbeutung von Frauen in NS-Konzentrationslagern an. Wir gingen zum einen der Frage nach, wie die historischen Bedingungen und Kontexte zu Prostitution im Nationalsozialismus sowie zu Zwangsprostitution und sexueller Ausbeutung in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ausgesehen haben, und wie zum anderen Frauen, die von der SS sexuell ausgebeutet wurden, dies in ihren Lebensgeschichten darstellen, das heißt in welcher Form und in welchem Ausmaß es ihnen möglich ist, darüber zu erzählen. Die Darstellung der Lebensgeschichten und die Interpretation der Fallgeschichten von zwei Frauen, die von der SS sexuell ausgebeutet wurden, bilden daher den Schwerpunkt der Studie. Anhand dieser Fallgeschichten haben wir eine umfassende Analyse der Umstände, Zwänge, Motive, Handlungsoptionen, Erlebnisse und des Umgangs der beiden Frauen mit dem Aspekt sexueller Ausbeutung und Zwangssexarbeit in ihrer Lebensgeschichte erreicht. Die beiden Frauen wurden unserer Erkenntnis nach von der SS regelmäßig und kontinuierlich sexuell ausgebeutet. Trotz dieser Gemeinsamkeit unterscheiden sich beide Frauen sowohl in der heutigen Darstellung ihrer Lebensgeschichten als auch in ihrem Umgang mit dieser Vergangenheit in vielen Aspekten.

Weiters wurde das Thema Schwangerschaft und Mutterschaft während der Verfolgung in Form einer historischen Darstellung der strukturellen Rahmenbedingungen für Gebärende im KZ Ravensbrück, der Fallgeschichte von Klara C., die während ihrer Haftzeit in Theresienstadt zwei Mal schwanger wurde, der Auseinandersetzung mit dem Thema Kinder als Repressalie oder (Über)Lebenskraft sowie den Auswirkungen von nichtlebbarer Mutterschaft während der Verfolgung auf das Leben der Frauen nach 1945 behandelt. Weibliche Gebärfähigkeit wurde von den Nationalsozialisten oftmals gegen die Frauen eingesetzt. Kinder wurden als Repressalie missbraucht, schwanger zu sein oder als Mutter mit Kleinkindern in Vernichtungslagern anzukommen, bedeutete für die Mütter und Kinder den sofortigen Tod. Unter KZ-Haftbedingungen schwanger zu sein und zu entbinden, hatte zusätzliche Traumatisierungen zur Folge. Sowohl frauenfeindliche als auch antisemitische und rassistische Ideologeme bestimmten hier die Anwendung sexualisierter Gewalt.

Abschließend gingen wir der Frage nach der Bedeutung und Form von Ehe und Partnerschaft im Leben der überlebenden Frauen, den Motiven zu heiraten oder nicht zu heiraten sowie dem generativen Verhalten der Frauen nach. Im Vergleich zu der in der Literatur bekannten These, dass rassistisch und antisemitisch Verfolgte in der Familiengründung und einer relativ großen Kinderzahl ein Symbol des Sieges über die VernichterInnen sahen, ergab sich innerhalb unseres Samples das Ergebnis, dass neben dem Ausmaß der Traumatisierung bei rassistisch und antisemitisch Verfolgten auch die soziale Herkunft (bäuerliches Milieu) eine wesentliche Rolle in Bezug auf die Kinderanzahl spielt.

1) Im April 2001 erschien sie als zweibändige Publikation: Amesberger, Helga/Halbmayr, Brigitte: "Vom Leben und Überleben - Wege nach Ravensbrück. Das Frauenkonzentrationslager in der Erinnerung." Band 1: Dokumentation und Analyse, Band 2: Lebensgeschichten. Wien: Verlag Promedia 2001

 

2000: Lebenserinnerungen. Eine Dokumentation über die inhaftierten Österreicherinnen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Univ.Doz. Dr. Erika Thurner
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Fertigstellung:    Mai 2000

Die umfangreichen Recherchen für dieses Projekt haben gezeigt, dass noch rund 100 Frauen in Österreich leben, die während des NS-Regimes in das Konzentrationslager Ravensbrück, etwa 80 km nördlich von Berlin gelegen, deportiert worden waren. Knapp die Hälfte, nämlich 42 Frauen, waren bereit und gesundheitlich noch in der Lage, in mehrstündigen biographischen Interviews ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Großteils wurden die Interviews auch auf Video aufgezeichnet.

Die Studie verfolgte sowohl dokumentarische als auch wissenschaftliche Ziele. Die Dokumentation soll die Erfahrungen auch weniger bekannter Frauen, deren bewegte Geschichte und oft unfaßbares Leid vor dem Vergessen bewahren und für die Nachwelt erhalten. Mit Hilfe von lebensgeschichtlichen Interviews gelang es, historische Zeugnisse über Kindheit, Jugend, Zeit der Verfolgung und Leben nach der Befreiung zu gewinnen. Die aufgezeichneten Lebensgeschichten sind somit auch eine Dokumentation über das 20. Jahrhundert. Weiters ist im Bewusstsein (junger) Menschen nach wie vor kaum verankert, dass auch Frauen und Kinder Betroffene und Leidtragende des NS-Vernichtungsapparates waren - das Projekt ist somit auch ein Beitrag zur Geschichte der Frauen.

Die Lebensgeschichten der ehemaligen Inhaftierten des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück sind denkbar unterschiedlich. Von besonderem wissenschaftlichen Interesse war daher, diese Unterschiede in der Sozialisation, in der Verfolgungsgeschichte und in den "Verarbeitungsstrategien" herauszuarbeiten. Die oftmalig in Forschung und Literatur anzutreffende Beschränkung auf den relativ kurzen, wenn auch prägenden Lebensa bschnitt, nämlich die Leidensgeschichte im Konzentrationslager, wurde dadurch umgangen, dass zum einen die Bedeutung gewisser Sozialisationserfahrungen für den Weg in den Widerstand und für die Verhaltensweisen im KZ und zum anderen die Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen der KZ-Haft im Alltag - eingebettet in den sozioökonomischen und gesellschaftspolitischen Kontext - wesentliche Themenbereiche waren.

Weitere zentrale Fragestellungen kreisten um die unterschiedlichen Formen des Widerstands und die Motivation der Frauen für widerständiges Handeln. Im Zentrum des Themenbereichs "KZ-Haft" standen, neben der Darstellung der strukturellen Rahmenbedingungen im KZ Ravensbrück, die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zum Überleben für die verschiedenen Häftlingsgruppen sowie die Auswirkungen der von der SS geschaffenen Hierarchisierung der Häftlinge auf Solidarität, Widerstand und Ausgrenzung. Für die Zeit nach 1945 waren v.a. die "Verarbeitungsstrategien" von Interesse, insbesondere die Thematisierung der Vergangenheit innerhalb der Familie und mögliche Auswirkungen des gesellschaftlichen Umfelds auf die persönliche Verarbeitung.

Die Studie ist in zwei Teile gegliedert. Teil 1 behandelt die oben angeführten Fragestellungen, Teil 2 setzt sich aus den Kurzbiographien der befragten Frauen zusammen. In diesen gerafften Lebensgeschichten kommen die Frauen in zahlreichen Interviewausschnitten nach Möglichkeit selbst zu Wort. Unter dem Titel "Vom Leben und Überleben Wege nach Ravensbrück. Das Frauenkonzentrationslager in der Erinnerung" wird die Studie im April 2001 bei promedia, Wien, publiziert.

 

> Oral History und Politik des Erinnerns
2013: Bewusstseinsregion Mauthausen - Gusen - St. Georgen. Raum des Gedenkens und des Lernens

Projektleitung:    PD Dr. Alfred Zauner
Durchführung: PD Dr. Alfred Zauner (Selbständiger Organisationsberater)
Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr (IKF, Projektmanagement)
Dr. Paul Mahringer (BDA-Fachberatung)
Mag. Peter Menasse (Medienberatung)
Mag. Michael Patak (BG Neuwaldegg, Moderation)
unter Mitarbeit von Dr.in Martina Handler und DI.in Lisa Purker (ÖGUT)
Finanzierung:    Zukunftsfonds der Republik Österreich
Nationalfonds der Repbulik Österreich
Land Oberösterreich
Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Abt. IV/3
Fertigstellung:    Dezember 2013

Die Region Mauthausen – Gusen – St. Georgen ist geprägt von den Spuren der Vergangenheit, die manchmal mehr, manchmal weniger deutlich zum Vorschein treten. Das Projekt der Bewusstseinsregion greift den Wunsch nach einem zukunftsorientierten und Nutzen stiftenden Umgang mit der belastenden Vergangenheit auf. Die Bewohnerinnen und Bewohner waren eingeladen, an der Gestaltung ihrer Region mitzuwirken. Dafür kamen neue Formen der politischen Beteiligung und politischen Bildung zum Einsatz, die es den Menschen vor Ort in Zukunft ermöglichen sollen, sich selbstbewusst zur engeren Heimat bekennen zu können, ohne sich von den negativen geschichtlichen Fakten distanzieren zu müssen. Die Trennung von Vergangenheit und Gegenwart wird in einem nach vorne gewandten Konzept aufgehoben.

Im Kern ging es im Projekt Bewusstseinsregion darum, für die Region Mauthausen – Gusen – St. Georgen eine Zukunftsperspektive zu entwickeln, die von der großen Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger mitgetragen und mit Leben erfüllt wird.

Die Projektaktivitäten beruhten auf zwei Säulen, die beide der Mitbestimmung und Mitgestaltung dienten. Die erste Säule sah eine Reihe von Kreativ-Workshops (Fokusgruppen) mit Menschen vor, die der Region verbunden sind und fachliches Wissen unterschiedlicher Art einbringen können. In sechs Fokusgruppen (FG 1: Wissenschaft, Kunst und Kultur; FG 2: Regionalentwicklung, FG 3: Wirtschaft; FG 4: Weggezogene; FG 5: Gedenkinitiativen; FG 6: Ideenreflexion) entwickelten die eingeladenen Personen Ideen für die zukünftige Entwicklung der Region.

Die zweite Säule stellten Einbeziehungsforen dar, wie sie in der politischen Kultur in Vorarlberg schon seit geraumer Zeit einen fixen Platz gewonnen haben: die sogenannten BürgerInnenräte, hier Ideenwerkstätten genannt. Dazu wurden dreimal ein Dutzend BewohnerInnen der drei Orte per Zufallsstichprobe ausgewählt. Unter Leitung von professionellen Moderatorinnen (ÖGUT) tauschten sie sich über die Ist-Situation in der Region aus. Es ging um ihre Wahrnehmungen, Ärgernisse, Erwartungen, Enttäuschungen und Hoffnungen in Bezug auf ihren Lebensbereich. Zuhören, gehört werden und Ideen entwickeln stand im Mittelpunkt dieser drei Wochenenden (jeweils eineinhalb Tage). Gemeinsam formulierten die Teilnehmenden Wünsche, Anliegen, Beteiligungs- und Gestaltungsmöglichkeiten für ihre Region. Auf einem „Marktplatz der Ideen“ wurden die Ergebnisse der drei Ideenwerkstätten zusammengeführt und mit den engagierten BürgerInnen noch einmal fokussiert. Am 26. April 2013 fand eine öffentliche Präsentation aller Projektarbeitsschritte und insbesondere der Ergebnisse der Ideenfindungsforen im gut gefüllten Donausaal Mauthausen mit zahlreichem interessiertem Publikum statt.

Im Endbericht zu dieser Projektphase, die der Ideenentwicklung für die Zukunft der Region gewidmet war, sind die vielfältigen Ideen unter folgenden Themenbereichen zusammengefasst: Erweitertes Gedenken; Gegenwartsbezogenes Lernen (aus der Geschichte der Region); Nachnutzung verbliebener Bauwerke und Räume; Begegnung, Dialog und Kommunikation; Selbstbewusste Region; Vernetzung und neue Strukturen. Eine Auswahl der Ideen ist auf der Projekthomepage www.bewusstseinsregion.at nachzulesen.

Im Herbst 2013 wurde die Frage nach der Realisierung der entwickelten Ideen aktuell. Am 4. Dezember 2013 trafen die Bürgermeister der drei Gemeinden mit VertreterInnen aus dem Kreis der Ideenwerkstätten, der Fokusgruppen und einigen erstmals eingeladenen ExpertInnen zusammen und arbeiteten ganztägig an Schwerpunktsetzungen für die nunmehr anstehende Umsetzungsphase. Die Zielsetzung dieser Beratungen war in der Einladung zur Klausur konkret genannt worden: „Was wollen wir in drei Jahren erreicht haben? Und wie kommen wir da hin?“

Auf die Frage, wofür die Region in drei Jahren im Kontext des Gedenkens und Lernens bekannt sein sollte, formulierten drei Arbeitsgruppen unter anderem folgende Visionen: „Wer in unsere Region kommt, um zu gedenken/zu erinnern, fährt mit neuen Ideen und Perspektiven wieder weg (und nicht – nur – mit Bestürzung)“; die Region soll als „Modellregion“ für ein Thema mit Gegenwartsbezug (etwa: Demokratie, Vielfalt, Armut, politische Bildung) gelten; die Region soll durch vorbildliche Integration von Zuzug und Generationen bekannt sein.

Auch in der Frage: Womit beginnen? erbrachte die Diskussion eine breite Übereinstimmung und weitere Fokussierung: Fortsetzung der Ideenwerkstätten, Einrichtung einer Koordinierungsstelle sowie ehestmögliche Bildung einer Trägerorganisation für die nächsten Schritte auf Basis eines Gemeindeverbands der drei Gemeinden Mauthausen, Langenstein und St. Georgen waren die zentralen Ergebnisse. Mehrfach wurde der Bedarf an einer Jugendbegegnungsstätte formuliert, mit deren Konzeption und Errichtung unmittelbar begonnen werden sollte.

 

2012: Ehemaliges Konzentrationslager Gusen/St. Georgen, Denkmale und Standortentwicklung

Durchführung: Dr.in Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Bundesdenkmalamt
Fertigstellung:    Mai 2012

Das Bundesdenkmalamt plant, auf dem Territorium der ehemaligen Konzentrationslager Gusen (Gusen I, II, III) mehrere Objekte, die noch aus der NS-Zeit stammen, unter Denkmalschutz zu stellen. Dieses Vorhaben soll in einem gemeinsamen Prozess mit der Bevölkerung der involvierten Gemeinden und unter Einbeziehung von ExpertInnen verschiedener Wissenschaftsbereiche sowie von VertreterInnen von Opferverbänden erarbeitet werden. Ziel ist in erster Linie, das Einverständnis für die Bewahrung historisch bedeutender Objekte zu erlangen – dies eingebettet in ein regionales Projekt des Gedenkens und der historisch-politischen Bildung mit einem schlüssigen Gegenwarts- und Zukunftsbezug.

Das IKF war in dieser Projektphase (Vorprojekt) durch fachliche Beratung und Mitarbeit im operativen Projektmanagement eingebunden. Aufgabe des Projektteams (unter der Leitung von Dr. Bernd Euler, Bundesdenkmalamt, und PD Dr. Alfred Zauner) war es, einen Beteiligungs- und Vermittlungsprozess zu planen, der sich unter Einbeziehung der Bevökerung vor Ort den Zeugnissen der Vergangenheit stellt und dabei zukunftsweisende Strukturen des Gedenkens und Erinnerns entwickelt.

Die Vorhaben im Projekt "Bewusstseinsregion Mauthausen – Gusen – St. Georgen. Raum des Gedenkens und des Lernens" sind auf der Website www.bewusstseinsregion.at nachzulesen. (siehe auch Nachfolgeprojekt 2013)

 

2012: Geschichtsbuch Mitteleuropa

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Mag.a Karin Bischof
Mag. Walter J. Fend
Univ.-Prof. Anton Pelinka
MMag.a Dr.in Karin Stögner
unter Mitarbeit von Mag.a Dr.in Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Fertigstellung:    August 2012

Vor dem Hintergrund der umfassenden politischen Neuordnungen des mitteleuropäischen Raums im Lauf des 20. Jahrhunderts und der europäischen Integrationsbestrebungen ist es das Anliegen dieses Geschichtsbuchs, die historische, soziale, kulturelle, politische und ökonomische Ausgangsbasis für ausgewählte Länder Mitteleuropas nachzuzeichnen. Der Band umfasst sieben Länderstudien, die alle um die Entwicklung von Narrativen des Nationalen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart kreisen. In die Auswahl fielen die Tschechische Republik, die Slowakei, Ungarn, Slowenien, Kroatien, Polen und Österreich. Die Beiträge wurden von international renommierten AutorInnen verfasst, die durch ein Peer-Auswahlverfahren aufgrund ihrer Expertise ausgewählt wurden. Die AutorInnen orientierten sich an einem von uns ausgearbeiteten Schwerpunktkatalog, was eine Gegenüberstellung paralleler und gegenläufiger, durch wissenschaftliche Analysen aufbereiteter Narrative ermöglichte. Auf Basis dieser Länderstudien wurde in der letzten Phase des Projekts von den am IKF tätigen ProjektmitarbeiterInnen ein umfassender komparativer Teil erstellt. Dieser strukturiert sich nach vier Phasen: Fin de Siècle und Erster Weltkrieg, Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg, Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur "Wende" sowie die Periode bis zur Gegenwart – und bildet damit jene Chronologie ab, welcher auch in den einzelnen Länderstudien durchwegs gefolgt wird.

Eine Publikation ist für 2013 geplant.

Zur Struktur:

Vergleichende Studie

o Fin de Siècle. Mitteleuropa vor und während des Ersten Weltkrieges (Anton Pelinka)
o Narrative des Nationalen in Mittel- und Osteuropa in der Zwischenkriegszeit (Karin Stögner)
o Vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Beginn der "Wende" (Walter Fend)
o Die Periode bis zur Gegenwart (Karin Bischof)

Länderstudien

o National Narratives of Czech identity. From the 19th Century to the Present (Muriel Blaive)
o Die Slowakei – Nationalgeschichte und nationales Bewusstsein (Dušan Kováč)
o Cultic and Ironic Visions of Hungary’s History (Gábor Gyáni)
o Slovene National Narrative in the 20th Century (Peter Vodopivec)
o History Book Central Europe. Croatia (Magdalena Najbar-Agičić/Damir Agičić)
o Die nationale Narration und ihre Entwicklung und die Entfaltung der europäischen Idee im Polen des
   20. Jahrhunderts (Bogdan Musial)
o Transformationen der österreichischen Identität im 20. Jahrhundert (Heidemarie Uhl)

 

2011: Zeitlebens konsequent. Hermann Langbein (1912-1995). Eine politische Biographie.

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Univ.-Prof. Dr.in Erika Thurner
Durchführung:    Mag. Katharina Demel
Mag. Dr. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
Zukunftsfonds der Republik Österreich
Nationalfonds der Republik Österreich
Fertigstellung:    Dezember 2011

Das Leben und Wirken Hermann Langbeins war auf das engste mit Auschwitz verbunden und wird es im kulturellen Gedächtnis auch bleiben. Zwei Jahre war Hermann Langbein im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau interniert; sein späteres Leben widmete er vorrangig der Erforschung dieses Schreckensortes. Und wann immer er seine Stimme zu anderen gesellschaftspolitischen Themen erhob, argumentierte er auf der Grundlage dessen, was er in Auschwitz erlebt und gesehen hatte.

Spätestens mit seinem Werk „Menschen in Auschwitz“ ordnete sich Hermann Langbein in die Reihe jener ein, die – wie er selbst Verfolgte des NS-Regimes – bis heute für eine wissenschaftliche Aufarbeitung oder literarische Reflexion der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik stehen: Margarete Buber-Neumann, Stéphane Hessel, Imre Kertész, Ruth Klüger, Eugen Kogon, Primo Levi, Hans Maršálek, Nico Rost, Germaine Tillion, Jorge Semprun, Elie Wiesel, Simon Wiesenthal – ehemalige Gefangene der Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Groß-Rosen, Mauthausen und Ravensbrück.

Aber Hermann Langbein wurde nicht allein durch Auschwitz geprägt. Der gebürtige Wiener war auch jahrelanger überzeugter Kommunist, er war einsatzfreudiger Spanienkämpfer, unerbittlicher Lehrmeister, nimmermüder Streiter für Demokratie, politischer Aufklärer, moralische Autorität und liebevoller Familienvater. All diese Facetten eines ungewöhnlichen Lebens kommen in der Biographie über Hermann Langbein zur Sprache.

Zentrale Quelle für die Biographie war neben zahlreichen Interviews der Nachlass Hermann Langbeins. Die umfangreiche Dokumentation seiner Arbeit, die im Österreichischen Staatsarchiv gelagert ist, umfasst über dreihundert Ordner bzw. Kartons und zeugt von seinem immensen Fleiß: In erster Linie handelt es sich um Korrespondenzen (129 Ordner), aber auch um persönliche Notizen, Druck- und Zeitschriften, Zeitzeugenberichte, Prozessunterlagen, Adresskarteien, Manuskripte, Korrekturfahnen und Materialsammlungen zu seinen Publikationen. Bereits diese Aufzählung verdeutlicht, dass eine rigorose Auswahl schon bei der Materialsichtung notwendig war.

Die intensive Beschäftigung mit Hermann Langbein zeigt, dass er in und für Österreich – und darüber hinaus – vielen ein Vorbild war. Er war eine moralische Instanz, die Österreichs Umgang mit der Vergangenheit wichtige Impulse verliehen und Maßstäbe gesetzt hat, die auch in ferner Zukunft noch gelten werden.

Die Biographie erscheint im April 2012 im Verlag Braumüller, Wien.

 

2004: Emigration - Flucht - Vertreibung. Migrationsbewegungen österreichischer Jüdinnen und Juden nach Palästina 1934-1948

Projektleitung: Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung: Mag.a Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Dr. Joanna Nittenberg (Illustrierte Neue Welt)
Fertigstellung:    April 2004

Das Projekt "Emigration - Flucht - Vertreibung. Migrationsbewegungen österreichischer Jüdinnen und Juden nach Palästina 1934-1948" ist Teil eines breiter angelegten Publikationsprojekts (unter Leitung von Joanna Nittenberg und Angelika Hagen), welches sich unter dem Titel "Flucht und Neubeginn" insbesondere den österreichischen Jüdinnen und Juden in Israel widmet. In einem methodischen Mix aus wissenschaftlicher Aufbereitung historischer Daten und Entwicklungen im genannten Zeitraum in Österreich sowie der Situation in Palästina (Israel), welche die Geflüchteten vorgefunden haben, einerseits, und der Auswertung von lebensgeschichtlichen Interviews mit rund 40 österreichischen Juden und Jüdinnen in Israel andererseits sollen vor allem die Bedingungen multipler Identitäts-entwicklung erhoben und analysiert werden.

Der vom Institut für Konfliktforschung durchgeführte Projektteil beschäftigt sich mit den Migrationsbewegungen von Jüdinnen und Juden nach Palästina im Zeitraum 1934-1948, welcher drei große Zeitspannen umfasst: die Zeit zwischen 1934 bis zum "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, die Jahre der NS-Diktatur 1938 bis 1945 und schließlich die ersten drei Jahre nach Kriegsende. Die drei Zeitspannen stellten für die Migration nach Palästina vollkommen unterschiedliche Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der Durchführung dar - eine Tatsache, welche auch in der Neuformulierung des ursprünglich schlicht "Flucht aus Österreich" lautenden Titels des Projektteils auf "Migration - Flucht - Vertreibung" zum Ausdruck kommt.

Der Bericht beginnt mit einem Überblick zu Zahlen und Daten für den gesamten Untersuchungszeitraum, unterteilt auf die drei genannten Zeitspannen. Anschließend erläutert er die politischen Entwicklungen bis 1938 und damit die Situation für die jüdische Bevölkerung in Österreich. Der Hauptteil der Arbeit handelt von den Schicksalsjahren 1938 bis 1945, in welchen innerhalb weniger Monate die Flucht vor Verfolgung und schließlich Vernichtung mit staatlicher Vertreibung (und vorheriger Ausbeutung und Enteignung) Hand in Hand ging. Die politischen Entwicklungen, wesentliche Ereignisse wie der Novemberpogrom 1938 sowie einflussreiche Behörden wie die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" werden beleuchtet, schließlich auf die unterschiedlichen Fluchtbewegungen nach Palästina und auf deren ungeheure Erschwernisse genauer eingegangen. Der dritte Abschnitt der Literaturstudie versucht eine Einschätzung des Ausmaßes an Emigration nach wie auch Remigration aus Palästina bis zum Zeitpunkt der Staatsgründung Israels 1948.

 

2003: ZeitzeugInnenprojekt KZ-Gedenkstätte Mauthausen / Mauthausen Survivors Documentation Project

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Gerhard Botz
(Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft)
Durchführung:    Mag.a Helga Amesberger
Mag.a Katrin Auer
Mag.a Brigitte Halbmayr
MMag.a Karin Stögner
Christine Schindler
(Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands)
Finanzierung:    Bundesministerium für Inneres
Fertigstellung:    Juni 2003

Ziel des ZeitzeugInnenprojekts KZ-Gedenkstätte Mauthausen / Mauthausen Survivors Documentation Project (MSDP) war es, rund 800 Interviews mit bzw. Lebenserinnerungen von Überlebenden des NS-Konzentrationslagers Mauthausen und seiner rd. 60 Nebenlager aufzuzeichnen. Nach einer Laufzeit von rd. 16 Monaten wurden dem Bundesministerium für Inneres als Auftraggeber, im Konkreten dem Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, insgesamt 838 Audio-Interviews, gespeichert in digitalisierter Form (Mini-Discs) übergeben, 91 davon wurden auch auf Video aufgezeichnet. Die Interviews wurden inhaltlich und geographisch beschlagwortet, sämtliche gesammelten Daten wurden in einer Datenbank erfasst. Zu diesen Daten gehören auch aktuelle Fotos der InterviewpartnerInnen, schriftliche Dokumente, Briefe und Fotos aus der Verfolgungszeit, Tagebücher, Erinnerungsstücke und Artefakte aus der KZ-Haft.

Die internationale Durchführung des Projekts wurde vom Institut für Konfliktforschung organisiert und koordiniert sowie vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands administriert. TeilprojektleiterInnen/regional coordinators in 18 Regionen in Europa, Israel und den USA waren für die Realisierung des Projekts in den einzelnen Ländern verantwortlich. Die Mitarbeiterinnen des IKF waren zusätzlich zur zentralen Koordination des Projekts auch für die Durchführung der Interviews in Österreich und Großbritannien zuständig.

Insgesamt waren rd. 60 Personen als regional coordinators bzw. InterviewerInnen tätig, KonsulentInnen, VideographInnen und AdministratorInnen erhöhten die ProjektteilnehmerInnen auf weit über 80 Personen. Zur Abstimmung der methodischen und inhaltlichen Vorstellungen wurde daher im März 2002 mit den regional coordinators ein Auftakt-Workshop in Wien durchgeführt, bei dem insbesondere Fragen zur Interviewmethode, der Zugang zu den Überlebenden, die Zusammensetzung des Interview-Samples und Form der Interview-Aufzeichnung (Audio und Video) diskutiert wurden. Dem Workshop folgte unmittelbar ein Trainingsseminar für die InterviewerInnen. Die Schulung konzentrierte sich in erster Linie auf die Interviewtechnik, die Problematisierung der Beziehung InterviewerIn - Interviewee sowie auf das Ausfüllen der Questionnaires und Beherrschen des neuen technischen Equipments (digitale Aufnahmetechnik). Den InterviewerInnen wurde ein umfangreiches Handbuch mitgegeben, in dem alle Arbeitsschritte nochmals erklärt und die Arbeitsunterlagen gesammelt wurden, sowie ein Reader mit ausgewählter Literatur zur Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen.

Die Auswahl der rd. 840 InterviewpartnerInnen orientierte sich an der Zusammensetzung der sogenannten Häftlingsgesellschaft im KZ Mauthausen nach den Kriterien Verhaftungsgrund, Nationalität, Alter bei der Inhaftierung, Zeitpunkt der Verhaftung, Haftdauer und Geschlecht.

Mit den Überlebenden wurden lebensgeschichtliche Interviews geführt, in denen den Interviewees mit einer sehr allgemein gehaltenen Einstiegsaufforderung ("Erzählen Sie mir bitte Ihre Lebensgeschichte") die Möglichkeit zur individuellen Gestaltung der eigenen biographischen Retrospektive gegeben wurde, erst in einem zweiten und dritten Schritt wurden Fragen zum Erzählten bzw. noch nicht Gehörten gestellt. Ein themenzentrierter Leitfaden unterstützte die Frageführung. Ergänzt wurden die Interviews mit einem relativ detaillierten Fragebogen.

Insgesamt wurden in rund 20 Ländern Europas, in Israel, in Nord- und Südamerika lebensgeschichtliche Interviews in der jeweiligen Muttersprache der Überlebenden bzw. in der Nationalsprache durchgeführt. Da die Inhaftierten des Konzentrationslagers Mauthausen zum überwiegenden Teil (ca. 90%) aus nicht deutschsprachigen Ländern gekommen waren, wird mit der Sammlung dieser Interviews erstmals die nationale, kulturelle und religiöse Vielfalt der "Häftlingsgesellschaft" dokumentiert.

Unter den zeitlichen wie auch budgetären Rahmenbedingungen von Seiten des Auftraggebers konnten keine Transkriptionen bzw. Übersetzungen der Interviews erfolgen. Ebenso sind weiterführende Forschungsprojekte, die das gesammelte Material sukzessive aufbereiten können, noch ausständig.

Ein wichtiges erstes Ergebnis des MSDP stellt jedoch die Ausstellung "Mauthausen erzählen" (20 halbstündige Video-Interviews) im neuen Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Mauthausen dar, welche am 11. Mai 2003 eröffnet wurde.

 

2003: Jüdinnen in der österreichischen Frauenbewegung 1890 - 1938

Projektleitung:    Dr. Elisabeth Malleier
Durchführung:    Dr. Elisabeth Malleier
Finanzierung:    Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur
Fertigstellung:    Dezember 2001

Das im Dezember 2001 abgeschlossene zweijährige Forschungsprojekt hatte drei Schwerpunkte zum Thema. Neben Recherchen zum Leben einzelner Frauen und ihren Aktivitäten im Rahmen der österreichischen Frauenbewegung wurden auch internationale Beziehungen untersucht. Ein wichtiges Forschungsziel war es, die Aktivitäten der Frauen mit ihrem Selbst-Bewußtsein als Jüdinnen und in Verknüpfung mit ihrem politischen Umfeld darzustellen. Insgesamt wurden im Rahmen des Projekts von über 40 Aktivistinnen dreizehn Frauen ausgewählt und ausführlich dargestellt.

Zu den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geborenen Pionierinnen der Frauenbewegung gehören Ottilie Bondy, Regine Ulmann und Ernestine Federn. Weiters waren Frauen jüdischer Herkunft als Herausgeberinnen, Redakteurinnen und Journalistinnen an der Entstehung der Wiener Frauenbewegungspresse maßgeblich beteiligt. Dies wird in der Studie an den Beispielen Henriette Herzfeld, Leopoldine Kulka und Ernestine von Fürth ausgeführt. Als Beispiele des vielfältigen sozialen Engagements jüdischer Frauen habe ich Else Federns Aktivitäten im Ottakringer "Settlement", Henriette Weiß` Engagement für die Krankenpflegerinnenausbildung sowie als Begründerin von Lungenheilstätten und Volkssanatorien und Olly Schwarz als Gründerin und Leiterin der "Zentralstelle für weibliche Berufsberatung" ausgewählt. Die Involvierung österreichisch-jüdischer Feministinnen in der internationalen Frauenbewegung untersuchte ich an den Beispielen der "Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit" und am ersten Weltkongress jüdischer Frauen, der 1923 in Wien stattfand. Weitere Aufschlüsse zum Thema Vernetzung ergaben sich in der Untersuchung lokaler Zusammenschlüsse jüdischer Frauenvereine in Wien ab der Jahrhundertwende bis in die Zwanzigerjahre.

Ein wichtiger Faktor im politischen Umfeld, in dem sich die Frauen bewegten und mit dem sie sich auseinander setzten, war der aggressive Antisemitismus in Wien um 1900. Wie diese Studie deutlich macht, wurde von antisemitischer Seite auch die Frauenbewegung in ihren Anfängen als "jüdische Erfindung" denunziert. Ein Kapitel meiner Arbeit beschäftigt sich mit den Argumenten der AntisemitInnen und den Reaktionen jüdischer und nichtjüdischer Feministinnen auf diese Vorwürfe. Eine weitere Skizzierung der Wechselwirkung zwischen jüdischen Feministinnen und ihrem politischen Umfeld stellt das Beispiel des Ersten Weltkrieges dar, wo die Zugehörigkeit von Jüdinnen und Juden ebenfalls in Frage gestellt wurde. Hier versuchte ich, das komplexe Feld von Solidarität und Differenzen am Beispiel des Engagements dreier jüdischer Frauen im traditionell jüdischen, im überkonfessionellen und im zionistischen Bereich zu skizzieren. Das letzte Kapitel setzt sich ausführlich mit Vernetzungen jüdischer Frauen in Wien und auf internationaler Ebene auseinander.

Die vorliegende Untersuchung macht deutlich, welch bedeutenden Anteil Jüdinnen an der Entstehung der Emanzipationsbewegung für Frauen in Österreich hatten. Sie stellten von Anfang an und bis zu ihrer Vertreibung und Ermordung durch den Nationalsozialismus ein konstituierendes Element der Wiener Frauenbewegung dar. Nur ein Bruchteil ihres Engagements konnte mit dieser Studie sichtbar gemacht werden.

 

1998: Österreich ist nicht gleich Österreich ist nicht gleich Österreich

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Walter Fend
Univ.Doz. Dr. Albert Reiterer
Univ.Doz. Dr. Erika Thurner
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr
Fertigstellung:    Jänner 1998

Der Grundgedanke des sozialwissenschaftlich-historisch ausgerichteten Forschungsprojektes ist, an die Stelle eines fiktiven einheitlichen Österreich-Begriffes und an die Stelle des Mythos von einer durchgängigen, monolithischen österreichischen Identität die Vielfalt und die Widersprüchlichkeit des wirklichen Österreich in Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu betonen. Dabei wird einmal der Themenkomplex der spezifischen österreichischen Nationenwerdung seit dem späten 19. Jahrhundert bearbeitet: Der mehrstufige Prozeß der Herausbildung einer nationalen Identität wird entlang den Schwerpunkten wirtschaftliche Struktur, Rolle der Intellektuellen, Weltanschauung/religiöse Orientierung und regionale Repräsentation untersucht. Ergänzend wird die Frage nach prämodernen sowie nach postmodernen Identitäten (etwa Gender, Sprachzugehörigkeit), die das Österreich-Bewußtsein beeinflussen, gestellt. Gerade in Zusammenhang mit den beiden Anniversarien - 1995: der fünfzigste Jahrestag des Bestehens der Zweiten Republik, 1996: der tausendste Jahrestag der ersten urkundlichen Erwähnung Österreichs - ist es nötig, das Selbstverständnis Österreichs zu hinterfragen. Das Aufzeigen und Bewußt-Machen der Brüche in der österreichischen Identität, das kritische Nachdenken über die Vergangenheit ist für die Herausforderungen der Zukunft, die sich etwa auch durch den österreichischen EU-Beitritt ergeben haben, unerläßlich.

 

1996: Tausend Jahre Österreich - Lebenswelten kleiner Leute

Projektleitung und Durchführung:    Dr. Ilse König
Univ.-Prof. Dr. Josef Ehmer (Univ. Salzburg)
Kooperation mit:    Institut für Geschichte der Universität Salzburg
Finanzierung:    Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Fertigstellung:    Oktober 1996

Das Buch "vom nicht ganz einfachen Leben. Geschichte und Geschichten" umfaßt das Leben von vierzig Generationen in "Tausend Jahren Österreich". Nicht die "großen Männer" stehen im Mittelpunkt dieses Buchs, sondern das alltägliche Leben der vielen "einfachen Leute".

Das Buch verknüpft "Geschichte" mit "Geschichten". Knappe Überblickskapitel zu den einzelnen Epochen enthalten historisches Wissen in gedrängter und übersichtlicher Form und bilden eine Leitlinie durch die österreichische Sozialgeschichte. Dazwischen stehen "Geschichten" von Bettelkindern der Barockzeit, Fabrikarbeitern des 19. Jahrhunderts, Bauern und Bürgern der Zwischenkriegszeit, Pendlern in die VOEST in den 1970er Jahren, und vielen anderen "einfachen Leuten" als selbständig handelnde und fühlende Menschen. Nahe an den historischen Quellen verfaßt, aber zugleich als anschauliche und freie Erzählungen gestaltet, geben diese historischen Miniaturen Einblicke in die Mühen und Gefahren des Alltags in vergangenen Zeiten wie in der Gegenwart.

Durch die leicht verständliche Textgestaltung, eine sorgfältige Bildauswahl sowie durch seine Anschaulichkeit ist der Band für ein breites Lesepublikum gedacht; zugleich eröffnet er aber auch allen Lesern, die mit Geschichte und Gegenwart der österreichischen Gesellschaft gut vertraut sind, neue Einsichten und Perspektiven.

 

1996: 100 Jahre Illustrierte Neue Welt. Geschichte einer Zeitschrift

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Katharina Demel
Mag. Brigitte Halbmayr
Finanzierung:    Illustrierte Neue Welt
(Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst)
Fertigstellung:    Oktober 1996

Die Zeitschrift "Illustrierte Neue Welt" wurde 1897 von Theodor Herzl gegründet. Anläßlich des 100-jährigen Bestehens 1997 soll eine Publikation erscheinen, welche die Geschichte der Zeitschrift dokumentiert. Generalthema ist die jüdische Identität in Österreich im Spiegel dieser traditionsreichen Zeitung. Anhand der Themenauswahl und -schwerpunktsetzung, der Aufmachung des Blattes, der AutorInnenschaft etc. soll die inhaltliche Ausrichtung und Entwicklung nachgezeichnet werden.

Die Sichtungsarbeit der Zeitschrift wurde in vier Zeitabschnitte geteilt, wobei das Institut für Konfliktforschung für die zwei Phasen nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich zeichnet (also von der Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1948 bis 1973, sowie den Zeitabschnitt von 1974 bis 1995, der von der Chefredaktion und Herausgeberfunktion von Joanna Nittenberg geprägt ist). Der inhaltlichen Analyse wurde ein Themenraster zugrunde gelegt, welcher die Kategorien Israel, Außenpolitik Israels/ Nachbarländer/Friedensprozeß, Österreich (und die Beziehungen zu Israel), Berichterstattung über andere Länder, Holocaust, Antisemitismus, Judentum, Zionismus, Kultur und Gesellschaft umfaßt. Die Zuordnung der einzelnen Artikel zu diesen Themenbereichen läßt sowohl die generelle Blattlinie und die Schwerpunkte in der Berichterstattung, als auch gewisse Änderungen im Laufe der Jahre erkennen. Die einzelnen Themenbereiche durchlaufen unterschiedliche Konjunkturstadien, abhängig von geschichtlichen Ereignissen, seien sie sozialer, kultureller, wirtschaftlicher oder - wie zumeist - politischer Art. Bei aller Reflexion auf äußere Entwicklungen wird die Linie des Blattes jedoch stets primär von der Persönlichkeit der verschiedenen HerausgeberInnen bzw. ChefredakteurInnen und deren jeweiligen Zielsetzungen geprägt. So beherrschen etwa Israel und der Zionismus sowie der Themenkomplex "Judentum und Tradition" die ersten Erscheinungsjahre der Zeitung. In den 50er und 60er Jahren, unter der Leitung von Georg Künstlinger, wird neben Israel das jüdische Leben in Österreich ein Schwerpunkt der Zeitschrift. Künstlingers Anliegen ist es, zwischen Juden/Jüdinnen und Nichtjuden/ Nichtjüdinnen zu vermitteln und gegenseitiges Verständnis zu fördern. Imanuel Unger, der die Zeitschrift zwischen 1969 und 1974 leitet, konzentriert seine Berichterstattung wieder auf Israel, Österreich ist in der "Illustrierten Neuen Welt" nahezu kein Thema. Joanna Nittenberg schließlich, die 1974 gemeinsam mit Marta Halpert (bis 1991) die Leitung der Zeitschrift übernimmt, verändert die Zeitschrift in Richtung einer thematisch stärker ausbalancierten Berichterstattung. Im Laufe der Jahre mehrt sich insbesondere die Bezugnahme auf Österreich. Ein besonderes Anliegen wird die Erinnerung an eine große jüdische Vergangenheit im Kultur- und Geistesleben. So prägen heute Porträts jüdischer KünstlerInnen und Beiträge zum aktuellen kulturellen Geschehen das Erscheinungsbild der "Illustrierten Neuen Welt", Versöhnung und Verständigung sind die großen Anliegen der Zeitschrift.

 

1992: Österreicher im Zweiten Weltkrieg

Auftraggeber: Universität Wien - Institut für Zeitgeschichte

Dr. Christian Haerpfer / Dr. Monika Wammerl, Dr. Eva Wagner, Claudia Palt

 
 
> Verkehrspolitik
1998: Perspektiven der Transitverkehrspolitik

Projektleitung:    Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr/
Verwaltungsbereich Verkehr
Fertigstellung:    Dezember 1998

Der Lkw-Transitverkehr durch Österreich hat zwar durch den Beitrittsvertrag mit der EU eine verbindliche Regelung erfahren. Dennoch hat diese Problematik die österreichische Politik auch weiterhin beschäftigt (Stichworte: Brennermaut, Umstellungsprobleme bei der Einrichtung eines elektronischen "Ökopunkte"-Kontrollsystems): Zudem könnte die geltende Ökopunkteregelung bereits ab Anfang 2001 durch einen Mehrheitsbeschluß im EU-Ministerrat substanziell abgeändert werden; Ende 2003 läuft diese Regelung definitiv aus. Weiters ist ungefähr zum selben Zeitpunkt (2002-2005) der EU-Beitritt von mittel- und osteuropäischen Nachbarstaaten zu erwarten, was eine deutliche Zunahme des (bisher über bilaterale Kontingente begrenzten) grenzüberschreitenden Straßengüterverkehrs mit diesen Staaten bedeuten wird. Unter dem Gesichtspunkt der österreichischen Verkehrspolitik vor dem EU-Beitritt muß diese Perspektive der vollständigen Übernahme des acquis communautaire, verstärkt durch die Osterweiterung, als ungünstigster Fall gelten.

Sowohl die langfristige Perspektive, als auch vor und während der Projektlaufzeit auftretende kurzfristige Probleme bildeten den Anlaß für das gegenständliche Projekt, in dem systematisch die noch vorhandenen Spielräume ausgelotet werden. Das Projekt diente während seiner Laufzeit einerseits der begleitenden Politikberatung bei ad hoc auftauchenden Problemstellungen. Resultat ist eine Abschätzung möglicher grundlegender Szenarien und policy-Alternativen aus Sicht des Auftraggebers BMWV, wobei im Zentrum eine politische Risikoabwägung bzw. Fragen der politischen Durchsetzbarkeit von Maßnahmen stehen. Systematisch geprüft wurden Fragen der Forderung nach einer Verlängerung des Ökopunktesystems, der Kostenwahrheit im Verkehr, der Sozialharmonisierung im Straßengüterverkehr (Lenk- und Ruhezeiten), Lkw-Nachtfahrverbote, die Rolle des kombinierten Verkehrs sowie die aktuellen Fragen der Brennermaut und des bilateralen Verkehrsabkommens EU-Schweiz. Methodisch wurde eine Kombination von Sekundäranalysen vorhandener Materialien, Interviews mit EntscheidungsträgerInnen und ExpertInnen sowie Projektdiskussionen im BMWV angewandt.

 

1997: Verkehrssicherheitspolitik in Österreich

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Walter Fend
DDr. Hubert Sickinger
Finanzierung:    Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr/
Verwaltungsbereich Verkehr
Fertigstellung:    Mai 1997

Zentrale Problemstellung des Projekts ist eine empirische Bestandsaufnahme der österreichischen Verkehrssicherheitspolitik, v.a. bezogen auf den motorisierten Straßenverkehr. Die Zielsetzung ist wesentlich eine praktische: Die Auswertung bisheriger Erfahrungen soll dem Auftraggeber eine bessere Prognostizierbarkeit der Erfolgsaussichten künftiger Maßnahmen zur Verbesserung der Straßenverkehrssicherheit ermöglichen bzw. generell Strategien für die politische Durchsetzung einer verstärkten Verkehrssicherheitspolitik liefern. Im Projektbericht werden vor allem die folgenden Aspekte herausgearbeitet:

Zum einen werden die Einstellungen der Bevölkerung - sowohl der AutofahrerInnen als auch aller übrigen Gruppen von VerkehrsteilnehmerInnen - in Form einer Sekundäranalyse vorhandener demoskopischer Erhebungen wie auch qualitativer Studien beschrieben. Anschließend werden Fragen der Effektivität unterschiedlicher Instrumente der Verkehrssicherheitspolitik abgewogen.

Vor dieser Folie wird die politische Bearbeitung von Themen der Straßenverkehrssicherheit untersucht. Dabei werden einerseits wichtige Akteure dieses Politikfeldes (v.a. staatliche Institutionen, Autofahrerklubs, Kuratorium für Verkehrssicherheit, Parlamentsklubs bzw. Bereichssprecher und Ausschußfraktionen der Parteien im Verkehrsausschuß des Nationalrats, sowie wirtschaftliche Interessenten bzw. Interessenverbände) genauer analysiert. Die (themenrelevanten) innerparlamentarischen Strukturen und Stadien von Gesetzgebungsverfahren werden in einem eigenen Kapitel behandelt. Anschließend werden konkrete politische Entscheidungsabläufe in Fallstudienform analysiert, die vor allem aktuelle und kurz zurückliegende Maßnahmen bzw. legislative Versuche der Durchsetzung (aktuell v.a. 0,5‰, Licht am Tag, Punkteführerschein), im Einzelfall auch ältere Fallstudien (v.a. Gurtenpflicht) erfassen. Aufgrund eines nahezu vollständigen Mangels politikwissenschaftlicher Literatur zu diesem Politikfeld wird dabei vor allem auf eine Kombination von Medienanalyse und Interviews mit Akteuren dieses Politikfeldes sowie mit ExpertInnen zurückgegriffen.

 

1994: Aktuelle Probleme der österreichischen Straßenverkehrspolitik unter besonderer Berücksichtigung des grenzüberschreitenden Güterverkehrs

Auftraggeber: Bundesministerium für Öffentliche Wirtschaft und Verkehr

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka/DDr. Hubert Sickinger

1993: Verkehrspolitik in Österreich am Beispiel des Transitverkehrs unter besonderer Berück­sichtigung des Ost-West-Transitverkehrs

Auftraggeber: Bundesministerium für Öffentliche Wirtschaft und Verkehr

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka/DDr. Hubert Sickinger

> Andere
2004: Mitgliederbefragung der ÖVS

Projektleitung: Mag.a Brigitte Halbmayr
Durchführung: Mag.a Barbara Liegl
Dr. Wolfgang Knopf
Finanzierung:    Österreichische Vereinigung für Supervision (ÖVS)
Fertigstellung:    Mai 2004

Im Auftrag der ÖVS wurde eine Vollerhebung unter den österreichischen SupervisorInnen zu Fragen der Ausbildung, der Tätigkeitsfelder, der Einschätzung des zukünftigen Berufsbildes sowie zu den Aktivitäten und Aufgaben der österreichischen Vereinigung für Supervision durchgeführt.

2002: Öffentlichkeitsarbeit in Krisensituationen

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Mag. Katrin Auer
Finanzierung:    Bundeskanzleramt, Gruppe I/A
Fertigstellung:    Dezember 2002

Im Dezember 2002 wurde - wie schon im Vorjahr - ein Seminar über "Öffentlichkeitsarbeit in Krisensituationen" geplant, organisiert und durchgeführt. Veranstalter waren das BKA gemeinsam mit dem Amt der Burgenländischen Landesregierung, das Angebot richtete sich daher insbesondere an VertreterInnen der burgenländischen Bezirkshauptmannschaften und von burgenländischen Einsatzkräften sowie zivilen Institutionen. Das Seminarprogramm umfasste die Rolle der Medien bzw. journalistische Anforderungen an Behörden im Krisenfall, eine Darstellung des "Wiener Konzepts für Medienarbeit im Katastrophenfall" sowie Rechtsprobleme der amtlichen Öffentlichkeitsarbeit. Außerdem wurde ein Tagungsband, in dem die einzelnen Referate festgehalten sind, erstellt.

 

2001: Öffentlichkeitsarbeit in Krisensituationen

Projektleitung:    Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Dr. Birgitt Haller
Mag. Katrin Auer
Finanzierung:    Bundeskanzleramt, Gruppe I/A
Fertigstellung:    Dezember 2001

Unter diesem Titel wurde im Dezember 2001 ein eintägiges Seminar für das "Staatliche Krisenmanagement" im Bundeskanzleramt durchgeführt. Zielgruppe der Veranstaltung waren in erster Linie MitarbeiterInnen der Ämter der Landesregierungen und von Bezirkshauptmannschaften, die im Bereich Katastrophenschutz tätig sind, aber auch VertreterInnen von Einsätzkräften und zivilen Katastropheneinrichtungen. Das Seminarprogramm umfasste Referate von Journalisten zur Frage, welche Anforderungen Medien im Katastrophenfall an eine "kompetente Behörde" richten, ebenso wie Vorträge, die sich mit Prinzipien der Öffentlichkeitsarbeit und mit "Krisenjournalismus" befassten. Abgerundet wurde das Programm durch einen Experten des Verfassungs- und Verwaltungsrechts, der in seinem Referat Rechtsprobleme der amtlichen Öffentlichkeitsarbeit erörterte.

 

2000: Solidarität als Problem ästhetischer Vermittlung - Zum Versuch, durch Social Marketing Maßnahmen auf die Solidarbereitschaft von Teilöffentlichkeiten zu wirken. Das Beispiel UNHCR Öffentlichkeitsarbeit

Auftraggeber: Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka/Claudia Maria Wolf

1994: Bürgerbeteiligung 90 - Neue Planungskultur in Wien

Auftraggeber: Magistrat der Stadt Wien MA 18

Dr. Ilse König, Dr. Eugen Antalovsky

1996: Organisation der Auslandsösterreicher und Auslandsösterreicherinnen

Projektleitung:    Dr. Ilse König
Durchführung:    Mag. Regina Haberfellner
Finanzierung:    Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Projekt Nr. 5420
Fertigstellung:    Dezember 1996

Gegenstand dieser Studie waren die Funktion und Struktur von Vereinen der im Ausland lebenden ÖsterreicherInnen. An insgesamt 180 Vereine in jenen acht Aufnahmeländern mit dem größten Bestand an AuslandsösterreicherInnen wurde ein Fragenbogen versandt: Deutschland, Schweiz, Kanada, USA, Argentinien, Brasilien, Südafrika und Australien. Für jedes dieser Länder wurde die Entwicklung des österreichischen Vereinslebens eingebunden in die Entwicklung der jeweiligen Einwanderungspolitik und der Auswandererungsgeschichte der ÖsterreicherInnen in dieses Land dargestellt. Die Länderberichte bauen im wesentlichen auf Sekundärliteratur und den 44 zurückgesandten Fragebögen auf.

Weiters wurden die Dachorganisationen bzw. Verbindungsorganisationen zu Österreich in der Zwischenkriegszeit (Wanderungsamt, Österreichischer Auslandsbund) und in der Gegenwart (Weltbund der Österreicher im Ausland, Auslandsösterreicherwerk und Burgenländische Gemeinschaft) sowie ihre Presseorgane ("Österreich", "Rot-Weiß-Rot" und "Burgenländische Gemeinschaft") in die Studie miteinbezogen. Mittels ExpertInneninterviews, Sekundärliteratur, Sichtung der Mitteilungsblätter sowie Recherchen im Österreichischen Staatsarchiv ermöglichen nicht nur die Darstellung des aktuellen Standes bzgl. Struktur und Funktion der Vereine und ihrer Dachorganisationen, sondern auch die Berücksichtigung ihrer historischen Entwicklung.

Trotz einer zahlenmäßig unbedeutenden Auswanderung aus Österreich in den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Vereine keineswegs rückläufig. Es kommt zwar zu Vereinsauflösungen, daneben entstehen jedoch neue Organisationen, die nicht nur PaßösterreicherInnen einen Treffpunkt bieten, sondern auch ehemalige ÖsterreicherInnen, die nachfolgenden Generationen sowie FreundInnen Österreichs nützen das vielfältige Freizeit- und Kulturangebot. Die bis in die 50er Jahre bedeutenden Hilfsvereine wurden in den letzten Jahrzehnten zunehmend von gesellschaftlich und kulturell ausgerichteten Vereinen abgelöst. Politisch oder religiös orientierte Vereine spielten in der ÖsterreicherInnengemeinde im Ausland nie eine bedeutende Rolle.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß die Vereine in den letzten Jahrzehnten einen Funktionswandel zu bewältigen hatten. Die Unterstützung von Neuzuwandernden oder sozial bedürftigen ÖsterreicherInnen im Ausland ist nur mehr von untergeordneter Bedeutung, als gesellschaftlicher und kultureller Treffpunkt konnten sich viele Vereine jedoch behaupten. Besonders über die Präsentation Österreichs als Kulturnation wird versucht, im Aufnahmeland Sympathien für die Heimat zu werben.

 

1995: Die gesellschaftspolitische Situation der österreichischen Versicherungswirtschaft

Projektleitung:    Univ.-Prof. Dr. Anton Pelinka
Durchführung:    Mag. Helga Amesberger
Mag. Brigitte Halbmayr
Dr. Birgitt Haller
Finanzierung:    Verband der Versicherungsunternehmen Österrreichs
Fertigstellung:    August 1995

Ziel dieser Arbeit war es herauszuarbeiten, wie erfolgreich oder wenig erfolgreich die Versicherungswirtschaft in ihrer Selbstdarstellung bzw. in der von Inhalten, die ihr wichtig sind, agiert. Dabei wurden drei Aspekte untersucht, für die diese Fragestellung von Relevanz ist: die Performanz der Versicherungen auf der politischen Ebene, ihre Wahrnehmung durch die öffentliche Meinung und ihre Präsentation in den Medien.

Grundlage für die im Rahmen des Projektes getroffenen Feststellungen und Empfehlungen sind einerseits Befunde der für das Thema relevanten wissenschaftlichen Literatur, andererseits im Rahmen der Untersuchung durchgeführte Interviews. Insgesamt wurden im Laufe des ersten Halbjahres 1995 zwanzig Gespräche mit ExpertInnen aus folgenden Bereichen geführt:

  • Versicherungswirtschaft (VertreterInnen einzelner Unternehmen bzw. des Versicherungsverbandes - 9 Interviews)

  • Medien (JournalistInnen aus Wirtschafts- und Chronikredaktionen - 7 Interviews)

  • Bundesministerium für Justiz (Zivillegislative - 1 Interview)

  • Bundesministerium für Finanzen (Versicherungsaufsicht - 1 Interview)

  • Konsumentenschutzeinrichtungen (BAK und VKI - 2 Interviews). geführt:

Die Untersuchung bringt zutage, daß es um die gesellschaftliche Akzeptanz der Versicherungen und die Durchsetzungsfähigkeit ihrer Interessen nicht so schlecht steht, wie - auch von ihnen selbst - manchmal angenommen wird. Die beste Performanz zeigen die Versicherungen im Bereich der Politik, was am Beispiel der Genese des Versicherungsvertragsgesetzes 1994 nachgezeichnet wird. Auch in den Medien bzw. unter den JournalistInnen genießt die Branche relativ hohes Ansehen, wenn hier auch zwischen den Wirtschaftsberichten und den Chronikmeldungen deutliche Unterschiede bestehen. Von den drei untersuchten Bereichen ist es um das Image der Versicherungen am schlechtesten in dem der öffentlichen Meinung bestellt.

Um nicht nur "nackte" Ergebnisse aufzuzeigen, sondern auch Handlungsanleitungen für eine Verbesserung der Situation der Versicherungswirtschaft zu bieten, wurde an jedes Kapitel ein Empfehlungskatalog angeschlossen.

 

1993: Kommunikation und Konflikte bei Städtischen Planungen

Auftraggeber: Stadt Wien

Dr. Ilse König, Dr. Eugen Antalovsky/Mag. Ernst Knoth, Dr. Thomas Weninger

1993: Zum Stellenwert der Auftragsforschung im Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Auftraggeber: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Univ.Prof. Dr. Anton Pelinka / Dr. Monika Pelz, Mag. Marcus-Constantin Beiwl, Dr. Birgitt Haller, Dr. Franz Ofner, Mag. Margit Pohl